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Full text of "Charles Darwin und sein Verhältnis zu Deutschland"

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-^^ Darwimstisclie Schriften. 

Nr. 16. 



Charles Darwin 



und 



sein Verhältnis zu Deutschland 



von 



Dr. Ernst Krause. 



Mit zahlreichen, t)i8her ungedruckten Briefen Darwins, 
zwei Porträts, Handschriftprobe u. s. w. in Lichtdruck. 



V 




LEIPZIG. 

vl^ÜNTHERS VERLA«. 



^"■■.. 1885. 



V- —^ 

Schriften Ch. Darwins, ein Supplement 
Wenden Bande auf dem Fusse folgen 



In gleichem Verlage erschien: 



Erasmus Darwin 

und seine Stellung 

in der Geschichte der Descendenz-Theorie 

▼on 

Ernst Krause. 
Mit seinem Lebens- und Charakterbilde 



Charles Darwin. 

Nebst Lichtdruck-Porträt und Holzschnitten 
(„Darwinistische Schriften" VI. 1880.) 

Preis 3 Mark. 



I 



V- 



D 



arwin, Ch., Porträt [ in Visite M L— 

(letzte Aufnahme) <J in Cabinet M 2.— 

Vorzügliche Photographie \ in gr. Folio M 6.— 



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Darwin im mittleren Lebensalter. 



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Darwins letztes Bild. 



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Gesammelte kleinere Schriften 



von 



Charles Darwin. 

Ein Sapplement zu seinen grösseren Werken. 

HersTu^geben 
und mit einer biographischea Einleitang Tersehen 



Dr. Ernst Krause. 



Band I. 

(Biographischer Teil) 




LEIPZIG. 

ERNST GÜNTHERS VERLAG. 
1886. 



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Charles Darwin 



und 



sein Verhältnis zu Deutschland 



von 



Dr. Ernst Krause. 



Mit zahlreichen, bisher ungedmckten Briefen Darwins, 
zwei Porträts, Handschriftprobe n. s. w. in Lichtdruck. 




LEIPZIG. 

ERNST GÜNTHERS VERLAG. 
1886. 



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Alle Bechte vorbehalten. 



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Vorwort. 



Wenn das vorliegende Buch irgend ein Verdienst in sich 
schliessen sollte, so muss dasselbe seinem Herrn Verleger zuge- 
schrieben werden, ohne dessen immer erneute Anspomungen es 
nicht geschrieben worden wäre. Es hätte ziemlich in der näm- 
lichen Gestalt bald nach Darwins Tode geschrieben werden können, 
denn schon damals waren fast sämtliche dazu benützten Ma- 
terialien in meinen Händen, aber da mir Herr Francis Darwin 
mitgeteilt hatte, dass er selbst eine Biographie seines Vaters zu 
veröffentlichen gedächte, so legte ich das gesammelte Material 
wieder bei Seite. 

Inzwischen fasste der Herr Verleger den Plan, eine Sammlung 
der in den Schriften gelehrter Gesellschaften, in Zeitschriften und 
an andern Orten zerstreuten kleineren Aufsätze und Abhandlungen 
Darwins herauszugeben und ersuchte mich, sowohl die Redaktion 
dieser Sammlung zu übernehmen, als dazu eine biographische Ein- 
leitung zu schreiben. Ich ging darauf um so bereitwilliger ein, als 
die Biographie des Sohnes seit drei Jahren nicht erschienen und, 
wie es scheint, noch länger auf sich warten lassen wird. Im Ver- 
folg der Arbeit ist aber die „biographische Einleitung" ein wenig 
über das anfangs beabsichtigte Mass hinausgewachsen, und es er- 
schien deshalb zweckmässig, sie auch als besondern Band für sich 
herauszugeben, dem die Sammlung der „kleineren Schriften" un- 
mittelbar folgen wird. 

In der Darstellung wurde das Hauptgewicht auf den Zusammen- 
hang der Werke Darwins mit seinen äusseren Erlebnissen, auf die 
Au&ahme seiner Werke in England und Deutschland und namentlich 



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^ VI — 

auf die Fortbildung seiner Ideen durch deutsche Naturforscher ge- 
legt. Für die Schilderung des Einflusses von Lyell und Wallace 
auf die Ausgestaltung seiner Arbeiten habe ich neben den ein- 
schlägigen Werken derselben besonders die vor vier Jahren von 
Lyells Schwägerin veröffentlichte Lebensbeschreibung desselben, die 
ihrem hauptsächlichen Inhalte nach aus den von Lyell geschriebe- 
nen Briefen besteht, reichlich benutzt. Es erschien dies um so 
mehr angezeigt, weil jenes Werk seines ansehnlichen IJmfangs 
wegen wohl kaum Aussicht hat, ins Deutsche übersetzt zu werden, 
und doch Lyells Briefe an Hooker und Darwin den besten Auf- 
schluss über manche Eigentümlichkeiten des Inhalts und der Er- 
scheinungsweise der Darwinschen Werke geben. 

Eine besondere Förderung fand das unternehmen durch die 
Herren Professoren Ernst Haeckel und William Frey er in Jena, 
welche nicht nur die Güte hatten, mir die an sie gerichteten Briefe 
Darwins im Original zn übersenden, sondern mich auch ausserdem 
durch Mitteilung wichtiger Schriftstücke unterstützten. Ebenso hatte 
mir mein verstorbener Freund, Prof. Hermann Müller von Lippstadt, 
seinen gesamten Briefwechsel zur Durchsicht und etwaiger Ver- 
wendung übergeben — wovon ich schon in der 1884 veröffent- 
lichten kleinen Lebensschilderung desselben Gebrauch gemacht habe, 
— und Dr. Fritz Müller in Itajahy (Brasilien) hatte die Güte, 
mir Abschriften einer grossen Anzahl an ihn gerichteter Briefe 
Darwins, die er zu einer Veröffentlichung geeignet hielt, zu über- 
senden. Allen Genannten statte ich hiermit meinen herzlichsten 
Dank für die freundliche Gewährung meiner diesbezüglichen Bitte ab. 

Von den bisher erschienenen kleineren Schriften über Dar wiji 
habe ich nur deijenigen von A. de Candolle einige kleine Notizen 
entnehmen können, die andern, welche mii zu Gesicht gekommen 
sind, enthalten nur das allgemein Bekannte. 

Berlin, den 28. März 1885. 

Der Verfasser. 



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Inhalts -Verzeichnis. 



Seite 

I. Herkunft 1 

II. Studienjahre 12 

IIL Die Eeise um die Welt 18 

IV. Die Bearbeitung der Reise-Ergebnisse 37 

V. Die Entdeckung der Zuchtwahl-Theorie 51 

VI. Die erste Aufiiahme des Werkes 86 

VII. Darwins ältere botanische Schriften 101 

VIII. Die Abrundung und Ergänzung der Zuchtwahl-Theorie . . . 117 

IX. Darwins Beziehungen zu Deutschland 147 

X. Darwins letzte Lebensjahre und Arbeiten 174 

XI. Persönliches 202 

XII. Ämter, Würden und Ehrenbezeugungen 224 



Druckfehler. 

Seite 74 Zeile 4 lies überzeugt 
n „ „ iS „ beibringen, hinsiohtlioh mancher Arten, welche Ton Unwissenden 
tt 75 „ 30 „ ein Vermögen der Individuen. 



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I. Herkunft 

Bei hervorragenden Menschen drängt sich unwillkürlich die 
Frage nach der Abstammung in den Vordergrund, weil man noch 
über die Jugend derselben zurückverfolgen möchte, wie sich so 
bedeutende Gaben vorbereitet oder im voraus angekündigt haben. 
Bei Ch. Darwin ist diese Frage um so mehr berechtigt, als er selbst 
von der Thatsache der Erblichkeit körperlicher und geistiger Eigen- 
schaften fest überzeugt war, dieselbe durch unzählige Beispiele 
zu stützen suchte, und sich selbst als Beleg heranzuziehen (in 
mir vorliegenden Zeilen von seiner Hand) geneigt erschien. Es 
hat dem Schreiber dieser Zeilen zur besonderen Genugthuung ge- 
reicht, dass er den grossen Forscher durch einen Essay über die 
naturphilosophischen Ansichten seines Grossvaters Erasmus Dar- 
win veranlasst hat, noch in seinen letzten Lebensjahren ein- 
gehende [Nachforschungen über seine Familie anzustellen und 
manches niederzuschreiben, was, aus seiner eigenen Erinnerung 
stammend, sonst wahrscheinlich in Vergessenheit geraten sein 
würde. Wir werden in dem vorliegenden Kapitel diesen Aufzeich- 
njingen Darwins teilweise wörtlich folgen und soweit wir dies 
thun, seine Worte durch Anführungszeichen hervorheben. Diejenigen 
Leser, welche die Aufzeichnungen Darwins über seinen Grossvater 
und seine Familie in ihrem ganzen Umfange kennen zu lernen 
wünschen, müssen wir jedoch auf das Original*) verweisen, welches 
seines bedeutenden Umfanges wegen nur zum kleinsten Teile in 
dieser Darstellung berücksichtigt werden konnte. 



*)E. Krause, Erasmus Darwin und seine Stellung in der Geschichte 
<ler Descencienz-Tbeoiie. Mit einem Lebens- und Charakterbilde von Charles 
Darwin. Mit Lichtdruck- Portrait und Holzschnitten. 1880. Leipzig, Ernst 
Günthers Verlag. 

Krause, Ch. Darwin. 1 



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— 2 — 

Die Vorfahren Darwins lebten in Lincolnshire, und der älteste^ 
Yon welchem er eine Nachricht finden konnte, hiess William 
Darwin und besass eine kleine Besitzung in Cleatham, die erst 
im Jahre 1760 von seinen Nachkommen verkauft wurde. Ein dar 
selbst befindliches Feldstück heisst noch jetzt die Darwin-Stiftun§^ 
{Darwin- Charity), weil darauf, nach der Bestimmung einer 
Schwiegertochter jenes Ahnen, eine Verpflichtung zur jährlichen 
Anschaffung von Kleidern für vier alte verwitwete Frauen ruht. 
Der genannte William „war auch Yeoman des Zeughauses in Green* 
wich unter Jakob I. und Karl I.; dieses Amt scheint fast eme 
Sinecure und jedenfalls mit nur geringem Einkommen verbunden 
gewesen zu sein. Er starb im Jahre 1644 und zwar, wie wir 
Grund haben zu glauben, an der Gicht, so dass es wahrscheinlich 
ist, dass sowohl Dr. Erasmus Darwin, wie auch viele andere 
Famüienglieder von diesem William oder einem seiner Vorfahren 
ihre starke Anlage zur Gicht geerbt haben; ein sehr früher Gicht- 
anfall machte auch Erasmus sein ganzes Leben hindurch zu einem 
eifrigen Apostel der Massigkeit." 

„Der zweite William Darwin (geb. 1620) diente als Stabs- 
kapitän in Sir W. Pelhams Reitertruppe und kämpfte für den König. 
Seine Besitzung wurde von dem Parlamente mit Beschlag belegt^ 
doch erlangte er später gegen Erlegung einer schweren Geldbusse 
seine Begnadigung. In einer an Karl U. gerichteten Bittschrift 
spricht er von seiner fast vollständigen Verarmung infolge seiner 
Anhänglichkeit an die Sache des Königs, und es scheint, dass er 
Advokat geworden war. Wahrscheinlich führte dieser Umstand zu 
seiner Verheiratung mit der Tochter des Sachwalters Erasmus 
Earle, und daher rührte der Taufname Erasmus", der seitdem 
immer in der Familie weiter gegeben worden ist, und den auch 
der Grossvater, sowie ein Oheim und Bruder Darwins führten. 

„Der älteste Sohn aus dieser Ehe, William (geb. 1655) heiratete 
die Erbin Robert Warings von Wilsford in der Grafschaft 
Nottingham. Diese Dame erbte unter anderm den Stammsitz 
Eiston, der seitdem immer in der Familie geblieben ist." Ihr 
Gatte, der dritte William Darwin, hatte zwei Söhne, William 
und Robert, welcher letztere Rechtsanwalt geworden und der Ur- 
grossvater Darwins war. Wir erfahren nun, dass sich ebenso wie 
der gleichfalls von mütterlicher Seite in die Familie gelangte Nam» 



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- 3 — 

Erasmus, auch derjenige Robert Warings in der Familie vei^ 
erbte, denn er wurde auch dem Vater und einem Orossoheim Dar- 
wins beigelegt. „Ich vermute** (fährt Darwin fort) „dass auch 
die Cleathamer und die Waringschen Besitzungen auf William, 
der keinen besondern Lebensberuf verfolgt zu haben scheint, das 
Gut Eiston dagegen auf Robert vererbten; denn als der letztere 
sich verheiratete, gab er seine Stellung auf und lebte von da ab 
nur in Eiston. In Elston-Hall befindet sich ein Bildnis von ihm, 
auf welchem er mit seiner grossen Perrücke und seinen Bäffchen 
wie ein würdevoller Doktor der Gottesgelahrtheit aussieht.** 

Dieser XJrgrossvater Darwins scheint bereits eine entschiedene 
Neigung zu wissenschaftlichen Untersuchungen entwickelt zu haben, 
denn er wurde früh Mitglied des bekannten Spalding-Klubs, einer 
der älteren gelehrten Gesellschaften Englands, die viele Bände 
naturwissenschaftlicher und antiquarischer Memoiren herausgegeben 
hat In den „Philosophical Transactions^^ von 1719 findet sich 
auch ein Bericht des berühmten Altertumsforschers Dr. William 
Stukeley, in welchem derselbe sagt, dass er durch seinen Freund 
Robert Darwin auf den Abdruck eines zu Eiston gefundenen 
Gerippes aufinerksam gemacht worden sei, welches man für das- 
jenige eines vorsündflutlichen Menschen hielt und dessen Gleichen 
man bis dabin in England noch nie gefunden. Auch seine Gattin, 
die Urgro8«mutter Darwins, scheint eine sehr gelehrte Dame ge- 
wesen zu sein, worauf, wie letzterer launig sagt, eine Art Litanei 
hindeutet, die von ihrem Manne verfasst, seitdem in der Familie 
überliefert worden ist. Sie lautet: 

From a morning that doth ahine 
From a hoy that drinketh wine, 
From a «n/c that talketh Latine^ 
Good Lord deiiver me. 

Man kann daraus femer schliessen, dass schon der TJrgross- 

rater Darwins den Mässigkeitsbestrebungen hold war, die sein 

[iüngster Sohn Erasmus mit aller Kraft seiner ärztlichen Autorität 

unterstützt hat. „Roberts ältester Sohn, Robert Waring ge- 

pauft, erbte die Besitzung Eiston und starb daselbst unverheiratet 

n einem Alter von 92 Jahren.** Derselbe hatte einerseits, ganz 

irie sein jüngster Bruder Erasmus, eine starke Neigung zur Poesie, 

ind ausserdem iur Botanik. Noch als ziemlich bejahrter Mann 

1* 



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_ 4 — 

▼eröffentlichte er seine ^fPrincipia ßotanica'% welche drei Anflagea 
erlebten und „viele merkwürdige Notizen über Biologie, einen im 
vorigen Jahrhundert in England gänzlich vemaGhlässigten Gegen^ 
stand*' enthielten. Ein dritter Sohn, John, wurde Pfarrer in Elst(«; 
da die Familie die Pfarre zu vergeben hatte. Mit dem vierten 
Sohne, Erasmus, dem Grossvater Darwins, welcher der Familie 
zuerst in weitem Kreisen Ruhm verschaffte, müssen wir uns hier 
etwas ausführlicher beschäftigen, weil von seiner Eigenart, die Natoi 
zu betrachten, offenbar vieles auf seinen Enkel übergegangen ist. 

Erasmus Darwin, welcher am 12. Dezember 1731 in Eiston 
Hall geboren wurde, entwickelte schon in früher Jugend Neigung 
zur Poesie und zu allerlei mechanischen und physikalischen Künsten. 
Zehn Jahre alt wurde er nach Chesterfield auf die Schule geschickt, 
woselbst er neun Jahre blieb und dann 1750 das St. Johns College 
in Cambridge bezog, um Medizin zu studieren. Er zeichnete sich 
als Student in der Mathematik aus, vernachlässigte aber über 
seinen Fachstudien weder die Poesie, noch die Klassiker, und zeigte 
in einigen von seinem Enkel an der oben erwähnten Stelle mit- 
geteilten Briefen aus jener Zeit eine heitere Gemütsverfassung, 
verbunden mit einer ernsten philosophischen Lebensanschauong. 
Nachdem er ein Semester lang nach Edinburg gegangen war, tun 
den berühmten Hunter zu hören, kehrte er 1755 nach Cambridge 
zurück und erwarb den Grad eines Bacralaureus der Medizin, 
worauf er sich nach einem erneuerten Aufenthalt in Edinburg 
1756 als Arzt in Lichfield niederliess, nachdem er einen kurzen 
und vergeblichen Versuch, in Nottingham Praxis zu erlangen, ge- 
macht hatte. In Lichfield, einem geistig sehr regen Orte, gelang 
es ihm damit desto schneller, und er wurde bald ein berühmter 
Arzt, dessen Rat einzuholen man aus weiter Ferne herbeikam, der 
aber den Versuchen, ihn nach London zu ziehen, widerstand, ob- 
wohl ihm der König sagen liess, dass er ihn zu seinem Leibarzt 
ernennen wolle. 

tTber seine Leistungen und Verdienste auf medizinischem Ge- 
biete hat vor nicht langer Zeit ein englischer Arzt Dr. Dowsoa 
ein sehr günstiges Urteil gefällt.*) Er legte seine Ansichten 



f) Do WS OD, J., Erasmus Darwin, Philosnpher, Poet and , Physician. Lern- 
Aon 1861. -^Ygl, auch das eingangs erwähnte Werk über E. Darwin S.199. 



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— 5 — 

Aber den tierischen iund menschlichen Körper nnd seine Behand- 
Ijmg in krankhaften Zaständen in einem grösseren Werke dar, an 
welchem er seit 1771 arbeitete, und welches 1794^96 erschien'*'); 
wir können daraus ersehen, dass er in mehr als einer Beziehung 
den Ärzten seiner Zeit Toraus war und die Ansichten neuerer Ärzte 
Aber verschiedene Krankheiten yorausgenommen hat. Namentlich 
legte er einen grossen Wert auf die psychologische Behandlung der 
Kranken, und seine Darlegungen über die Behandlung von Geistes* 
krankheiten sind erst in neuerer Zeit zur vollkommnen Anerken- 
naBg gelangt. Man sagte ihm nach, dass er mit seinen Kranken 
Experimente anstelle, um seine Spekulationen über die Natur der 
Krankheit zu erhärten; aber obwohl er in Wahrheit ein spekula- 
tiver Arzt war und die Bedeutung des Experimentes voll er- 
kannte, schätzte er den Wert des Menschenlebens viel zu hoch, um 
es 617. einer Theorie zu opfern. In der That wird er von andern 
Seiten als höchst vorsichtig und fast zaghaft am Krankenbette ge- 
schildert, sobald es galt, die bisherige Behandlungsweise durch eine 
neue zu ersetzen. „Es mag Erstaunen erregen," sagt Dr. Dowson, 
„dass ein so kühner Theoretiker so misstrauisch gegen Neuerungen 
m der Praxis sein konnte. Wir dürfen annehmen, dass er das 
menschliche Leben für ein zu heiliges Ding hielt, um der Behand- 
lang unterworfen zu werden, die seine eigenen Hypothesen forder- 
ten; wenn dies der Grund war, so macht ihm seine Zurück- 
haltung Ehre, aber vielleicht trieb er seine Vorsicht zu weit, denn 
ohne Neuerung kann es keine Verbesserung geben, und ebenso 
ernsthafte Irrtümer, wie aus Hypothesen, sind in der medizinischen 
Praxis aus falsch verstandenen Erfahrungen hervorgegangen. Dies 
mag sich nun verl: alten wie es will, jedenfalls hatte er grosse 
Verdienste als Praktiker." 

Soviel wir aus seinen Schriften selbst ersehen können, war er 
vor allem ein Vorkämpfer jener modernen Schule, welche die 
Verhütung von Krankheiten für ebenso wichtig hält, als 
deren Heilung, wenn sie ausgebrochen sind. Unausgesetzt predigte 
«r eine naturgemässe Lebensweise, indem er gesunde Er- 
nährung, Versorgung der Orte mit reinem Trinkwasser, geeig- 
nete Kleidung, fortwährende Lufterneuerung in den Wohnungen 



Zoonomia or the Law8 of Organie Life. London 1794'^ 96. 



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und Entfernung der Friedhöfe von denselben, Leibesübungen, Ab- 
härtung und Reinhalten der Haut durch Baden und Schwimmen, 
sowie möglichste Enthaltung vom Genüsse geistiger Getränke zum 
Mittelpunkt seiner hygienischen Yorschriflen machte. In letzterer 
Beziehung hat er einen bedeutenden Einfluss auf seine Landsleute 
und Zeitgenossen geübt, was damals in England nicht weniger 
wertvoll war, als es die gleichen Bestrebungen noch heute für alle 
Tölker germanischer Abstammung sind. Ebenso gehörte sein Herz 
allen Versuchen, das Loos der armen und leidenden Menschheit 
zu verbessern. Er kämpfte nicht nur für die Errichtung öflfent- 
licher Krankenhäuser, sondern schleuderte auch wuchtige Er- 
mahnungen gegen das Parlament, welches die Sklaverei in den 
englischen Kolonieen weiter duldete; in begeisterten Versen pries 
er John Howard, der seine Lebensaufgabe darin gefanden, das 
ehemals schreckliche Loos der armen Gefangenen zu mildem, und 
jauchzte selbst — was ihm von seinen Landsleuten sehr übel ver- 
merkt wurde, — den ersten Anfangen der französischen Revolution 
entgegen,^ von der er mit Sicherheit eine Verbesserung des Looses 
der Menschheit erwartete. 

Obwohl Erasmus Darwin zu den berühmtesten Ärzten seiner 
Zeit gezählt wurde, erwarb er sich bei seinen Zeitgenossen fast noch 
einen grösseren Ruf als Dichter. Ein kleiner botanischer Garten, 
den er sich in der Nähe von Lichfield angelegt hatte, gab ihm 
Veranlassung, seine aus früher Jugend stammenden poetischen 
Neigungen einer höhern Aufgabe zuzulenken, indem er in einem 
grösseren Lehrgedichte zuerst das Pflanzenleben*) und dann 
in einem zweiten, erst nach seinem Tode im Drucke erschienenen 
Werke**), das gesamte Naturleben besang. Diese Lehrgedichte, 
denen sich in der gesamten poetischen Literatur aller Zeiten fast 
nur das Lehrgedicht des Lucrez „von der Natur der Dinge** an 
die Seite stellen lässt, fanden zuerst einen ausserordentlichen Bei- 
fall, so dass von dem „botanischen Garten" schnell mehrere Auf- 
lagen nötig wurden, begegneten jedoch bald darauf einer ebenso 
übertriebenen Geringschätzung, infolge welcher der Dichterruhm 



*) The Botanic Garden. Der zweite Teil, unter dem Titel The Loves of 
the Planta, erschien zuerst, im Jahre 1788, dann, zugleich mit einer neuen 
Auflage desselben, der erste Teil: The Economy of Vegetation (London 1790,] 

**) The Temple of Naiure or the Origin of Society. London 1803. 



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Darwins ebenso schnell erblich, als er emporgefiammt war. Von 
«iner satirischen Parodie anf sein Erstlingswerk „The loves of the 
Triangels^^, welche Canning, der Herausgeber des „Antijakobiner** 
gegen Darwin, wegen seiner Parteinahme für die französische Re- 
Tolntion, richtete, beginnt die Abnahme seines Dichterrahmes. 

Mag man es nun auch für verfehlt erachten, ins einzelne 
gehende wissenschaftliche Schilderungen und sogar neue philoso- 
phische Ansichten in ein poetisches Oewand zu hüllen, so wird 
doch selbst heute niemand, der diese Gedichte liest, dem Dichter 
eioe kühne Phantasie, die sich in farbenprächtigen Bildern ergeht, 
und eine wunderbar anschauliche Darstellung absprechen können. 
Der Geschmack an dieser Mischung von Poesie und Wissenschaft; 
erlosch indessen um so schneller, als man wohl die formvollendete 
Sprache dieser Dichtungen, aber nicht die Tragweite der Ideen zu 
schätzen wusste, die in diesen Gedichten niedergelegt waren. Eng- 
lische Kritiker charakterisierten später in geringschätzigem Sinne 
die malende Poesie als „Darwinismus.** 

So geschah es, dass mit der poetischen Gattung auch der 
Inhalt und die übrigen Schriften Darwins in Misskredit und Ver- 
gessenheit gerieten, und bezeichnender Weise blieb es einem 
Ausländer, nämlich dem Schreiber dieser Zeilen, vorbehalten, zu 
zeigen, dass in diesen philosophischen Schriften poetischer und 
prosaischer Form doch ein bedeutender Gehalt verborgen ist, 
nämlich die erste, konsequent durchgeführte Darstellung der heute 
durch die Verdienste des Enkels zu so grossem Ansehen gelangten 
Descendenztheorie. Bekanntlich ging die allgemeine Ansicht 
^ahin, dass Jean Lamarck (1744—1829) in verschiedenen, erst 
i^ unserm Jahrhundert erschienenen Schriften, namentlich in 
seiner Philosophie zoologique (1809) die Descendenztheorie wissen- 
schaftlich begründet habe; aber ich glaube in meinem oben ange- 
fthrten Buche gezeigt zu haben, dass Erasmus Darwin schon 
zwanzig Jahre vorher das Problem in viel grösserer Allgemeinheit 
erfasst und nach viel mehr Seiten diskutiert hat, wenn er auch 
nicht die eindringenden zoologischen Kenntnisse Lamarcks besass. 

Man kann von Erasmus Darwin sagen, dass er die ver- 
schiedenen Disciplinen der Naturwissenschaften in ihrem damaligen 
Zustande voUkonunen beherrschte. Er war in der Chemie ebenso 
bewandert, wie in der Mechanik und Physik; die Astronomie und 



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— 8 — 

Geologie waren ihm Dicht weniger vertrant, als die Philosophie und 
Kenntnis des tierischen Organismus; seine Lieblingswissenschaft 
aber war die Botanik, und er stiftete in Lichfiold eine botanische 
Gesellschaft, die sich mit der Heransgabe einer neuen Ausgabe 
des launischen Fundamentalwerkes beschäftigte. So liess er auch 
seiner Zoonomia später eine Fhytologia*) folgen, in welcher er die 
Wissenschaft vom Feld- und Gartenbau auf physiologischen Grund- 
sätzen zu begründen suchte. Dieser Vielseitigkeit seiner Eennt-^ 
nisse entsprach ein anregender Verkehr mit einer grossen Anzahl 
Ton berühmten Gelehrten seiner Zeit. Zu seinem Freundeskreise 
gehörten Watt und Boulton, die Bezwinger der Dampfkraft,, 
welcher Darwin die grosse Rolle prophezeite, die sie erst viel 
später zu spielen begann; mit dem letztgenannten schloss er einst 
einen Eontrakt, in welchem er sich verpflichtete, eine Sprach- 
maschine zu bauen. Er korrespondierte mit Hutton, dem 
„Vater der Geologie", sowie mit Rousseau. Mit Edgeworth^ 
dem Schriftsteller und Vater der bekannten gleichnamigen Schrift- 
stellerin, schloss er eine Freundschaft fürs Leben, und diejenige 
mit Josiah Wedgewood, dem Erfinder des nach ihm benannten 
Steinzeugs, wurde später wiederholt durch Verschwägerung der 
beiderseitigen Familien erneuert. Alle diese Personen und zahl- 
reiche andere fühlten sich ebensowohl durch seine überall hervor- 
leuchtende Herzensgüte, wie durch sein Wissen und seine gesell- 
schaftlichen Talente angezogen. Obwohl er stotterte, wird be- 
hauptet, dass ihn nicht leicht jemand an ünterhaltungs- und Dar- 
stellungsgabe, sowie an Schlagfertigkeit des Witzes übertreten 
habe. 

An dieser Stelle interessiert uns natürlich am meisten die 
auffallende Übereinstimmung mit seinem Enkel, sowohl in der 
Vielseitigkeit der naturhistorischen Studien im allgemeinen, als 
auch hinsichtlich der besonderen Liebhabereien und der durch- 
dringenden Art, die Naturerscheinungen aufzufassen. Fast jedem 
einzelnen Werke des Enkels lässt sich wenigstens ein Kapitel in 
den Werken des Grossvaters gegenüberstellen; die Rätsel der 
Vererbung, der Anpassung, der Schutzfärbungen und -Zeichnungen 
bei Pflanzen und Tieren, der geschlechtlichen Zuchtwahl, der 



*) FkytQhgia or the Phiio9ophy of AgrieuUure ctnd Qardtning, London 1800. 



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— 9 — 

visektenfressenden Pflanzen, alles dies finden wir bereits in den 
Werken des Orossvaters diskutiert, nnd ebenso widmete er der 
Zergliederung der Gemütsbewegungen und geseUschaftlichen Triebe, 
sowie der geistigen Entwicklung bei Säuglingen seine Aufmerksam- 
keit. Wir behalten uns vor, in einem folgenden Kapitel dieses 
Buches seine Ansichten etwas ausführlicher darzulegen, und be- 
gnügen uns hier zu sagen, dass seine naturphilosophischen An- 
sichten bei seinen Zeitgenossen so wenig Beifall fanden, dass man 
sie für poetische Träume eines begabten Dichters und tüchtigen 
Arztes ansah. Es ist ihm in dieser Beziehung ganz ähnlich wie 
Göthe ergangen, in dessen naturwissenschaftlichen Seherblicken 
die fachgelehrten Zeitgenossen ebenfalls nichts als die traur 
Tigen Folgen des Dilettantismus erblicken wollten. Was Göthe 
anbetrifft, der seine Gedanken über die Veränderungen der Lebe- 
wesen nur aphoristisch äusserte, ist dies übrigens weniger zu ver- 
wundern, als hinsichtlich Erasmus Darwins, der thatsächlich das 
erste, konsequent durchdachte System der Descendenz-Theorie auf- 
gestellt hat, und man kann zur Erklärung nur sagen, dass die 
Zeit für eine solche rein philosophische Auifassung der lebenden 
Natur damals noch nicht gekommen war. So erscheiat uns Eras- 
mus Darwin unter den Naturforschern, wie der Moses, der das 
Jjand seiner Sehnsucht von ferne sah, ohne es betreten zu können» 
wie ein Prophet, der den wahren Zusammenhang ahnte, ohne ihn 
doch klar begründen zu können. Nachdem er wegen seiner für 
die Zeitgenossen extravaganten Ideen von ihnen und späteren Kri- 
tikern so manchen unverdienten Spott erduldet hat, können wir 
die verschiedenen Irrtümer, die sich auch in seine Ideenwelt ein- 
schlichen, um so eher Mer auf sich beruhen lassen und es als 
eine gluckliche Fügung des Schicksals anerkennen, dass es einem 
seiner Enkel beschieden gewesen, sein geistiges Erbe anzutreten 
und die Naturforscher in das Land der Erkenntnis zu führen. 

Erasmus Darwin war zweimal vermählt. Schon im ersten 
Jahre nach seiner Niederlassung zu Lichfield führte er im Dezember 
1757 Mary Howard im Alter von 18—19 Jahren als Gattin 
heim. Sie wird uns als liebenswürdig und geistig bedeutend ge- 
schildert, starb aber nach dreizehnjähriger, höchst glücklicher Ehe 
im Jahre 1770. Von den Söhnen, die sie ihm geboren, musste 
Erasmus einige schon in ihrer frühen Jugend verlieren; den grössten 



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- 10 - 

Schmerz aber bereitete ihm der Tod seines ältesten Sohnes Charles, 
der als vielversprechender junger Arzt starb, nachdem erbereits 
Proben eines ungewöhnlichen Talents abgelegt und für eine ex- 
perimentelle Arbeit über Schleim und Eiter die goldne Medaille 
der Aesculapian Society erhalten hatte. Elf Jahre nach dem 
Tode seiner ersten Frau (1781) hatte sich E. Darwin mit der schö- 
nen Wittwe des Oberst Chandos Pole in Radburn-Hall vermählt 
und siedelte einige Jahre darauf nach Derby über, woselbst er auf 
seinem in der Nähe belegenen Landhause Breadsall Priorj am 
18. April 1802 starb. Da auch sein zweiter Sohn, Erasmus, 
welcher Rechtsanwalt geworden war, schon bei seinen Lebzeiten 
(1799) in einem Anfalle von Schwermut sein Leben geendet hatte, 
80 überlebte ihn von seinen Kindern erster Ehe nur der dritte 
Sohn Robert Warin g, der Vater von Charles Darwin, welcher 
sich ebenfalls dem ärztlichen Berufe gewidmet hatte. Während 
wir in Bezug auf die mancherlei Erlebnisse, Charakterzüge und 
Briefe, welche Charles Darwin über seinen Grossvater veröflFent- 
lichte, auf das am Eingange erwähnte Buch verweisen müssen, wollen 
wir dasjenige, was er über seinen Vater nutgeteilt hat, hier wört- 
lich wiedergeben: 

„Mein Vater (geb. 1766)", sagt er*), „erbte nicht die Anlage 
(des Grossvaters) für Poesie und mechanische Fertigkeiten, noch 
besass er, wie ich glaube, einen besonders wissenschaftlichen Sinn. 
Er veröflFentlichte im 76. Bande der Philosophical Transactions 
eine Schrift über Gesichtsspektren, die Wheatstone eine bemerkens- 
werte Arbeit für jene Zeit nennt; ich glaube aber, das er dabei in 
umfassendem Maasse die Beihülfe seines Vaters genoss.**) Er 
wurde 1788 zum Mitgliede der Royal Society erwählt Ich kann 
nicht sagen , warum mir meines Vaters Beanlagung nicht recht 
geeignet für die Beförderung der Wissenschaft erschien; denn er war 
sehr eingenommen für Theoretisieren und unbedingt der schärfste 
Beobachter, den ich jemals kennen gelernt habe. Seine Fähig- 
keiten in dieser Richtung wurden jedoch gänzlich von der medi- 
zinischen Praxis der Beobachtung menschlicher Charaktere in Be- 



•) A. a. 0. S. 48—60. 

**) Göthe hat auf diese Arbeit in seinen Werken (S. 404—406 dei 
89. Bandes der Ausgabe ▼on 1840) besonders hingewiesen. 



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— 11 -^ 

^hlag genommen. Er erkannte instinktiv Anlagen und Charakter 
^ines Menschen und erriet sogar die Gedanken derer, mit wel- 
<;hen er in Beziehung kam, oft mit einer erstaunlichen Schärfe. 

„Diese Geschicklichkeit erklärt zum Teil seinen grossen Erfolg 
als Arzt, denn sie erwarb ihm das Vertrauen seiner Patienten, und 
mein Vater pflegte zu sagen, dass die Kunst, Vertrauen zu erwecken, 
in erster Linie den öffentlichen Erfolg des Arztes sichere. 

„Erasmus brachte ihn nach Shrewsbury, noch ehe er 21 Jahre 
alt war, und überliess ihm 20 £ mit den Worten: ,La88 mich 
wissen, wenn du mehr brauchst, ich werde es dir schicken.' Sein 
Oheim, der Pfarrer von Eiston, sandte darauf ebenfalls 20 if, und 
dies war die einzige pekuniäre Aushülfe, die er jemals empfing. Ich 
habe sagen hören, dass ihm seine Praxis im ersten Jahre gestattete, 
zwei Pferde und einen Diener zu halten. Erasmus erzählte Herrn 
Edgeworth, dass sein Sohn Bobert nach sechsmonatlichem Auf- 
enthalt in Shrewsbury , bereits zwischen vierzig und fünfzig 
Patienten hatte.* Mit dem zweiten Jahre erhielt er eine ganz be- 
trächtliche und später eine sehr bedeutende Praxis. Sein Erfolg 
war um so merkwürdiger, als er eine Zeitlang seinen Beruf verab- 
scheute und erklärte, dass wenn er die sichere Aussicht hätte, 
100 £ auf einem andern Wege zu erwerben, er niemals als Arzt 
praktiziert hätte. 

„Er hatte ein aussergewöbnliches Gedächtnis für das Datum 
gewisser Ereignisse, so dass er den Tag der Geburt, der Verhei- 
ratung und des Todes der meisten Herren von Shropshire kannte. 
Anstatt dass diese Fähigkeit ihn jedoch erfreut hätte, bereitete sie 
ihm nur Verdruss, denn er sagte mir, dass sein Gedächtnis für 
Daten ihm stets alle sorgenvollen Vorfälle zurückrufe und so z. B. 
semen Schmerz um alte verstorbene Freunde stets wach erhalte. 
Er hatte einen lebhaften Geist und war ein grosser Redner. Von 
Natur war er sehr gefahlvoU, so dass alles, was ihn verdross oder 
schmerzte, ihm ausserordentlich nahe ging. Auch wurde er leicht 
aufgebracht. Eine seiner goldenen Regeln war die, niemals ein 
Freund irgend jemandes zu werden, den er nicht durchaus achten 
gelernt, und soviel ich weiss, hat er auch stets danach gehandelt. 
Von all seinen Charakterseiten war die hervorstechendste sein Mit- 
gefühl, und ich glaube, dass das es war, was ihn zuweilen gegen 
seinen Beruf einnahm, da dieser ihm fortwährend Leiden vor 



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— 12 — 

Aagen brachte. Sympathie für die Freude anderer ist weit seltener 
als die mit ihren Schmerzen, und es ist keine Übertreibung, wenn 
ich sage, dass andern Freude zu bereiten, die grösste Freude für 
meinen Vater war. Er starb am 13. November 1849. Ein kurzer 
Lebensabriss von ihm erschien in den Schriften der Royal Society.^ 
Wir haben diese Charakteristik wörtlich wiedergegeben, weil 
sich, wie wir alsbald sehen werden, eine entscheidend gewordene 
Eigentümlichkeit in dem Charakter des grossen Naturforschers als 
Erbschaft von seinem Vater zu erklären scheint. Seine Mutter 
war eine Tochter von Josiah Wedgewood, dem Begründer der 
grossartigen Thon waren -Industrie zu Etruria (Staffordshire) imd 
mit welchem, wie wir oben erfahren haben, schon sein Grossvater 
innig befreundet gewesen war. 



IL Stttdieajahre. 

Charles Robert Darwin ist am Sonntag den 12. Februar 
1809 zu Shrewsbury geboren und kann somit zur Unterstützung 
der Volksmeinung, dass Sonntagskinder hellsichtiger werden sollen, 
als in der Woche geborene Menschenkinder, angeführt werden. Er 
empfing den ersten Unterricht in seiner Vaterstadt, wo er sieben 
Jahre lang (bis 1825) die von Dr. Butler, dem spätem Bischof 
von Lichfield, geleitete Schule besuchte. Aus seiner Jugend wissen 
wir nur, dass er nach seinem eigenen Bericht früh ein eifriger 
Sammler von allen möglichen Naturgegenständen und ein leiden- 
schaftlicher Jagdliebhaber wurde. Viel in der freien Natur umher- 
schweifend und vor keinen Strapazen zurückschreckend, erfreute er 
sich damals einer ausgezeichneten Gesundheit und einer nicht ge- 
wöhnlichen Körperkraft. In der Absicht, hinsichtlich seines Lebens- 
berufes in die Fusstapfen des Vaters zu treten, begab er sich im 
Alter von 16 Jahren nach Edinburg, welches damals in dem Rufe 
stand, die beste Schule für Mediziner zu sein. Allein die natur- 
wissenschaftlichen Vorlesungen, die er daselbst hörte, dünkten ihm 
über die Massen trocken, und um ihm die ärztliche Laufbahn völlig 
zu verleiden, gesellte sich dazu eine unüberwindliche Abneigung 



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— 13 — 

^egen das Studium der Anatomie, ffir welches sonst in Edinburg 
:gute Gelegenheit geboten war. Die Leichensektionen stiessen ihn 
dennassen ab, dass er die anatomischen Vorlesungen nur zwei- bis 
dreimal besuchte und schnell zu der Überzeugung kam, dass er 
noch weniger zum Arzte geboren sei, als sein Vater, von dessen 
für einen Arzt ziemlich unbequemem Mitgefühl wir eben gehört 
haben. Indessen setzte er das Sammeln von Naturgegenständen, 
welches jedenfalls dazu beigetragen hat, seinen Blick zu schärfen, 
fort und zog auch insofern einigen Vorteil von seinem Aufent- 
halte in Edinburg, als ihm Robert Edmund Grant — der spätere 
Londoner Professor der Zoologie — welcher sich damals mit der 
Entwicklungsgeschichte der Mollusken beschäftigte, in der Be- 
obachtung und Untersuchung von Seetieren einige Anleitung gab. 
Darwin machte damals, wie wir weiter unten aus seinen eigenen 
Mitteilungen erfahren werden, seine erste naturwissenschaftliehe 
. Entdeckung, die ihm sicherlich zu einem Sporn für weiteres Ar- 
beiten geworden ist. 

Da er sich nunmehr entschieden hatte, nicht Arzt werden zu 
wollen, vertauschte er ein paar Jahre später (1828) die Universität 
Edinburg mit dem Christ- College zu Cambridge und zwar in der 
anfanglichen Absicht, Theologie zu studieren. Glücklicherweise fand 
er daselbst einen Lehrer, der es verstand, die in ihm schlummernde 
Neigung für das Studium der Natur zu wecken und ihn auf die rich- 
tigen Wege zu bringen. Es war dies der Professor Henslo w, welcher 
gerade damals den Lehrstuhl der Mineralogie mit dem Lehrstuhl der 
Botanik vertauscht hatte. Darwin pflegte zu sagen, dass erst auf 
den gemeinschaftlichen Exkursionen mit diesem ausgezeichneten 
Lehrer seine Neigung zum Naturstudium wirklich begonnen habe, 
denn vorher habe von allen Naturdingen seine wahre Liebe doch 
nur den Füchsen und Rebhühnern gegolten. Auch der Lehrer 
scheint den Wert des Jünglings, der sich ihm mit aller Begeisterung 
der Jugend anschloss, sogleich erkannt zu haben und bald bildete 
sich ein enges Freundschaftsband zwischen Lehrer und Schüler, 
welches erst mit dem Tode des ersteren gelöst werden konnte. 
Darwin hörte niemals auf, seiner Dankbarkeit und Verehrung für 
Prof. Henslo w immer erneuten Ausdruck zu geben, und wir 
wollen hier einen Brief Darwins, welchen Rev. L. Jenyns in 
seinem y,Memoir of the late Prof. Henslow^^ mitgeteilt hat, wieder- 



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— 14 — 

geben*), weil er ebensowohl zur Charakteristik Darwins selbst, wie 
des Mannes, der auf ihn den grössten Einfluss geübt, dient. 

„Ich kam früh im Jahre 1828", schreibt Darwin „nach Cambridge 
und wurde durch einige meiner Geführten im Insektensammeln bald 
mit Prof. Henslow bekannt, denn alle, die sich um irgend einen Zweig 
der Naturwissenschaft kümmerten, wurden von ihm in gleicher Weise 
aufgemuntert. Nichts konnte einfacher, herzlicher und bescheidener 
sein, als die Ermutigung, welche er allen jungen Naturforschem ge- 
währte. Ich wurde bald intim mit ihm, denn er besass ein merk- 
würdiges Vermögen, das jugendliche Gemüt vollständig mit sich vertraut 
zu machen, obwohl wir aile von der Fülle seines Wissens in Ehrfurcht 
gebannt waren. Ehe ich ihn sah, hörte ich einen jungen Mann seine 
Talente in die einfache Rede zusammenfassen : „er wisse alles.'* Wenn 
ich darüber nachdenke, wie unmittelbar wir uns in vollkommner Ver- 
traulichkeit mit einem altern, uns in jeder Richtung so unendlich 
überlegenen Manne fühlten, so denke ich, es war dies ebenso sehr der 
durchsichtigen Aufrichtigkeit seines Charakters, als seiner Herzensgute 
zuzuschreiben, und vielleicht noch mehr einer höchlich merkwürdigen 
Abwesenheit von allem Selbstbewusstsein in ihm. Wir bemerkten sofort^ 
dass er niemals an sein eignes mannigfaltiges Wissen oder klares Ver- 
ständnis dachte, sondern einzig an den Gegenstand in der Hand. Ein ( 
andrer Zauber, welcher jeden einnehmen musste, bestand darin, dass 
sein Benehmen gegen eine vornehme Person genau das nämliche, wie 
gegen den jüngsten Studenten war: gegen alle dieselbe gewinnende 
Höflichkeit. Er konnte mit Interesse die geringste treffende Beobach- 
tung in irgend einem Zweige der Naturwissenschaft entgegennehmen, 
und ein Fehlschluss, den man gemacht hatte, mochte noch so absurd 
sein, er legte ihn so klar und freundlich dar, dass man ihn in keiner 
Weise entmutigt verliess, sondern sich blos vornahm, das nächstemal 
sorgfältiger vorzugehen. Somit konnte kein Mann besser geeignet sein, 
das ganze Zutrauen der Anfänger zu gewinnen und sie in ihrem Streben 
zu ermutigen 

„Während der Jahre, in denen ich so viel mit Professor Hens- 
low in Verbindung stand, sah ich niemals seine Gemütsstimmung auch 
nur in Erregung. Er nahm niemals eine schlecht geartete Ansicht über 
irgend jemandes Charakter an, obwohl er sehr weit davon entfernt 
war, gegen die Schwächen der andern blind zu sein. Es machte mir 
stets den Eindruck, dass sein Gemüt nicht wohl durch irgend eine 
armselige Regung von Neid, Eitelkeit oder Eifersucht berührt werden 
könnte. Bei aller dieser Gleichmässigkeit der Stimmung und merk- 
würdigem Wohlwollen war indessen keine Charakterschwäche vorhanden. 
Ein Mensch müsste blind gewesen sein, um nicht wahrzunehmen, dass 



♦) Nach der englischen Zeitschrift „Nature'' Nr, 655. (188»). 



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— 15 — 

hinter diesem sanften Äussern ein kräftiger und entschiedener Wille stand. 
Wenn ein Prinzip ins Spiel kam, würde keine Macht der Erde ihn um 

eines Haares Breite zum Wanken gebracht haben 

„In seinem Geiste schienen mir, soweit ich urteilen kann, genaues 
Beobachtungsvermögen, gesunder Sinn und vorsichtiges Urteil vorza- 
herrschen. Nichts schien ihm so viel Freude zu bereiten, als aus 
ganz kleinen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen. Aber seine bewund- 
rungswürdige Abhandlung über die Geologie von Anglesea zeigt seine 
Fähigkeit für ausgedehnte Beobachtungen und weite Gesichtspunkte. 
Indem ich mit Dankbarkeit und Ehrfurcht über seinen Charakter nach- 
denke, gewinnen seine moralischen Eigenschaften, wie es in den höchsten 
Charakteren stets der Fall sein sollte, über sein geistiges Vermögen 
den Vorrang.'' 

Dieses Urteil des Schülers über seinen Lehrer zeigt uns, ohne 
des geringsten Kommentars zu bedürfen, einen wie grossen Ein- 
fluss das Beispiel des letzteren auf Denkweise und Gemüt des 
ersteren gewonnen hatte. Henslow unterstützte ihn nicht nur 
in seinen, mit Vorliebe der lebendigen Welt gewidmeten Studien, 
sondern er wies ihn auch mit Nachdruck auf die Betrachtung der 
Vergangenheit, auf das Studium der Geologie hin, welches ihm 
mangels einer lebendigen Anregung in Edinburg höchst langweilig 
erschienen war. 

Wie es wohl allen angehenden Naturforschern in solchem Alter 
geht, gewannen damals in den Gedanken Darwins Träume von 
weiten Reisen und Entdeckungen in der üppigen Natur der Tropen 
die Oberhand; er las die Werke Humboldts und anderer reisen- 
den Naturforscher mit Begeisterung und suchte unter seinen Studien- 
genossen für eine Gesellschaftsreise nach den kanarischen Inseln auf 
gemeinschaftliche Kosten Teilnehmer zu werben. Es wäre wohl bei 
diesen Wünschen geblieben, wenn sich nicht, wie gerufen, damals 
eine passende Gelegenheit geboten hätte, eine solche Reise in viel 
grösserem Massstabe auszuführen, als er irgend gehofft hatte. 

Auf einer der gemeinschaftüchen Exkursionen (Herbst 1831) 
teilte Henslow seinem Lieblingsschüler mit, dass Professor Pea- 
eock bei ihm angefragt habe, ob er einen jungen Naturforscher 
vorschlagen könne, welcher geeignet und bereit wäre, den Kapitän 
Pitz Roy auf einer von der englischen Regierung ausgerüsteten 
Expedition, welche in erster Linie geographischen Aufiiahmen 
gewidmet sein sollte, zu begleiten. Dem im Jahre vorher von einer 
ähnlichen Expedition (1826—30) heimgekehrten Kapitän war die 



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— 16 — 

ünentbehrlichkeit eines Naturforschers för eine solche dabei klar 
geworden. Dreierlei Schwierigkeiten standen der von Darwin natür- 
lich mit Begeisterung aufgenommenen Idee im Wege. Der Vater 
gab seine Einwilligung nur mit Widerstreben, denn er befürchtete, 
und wie die Zukunft gelehrt hat, auch mit gutem Grunde, dass 
die lange Seereise nicht dazu beitragen werde, seinen Sohn, der, 
wie wir gesehen haben, schon einmal seinen Lebensberuf gewech- 
selt hatte, dem neuerwäblten der Theologie anhänglicher zu 
machen. Zweitens waren die Bedingungen nicht allzugünstig, da 
der Biologe der aus Mathematikern, Astronomen und Geographen 
bestehenden Expedition hauptsächlich nur auf Wunsch des Kapi- 
täns, der seine Kabine mit ihm teilen wollte, beigegeben werden 
sollte. Auch konnte der zweiundzwanzigjährige Bewerber ausser 
den Empfehlungen Henslows kaum besondere Stützen für seine 
Bewerbung auffuhren. Da er indessen auf jedes Oehalt verzichtete 
und nur verlangte, dass die naturhistorischen Sammlungen, die er 
zusammen bringen würde, ihm gehören sollten, so gelang es den 
Bemühungen des Kapitän Beaufort, von der Admiralität die 
Einwilligung zu erlangen. W^as ihm aber mehr als alles andere 
Sorge machte, war der gänzliche Mangel an Vorbereitung für eine 
solche Forschungsreise. Über den Zustand seines Wissens vor der 
Reise hat Darwin in einem an den berühmten Physiologen W. 
Frey er in Jena gerichteten Briefe einen so eingehenden und für 
seinen Charakter so bezeichnenden Bericht erstattet, dass wir nichts 
besseres thun können, als diesen Brief an dieser Stelle einzu- 
schieben. Preyer, der damals bereits seit Jahren mit Darwin 
in Briefwechsel stand, hatte ihm mehrere seiner physiologischen 
Arbeiten gesandt und ihn zugleich gebeten, doch über seinen Bil- 
dungsgang alles niederzuschreiben, dessen er sich entsinnen könne. 
Darauf antwortete Darwin, in einem vom 17. Februar 1870 datierten 
Briefe, dessen Eingang später mitzuteilen sein wird, folgendes: 

„Ich habe wirklich nichts von Interesse über mich selbst, aber da 
Sie es wünschen, will ich hinkritzeln, was mir irgend einfällt Ich zog 
keinen Vorteil von den Vorlesungen zu Edinburg, denn sie waren un- 
endlich langweilig und raubten mir drei Jahre hindurch alle Lust an 
der Geologie. Dr. Grant war nicht Professor, sondern arbeitete für 
sich auf zoologischem Gebiete, und sein Umgang war eine grosse Er- 
mutigung fttr mich. Ich araasierte mich mit der Untersuchung von 
Seetieren, aber ich that dies einzig zu meinem Vergnügen. Ich glaobe, 



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— 17 — 

da«8 ich damals der erste war, der Oberhaupt das früheste, bewegliche, 
eiähnliche Stadium eines Bryozogn sah-, ich zeigte es Grant, der ea 
in einer Sitzung der Wernerian ' Natural - History - Sodeiy mitteilte; 
diese kleine Entdeckung war mir eine sehr bedeutsame Ermutigung. 
— Ich wurde von der Anatomie abgestossen und wohnte nur zwei 
oder drei Vorlesungen bei, und dies ist seitdem stets ein unersetzlicher 
Verlust fttr mich gewesen. Als ich nach Cambridge kam, ¥rurde ich 
ein höchst enthusiastischer Eäfersammler, aber wiederum nur zum Ver- 
gnügen. Wenn mir jemand den Namen eines Käfers nannte, so dachte 
ich, ich wüsste alles, was man nur wünschen könnte und ich glaube, 
dass ich damals nie auch nur die Mundteile eines Insekts betrachtet 
habe! Doch beim Sammeln arbeitete ich wie ein Sklave. Henslows 
Umgang war eine Wohltbat und von grossem Reize für mich und ich 
hatte grosse Vorliebe für seine botanischen Vorlesungen. Mein ganzes 
früheres Leben hindurch war ich ein rasender Sammler; Mineralien, 
Mollusken, Pflanzen, Tierbälge, alle haben damals ihre Zeit gehabt. — 
Gegen das Ende meines Cambridger Lebens überredete mich Henslow, 
mit der Geologie anzufangen. Ich war stets geneigt, die Gewohnheiten 
der Vögel zu beobachten und Whites Natural Htstory of Selbome hatte 
damals viel Einfluss auf mein Sinnen. -Aber unter allen Büchern waren 
es Humboldts Beisen, die bei weitem den grössten Einfluss übten. — 
Ich las grosse Abschnitte immer und immer wieder. Ich hatte nahezu 
eine Reisegesellschaft zustande gebracht, um nach den Canarischen 
Inseln zu gehen, als mir das Anerbieten gemacht und freudig ange- 
nommen wurde, mich der Expedition des ^JBeagle^* anzuschliessen. Ich 
vermute jedoch, dass niemals jemand schlechter vorbereitet aufbrach, 
als ich es war, denn ich war nichts als ein blosser Sammler. Ich ver- 
stand nichts von Anatomie und hatte niemals ein systematisches Werk 
über Zoologie gelesen. — Ich hatte niemals ein zusammengesetztes 
Mikroskop angerührt und mit der Geologie hatte ich erst vor ungefähr 
sechs Monaten begonnen. Aber ich nahm eine reichliche Anzahl von 
Büchern mit und arbeitete am Bord des Schiffes so viel ich konnte, 
und zeichnete alle Arten niederer Seetiere ab. Ich empfand damals 
fürchterlich den Mangel an Übung und Kenntnis. Mein Unterricht 
{education) begann in der Tbat erst am Bord des Beagle. Meine Er- 
innerung sagt mir nichts, was strenggenommen als Unterricht bezeich- 
net zu werden verdiente, ausser einigen chemischen Experimenten, 
welche ich als Schuljunge mit meinem Bruder anstellte. Ohne Zweifel 
hatte mein umfangreiches Sammeln in jedem Zweig mein Beobachtungs- 
yermögen geschärft. 

Koch niemals schrieb ich soviel über mein Leben und ich möchte 
ii, dass es Ihres Durchlesens wert wäre, zweifle jedoch daran.** 



In einer andern, der nämlichen Bitte des Professor Frey er 
zu verdankenden Aufzeichnung, die mir von demselben eben- 

Krftttte, Ch. BArwin. 3 



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— 18 — 

falls freundlichst im Original mitgeteilt wurde, bemerkt Darwin 
noch über seine Jugendjahre: ,Jch war ein eifriger Jagdliebhaber 

und das machte mich sehr müssig (idle) Ich arbeitete niemals 

früher, bis ich mich dem ^Beagk^^ anschloss, und dann arbeitete ich 
von ganzem Herzen.'' Wir furchten, dass es nicht viele berühmte 
Gelehrte geben wird, die in späteren Jahren so offen und unbe- 
fangen von ihren lückenhaften Jugendstudien erzählen würden, 
zumal wenn sie, wie es hier der Fall war, wissen, dass diese Mit- 
teilungen ihren Weg in die Öffentlichkeit finden soUen. 



in. Die Kelse um die Welt 

Am 27. Dezember 1831 trat Darwin jene nahezu fiinQährige 
Reise um die Welt an, welche seinen Geist für eine neue Auf- 
fassung der lebenden Natur befruchtete. Die von dem Kapitän 
Robert Fitz Roy (f 1865), dem späteren Gouverneur von Neuseeland 
und Begründer der jetzt zu so weiter Anwendung gekommenen 
Wetter - Telegraphie, geleitete Expedition hatte die Aufgabe, die 
Küsten von Patagonien, Feuerland, Chile, Peru und emigen Insehi 
des stillen Oceans zur genauen Feststellung neu aufzunehmen und 
ausserdem eine grosse Anzahl von Längenbestimmungen rings um 
die Erde auszuführen. Wenn Kapitän Fitz Roy sich streng an 
diese Aufgabe gehalten hätte, so würde das Schiff, eine Brigg 
von 10 Kanonen, welche vorbedeutend den Namen des „Spurfinders" 
(Beagle) trug, und dem ein zweites, unter demselben Commando 
stehendes Schiff ,yAdventure'' beigegeben war, nirgends lange ver- 
weilt und dem an Bord befindlichen jungen Naturforscher kaum 
Gelegenheit gegeben haben, so erfolgreiche Forschungen anzustellen, 
wie es ihm vergönnt war. Denn damals besass man noch nicht 
jene Vorrichtungen, deren sich die neueren Expeditionen erfreuen, 
um auch auf der Fahrt selbst Tiere aller Meerestiefen an Bord zu 
bringen. Auch würde der ununterbrochene Aufenthalt auf dem 
Schiffe für Darwin auf die Dauer unerträglich geworden sein, denn 
er litt während der ganzen fünf Jahre an immer von neuem auf- 
tretenden Anfällen von Seekrankheit, die seiner ehemals so kräf- 



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— 19 — 

tigen Natur dauernden Schaden zugefügt haben. Einer seiner da- 
maligen Seisegefahrten, der Admiral J. Lort Stokes, hat über 
die Schwere jener Heimsuchungen in einem vom 25. April 1882 
datierten Briefe an die „Times" Nachricht gegeben, woraus wir 
das Folgende entnehmen: 

„ . . . Vielleicht niemaDd^', schreibt der Admiral, „kann besser als 
ich von seineu ersten und höchst folgenreichen Arbeiten Zeugnis ab- 
legen. Wir arbeiteten mehrere Jahre zusammen an demselben Tische, 
in derselben Hinterkabiue des ßeagle, während seiner berühmten Reise, 
er an seinem Mikroskope und ich an den Karten. £s trat oft ein 
sehr plötzliches Ende der geringen Kraft ein, zur schweren Betrübnis 
meines alten Freundes, welcher stark an der Seekrankheit litt. Nach 
vielleicht einer Stunde Arbeit musste er mir plötzlich sagen: „Alter 
Junge, ich muss wieder die Horizontale nehraen^S welche die beste 
Linderungslage bei der Schiffsbewegung ist. Einige Zeit hindurch aus- 
gestrecktes Liegen auf der einen Seite des Tisches befähigte ihn dann 
wieder, seine Arbeit für eine Weile aufzunehmen, worauf er sich von 
neuem niederlegen musste. Es war schmerzlich, Zeuge dieses frühen 
Opfers an der Gesundheit Mr. Darwins zu sein, der nachmals stets 
schwer die schlimmen Nachwirkungen der Beagle-Reise verspürte.'^ 

Ohne Zweifel hat auch die magere Schiffskost dazu beigetragen, 
die vorher so kräftige Konstitution des jungen Reisenden zu schä- 
digen. Dazu kam, dass er die Zeiten, die er am Festlande zubringen 
konnte, nicht dazu anwendete, sich von den. Strapazen zu erholen, 
sondern sie zu oftmals sehr anstrengenden und Entbehrungen auf- 
legenden Expeditionen in das Innere, Oebirgsbesteigungen u. s. w. 
benützte. Diese verdoppelten Angriffe auf seine Gesundheit warfen 
ihn dann auch schliesslich in Valparaiso auf ein fünfwöchentliches 
Krankenlager, und vielleicht ist seine Genesung ausser den An- 
strengungen des Schiffsarztes Dr. Bynoe hauptsächlich dem Um- 
stände zu danken, dass er in Valparaiso einen Schulkameraden 
Kchard Cor fiel d antraf, in dessen Hause er eine sehr freundliche 
Aufnahme gefunden hatte. Allein die Nachwehen dieser Schädlich- 
keiten sind ihm während seines ganzen späteren Lebens fühlbar 
gewesen und haben ihn zu einem zurückgezogenen Lebenswandel 
genötigt, dem vrir es freilich vielleicht mit zu danken haben, wenn 
der mit angegriffenen Körperkräften heimgekehrte Naturforscher 
nachmals in der Einsamkeit seines Landaufenthalts grössere Werke 
vollbracht hat, als er es gekonnt haben würde, wenn er sich in 
das Geräusch des Lebens hätte ziehen lassen. 

2* 



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•. 20 — 

Im übrigen war die Expedition eine ih jeder Beziehung glAck* 
liehe, und ihre Erfolge übertrafen viele niit weit grösseren Mitteln 
ausgerüstete. Darwins Beziehungen zu seinem Kapitän und den 
übrigen Fahrtgenossen waren jederzeit die angenehmsten. Kapitän 
Fitz Roy brachte den Arbeiten und Wünschen seines Naturforschers 
die grössten Sympathien entgegen und ermöglichte ihm öfter 
ans Land zu gehen, wie er auch seinen weiteren Binnenlands* 
Expeditionen alle thunliche Förderung zu teil werden liess. 
Über den specielleren Verlauf der Reise, seine Eindrücke und 
Erlebnisse, Forschungen und Sammlungen während derselben, hat 
Darwin einen so fesselnden und für jedermann anziehenden Bet- 
riebt aus seinen Tagebüchern veröffentlicht*), dass es höchst über" 
flüssig sein würde, wenn wir hier einen Auszug daraus einschalten 
wollten. Nur der allgemeinen Orientierung wegen mag erwähnt wer- 
den, dass die Expedition am 29. Febr. 1832 die Ostküste Südamerikas 
erreichte und länger als zwei Jahre, mit ihren Arbeiten beschäftigl^ 
an derselben verweilte, so dass dem jungen Naturforscher reich- 
liche Gelegenheit zu Expeditionen in das Innere von Brasilien, 
Uruguay, La Plata und Patagonien gegeben war. Im Frühjahr 
1834 wurde dann die Magelhaens-Strasse passiert, die schon im 
Jahre vorher gemachte Bekanntschaft mit den Feuerländem er* 
neuert und am 22. Juli Valparaiso erreicht. An der Westitüste 
Südamerikas nahmen die geographischen Arbeiten wieder ein volles 
Jahr in Anspruch, während dessen Darwin die Küsteninseln sowie 
verschiedene Teile Chiles besuchte und am 20. Febr. 1835 zu 
Valdivia ein starkes Erdbeben erlebte. Im Juli desselben Jahres 
erfolgte die Abreise von Valparaiso; die Expedition ging längs der 
Küste von Peru nach Norden, verweilte bei den Galapagos-Inseln, 
verschiedenen Südsee-Inseln, Neuseeland und landete am 12. Janaar 
1836 in Sidney, um dann nach Umkreisung der Erde nochmals die 
Ostküste Brasiliens zu berühren und am 2. Oktober desselben 
Jahres die englische Küste wieder zu erreichen. Statt eines aus- 
führlichen Beiseberichtes dürfte es von Interesse sein, hier Ans^ 
Züge aus einer Reihe von Briefen zu finden, welche Darwin unter 



*) Reise eines Natarfor schere um die Welt, übersetzt von J. Y. Caral. 
Ereter Band der deutschen Ausgabe von Darwins „Gesammelten Werkes ''. 
Stuttgart, £. Schweizerbartsohe Buchhandlung. 



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— 21 — 

dttn finschen Eindrucke des Erlebten an Frofeesor Henslow ge- 
riehtet hat."*") 

Rio de Janeiro, 18. Mai 1833. 

Wir verliessen Plymouth am 27. Dezember 1831. — In St. Jago 
(Cap- Verde- Inseln) blieben wir drei Wochen. Die Geologie war in 
hervorragendem Grade interessant and ich glaube ganz nea; darunter 
dnige Thatsachen von im weiten Massstabe aufsteigenden Küsten, die 

Herrn Lyell interessieren wtlrden St. Jago ist merkwürdig 

dtürr und bringt nur wenig Pflanzen und Insekten hervor, so dass mein 

Hammer mein gewöhnlicher Begleiter war An der Kttste 

sammelte ich viele Seetiere, hauptsächlich Gasteropoden (darunter, wie 
ich glaube, einige neue). Ich untersuchte ziemlich genau eine Cari/ch 
phylUa, und wenn meine Augen nicht behext waren, so haben Mhere 
Beschreibungen nicht die leiseste Ähnlichkeit mit dem Tiere. Ich fing 
mehrere Exemplare eines Octopus, welcher eine wunderbare Fähigkeit 
besass, seine P^ärbungen zu wechseln; er kam darin jedem beliebigen 
Chamäleon gleich, indem er sich augenscheinlich den Veränderungen 

der Farbe des Bodens, über den er sich hinbewegte, anpasste wir 

segelten alsdann nach Bahia und hielten am Felseiland von St. Paul 

an. Dasselbe ist eine Serpentin-Formation Nachdem wir noch 

bei den Abrolhos-Inseln angelegt, trafen wir am 4. April hier ein 

Einige Tage nach unsrer Ankunft brach ich zu einer Expedition von 
hundertundfünfzig Meilen nach Rio Macao auf, die achtzehn Tage 

währte Jetzt bin ich dabei, Süsswasser- und Landtiere zu 

sammeln: wenn es wahr ist, was mir in London erzählt wurde, dass 
Dämlich in den Sammlungen aus den Tropen keine kleinen Insekten 
vorbanden sindf so bitte ich die Entomologen auf der Wacht zu sein 
and Ihre Federn zur Beschreibung bereit zu halten. Ich habe ebenso 
kleine (wenn nicht noch kleinere) Hydroporen, Hygroten, Hydrobien, 
Pselaphiden, Staphilinen, Curculiouiden, Bembidien u. s. w. u. s. w. wie 
in England gefangen. Es ist äusserst interessant, den Unterschied der 
Gattungen und Arten, von denen die ich kenne, zu beobachten, jedoch 

ist derselbe viel geringer, als ich erwartet hatte Ich bin 

soeben von einem Spaziergang zurückgekommen) und nenne als ein 
Beispiel, wie wenig die Insekten bekannt sind, (die Gattung) Nuerua^ 
welche nach Die, Class, nur aus drei europäischen Arten besteht. Ich 



*) Prof. Henslow teilte die hier benutzten Auszüge am 16. November 1835 
in der Sitzung der Püilosophischen Gesellschaft zu Cambridge mit und Hess 
»ie Bpäter for private distribution an die Mitglieder drucken. Da bereits die 
erste YeröffentlichuDg starke Kürzungen erhielt, so haben wir keinen Anstand 
genommen, in diesen bisher in deutscher Übersetzung noch nicht erschieneneir 
Mitteilungen noch einige weitere Ktürzungen vorzunehmen. 



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22 — 

meinesteils fing mit einem einzigen Zage meines Netzes fftnf ver- 
schiedene Arten Zu Bahia hatten der Pegmatit and Gneiss 

in ihren Schichten dieselbe Richtung, welche von Hamboldt in C!o* 
lumbia — dreizehnhundert Meilen entfernt — als vorherrschend be- 
obachtet worden war. 

Monte Video, 15. August 1832. 

Meine Pflanzensammlnng von den Abrolhos- Inseln ist interessant, 
da sie, wie ich vermute, nahezu die gesamte bltttentragende Vegetation 

enthält Zu Rio brachte ich eine ungeheure Sammlung von 

Arachniden zusammen; auch viele kleine Käfer in Pillenschächtelchen, 

obwohl es fOr letztere nicht die beste Jahreszeit ist Unter den 

niederen Tieren hat mich nichts mehr interessiert, als zwei Arten von 
elegant gefärbten Planarien (?) zu finden, welche den trocknen Wald 
bewohnen! Die unechte Verwandtschaft, welche sie mit Schnecken 
darbieten, ist die ausserordentlichste Erscheinung dieser Art, die ich 
jemals gesehen habe. In derselben Gattung (oder richtiger Familie) 
besitzen einige der marinen Arten eine so wunderbare Organisation, 
dass ich kaum meinen Augen trauen kann. Jedermann hat von den 
verschiedenfarbigen Streifen des Seewassers in den Äquator -Gegenden 
gehört. Einer, den ich untersuchte, rührte von der Gegenwart so 
kleiner Oscillatorien her, dass auf jeden Quadratzoll Oberfläche deren 

wenigstens hunderttausend vorhanden waren Ich würde eine 

weit grössere Zahl von wirbellosen Tieren sammeln, wenn ich mir 
weniger Zeit für jedes einzelne nähme: aber ich bin zu dem Schlüsse 
gekommen, dass zwei in ihren ursprünglichen Farben und Gestalten 
aufgezeichnete Tiere den Naturforschern wertvoller sein werden, als 

sechs derselben, die bloss mit Ort und Datum bezeichnet^ sind 

In dieser gegenwärtigen Minute liegen wir in der Mündung des Flusses 
vor Anker, und die Scenerie ist höchst seltsam. Alles steht in Flammen 

— der Himmel mit Blitzen — das Wasser voll leuchtender Teilchen 

— und selbst die Masten tragen eine blaue Flamme an ihrer Spitze* 

Monte Video, 24. November 1832. 

Wir kamen hier am 24. Oktober an, nachdem wir zum ersten- 
mal an der Küste von Patagonien, nördlich vom Rio Negro gekreuzt 

hatten Ich hatte zur Ehre der Dame Natur gehofft, dass 

nirgends ein Land wie dieses zu finden sei; in der traurigen Wirklich- 
keit führte unsere Küstenfahrt hundertundvierzig Meilen lang an Sand- 
hügeln vorüber. Ich wusste bis dahin nicht, was für ein schrecklich 
hässliches Ding so ein Sandhügel ist: das berühmte Land des Rio 
Plata ist meiner Meinung nicht viel besser; ein ungeheurer Strom mit 
brackigem Wasser, von einer unübersehbaren grünen Ebene eingefasst, 
reicht hin, einem Naturforscher Seufzer zu entlocken 



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— 23 — 

Beeht glfleklich bin ich mit fossOen Knochen gewesen; ich besitze 
Brnchstficke von wenigstens sechs verschiedenen Tieren; da viele der- 
selben ans Zähnen bestehen, so hoffe ich, dass sie, obwol zertrümmert 
nnd abgerollt, zn bestimmen sein werden. Ich habe, soviel ich dazu 
imstande war, ihrer Fnndstätte in geologischer Beziehung alle Auf- 
merksamkeit gewidmet, aber ein Bericht darüber würde für einen Brief 
za lang sein. 1) Die sehr vollständig erhaltenen Fass- und Mittelfnss- 
knochen einer Cavia, 2) Der Oberkiefer nnd Kopf eines sehr grossen 
Tieres mit vier viereckigen, hohlen Backenzähnen nnd stark nach vorn 
vorgewölbtem Kopf. Zuerst dachte ich, es gehöre entweder zu Mega- 
hnyx oder Megatherium. Zur Bestätigung dessen fand ich in derselben 
Formation eine grosse Fläche mit den polygonalen Knocbenplatten, 
welche nach „neueren Beobachtungen" (was sind das für welche?) zum 
Megathenum gehören sollen. Unmittelbar, als ich sie sah, dachte ich, 
dass sie einem riesenhaften Armadill angehören müssten, von welcher 
Gattung lebende Arten hier so häufig sind. 3) Der Unterkiefer eines 
grossen Tieres, welches ich nach den Backenzähnen zu den Edentaten 
rechnen möchte. 4) Grosse Backenzähne, welche in mancher Beziehung 
einer riesenhaften Nager -Art anzugehören scheinen. 5) Auch einige 
kleinere, derselben Ordnung zugehörige Zähne, u. s. w. u. s. w. — Sie 
sind mit See -Muscheln vermengt, die mir mit jetzt lebenden Arten 
identisch zu sein scheinen. Doch haben im Lande, seitdem sie in ihren 
Schichten abgelagert wurden, mehrere geologische Veränderungen statt- 
gefunden Es giebt hier ein kümmerliches Exemplar von einem 

Vogel, der meinen unornithologischen Augen wie ein glückliches Gemisch 
aus einer Lerche, einer Taube und einer Schnepfe erscheint. Selbst 
Herrn Mac Leays Einbildung erfand ein so zusammengeflicktes Geschöpf 

niemals Ich habe einige interessante Amphibien gefangen, einen 

schönen Bipes^ einen neuen Trigonocephalus^ der in seinen Gewohnheiten 
Crotalus und Viperus aufs schönste verbindet, und zahlreiche (so weit 
meine Kenntnis geht) neue Saurier. Für eine kleine Kröte hoffe ich, 
dass sie ebenfalls neu sein wird, damit wir sie die „teuflische" (dia- 
bolicus) taufen können. Milton muss auf dies Individuum angespielt 

haben , wo er „platt wie eine Kröte" sagt Unter den pela- 

gischen Crustaceen einige neue merkwürdige Gattungen, und unter den 
Zoophyten ebenfalls einige interessante Tiefe. Was z. B. eine Fkiatra 
betrifft, so würde niemand an ihren höchst anomalen Bau glauben, wenn 
ich das Exemplar nicht zu meiner Unterstützung hätte. Doch alles 
das kommt an Neuheit nicht einer Familie von pelagischen Tieren 
gleich, welche beim ersten Anblick wie kleine Medusen erscheinen, aber 
in Wirklichkeit hochorganisiert sind. Ich habe sie wiederholt unter- 
sucht, aber es ist ganz unmöglich, sie nach ihrem Bau in irgend einer 
bestehenden Ordnung unterzubringen. Vielleicht ist Salpa das nächst- 
stehende Tier, obgleich die Durchsichtigkeit des Körpers beinahe der 
einzige Charakter ist, den beide gemein haben 



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— 24 — 

Wir waren eine Woche in Baenot Ayres. Es ist eine schöne 
grosse Stadt, aber welch ein Landl Alles ist Morast; man kann nirgei^ 
hingehen, nichts unternehmen wegen des Morastes. In der Stadt erhielt 
ich manche Auskunft über die Ufer des Uruguay. Ich höre Ton Kalk« 
stein mit Schaltieren und Schaltierschichten nach allen Richtungen« 

Ich kaufte Bruchstücke TOn einigen ungeheuer grossen Knochen, 

Ton denen man yersicherte, dass sie einstigen Riesen angehört h&ttenli 

11. April 1833. 

Wir sind im Begriff, von den Falklandsinseln zum Rio Negro 
(oder Colorado) zu segeln. . . . Seit mehreren Monaten sind wir in 
keinem civilisierten Hafen gewesen; fast diese ganze Zeit wurde im süd- 
lichsten Teile Ton Feuerland zugebracht. £s ist eine abscheuliche 
Gegend; Stürme folgen auf Stürme in so kurzen Zwischenräumen, dass 
es schwer ist, irgend etwas zu thun. Wir lagen einundzwanzig 
Tage vor Kap Hörn und konnten schlechterdings nicht nach Westen 
gelangen, so dass wir schliesslich in den Hafen einliefen und in Booten 
die Westseite der Binnenkanäle gewannen. Mit zwei Booten legten 
wir ungefähr dreihundert Meilen zurück, und auf diese Weise bekam 
ich herrliche Gelegenheit, geologische Beobachtungen zu machen und 
viel von den Wilden zu sehen. Die Feuerländer sind in einem 
elenderen Zustande von Barbarei, als ich je ein menschliches Wesen 
zu finden erwartet habe. Sie gehen in diesem unfreundlichen Lande 
ToUständig nackt, und ihre temporären Häuser gleichen denen, weiche 

Kinder im Sommer aus Baumzweigen errichten Das Klima 

ist in manchen Beziehungen eine seltsame Mischung von Strenge und 
Milde. Hinsichtlich des Tierreichs herrscht der erstere Charakter vor, 
ich habe deshalb meinen Sammlungen nicht viel hinzufügen können. 
Die Geologie dieses Teils von Feuerland war mir sehr interessant. 
Das Land ist ohne Versteinerungen und besteht aus einer gewöhn- 
lichen Aufeinanderfolge von granitischen und Schieferfelsen; Versuche, 
die Beziehungen der Neigungswinkel, Schichten u. s. w. u. s. w. fest- 
zustellen, bildeten mein Hauptvergnügen Der südliche Ocean 

ist fast so unfruchtbar, wie das Land, welches er bespült. Die Crusta- 

ceen haben mir am meisten Arbeit verschafft Ich fand eine 

Zoea von der sonderbarsten Form, da ihr Körper nur den sechsten 
Teil von der Länge der beiden Scheren besass. Nach ihrem Bau 
und andern Gründen bin ich überzeugt, dass es ein junger Erichtkus 
ist. Ich muss des Baues eines Dekapoden erwähnen, der sehr unge- 
wöhnlich ist: Die Beine seines letzten Paares sind klein und i-ücken- 
ständig, aber anstatt in eine Klaue zu endigen, wie bei allen übrigeu, 
haben sie drei gekrümmte, borstenartige Anhängsel; diese sind fein ge- 
sägt und mit Näpfchen besetzt, einigermassen denen von Cephalopoden 
ähnlich. Da das Tier pelagisch ist, so befähigt diese schöne Einrich- 
tung dasselbe y sich an leichten schwimmenden Gegenständen fest- 



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— 25 — 

nibalten. Ich habe auch etwas ttber die Fortpflanzang der zweifei* 

haften Grappe der Mooskorallen aasfindig gemacht Nachdem 

wir Fenerland verlassen, segelten wir nach den Falklands-Inseln 

Hier hatte ich das ganz besondere Glttck unter den höchst primitiv 
aussehenden Felsen eine Schicht von glimmerfahrendem Sandstein zu 
finden, der voll von Terebratula und ihren Untergattungen, sowie von 
Enirockües war. Da dies eine von Europa soweit entfernte örtlichkeit 
ist, so denke ich, dass die Yergleichnng dieser Eindrücke mit den- 
jenigen der ältesten fossilienftthrenden Schichten Europas von hervor- 
ragendem Interesse sein wird. Natürlich sind es bloss Abgüsse und 
Abdrücke, aber viele derselben sind sehr vollständig. 

Rio de la Plata, 18. Juli 1833. 

Den grössten Teil des Winters brachten wir an diesem Flnss iu 

Meldonado zu Wir haben uns fast jeden Vogel aus der 

Kackbarschaft (von Meldonado), ungefähr achtzig im ganzen, und bei- 
nahe zwanzig Yierfüssler verschafft ... In einigen Tagen gehen wir 

Bach Rio Negro, um einen Teil der Ufer aufzunehmen Die 

Geologie muss sehr interessant sein. Es ist in der Nähe der Ver- 
einigung der Megatherium- und der Patagonischen Felsen. Nach 
dem, was ich von den letzteren innerhalb einer halben Stunde iii 
der St. Josephs-Bucht sah, scheinen sie mir einer eingehenden Unter- 
snchnng wert zu sein. Über der grossen Austernbank ist eine Kies- 
schicht, welche die Unebenheiten im Innern derselben ausfüllt, und 
wiederum über dieser, also hoch aus dem Wasser ragend, befindet 
sich eine Schicht mit so frischen Schaltieren, dass sie noch ihre Farbe 
kalten und einen übeln Geruch verbreiten, wenn sie verbrannt werden. 
Patagonien muss sich offenbar erst kürzlich aus dem Wasser erhoben 
baben. 

Monte-Video, 12. November 1833. 

Ich verliess den Beagle am Rio Negro und durchkreuzte das 
Land bis Buenos Ayres. Es wird dort augenblicklich ein blutiger 
Ausrottungskrieg gegen die Indianer geführt, wodurch ich in den Stand 
gesetzt wurde, diesen Weg zurückzulegen. Er ist aber im besten 
Falle hinreichend gefährlich und bisher selten beschritten worden. Es 
ist die wildeste, traurigste Ebene, die man sich denken kann, ohne 
sesshafte Einwohner oder Viehherden. In weiten Zwischenräumen 
giebt es militärische „Posto«", mit deren Hülfe ich reiste. Wir lebten 
viele Tage von Wildpret und Straussenfleisch und schliefen auf freiem 
J'elde. ... Es gereichte mir zur Befriedigung, die Tterra de la Fen- 
tada zu besteigen, eine Kette von drei bis viertausend Fuss hohen 
Bergen, deren Vorhandensein kaum ausserhalb Rio Plata bekannt sein 
dtlrfte. Nachdem ich eine Woche in Buenos Ayres geblieben war, 



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— 26 — 

brach ich nach Santa F6 anf. Auf dem Wege war die Geologie inter- 
essant. Ich fand zwei grosse Gruppen von ungeheuren Knochen, aber 
so sehr weich, dass es unmöglich war, sie fortzuschaffen. Nach dem 
Bruchstück eines Zahnes, denke ich, dass sie zu Mastodan gehörten. 
In dem Rio Carcarana fand ich einen Zahn, der aller meiner Ver- 
mutungen spottet. Er sieht aus wie ein ungeheurer Nagerzahn. In 
St. F^ fühlte ich mich unwohl, schiffte mich deshalb ein, und hatte 
eine schöne Fahrt von dreihundert Meilen den stattlichen Parana 
hinab. Als ich nach Buenos Ayres zurückkam, fand ich das Land 
auf den Kopf gestellt durch Umwälzungen, die mir viel Unbequemlich- 
keiten verursachten. Endlich konnte ich fortkommen und den Beagle 
wieder erreichen. 

Falklandsinseln, März 1834. 

Ich bin in Unruhe über Ihre Bemerkung hinsichtlich der Reini- 
gung der Knochen, da ich fürchte, die gedruckten Nummern möchten 
verloren gegangen sein. Die Ursache meiner Sorge ist, dass sie teils 
in Kies mit recenten Muscheln, teils in einer ganz andern Schicht ge- 
funden wurden. Mit diesen letzteren waren Knochen eines ÄgmUi, 
einer wie ich glaube Amerika ausschliesslich angehörenden Tiergattung 
(vermengt), und es würde wichtig sein zu beweisen, dass einige dieser 
Gattung schon mit dem Megatherium zusammenlebten ; solche und andere 
Punkte hängen gänzlich von der sorgfältigen Erhaltung der Nummern 

ab Seitdem ich den Rio Plata verliess, hatte ich Gelegenheit, 

die grosse südliche Patagonische Formation zu untersuchen. Ich habe 
eine grosse Menge Muscheln mitgenommen; nach dem wenigen, was 
ich von der Sache verstehe, muss es eine tertiäre Bildung sein, denn 
einige der Schaltiere und Mooskorallen leben noch jetzt in der See, 
andere, wie ich glaube, nicht. Diese Schicht, welche hauptsächlich 
durch eine grosse Auster charakterisiert wird, ist mit einer sehr merk- 
würdigen Schicht von Porphyr-Brocken, welche ich mehr als sieben- 
hundert Meilen weit verfolgt habe, bedeckt. Aber die seltsamste That- 
sache ist, dass die gesamte Ostküste des südlichen Teiles von Süd- 
amerika aus dem Ocean gehoben worden ist, innerhalb eines Zeitraumes, 
in welchem die Muscheln ihre blaue Farbe nicht verloren haben. Zu 
Port St. Julian fand ich einige sehr vollständige Knochen eines sehr 
gi'ossen Tieres, wie ich vermute, eines Mastodon: die Knochen einer 
hintern Extremität sind sehr vollständig und fest. Dies ist interessant, 
da die Breite zwischen 49 und 50** beträgt und die Gegend weit von 
den grossen Pampas entfernt ist, woselbst Knochen des engzahnigen 
Mastodon so häufig gefunden worden sind. Ich zweifle, nebenbei be- 
merkt, nicht, dass dieses Mastodon und das Megatherium auf den alten 
Ebenen Gefährten waren. Überreste des Megatherium habe ich in 
einer Entfernung von nahezu sechshundert Meilen auf einer Nordsüd- 
Linie gefunden 



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- 27 — 

Valparaiso, 24. Juli 1834. 

Nachdem wir die Falklandsinseln yerlassen hatten, setzten wir 
nnsern Weg nach dem Rio Santa-Cmz fort, folgten dem Flusse auf- 
wärts bis auf zwanzig Meilen von den Cordilleren: unglücklicher Weise 
zwang uns der Mangel an Nahrungsmitteln umzukehren. Diese Expe- 
dition war höchst wichtig für mich, da sie ein Querdurchschnitt der 
grossen patagonischen Formation war. Ich nehme an (und eine genaue 
Untersuchung der Fossilien wird diesen Punkt möglicherweise feststellen 
können), dass die Hauptbildung irgendwo (um mit Herrn Lyell zu 
sprechen) in die miocäne Periode gehört, nach dem zu urteilen, was 
ich von den lebenden Schaltieren Patagoniens sah. Diese Schicht ent- 
hält eine enorme Menge von Lava, was ziemlich interessant ist, da es 
dne ungefähre Annäherung an das Alter des vulkanischen Teils der 
grossen Andenkette ergiebt. Lange vor diesem existierte sie als eine 
Reihe von Schiefer- und Porphyr-Hügeln. Ich habe mir hinsichtlich 
der verschiedenen Perioden und Erhebungsformen in dieser Ebene eine 
leidliche Anzahl von Informationen verschafft. Ich denke, das wird 
Herrn Lyell interessieren. Ich hatte die Durchlesung seines dritten 
Bandes bis zu meiner Rückkehr verschoben; Sie können sich denken, 
wie viel Vergnügen es mir verschaffte; einige seiner Holzschnitte kamen 
mir so genau ins Spiel, dass ich mich bloss auf sie zu beziehen brauche, 

anstatt ähnliche nochmals zu zeichnen Das Thal von Santa 

Cmz erscheint mir höchst merkwürdig; zuerst verwirrte es mich gänzlich. 
Ich glaube triftige Gründe für die Annahme beibringen zu können, dass 
es einst eine nördliche Meerenge war, gleich der Magellanstrasse. 

Der ^^Beagle''' verliess die Magellanstrasse in der Mitte des Winters 
und fand seinen Ausweg durch einen wilden unbesuchten Kanal. Wohl 
clarf Sir J. Nasborough die Westküste die südliche Wüste nennen, 
„weil sie als ein so ödes Land anzuschauen ist," Wir wurden durch 

sehr schlechtes Wetter nach Chiloe getrieben Ich finde, dass 

Ohiloe aus Lava und jüngeren Absatzschichten gebildet ist. Die 
Lava ist merkwürdig, da sie viel Pechstein enthält, oder vielmehr 
ganz daraus zusammengesetzt ist 

Vorgestern kamen wir hier an. Die Aussicht auf die entfernten 
Berge ist höchst erhaben und das Klima entzückend. Nach unsrer 
langen Kreuz- und Querfahrt in den feuchten und nebligen Klimaten 
des Südens musste es das Summum bmwn des menschlichen Lebens 
vorstellen, eine reine, trockene Luft zu atmen, einen anständigen 
warmen Sonnenschein zu empfinden und gutes frisches Roastbeef zu 
essen. Der Anblick der Felsen gefällt mir nicht halb so gut, wie das 
Beef; da sind zu reichlich jene etwas schalen Ingredienzien, wie Glimmer, 
Qttarz und Feldspat darin enthalten Kurz nach unserer An- 
kunft hierselbst unternahm ich eine geologische Exkursion, es war ein 
höchst angenehmes Umherschweifen am Fusse der Anden. Das ganze 
Land erscheint aus Breccien und Schiefer, wie ich vermute, zusammen- 



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— 28 — 

gesetzt, welche durch die Wirkung des Feoers durchweg umgewandelt 
und oft völlig verändert sind; die so erzeugten Varietäten des Porphyrs 
sind endlos, aber nirgendswo bin ich bis dahin Felsen begegnet, welch» 

im (feurigen) Flusse gewesen wären Die neuere vulkanische 

Thätigkeit ist gänzlich auf die centralsten Teile der Gordilleren be- 
schränkt, welche jetzt in Anbetracht des Schnees nicht erreicht werden 
können. Im Süden des Rio Mappo untersuchte ich die tertiären Ebenen, 
welche Herr Gay schon teilweise beschrieb. Die fossilen Muscheln 
Scheinen mir weit mehr von den lebenden verschieden, als die der 
grossen patagouischen Formation; es wäre interessant, wenn auch in 
Süd-Amerika, wie in Europa, eine eocäne und miocäne Formation (an 
jüngeren ist Cberfluss) nachgewiesen werden könnten. Es hat mich 
sehr interessiert, eine grosse Menge recenter Muscheln in einer Erhebung 
von 1800 Fuss zu finden-, das Land ist an manchen Orten mit Schal- 
tieren übersäet, aber es sind durchweg Küstenarten(I); so dass ich 
annehme, die dreizehnhundert Fuss Erbebung müssen einer Folge 
kleiner Erhebungen zugeschrieben werden, wie die von 1822. Mit 
diesen sichern Beweisen der neuerlichen Herrschaft des Oceans über 
alle niedrigen Teile von Chile, besitzt der Umriss jeder Aussicht 
Und die Form jedes Thaies ein hohes Interesse. „Hat die Wirkung 
des Jiessenden Wassers oder die See diese Schlucht gebildet ?^^ — war 
eine Frage, die oft in meinen Gedanken auftauchte und gewöhnlich 
dadurch beantwortet wurde, dass ich eine Schicht von recenten Schal- 
tieren auf dem Boden derselben fand. Ich habe keine genügenden 
Beweise, aber ich möchte nicht glauben, dass mehr als ein kleiner 
Bruchteil der Anden in der Tertiär-Periode gebildet worden ist. 

Valparaiso, März 1835. 

Wir liegen augenblicklich wegen einer Windstille vor Valparaiso 
und ich will die Gelegenheit wahrnehmen, Ihnen einige Zeilen zu 
schreiben. Das Ende unserer Reise ist nunmehr beschlossen. Wir 
verlassen die amerikanische Küste im Beginn des Septembers und hoffen 

England in demselben Monat des Jahres 1836 zu erreichen 

Sie werden einen Bericht von dem schrecklichen Erdbeben vom 20. 
Februar vernommen haben. Ich wünsche, dass einige Geologen, welche 
die Erdbeben unsrer Zeiten für unbedeutend halten, die Art sehen 
könnten, in welcher der feste Felsen zertrümmert ist. In der Stadt 
giebt es kein bewohnbares Haus; die Ruinen erinnern mich an die Zeich- 
nungen der im Osten verwüsteten Städte. Wir waren zur Zeit in Val- 
divia und fühlten den Stoss sehr heftig. Die Empfindung glich der 
des Schlittschuhläufers über sehr dünnem Eise; d. h. es waren ent- 
schieden wellenförmige Bewegungen wahrnehmbar. Die gesamte 
Scenerie von Concepcion und Talcuana ist eins der interessantesten 
Schauspiele, welche wir, seit wir England verliessen, erblickt haben. 
Seit der Abfahrt von Valparaiso habe ich während dieser Kreuzung 



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— 29 — 

«088er in Geologie wenig gearbeitet. In den jungem terti&ren Schichten 
hnbe ich Tiei' Verwerfangs- Zonen nntersncbt, die mich im kleinen 
Ma88stabe an die berfihmte Strecke anf der Insel Wigbt erinnerten^ 
An einer Stelle waren schöne Beispiele dreier verschiedener Erhebnngs- 
formen. In zwei Fällen denke ich zeigen zu können, dass die Neigung 
einem System von parallelen Gftngen zuzuschceiben ist, welche die 
nntere Glimmerschieferschicht darchbrechen. Die gesamte Küste von 
€hiloe bis zum südlichen Vorsprung der Halbinsel Tres-Montes ist von 
der letzteren Felsart gebildet; sie wird von sehr zahlreichen Gftngen 
durchbrochen, deren mineralische Natur sich, wie ich denke, als sehr 
merkwürdig ausweisen wird. Ich untersuchte eine grosse Granit- 
Qaerkette, welche offenbar durch den darüberliegenden Schiefer hin- 
darchgebrochen war. Auf der Halbinsel von Tres-Montes ist ein alter 
vulkanischer Focus gewesen, der einem andern im nördlichen Teile von 
Chiloe entspricht. Ich war sehr erfreut, in Chiloe eine dicke Lage 
von recenten Schalen von Austern u. s. w. zu finden, welche die ter- 
tiftre £bene bedeckten, auf welcher grosse Waldbftnme wuchsen. Nun- 
mehr kann ich beweisen, dass beide Seiten der Anden sich in dieser 
neueren Periode zu beträchtlicher Höhe erhoben haben. Die Muscheln 
lagen hier dreihundertundfünfzig Fnss über der See. In der Zoologie 
iiabe ich nur wenig gethan, ausgenommen eine grosse Sammlung von 
kleinen Zweiflüglern und Hautflüglern aus Chiloe. An einem Tage fand 
ich FBelapkus, Anaspü, LcOridm^ Lehdes^ Cercyon^ Elmü und zwei schöne 
echte Carabi; ich hätte mir einbilden können, in England zu sammeln. 
Eine neue, hübsche Gattung einer Nacktkiemer- Schnecke, die nicht 
anf einer ebenen Fläche zu kriechen vermag, und eine Gattung ans 
der Familie der Meereicheln, die kein eigenes Gehäuse besitzt und in 
kleinen Höhlungen der Schale von ConchoUpas lebt, sind sozusagen die 
beiden einzigen Neuigkeiten. 

Valparaiso, den 18. April 1835. 

Ich bin soeben von Mendoza zurückgekehrt, indem ich die Cor- 
dilleren auf zwei Pässen überschritten habe. Dieser Abstecher hat 
wesentlich zu meiner Kenntnis der Geologie des Landes beigetragen. 

Ich will eine sehr kurze Skizze vom Bau dieser ungeheuren 

Berge geben. In dem Portillo-Pass (einem der südlichsten) haben 
Beisende die Cordilleren, als aus einer doppelten Reihe von fast 
gleicher Höhe bestehend und als durch einen beträchtlichen Zwischen- 
nium getrennt, beschrieben. Dies ist ganz richtig und der nämliche 
Bau erstreckt sich nördlich bis Uspellata. Die geringe, hier nicht mehr 
als sechs bis siebentausend Fuss betragende Erhebung der Ostlinie, war die 
Veranlassung, dass sie fast gänzlich übersehen worden ist. Um mit der 
"westlichen und Hauptkette, woselbst die Durchschnitte am besten zu 
sehen sind, zu beginnen, so haben wir eine ungeheure Masse eine« 
porphyrartigen Konglomerats, das auf Granit ruht, vor uns. Die letz* 



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— 30 — 

tere Feteart scheint den Kern der ganzen Masse zu bilden, und es ist 
in den tieferen Seitenthftlern zu ersehen, wie sie in die überliegenden 
Schichten eindringt, sie emporhebt und in der ausserordentlichsten 
Weise übereinander wirft. An den kahlen Seiten der Berge sieht 
man die komplizierten Gänge und Keile verschiedenartig gefiürbter 
Felsen in jeder möglichen Form und Gestalt die nämlichen Schichten 
durchsetzend, welche durch ihre Durchschnitte eine Aufeinanderfolge 
Ton Gewalt-Ausbrüchen beweisen. Die Schichtenbildung in all' diesen 
Bergen ist hübsch deutlich und kann, dank der Yerschiedenartigkeit in 
der Färbung, aus grossen Entfernungen gesehen werden. Ich kann mir 
keinen Teil der Welt vorstellen, der eine ausserordentlichere Scenerie 
des Aufbruchs der Erdrinde darbietet, als diese centralen Spitzen der 
Anden Die Schichten in den höchsten Zacken sind fast all- 
gemein unter einem Winkel von 70 — 80<^ geneigt Ich kann Ihnen 
nicht sagen, wie sehr ich durch einzelne dieser Aussichten entzückt 
war-, es ist wert von England zu kommen, einzig um eine so intensive 
Wonne zu empfinden. In einer Höhe von 10—12000 Fuss, ist eine 
Durchsichtigkeit der Luft, eine Täuschung über die Entfernungen und 
eine Art von Ruhe vorhanden, welche die Empfindung in einer andern 
Welt zu sein einflössen, und wenn sich alledem das so deutlich aus- 
gedrückte Gemälde der grossen Epochen der Gewalt^Umwälzungen hin- 
zufügt, so verursacht dies einen höchst seltsamenZusammenflnss von Ideen 

in unsrem Geiste Es ist ein grosser Irrtum, anzunehmen, die 

Cordilleren hierselbst seien einzig aus einem Gestein gebildet, welches 
einst in Strömen geflossen sei. In dieser Kette sah ich niemals ein 
Stück, von dem ich annehmen könnte, es sei so entstanden, obwohl 
der Weg in keiner grossen Entfernung vor den thätigen Vulkanen vor- 
rüberführte. Die Porphyre, Konglomerate, Sandstein, Quarzsandstein 
und Kalkstein wechseln mit einander ab, gehen manchmal in einander 
über und bedecken den Thonschiefer, falls er nicht von Granit durch- 
brochen ist. In den obern Teilen beginnt der Sandstein mit Gips abzu- 
wechseln, bis wir diese Substanz zuletzt in verblüffender Dicke vor uns 
haben. Ich glaube thatsächlich, die Formation ist an einigen Stellen 

(sie variiert sehr) annähernd zweitausend Fuss stark Die obern 

Schichten, welche einige der höheren Spitzen bilden, bestehen aus 
Lager von schneeweissem Gips und kompaktem roten Sandstein, in end- 
loser Folge, von der Dicke eines Papiers bis zu der weniger Fusse mit 
einander abwechselnd. Der Fels hat ein höchst seltsam gemaltes An- 
sehen. An dem Pass der Puquenas, wo in dieser Schichtenbildung ein 
schwarzes Gestein (einem Thonschiefer ähnlich, aber ohne starke Blätte- 
rung} und blasser Kalkstein den roten Sandstein ersetzt haben, fand ich 
zahlreiche Muschelabdrücke. Die Erhebung muss zwischen zwölf und 
dreizehntausend Fuss betragen. Eine Muschel, die ich für eine Qryphaea 
hielt, ist am häufigsten. Ausserdem eine Ostrea^ luwüeüa^ AmmomUs, 
kleine Bivalven, Tereäratula (?). Vielleicht wird ein guter Conchyliologe 



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— 31 — 

eine Mtttmassung darüber geben können, mit welcher grossen Abteilung des 
europäischen Kontinents diese organischen Überreste die meiste tTber- 
einstimmnng yerraten. Sie sind äusserst unvollständig und sparsam, 
nur die Gryphiten- sind höchst vollkommen erhalten. Es war spät im 
Jahre und die Gegend wegen der Schneestürme besonders gefahrvoll. 
Ich wagte nicht, mich aufzuhalten, sonst wäre wohl eine gute Ernte 
einzuheimsen' gewesen. So viel über die westliche Linie. 

In dem Portillo-Pass ostwärts vordringend, begegnete ich unge- 
heuren Massen eines Konglomerats, welches nach Westen unter 45 <^ 
einfällt und auf geschiefertem Sandstein u. s. w. ruht, der von einer 
sehr grossen Masse von Protogen (mit grossen Quarzkrystallen, rotem 
Feldspat und einem feinen Ghlorit) emporgehoben, in Quarzfels ver- 
wandelt und mit Gängen durchsetzt ist Jenes Konglomerat nnn, 
welches darauf ruht und von dem Protogen unter einem Winkel von 
45 ^ abfällt, besteht aus der eigentümlichen Felsart der zuerst beschrie- 
benen Kette, aus Bruchstücken des schwarzen Felsens mit Muscheln, 
grünem Sandstein u. s. w. u. s. w. Es ist hier offenbar, dass die 
Erhebung (und wenigstens teilweise Bildung) der grossen Ostkette 
durchweg später als die der westlichen erfolgt ist. Gegen Norden im 
Uspellata-Pass haben wir ebenfalls eine Thatsache derselben Klasse. 
Bitte dies im Gedächtnis zu behalten, es wird dazu beitragen, Ihnen das 
Nachfolgende glaubhaft zu machen. Ich habe gesagt, die Uapellata-Kette 
sei geologisch, obwohl nur 6 — 7000 Fuss hoch, eine Fortsetzung der 
grossen Ostkette. Sie hat ihren Granitkem, und besteht aus grossen 
Schichten verschiedenartiger krystallinischer Gesteine, welche, wie ich 
nicht zweifeln kann, wässrige Laven sind, die mit Sandstein, Konglo- 
meraten und weissen Alaunlagem (zersetztem Feldspat ähnlich) und 
manchen andern seltsamen Varietäten sedimentärer Schichten abwechseln. 
Biese Laven und Sandsteine wechseln sehr oft miteinander ab und 
sind untereinander gleichmässig gefägt. Während zweier Tage sorg- 
fiUtiger Untersuchung sagte ich mir wenigstens fünfzigmal, wie genau 
übereinstimmend, nur etwas härter, diese Schichten mit denen der 
Obern Tertiärschichten von Patagonien, Chiloe und Concepcion seien, 
ohne dass mir die Möglichkeit ihrer Identität je einfiel. Zuletzt war 
aber dieser Schlussfolgerung nicht mehr zu widerstehen. 

Muscheln konnte ich nicht erwarten, denn sie kommen in dieser 
Formation niemals vor, aber Lignite oder Kohlenschiefer mussten zu 
finden sein. Schon vorher war ich äusserst überrascht gewesen, im 
Sandsteine dünne (wenige Zoll bis einige Fuss starke) Lagen von 
Pechstein-Breccie anzutreffen. Ich vermutete nunmehr stark, dass der 
ttnten lagernde Granit diese Schichten in Pechstein verwandelt habe. Das 
^ die Formation besonders charakteristische verkieselte Holz fehlte 
bisher, aber die Überzeugung, dass ich mich im tertiären Schichten- 
gebiete befand, war zu dieser Zeit so stark in meiner Empfindung, 
dass ich am dritten Tage mitten unter Laven und Granithaufen eine 



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— 82 — 

anscheinend verlorene Jagd darauf anstellte. Glauben Sie vohl, da» 
ich Erfolg hatte? In einer Böschung von kompaktem grttnem Sandstein 
fand ich ein kleines GehOlz von versteinerten Bäumen in senkrechter 
Stellung, oder vielmehr die Schichten waren unter 20 — 30 <> nach äet 
einen und die Bäume unter 70 o nach der andern Seite geneigt, das 
heisst sie standen vor der Bedeckung g^nau senkrecht. Der Sandstein 
besteht aus vielen horizontalen Schichten und ist mit den concentrischen 
Linien der Rinde versehen. Elf sind völlig verkieselt und gleichen 
dem dikotylischen Holz, welches ich in Chiloe und Concepcion fand, 
die andern dreissig oder vierzig erkannte ich als Bäume, einzig nach 
der Analogie von Form und Stellung; sie bestehen aus schneeweissei 
Säulen (wie Loths Weib) von grob krystallisiertem kohlensauren Kalk. 
Der stärkste Stamm hat sieben Fuss. Sie sind alle eng beieinander, 
innerhalb eines Gebiets von hundert Ellen und auf derselben Boden- 
flache, nirgends sonstwo konnte ich welche finden. Es kann nicht 
bezweifelt werden, dass die Lagen feinen Sandsteins ruhig zwischen 
einer durch ihre Wurzeln aufrecht erhaltenen Baumgruppe abgelagert 
worden sind. Der Sandstein ruht auf Lava und wird von einer grossen, 
ungefähr tausend Fuss dicken Schicht von schwarzer augitischer Lava 
bedeckt ; über dieser befinden sich wenigstens fünf abwechselnde Lagen 
von dicken Schichten von Felsen und wässrigen Absatzbildnngen, 
bis zur Dicke von mehreren tausend Fuss anwachsend. Ich bin 
förmlich erschreckt vor der einzigen Schlussfolgerung, welche ich aus 
dieser Tatsache ziehen kann, nämlich dass dort eine Vertiefung der 
Erdoberfläche um diesen Betrag stattgefunden haben muss. Aber ab- 
gesehen von dieser Betrachtung war es eine höchst befriedigende StUtifi 
meiner Annahme vom tertiären Alter dieser östlichen Kette. (Ich ver- 
stehe unter tertiär, dass die Leitmuscheln der Periode eng verwandt 
und zum Teil identisch mit den in den untern Schichten von Patagonien 
liegenden sind.) Ein grosser Teil des Beweises muss beruhen bleibea 
auf meinem ipse dbsit einer mineralogischen Ähnlichkeit mit demjenigen 
Schichten, deren Alter bekannt ist. Dieser Ansicht zufolge ist Granit, 
welcher Bergspitzen von einer wahrscheinlichen Höhe von 14000 Fuss 
bildet, in der tertiären Epoche geflossen; Schichten jener Periode, die 
durch seine Hitze verändert und mit Gängen durchsetzt worden sind, 
stehen nunmehr unter hohen Neigungswinkeln und bilden regelmässige 
oder komplicierte antiklinale Linien. Um diese Steigerung noch weit^ 
zu führen: diese nämlichen sedimentären Schichten und Laven werden 
von sehr zahlreichen, echt metallischen Adern von Eisen, Kupfer, 
Arsenik, Silber und Gold durchschnitten, und diese können bis zum 
darunterliegenden Granit verfolgt werden. Eine Goldmine wird dicht 
bei der Gruppe versteinerter Bäume ausgebeutet. Wenn Sie meine 
Handstücke, Durchschnitte und Berichte sehen, werden Sie glauben, 
dass ziemlich starke Wahrscheinlichkeitsgründe für die obigen Thatsachen 
vorhanden sind. Sie erscheinen von grosser Wichtigkeit, denn der 



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— 33 — 

Bau nnd die Grösse dieser Kette kann den Vergleich mit jeder belie* 
bigen der Welt ertragen: und dass alles dies in einer so jungen Erd- 
periode entstanden sein soll, ist in der Tbat merkwürdig. In meinem 
eigenen Denken bin ich Töllig davon überzeugt. Jedenfalls kann ich 
mit der grössten Gewissenhaftigkeit sagen, dass kein vorgefasster Schluss 
mein Urteil beeinflusst hat. So wie ich sie beschrieben habe, beobachtete 
ich die Thatsachen 

Mit Erstaunen entnimmt man diesen, unter dem frischen Ein- 
drucke der gewaltigen Gebirgsnatur geschriebenen Briefen, wie 
schnell der angehende Naturforscher die Lücken seines Studiums 
ausgefällt, wie er schon damals den umfassenden Blick für allge- 
meine Folgerungen, bei derselben Vorsicht im Schliessen, die seine 
späteren Arbeiten auszeichnet, bethätigte. Die Geologie, welche 
ihm noch vor wenigen Jahren so unendlich langweilig erschienen 
war, bildete jetzt mit einem Male seine Leidenschaft. Allerdings 
war diese Wissenschaft damals mit neuem Lebensblute versehen 
worden, denn Lyell hatte in seinen Principles of Geologie (London 
1830—33) der damals herrschenden Katastrophen -Theorie, 
nach welcher die Erdformationen durch grosse Revolutionen ge- 
trennt gewesen sein sollten, den Todesstoss versetzt und die schon 
früher durch von Hoff in Deutschland vertretene Ansicht zum 
Siege gebracht, dass die Erdoberfläche sich in der Vergangenheit 
ebenso allmählich verändert hat, als heutzutage, und dass einzig die 
noch heute wirksamen Naturkräfte (existing causes) diese Verände- 
rungen bewirkt haben, welche uns nur dadurch oft als gewaltsame 
Umwälzungen erscheinen, weil wir die langsame Thätigkeit uner- 
messlicher Zeiträume in einen einzigen Anblick zusammengedrängt 



Diese langsame, aber im unaufhörlichen Fortschreiten zu ge- 
waltigen Beträgen steigende Wirkung sah Darwin in dem lang- 
samen Aufsteigen der Küsten Südamerikas, die er noch mit Mu- 
scheln bedeckt fand, welche mit den am Ufer lebenden identisch 
waren, und deren organische Bestandteile sich noch nicht einmal 
völlig verwest zeigten, seitdem das Land um mehrere hundert 
Fuss gestiegen war. Auf der kleinen Insel San Lorenzo und an 
der gegenüberliegenden Stelle der peruanischen Küste fand er sogar 
Beweise, dass diese Orte sich noch um 85 Fuss gehoben hatten, 
seit sie von civilisierten Indianern bewohnt waren. Auch über di^ 

Krame, Ch. Darwin. 3 



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— 34 — 

Erhebung der Anden gewann er neoe, überraschende Aufschlüsse 
und konnte den Beweis antreten, dass sie keineswegs mit einer 
allgemeinen Erdrevolntion zusanmiengefallen und zwei grosse Erd* 
formationen oder Schöpfungsperioden, wie man sich früher aus- 
drückte, getrennt habe, sondern innerhalb der Tertiärzeit erfolgt 
sei, als die Oberfläche des südamerikanischen Bodens schon die 
Beschaffenheit zeigte, wie auf weiten Gebieten noch heute. Seit 
ihm unter der Führung Lyells diese grossen Gesichtspunkte hin- 
sichtlich der Erdgeschichte aufgegangen waren, traten die lebenden 
Bewohner derselben far einen Augenblick in den Hintergrund. 
Zwar versäumte er keine Gelegenheit, sie zu sanuneln und zu 
untersuchen, er behielt namentlich die auch von Lyell eingehend 
berücksichtigte Geographie der Pflanzen und Tiere im Auge, indem 
er Flora und Fauna abgeschlossener Gebiete so vollständig wie 
möglich zu sammeln suchte; aber man sieht doch, dass sein. Heiz 
vor allem an der grossen Frage hing: Wie hat die Erdoberfläche 
ihre heutige Beschaffenheit erlangt, wie ist die jetzige Verteilung 
von Festland und Wasser, Berg und Thal entstanden? 

Deshalb interessierte ihn auch ganz besonders das Sta- 
dium der Korallen, weil sich dieselben mehr an dem Bau der 
Erdrinde beteiligt haben, als irgend welche andern Tiere. Schon 
lange, bevor die Expedition nach der Südsee abging, beschäftigte 
sich Darwin, zur Vorbereitung auf die seiner dort wartenden geo- 
logischen Probleme, eifrig damit, die Organisation und Lebensweise 
der Korallen-Tiere nach allen Eichtungen zu studieren, und es 
war dies namentlich während der Seefahrten seine Hauptbeschäfti- 
gung. Allerdings gehörte das Material, was ihm zunächst zur Ver- 
fugung stand, meist nicht den riflbildenden Korallen, und vielfach 
überhaupt nicht den eigentlichen Korallen, sondern den sogenannten 
Mooskorallen oder Bryozoen an, die man damals von den ersteren noch 
nicht hinlänglich unterschieden hatte. An diesen Tieren, die ja 
auch das erste Interesse des jungen Naturforschers in Edinburg 
wachgerufen hatten, machte er in jenen Zwischenzeiten, wo er in 
seiner Kabine gefangen sass, manche merkwürdige Beobachtungen. 
Er erkannte die durchgreifende Verschiedenheit ihrer Organisation 
von derjenigen echter Korallentiere, und beobachtete namentlich 
auch die seltsamen Gesellschafter, welche viele Mooskorallen in 
Gestalt von vogelschnabelähnlichen Greifzangen und Fühlern er- 



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— 35 — 

kalten. Als die Expedition bei den Südsee-Inseln angekommen 
war, die der grossen Mehrzahl nach aus ringförmigen, nur wenig 
über die Meeresoberfläche emporragenden Korallenriffen, sogenannten 
Atollen bestehen, nahm ihn das Problem der Entstehung derselben 
wiederum vollkommen in Anspruch, und seine Beobachtungen 
fahrten ihn, wie wir nachher sehen werden, zu einer Theorie über 
dieselbe, welche beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch die 
Geister befriedigt hat, wenn auch in der Neuzeit manche 
Stimmen aufgetaucht sind, welche die Tragweite dieser Theorie nach 
Terschiedenen Sichtungen bekämjjfen. 

Aus den von Henslow mitgeteilten Auszügen von Briefen, 
die Darwin aus Südamerika an ihn gerichtet, könnte man den 
Schluss ziehen, dass der Beisende nicht diejenige Befriedigung in 
dem Besuche tropischer Länder gefunden hätte, welche er sich ver- 
sprochen und die Lektüre der Humboldtschen Reisewerke ihm in Aus- 
sicht gestellt hatte. Allein man darf nicht vergessen, dass obige 
Veröffentlichung nur Bruchstücke gab, in denen wahrscheinlich 
manche Ergüsse des individuellen Gefühls weggelassen wurden, 
und femer, dass es Darwin schon damals verschmähte, seinen Be- 
richten irgend welchen rednerisdien Schmuck zu verleihen. Man 
muss sogar eine gewisse Vernachlässigung des Stiles in diesen, 
wie in den meisten späteren Briefen Darwins zuzugestehen, und 
der Übersetzer befindet sich fortwährend in der Verlegenheit, ein 
wenig nachhelfen zu müssen, um wenigstens lesbare Sätze zu 
Stande zu bringen. Dass aber Darwin die Erhabenheit jener Ein- 
drücke mit offenen Sinnen aufiiahm, und wenn er sich die Mühe 
nehmen wollte, auch ebensowohl wie andere imstande war, ihnen 
Worte zu leihen, zeigen viele Stellen seines Reisewerkes. In dem 
Bückblick desselben schildert er die TJnvergänglichkeit der Ein- 
drücke jener Bootsfahrten und Reisen durch unbesuchte Länder, 
wie sie üim keinerlei Scenen der Civilisation hervorgerufen haben 
würden, und die öden Wüsten Patagoniens wie die unwirtlichen 
Gestade Feuerlands erschienen seiner Erinnerung ebenso als Tempel 
der Natur, wie die unberührten Urwälder Brasiliens, wo in dem- 
selben Grade das Leben vorherrscht, wie dort Tod und Verfall. 
Bie Beobachtung des Lebens wilder Tiere in der Natur, so ver- 
schieden von dem in der Gefangenschaft oder gar von dem Ein- 
druck ihrer präparierten Körper in Sammlungen, erschien ihm in 



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— 36 — 

80 hohem Masse packend, dass er sich fragt, ob wohl das Entr 
zücken an der Jagd und am freien umherschweifen in der Natur 
ein Erbteil von unsren mehr in der Natur lebenden Ahnen sein 
möchte. Auf der niedersten Stufe sah er den Menschen an den 
feuerländischen Gestaden, und der Gedanke kam ihm, ob auch 
ünsre Vorfahren einst so aller höheren Gaben der Vernunft und 
Kunstfertigkeit entblösst gewesen sein möchten, wie diese armen 
Wilden. Alles Entzücken der Beiseeindrücke aus den Tropen fasst 
noch einmal jene Erinnerung an einen Spaziergang bei Bahia zu- 
sammen, als das SchifT aus der S^dsee heimkehrend, zum zweiten- 
male einen kurzen Aufenthalt an der Küste von Brasilien ge- 
nommen hatte. Es heisst darin: 

„Ging ich ruhig den schattigen Pfad entlang und bewunderte 
ich jede sich mir nach einander darbietende Aussicht, so wünschte 
ich wohl Worte zu finden, meine Ideen ausdrücken zu können. 
Eigenschaftswort nach Eigenschaftswort wurde hervorgesucht und 
für zu schwach befunden, um denen, welche die tropischen Gegenden 
nicht besucht haben, das Gefühl von Entzücken mitteilen zu 
können, welches der Geist hier empfindet. Ich habe schon gesagt, 
dass die Pflanzen in einem Gewächshaus keine richtige Idee von 
der Vegetation mitteilen können, und doch muss ich darauf zurück- 
kommen. Das Land ist ein grosses, wildes, unordentlich gehaltenes, 
üppiges Gewächshaus, was die Natur für sich errichtet hat, wovon 
aber der Mensch Besitz ergriffen und es mit freundlichen Häusern 
und planvoll angelegten Gärten bedeckt hat. Wie gross würde ^bei 
jedem Bewunderer der Natur die Sehnsucht sein, wenn es möglich 
wäre, die Scenerie eines andern Planeten zu erblicken, und doch 
kann man in Wahrheit sagen, dass für jedermann in Europa in 
der Entfernung von nur wenigen Graden die Wunder einer andern 
Welt geöffnet sind. Auf meinem letzten Spaziergang blieb ich 
immer und immer wieder stehen, um diese Schönheiten anzu- 
starren und mir in meinem Geiste för immer einen Eindruck fest- 
zuhalten, von dem ich wusste, dass er früher oder später einmal 
abblassen müsse. Die Form des Orangenbaums, der Kokospabne, 
der Palme, des Mango-Baumes, des Baumfam, der Banane wird 
klar und deutlich gesondert bleiben ; aber die tausend Schönheiten, 
welche alle diese za einer vollkommenen Scene vereinigen, müssen 



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.^ 37 -- 

erbleichen. Und doch werden sie, wie ein in der Kindheit ge- 
hörtes Märchen, ein Gemälde voller zwar undeutlicher, aher ausser- 
ordentlich schöner Bilder zurücklassen."*) 



lY. Die Bearbeitung der Reise-Ergebnisse. 

Am 2. Oktober 1836 betrat Darwin zu Falmouth den heimat- 
lichen Boden, welchen er seitdem nie wieder, nicht einmal für eine 
kleine Beise nach dem Festlande, verlassen hat. Nachdem er seine 
Angehörigen wiedergesehen und sich von den Strapazen der langen 
Fahrt einigermassen erholt hatte, begab er sich nach London, woselbst 
er drei Jahre zubrachte, um seine grossen, aufs glücklichste heim- 
gebrachten Sammlungen von Mineralien, Versteinerungen, Tieren 
und Pflanzen zu ordnen, die geeigneten Mitarbeiter für die wissen- 
schaftliche Bearbeitung zu finden und seine Tagebücher für die 
Veröffentlichung vorzubereiten. Freilich machten sich die Nach- 
wehen der Reise hinsichtlich seines Gesundheitszustandes bald be- 
merklich und die Arbeiten gingen keineswegs in der vom ihm ge- 
hofften Schnelligkeit vorwärts. Man kann sich leicht vorstellen, 
dass es eines seiner ersten Gemütsbedürfhisse war, sich mit Lyell, 
für dessen Reformation der Geologie er so gewichtige Stützen ge- 
funden hatte, in nähere Verbindung zu setzen. Er sandte demselben 
eine kurze Darlegung seiner Beobachtungen hinsichtlich der lang- 
samen Erhebung des südamerikanischen Kontinents und erhielt von 
demselben eine vom 26. Dezember 1836 datierte Einladung, ihn zu 
besuchen, um die ihnen gemeinsam am Herzen liegende Arbeit 
darüber zu besprechen und ihm mit Rat und That an die Hand 
zugehen. Dieser^ erste Brief Lyells an Darwin**), welcher einen 
bis zum Tode des grossen Geologen fortgesetzten Verkehr eröffnete, 
ist in mehrerer Beziehung so interessant, dass er hier mit einigen 
Auslassungen folgen mag: 



*) Reise u. s. w. S. 573. 
**) Vergl. Life, Letters and Journals of Sir Charles Lyell edited by his 
^9ter in law Mrs, Lyell. Vol. L p. 474. London 188L 



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— 38 — 

,,Meiii lieber Herrl^^ schreibt Lyell, „ich habe Ihre Abhandlung 
mit dem gr(y88teii Vergnügen gelesen, nnd wOrde gern einzelne 
Stellen, welche der Erläuterung bedürfen nnd in denen ein oder zwei 
Worte verändert werden müssten, andeuten, aber in einem Briefe 
würde das unmöglich sein. Ich habe Anmerkungen dazu gemacht, 

nnd hoflfe, Sie werden hier vorsprechen, bevor Sie die Arbeit lesen 

Die Idee der im Masstabe eines Zolls im Jahrhundert aufsteigenden 
Pampas, während die Westküste und Anden viele Fuss und ungleich- 
massig sich erhoben, ist lange einer meiner Träume gewesen. Welch' 
ein prächtiges Gebiet haben Sie, um darüber zu schreiben! 

Nehmen Sie, wenn Sie es vermeiden können, keinerlei offizielle 
wissenschaftliche Stellung an, und* sagen Sie niemandem, dass ich es 
war, der Ihnen diesen Rat gab, sonst würden sie alle gegen jnich, als 
den Yerkünder antipatriotischer Prinzipien Lärm erheben. Ich kämpfte 
80 lange ich konnte, gegen das Unglück, Präsident (der geologischen 
Gesellschaft) zu werden. Alles ist glimpflich abgegangen und es hat 
mir nicht mehr Zeit gekostet, als ich im voraus annahm; aber ich 
bin im Zweifel , ob die von gelehrten Körperschaften (durch die 
administrativen Geschäfte) vernichtete Zeit, durch irgend ein Gutes, 
welches sie thun, aufgewogen wird. Welcher Wahn, für den Herschel 
vom Cap*) einen Herschel als Präsidenten der Rojal-Society — welchem 
Amt er knapp entschlüpfte, — einzutauschen und ich stimmte noch 
gar für ihnl Ich hoffe Vergebung dafür zu finden. Zum Schlüsse: 
Arbeiten Sie viele Jahre lang, wie ich es that, ausschliesslich für sich 
selbst und für die Wissenschaft und setzen Sie sich nicht vorzeitig 
der Ehre und Last offizieller Würden aus. Dazu giebt es Leute, welche 
in solchen Ämtern vorteilhaft Verwendung finden können, weil sie, 
wenn nicht in solcher Weise in Anspruch genommen, gar nichts thun 
würden 

Niemals ist ein guter Eat besser befolgt worden, als der hier 
ausgesprochene von Darwin. Zwar konnte er sich der Huldigung 
nicht entziehen, alsbald zum Ehren-Schriftfuhrer der Londoner geo- 
logischen Gesellschaft erwählt zu werden, aber nachmals hat er kein 
Amt weiter angenommen, mit Ausnahme desjenigen eines Orts- 
Vorstandes in Down, welches er bis zu seinem Tode bekleidet hat 
Die in Lyells Briefe erwähnte kleine Abhandlung über die Erhebung 
des südamerikanischen Kontinents wurde im Januar 1837 der geo- 
logischen Gesellschaft vorgelegt**), der er bereits vorher verschiedene 
,geologische Notizen", geschrieben während einer Aufnahme der 
Ost- und Westküsten Südamerikas in den Jahren 1832 — 1835***), 

♦) Der jüngere Herschel war in den Jahren 1834—38 nach dem Cap 

der guten Hoffnung gegangen, um den südlichen Sternhimmel aufzunehmeiL 

**) Proceedings, Geolog, Societ. IL p. 446—49. — **♦; Ibidem p, 210—212. 



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— 39 — 

mitgeteilt hatte, und diese beiden Arbeiten sdieinen die ersten 
im Dracke erschienenen Arbeiten Darwins gewesen zu sein. 

Zu einer andern kleinen Mitteilung an die geologische Oe- 
sellschaft"') hatte ihn zu jener Zeit ein Besuch bei dem Bruder 
«einer Mutter, Mr. Wedgewood in Maer-Hall (Staffordshire), die 
erste Veranlassung gegeben. Sein Oheim hatte ihn darauf auf- 
merksam gemacht, dass Kohlen, Kalksteine, Sand und andere 
"Gegenstände, die man in dünner Schicht über ein Feld ausbreitet, 
nach einigen Jahren mehrere Zoll unter der Erdoberfläche gefunden 
werden, und in gleichmässiger Schicht immer tiefer sinken. Er 
hatte auch sogleich die richtige Erklärung dafür gegeben, dass dies 
weniger dem atmosphärischen Staube zu danken sei, der sich über 
die Oberflächenschicht sammelt, als den Begenwürmem, welche 
beständig aus der Tiefe neue Erde emporschaffen, indem sie die- 
selbe durch ihren Körper gehen lassen und mit ihren wurmfor- 
migen Exkrementen die Oberfläche überschütten. Da nun der von 
den Würmern unterhöhlte Boden in dem Masse, wie sie die tiefere 
Erde nach oben schaffen, nachsinken muss, so wird jede frühere 
Oberflächenschicht auf einem von Erdwürmem bewohnten Boden 
allmählich tiefer sinken, die Erde an der Oberfläche aber, gedüngt 
von den Exkrementen der Würmer, beständig erneuert werden. 
Schon damals gab Darwin seiner Überzeugung Ausdruck, dass die 
Bildung der fruchtbaren Ackerkrume wesentlich ein Werk der 
Erdwürmer sei. Da aber diese Ansicht von d'Archiac, Fish 
und andern lebhaft bekämpft und verworfen wurde, so behielt er 
das Leben und Treiben jener kleinen, verschwindenden Potenz im 
Erdleben beständig im Auge; die Regenwürmer wurden, wie er 
einst dem Schreiber dieser Zeilen launig schrieb, sein „Stecken- 
pferd'* und nachdem er Grundbesitzer geworden war, stellte er 
Versuche an, die sich zum Teil über mehr als zehn Jahre er- 
streckten, um die Arbeit der Regenwürmer zu beweisen, und wie 
äe den Inhalt einer seiner ersten Abhandlungen ausgemacht 
hatten, so bildeten sie bekanntlich auch den Gegenstand seines 
letzten grösseren Werkes. 



♦) TransacHons of the Geolog. Soc. 2. Ser, Vol. V. 1838 p. 505^509. Oe- 
aammeite Werke Bd. XII. 2. Abteü. p. 98—98. 



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— 40 — 

Inzwischen fahr Darwin fort, seine wichtigsten Beisebeobach* 
tungen zunächst in Form kleiner „yorlänfiger Mitteilungen'* den 
gelehrten (Gesellschaften zu unterbreiten. So hatte er bereits 
1837 der zoologischen Gesellschaft in London eine kleine Mitteilung*) 
über eine neue Art des amerikanischen Strausses vorgelegt, die in 
den südlichen Teilen Patagoniens lebt, und kleiner, kurzbeiniger 
und dunkler gefärbt ist, als der gewöhnliche,' in den nördlichai 
Distrikten häufigere Nandu. Sein Vorhandensein war bereits früheren 
Beisenden, z.B. Dobrizhoffer, bekannt geworden, aber kein Omi- 
thologe, selbst A.d'Orbigny nicht, der sich die grösste Mühe darum 
gegeben, hatte des Vogels bis dahin habhaft werden können. 
Darwin brachte die wesentlichsten Teile eines Exemplars, welches 
ein Mitglied der Expedition geschossen, und welches dann „aus 
Vergesslichkeif' aufgegessen worden war, mit nach England und 
danach hat Gould die neue Art beschrieben und zu Ehren des 
Beisenden Struthio {Rhea) Darwinii genannt. 

Die nächsten Publikationen betrafen lauter geologische Gegen- 
stände und gehören ebenfalls in die Kategorie vorläufiger Mittei- 
lungen, weshalb wir sie nur der Beihe nach summarisch auffuhren. 
Ihre Titel lauten: Beschreibung der vorweltliche Säugetiere entr 
haltenden Ablagerungen in der Umgebung des Piatastroms**). — 
Über den Zusammenbang gewisser vulkanischer Erscheinungen in 
Südamerika, über die Bildung von Bergketten und die Wirkung 
kontinentaler Erhebungen.***) — Über die Entstehung der salzhal- 
tigen Ablagerungen Patagoniens. f) — Über gewisse Erhebungen 
und Senkungen des Bodens im Stillen und im Indischen Ocean, 
nachgewiesen an den Korallenbildungen, ff) — Bemerkungen über 
einen auf schwimmendem Eise in 16« südlicher Breite gesehenen 
Felsblock.fff) — Über die parallelen Erdwälle des Glen Boy und 
andrer Teile von Lochhaber in Schottland, nebst einem Versuch, 



*; Proceed. of the Zool. Soc, London V. 1837 p, 36—36. 
**) Proceed, of the OeoL Soc. II. p, 542—44. 

***) Proceed. of the Geol. Soc. 1838. p. 654-^660 u. Transactions of the 
Geol. Soc. V. (1840) p. 601—632. Wiederabgedruckt in den gesammelten 
"Werken Bd. XII. 2. AbteiJ. S. 12—53. 

t) Journ, of the Geol. Soc. IL pt. 2. p. 127—128. 
tt) Proceed. of the Geol. Soc. II. p. 552—554. 
tff; Joum. of the Geogr. Soc. IX. (1839) p. 528—529. 



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— 41 — 

ihren marinen Ursprung nachzuweisen.*) — Man sieht, es war 
ihm zunächst darum zu thun, die hauptsächlichsten Ergebnisse 
seiner geologischen Beobachtungen kurz in Sicherheit zu bringen, 
während er die ausführliche Darlegung und Begründung auf spätere 
Zeiten verschob. 

Einer der Hauptbeweggründe für dieses Verfahren war, dass 
zunächst die offiziellen Berichte über die Leistungen der Expedition 
fertig gestellt werden mussten, welche dann im Jahre 1839 unter 
dem Titel „Narrative of the surveying voyages of the Adventure and 
Beagle^^ erschienen. Der dritte Teil dieses Werkes war von Darwin 
allein verfasst, und brachte den Inhalt seiner Beisetagebücher in 
ausführlicher Darstellung.**) Im Jahre darauf (1840) konnte auch 
mit der Herausgabe des grossen Werkes über die zoologischen Er- 
gebüisse der Eeise begonnen werden, für dessen Druck die Regie- 
rung 1000 Pfund Sterling bewilligt hatte. Dasselbe erschien unter 
dem Titel: „TÄe Zoologie of the voyage of H, AI. S. Beagle under 
the command. of Capt. Fitz Roy during the years 1832 to 1836. 
Published with the approval of the Lord Commissioners of H. M, 
Treasury: Edited and superintended by Ch. Darwin^ naturalist to 
the expedition'^ und wurde 1843 beendet. Die Bearbeitung der 
fünf Abteilungen hatten fünf berühmte Zoologen übernommen, 
nämlich R. Owen (fossile Säugetiere), G. K. Waterhouse 
(lebende Säugetiere), J. Gould (Vögel), Th. Bell (Reptilien), 
1. Jenyns (Fische). Zu jeder dieser fünf Abteilungen hat Dar- 
win eine Einleitung verfasst, und zwar zu der ersten eine 'geo- 
logische, zu den vier folgenden eine solche über Verbreitung und 
Lebensweise der betreffenden Tiere. Wie man sieht, sind in diesem 
mit Unterstützung der Regierung [erschienenen offiziellen Werke 
nur die Wirbeltiere beschrieben worden. Die weitere Ausbeute war zu 



*) Philos, Transact. 1839 p, 39—82. 

**) Da bei diesem Werke auf ein allgemeineres Interesse gerechnet 
werden konnte, so gab Darwin 1846 unter dem Titel „Journal of Researchea 
into the natural history and geology of the countries visited during the voyage of 
B. M. S, Beagle round the w&rld^^ eine neue verbesserte und zusammengezogene 
Ausgabe bei Murray in London heraus, die seitdem in die meisten Kultur- 
Bprachen übersetzt wurde, ins Deutsche sogar zweimal von Ernst Dieffen- 
bach (Braunschweig 1844) und von J. V. Carus unter dem Titel „Reise 
«ine 8 Naturforschers um die Welt" für die Suttgarter Ausgabe der 
Ifesammelten Schriften Darwins, deren ersten Teil sie bildet. 



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— 42 — 

gross, um sie in einem einzigen Werke niederzulegen. Die wirbel- 
losen Tiere, unter denen die Inseldien obenan stehen, wurden 
dann nach und nach in besonderen Abhandlungen von Newmann, 
Walker, Waterhouse und White beschrieben. Die in Süd- 
amerika und auf den Galapagos - Inseln gesammelten Pflanzen 
wurden von J. D. Hooker, diejenigen der Keeling- Inseln von 
Henslow und die Kryptogamen von Berkeley beschrieben, und 
manches harrt wahrscheinlich heute noch der Publikation. Anck 
wenn wir von den weiteren Ergebnissen dieser Reise vorläufig ganz 
absehen, darf gesagt werden, dass wohl nur in wenigen Fallen eine 
mit so geringen Mitteln ins Werk gesetzte naturwissenschaftliche 
Expedition eine so reiche, alle Gebiete der Naturforschung be- 
fruchtende Ausbeute an unmittelbar verwertbaren Ergebnissen ge- 
liefert hat. 

Nachdem der schnell zu Ansehen und Ruf gelangte junge 
Reisende so die ihm obliegenden Publikationen vorbereitet und die 
Bearbeitung der ohne Verlust mitgebrachten Schätze in die rechten 
Hände gelegt hatte, durfte er einen Augenblick an sich selbst denken, 
und erbat von seinem oben erwähnten Oheim die Hand seiner Cousine 
Emma Wedgewood, einer Enkelin Josiah Wedgewoods, mit der 
er sich 1839 vermählte. Aus dieser Ehe entstammten, wie gleich 
hier erwähnt werden mag, fünf Söhne und zwei Töchter, die gleich 
der Mutter sämtlich noch am Leben sfnd. In den ersten Jahren 
nach seiner Verheiratung sah sich D arwin, wegen der im Gange be- 
findlichen wissenschaftlichen Publikationen, noch an London gefesselt, 
aber bald fühlte er, dass seine schwankende Gesundheit ihm nicht 
gestattete, den gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ihm das 
Leben in der Hauptstadt auferlegte, nachzukommen, und er zog 
sich deshalb im Jahre 1842 nach Down zurück, einem südöstlich 
von London gelegenen Dorfe von 500 Einwohnern, in der Nähe der 
Städtchen Beckenham und Bromley in Kent, und von diesem an- 
genehmen Landsitze, an dem er bis zu seinem Tode gewohnt hat, 
sind die meisten seiner späteren Arbeiten datiert. 

Nach Begründung seiner Häuslichkeit und Beendigung der 
ofiRziellen Arbeiten ging Darwin sofort daran, seine auf der Eeise 
gemachten geologischen Beobachtungen in ausführlichen Werken 
darzustellen, und man darf es wohl als einen Gradmesser der Wert- 
schätzung und des Herzensanteils, den er an den verschiedenen 



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— 43 — 

Beobachtungsreihen nahm, ansehen, wenn wir ihn zunächst mit 
seinen letzten Beobachtungen aus der Südsee, mit dem Problem 
der Korallen-Inseln oder Atolle beschäftigt finden. Schonlange 
hatte die Frage, wie man sich die Entstehung dieser ringförmigen 
Inseln, welche eine Lagune, ein inneres Meer, ron dem äussern ab- 
grenzen, zu denken habe, die Geologen erregt, ohne dass eine be- 
friedigende Lösung gefunden worden wäre. Die ehemals gangbarste 
Meinung, welche noch die meiste Wahrscheinlichkeit für sich zu 
haben schien, erklärte die Atolle der Südsee für die Bilder unter- 
seeischer Vulkane, sofern die Korallenriife auf den Rändern ihrer 
erloschenen Krater emporgebaut sein sollten. Diese Annahme aber 
konnte eine eingehende Kritik nicht bestehen, denn einmal hiess 
es ein Gewimmel von Kratern in der Südsee annehmen, welches 
schon ihrer Zahl nach unwahrscheinlich sein musste, und zweitens 
haben manche dieser Ringinseln einen Durchmesser von acht bis 
zehn, ja bis fünfzehn geographischen Meilen, wie er niemals bei 
einem irdischen Krater gefunden worden ist und sich nur etwa bei 
den Kraterebenen des Mondes findet. 

Darwin war nun, von der jetzigen Lebensweise der riftbilden- 
den Korallen ausgehend, zu einer wahrscheinlicheren Erklärung ge- 
langt. Er sah, wie die im Bau begriffenen Korallenriffe sich stets 
nur in einer gewissen massigen Tiefe befinden und deshalb in der 
Regel die nicht allzu steil abfallenden Ufer von Inseln und Fest- 
landsküsten in einer kleinen Entfernung umgürten, weil die rift- 
büdenden Korallenpolypen in grösseren Meerestiefen nicht leben 
können. Es war daher auch ein unmöglicher Gedanke, dass sie 
jene Ringinseln von den untersten Fundamenten und allmählich em- 
porgebaut haben könnten, wenn ihnen nicht ein anderer Umstand 
zu Hilfe gekommen wäre. Darwin, der in Amerika so viele Be- 
obachtungen über das langsame Sinken und Emporsteigen der 
Meeresküsten anges teilt hatte, frug sich nun, was geschehen würde, 
wenn eine mit einem ringförmigen, bloss von den Flussmündungen 
unterbrochenen Saumriff von Korallen umgebene Insel langsam 
tiefer sinke: Die Korallentiere würden auf ihrem vorhandenen Riff 
langsam höher bauen, um dem Lichte näher zu bleiben; die 
sinkende Insel aber würde sich innerhalb des Riffs, da sie keinen 
Zuwachs erhält, verkleinern, so dass dann die noch emporragenden 
centralen Teile der Insel durch einen breiteren Meereskanal von ihrem 



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— 44 — 

ehemaligen Saomriffe getrennt erschienen, nnd letzterea in ein so- 
genanntes Wall- oder Kanalriff verwandelt werden würde, wie es 
deren viele giebt. Sänke der Meeresboden nun langsam immer weiter,, 
so würden die Korallen ihr ringförmiges Kiff immer durch Neu* 
bauten in der bisherigen Höhe erhalten können, die Insel aber würde 
innerhalb des Ringes ganz versinken, so dass also ein ringförmiges 
Korallenriff übrig bliebe, welches, wenn der Boden sich wieder ein- 
mal ein wenig hebt, oder der Wasserspiegel langsam fallt, als Atoll 
aus der Flut emporsteigt. Die Atolle wären also die vergrösserten 
Umrissbilder versunkener Inseln oder Untiefen. 

In seinem 1842 erschienenen Werke über den „Bau und die 
Verbreitung der Korallenriffe" welches als erster Teil der „Geo- 
logie der Beise des Beagle"*) erschien, war diese Theorie mit einer 
solchen Fülle von Beweisen und mit einer solchen Überzeugungsh 
kraft vorgetragen, dass sie sofort die Mehrzahl der Geologen für 
sich gewann, denen es wie Schuppen von den Augen fiel, und von 
denen einige, wie z.B. Alexander von Humboldt, zur lauten Be- 
wunderung hingerissen wurden. Hätte sich der Ruf Darwins nicht 
bereits damals durch seine Reisewerke verbreitet, so würde dieses Buch 
hingereicht haben, ihm einen hervorragenden Rang unter den Geo- 
logen aller Zeiten zu verschaffen. Im Laufe der Jahre sind in- 
dessen mancherlei Einwürfe gegen die Theorie erhoben worden, 
namentlich wegen ihrer Voraussetzung dauernder Senkungen mit 
nachmaliger Erhebung. Gleich nach dem durch Krankheit ver- 
zögerten ersten Erscheinen trat Maclar mit einigen Einwürfen 
hervor, die Darwin sogleich (1843) widerlegte; später haben Dana 
(1872), Karl Semper (1860 und 1880), John Murray (1880) 
und andere teils Einzelnheiten, teils die ganze Theorie angezweifelt 
und sie durch andere Erklärungen zu ersetzen gesucht. In der 
neuen, von 1874 datierenden Ausgabe seines Werkes sind die älteren 
Einwürfe besprochen und wie es scheint, siegreich widerlegt wor- 
den. Eine neue, besonders von John Murray mit Klarheit er- 
örterte Theorie knüpft an die schon von Chamisso beobachtete 
und von Darwin vollgewürdigte Thatsache an, dass Korallen dort 
am besten gedeihen, wo sie am meisten der Nahrung herbeiführenden 



*) Es eröffnet die geologischen Schriften Darwins in den „Gesammelteo 
Werken'' (Stuttgart) Bd. XI, 1. Hälfte mit 231 Seiten und 3 Karten. 



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— 45 — 

Brandung ausgesetzt sind, d. h. auf der äussern Peripherie. Hier 
würden sie sich immer weiter ausdehnen und im Centrum ab- 
sterben, so dass ein sich immer mehr erweiterndes, ringförmiges Biff 
entstehen müsste, wenn die auflösenden Kräfte des Meerwassers die 
inneren abgestorbenen Teile auflösen und zerstören könnten. Dass 
eine Bekleidung mit lebenden Tieren ein RiflF oder eine Barre gegen 
die zerstörende Brandung schützt, der sie sonst nicht widerstehen 
würde, hat Darwin selbst in einer kleinen Abhandlung „über eine 
merkwürdige Sandsteinbarre von Pemambuco an der Küste von 
Brasilien", die Oktober 1841 im „Lond. and Edinb, Philosoph. Mar 
gaz. Vol. XIX p. 257" erschien und der neuen Ausgabe des in Rede 
stehenden Werkes angehängt ist, dargethan. Es scheint übrigens 
nicht, dass die Darwinsche Theorie der Korallenbauten durch die 
neueren an Wahrscheinlichkeit übertrofien wird; wie aber auch die 
auf Grund erneuter Untersuchungen zu basierende Entscheidung 
der Zukunft ausfallen möge, inmier wird dem Darwinschen Werke 
der Ruhm eines wahren Musters der Analyse eines verwickelten 
geologischen Problems bleiben. 

Als zweiten Band desselben grösseren Werkes gab Darwin im 
Jahre 1844 seine „Geologischen Beobachtungen über die vul- 
kanischen Inseln", die er während der Beagle-Reise besucht hatte, 
nebst „kurzen Bemerkungen über die Geologie von Australien und dem 
Kap der guten Hoffnung** heraus, welches noch immer das haupt- 
sächlichste Quellenwerk über die Mehrzahl der darin behandelten 
örtlichkeiten in geologischer Beziehung bildet Als Darwin dieses 
Buch schrieb, war die von Alex, von Humboldt und Leop. von 
Buch begründete Erhebungs-Theorie, obwohl von Lyell, 
Scrope und andern Geologen bereits angegriffen, noch immer in 
den Augen der meisten Geologen, und namentlich in denjenigen 
der französischen Schule (Elie de Beaumont, Dufrönoy u. a.) 
in Geltung. Hiemach sollten die Vulkane und vulkanischen Ge- 
birge Folgen direkter Hebungen mittelst vulkanischer Kräfte sein, 
durch welche der Boden an den betreffenden Stellen blasenformig 
aufgetrieben worden sei und sich an der Spitze geöffnet habe. 
Für eine solche Wirkung schienen die im weitem Umkreise mancher 
Vulkane steil erhobenen Sedimentschichten zu sprechen, die aber 
in gleicher Weise in allen Gebirgen, auch solchen, wo sich niemals 
Vulkane gebildet haben, vorkonmien. Lyell, Scrope u. a. hatten 



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— 46 — 

die Eraterberge einfacher dturch Übereinanderlagerung der festes 
und flüssigen Auswurfsstoffe der Vulkane rings um ihre Mündungen 
erklärt, und diese Ansicht hat in neuerer Zeit völlig die Oberhand 
erhalten. Darwin näherte sich der neueren Auffiassung, nahm aber 
im ganzen eine vermittelnde Stellung ein, indem er nicht allen 
Anteil der vulkanischen Kräfte an den Erhebungen leugnen wollte. 
Der Wert seiner einschlägigen Beobachtungen liegt nicht sowohl 
im theoretischen Teil, — obwohl manche seine Folgerungen, z. R 
dass die Vulkane in Gebieten liegen, welche im Aufsteigen begriffen 
sind, neuerdings zur Geltung kommen, — als in der Menge ge- 
nauer Beobachtungen, die sicher zur Lösung der betreffenden Fra- 
gen das ihrige beigetragen haben, und unter denen auch die Unter- 
suchungen über die nachmalige Abwitterung der Vulkane eine 
neue Forschungsreihe eröflBaeten, *) 

Die dritte und letzte Abteilung dieses grösseren, im Anschluss 
an die Beagle-Beise herausgegebenen geologischen Werkes trägt 
den Titel „Geologische Beobachtungen über Südamerika" 
und erschien im September 1846. Sie enthält die Gesamtheit der in 
Südamerika beobachteten geologischen Phänomene, wobei natürlich 
jene Beobachtungen über die langsamen Erhebungen und Senkungen, 
sowie über die Erhebung der Andenkette, von denen wir manches 
aus seinen oben mitgeteilten Briefen erfahren haben, den wichtig- 
sten Teil ausmachen. Von geradezu klassischer Bedeutung sind dar- 
unter namentlich seine Studien über die metamorphosierenden Wir- 
kungen der empordringenden feuerflüssigen Gesteine, über Faltung, 
Bruch und Blätterung der Schichten, mit welchen Phänomenen er 
sich schon in seiner oben erwähnten Arbeit über den Zusammen- 
hang vulkanischer Erscheinungen vom Jahre 1838 beschäftigt hatte. 
In der Bestimmung der Mineralien wurde er hierbei durch Prof. 
Miller, in derjenigen der Fossilien durch G. B. Sowerby, Edw. 
Forbes und A. d'Orbigny unterstützt. Darwin hat diese Arbeit 
bei der zweiten 1876 erschienenen Auflage derselben**) unverändert 
gelassen, obwohl, wie er sagte, einige wenige Punkte derselben in- 
folge der inzwischen gemachten grossen Fortschritte der Geologie 
veraltet sind. Mit ihr zusammen liess er zwei in demselben Jahre 
erschienene kleinere Arbeiten über „die Geologie der Falklands- 

♦) „Gesammelte Werke" Bd. XI, 2. Hälfte 176 S. mit einer Karte. 
*♦) Ebendas. Band XII. 1. Abt. 400 S. mit 5 Taf. und einer Karte. 



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— 47 — 

Inseln''*) und ,3eschreibung des feinen Staubes, welcher oft auf 
Schiflfe im atlantischen Ocean fallt",**) neu abdrucken, nicht ohne 
darauf hinzuweisen, dass hierin ein eigentümlicher Beitrag zur 
schichtenbildenden Thätigkeit des Meeres durch mikroskopische 
Wesen des Süsswassers, die der Wind herweht, gehefert wird. 

Zu einer andern Beobachtungsreihe, die auch in dem letzt- 
erwähnten Werke berücksichtigt ist, hatten ihn die Wirkungen der Eis- 
zeit veranlasst. Im Thal von Santa-Cruz, auf dem Gebiete von Chiloe, 
an den Küsten der Magellan-Strasse und in Feuerland selbst hatte 
er die Verteilung der Findlingsblöcke studiert und aus denjenigen 
der ersteren Lokalität den Schluss ziehen können, dass manche der 
ausgestorbenen Säugetiere, z. B. die Gattung Macrauchenia^ noch 
gelebt haben, nachdem der Fistransport dieser Blöcke stattgefunden 
hatte. Damals glaubte Darwin mit Lyell, dass schwinmiende Eis- 
massen den hauptsächlichsten Anteil an der Verteilung der Blöcke 
gehabt haben möchten, aber er unterlässt nicht hinzuzufügen, dass 
die Formation oftmals ohne jede Spur von Seemuscheln sei.***) 

Als bald darauf Dr. Buckland eine Arbeit über Eiszeit-Spuren 
in Nord-Wales veröffentlicht hatte, besuchte Darwin diese Lokalität, 
und suchte zu zeigen, dass neben den wahrscheinlich von schwim- 
menden Eismassen verfrachteten Blöcken doch auch zweifellose 
Gletscherwirkungen, kenntlich an der buckeiförmigen Abrundung 
der Hügel, daselbst zu konstatieren seien, f) Er näherte sich also 
bereits der neueren Auffassung, die noch eines beinahe vierzig- 
jährigen Kampfes bedurft hat, um sich geltend zu machen. Darwin 
behielt übrigens die hier sich anschliessenden Fragen noch auf 
lange Zeit im Auge und veröffentlichte 1848 eine Abhandlung über 



*) Gelesen am 25. März 1846 in der London. Geolog, Gesellsch. Ab- 
gedruckt in den Proceed. Vol. IL P. I, 1846 p. 267—274 und Gesamm. Werke 
Band XII. 2 Abt. S. 1—11. 

♦*) Quarter ly Journ, of the Geol, Soc. of London ^ VoL 7L 1876 p. 26. 
Gesammelte Werke XU. 2. Abt. S. 99—104. 

***) Über die Verbreitung der erratischen Blöcke und über die gleichzeitigen 
nicht-geschichteten Ablagerungen in Südamerika. Transact. of the GeoL Soc, 
2 Ser. VoL VI, P. 2. 1842. p, 415--43L Ges. Werke Bd. II. 2 Abt. S. 57—80. 

t) Über die Ton den alten Gletschern in Caernarvonshire hervorgebrachten 
Wirkungen und die von schwimmendem £ise transportierten erratischen Blöcke. 
The London Edinb. and Dublin^ Philos. Magaz. and Journ, of Science, Vol. XXl, 
1842 p, 180—188, — Ges. Werke Bd. XH. 2 Abt S. 81-92. 



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— 48 — 

die „Wanderangen erratisclier Blöcke von einem niedem zu einem 
hohem Niveau"*), und 1855 eine andere „über das Vermögen 
der Eisberge, in unterseeische wellenförmige Flächen gradlinige, 
parallele Furchen. zu ritzen",**) wobei noch einer wenigstens auf 
Gletscher Bezug nehmenden Arbeit aus dem Jahre 1851 : „Analogie 
einiger vulkanischer Gesteine mit Gletschern rücksichtlich der 
Struktur" ***) gedacht werden mag. Im Jahre 1849 gab die eng- 
lische Admiralität unter der Redaktion von F. W. Herschel eine 
„Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen"t) 
heraus, für welche Darwin den geologischen Teil verfasste. Im 
allgemeinen kann man sagen, dass mit dem Jahre 1850 diejenige 
Epoche der Darwinschen Arbeiten, die man als die „Geologische 
Periode" bezeichnen könnte, abschliesst. Zwar kehrte er, wie wir 
eben gesehen haben, auch noch später gelegentlich zu geologischen 
Problemen zurück und veröffentlichte noch 1863 eine kleine Arbeit 
„über die Dicke der Pampas-Formation bei Buenos Ayres",tt) aber 
im allgemeinen wandte er sich seit dem Ende der vierziger Jahre 
ganz den biologischen Problemen zu, in deren Behandlung er seine 
höchsten Triumphe feiern sollte. Es braucht nicht besonders auf 
das Naturgemässe jener Aufeinanderfolge der Studien verwiesen zu 
werden; sicherlich hat der Blick in die grossen Zeiträume der 
Geologie und auf die accumulative Wirkung des Kleinen in längeren 
Zeiträumen das Auge Darwins geschärft für die noch grösseren 
Probleme der allmählichen Veränderungen der lebenden Wesen, die 
seiner harrten. 

An die geologischen Arbeiten schlössen sich der Zeit nach 
zunächst einige zoologische Untersuchungen, deren Anregung jeden- 
falls auch auf die Beagle-Reise zurückzuführen ist. Im Jahre 1844 
hatte Darwin eine kleine Arbeit über das Geschlecht der Pfeii- 
würmer (Sagitta), jener noch immer rätselhaften Wesen veröffent- 
licht, fff) die von einigen Naturforschem zu den Mollusken und 



♦) Journ, of the Geol. Soc. London II, p, 267-^274, 
♦♦) Philos. Magaz. X p. 96^98. 
' **♦) Edinb, Royal Soc, Proceed, IL p. 17—18. 

t) A Manual of scientific enquiry prepared for the use of offieert in Ä 
3/. navy and travellers in general. 3, Edä. 1859, 
tt) ^'>«*rn. of the Geol. Soc. XIX. p. 68^71, 
ttt) ^«^'. ö/ Nat. Hist. Vol. XIII p. 1-6 mit 1 Taf. 



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— 49 — 

von andern sogar zu den Wirbeltieren gestellt worden waren und 
daran schloss sich alsbald die Beschreibung der auf der Reise 
beobachteten Plattwürmer, von denen er, wie wir oben erfahren 
haben, eine Anzahl in den Wäldern Brasiliens beobachtet hatte. *) 
Zwar waren schon früher einige dieser sonst nur im Wasser leben- 
den Strudelwürmer als Ausnahmen an feuchten Orten des Fest- 
landes beobachtet worden, aber die schöngefärbten und zum Teil 
langgestreckten Arten der Tropenwälder kamen den Zoologen doch 
sehr überraschend. Fritz Müller hat später die Darwinschen 
Beobachtungen über die Strudelwürmer der brasilianischen Urwälder 
fortgesetzt. 

Hiemach machte sich Darwin an die Bearbeitung einer merk- 
würdigen Tierklasse, die seit lange seine Aufmerksamkeit erregt 
hatte, dieder Bankenfüssler oder Cirripedien. Es ist dies be- 
kanntlich eine Sippschaft zurückgebildeter Krebse, die sich mit einer 
aus vielen Stücken bestehenden Schale bedecken und auf fremden . 
Körpern festwachsen, nachdem sie die Fühler, Augen und andere 
Organe eingebüsst haben, weshalb sie Cu vier noch 1830 nach her- 
gebrachter Weise zu den Mollusken gestellt hatte, obwohl Lamarck 
bereits im Jahre 1802 ihre Kruster-Natur erkannt und ihnen ihren 
jetzigen Namen* gegeben hatte. Im Jahre 1830 wies Vaughan 
Thompson aus der Entwicklungsgeschichte dieser Tiere nach, dass 
Lamarcks Blick das Bichtige getroffen, was Burmeister 1834 
bestätigte, worauf Darwin die gesamte Naturgeschichte dieser 
lehrreichen Gruppe in umfassender Weise untersuchte. Seine Pu- 
blikationen wurden 1851 mit einer „Monographie der fossilen Lepa- 
diden oder gestielten Cirripedien Englands"**) eröfl&iet, der noch 
im selben Jahre der erste Band seiner Monographie der (lebenden) 
bekannten Cirripedien***) mit Abbildungen aller Arten folgte. Natür- 
lich war dieses Werk seit Jahren vorbereitet, und Darwin hatte sich die 
verschiedenen Arten aus den Meeren aller Weltteile zu verschaffen 
^ewusst, ihre Systematik, Organisation, Entwicklungsgeschichte, Fort- 
pflanzung, Lebensweise, Verbreitung in der Jetztwelt und Vor- 



*) Ann. of Not. Hist, Vol. XIV. p, 241—251 mit 1 Taf. 
**) Gedruckt für die LoDdoner Paläontographische Gesellschaft 86 S. mit 
b Taf. in 4. 

**♦) Gedruckt für die Ray -Society in London XII. und 400 Seiten mit 
10 Tafelo. 

Krikiit*, Ch. Darwin. 4 



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— 50 — 

zeit auf das Eingehendste untersucht und beschrieben. Der zweite^ 
noch umfangreichere Band, welcher die ungestielten Bankenfassler 
(Balaniden, Verruciden u. s. w.) enthält,*) erschien 1854 und 
wurde in demselben Jahre durch eine „Monographie der fossilen 
Balaniden und Verruciden Englands*' **) ergänzt. Noch in späteren 
Jahren kehrte er zu dieser für die Entwicklungslehre höchst leb-» 
reichen Tierklasse wiederholt zurück, und veröffentlichte 1863 eine 
kleine Notiz „über den sogenannten Hörsack der Cirripedien"***) und 
1873 eine solche „über die Männchen und komplementären Mämichen 
gewisser Cirripedien und über rudimentäre Strukturen." f) 

Die „komplementären Männchen" der Cirripedien gehören 
zu den interessantesten Entdeckungen Darwins auf zoologischem 
Gebiete und es mag daher eine gedrängte Darstellung dieser Entr 
deckung hier folgen. Schon Goodsir hatte 1843 beobachtet, dass 
in den Schalen einer Meereichelart parasitische, sehr kleine Mann* 
chen vorhanden waren, obwohl die Bankenfussler gleich den meisten 
festgewachsenen Tier-Arten meist Hermaphroditen sind. Bei den 
Lepadiden-Gattungen Ibla und Scalpellum fand Darwin ausser den 
kleinen Männchen, die in bestimmten Säcken der Weibchen woh* 
neu und teils mit Mundwerkzeugen versehene, längerlebende^ 
teils mund- und magenlose kurzlebige Formen sind, auch bei den 
hermaphroditischen Arten diese beiden Formen „komplementärer 
Männchen" vor, so dass hier ein ähnliches Verhältnis obwaltet^ 
wie bei manchen zusammengesetzten Blumen, während aus dem 
Tierreich keine analogen Fälle bekannt sind. Darwin fasste das 
Verhältnis (1854) als „eine seltsame Illustration mehr zu den 
bereits zahlreich bekannten Beispielen, wie allmählich die Natur von 
dem einen Zustande in den andern, in diesem Falle Von Zwei- 
geschlechtigkeit zu Eingeschlechtigkeit übergeht", auf. 

Die Cirripeden-TJntersuchungen würden hingereicht haben, 
Darwin in die vordere Reihe der Zoologen zu stellen, denn sie 
zeigten, dass er vollauf die Fähigkeiten besass, auch als „be- 
schreibender" Zoolog und Systematiker, als Anatom und Embryo- 



•) Gedruckt für die Ray-Society VII. und 684 Seiten mit 30 Tafeln. 4. 
**) Schriften der Londoner Paläontograph. Gesellschaft, 44 Seiten mit 
3 Tafeln in 4. 

♦♦♦) Natur. Hut, Revim 1863 p, 115—116, 
t) Nature, Vol. VIII, p, 431 u. 505. 



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— 51 — 

löge bedeutendes zu leisten. Aber wir dürfen uns sicher Glück 
wünschen, dass er bei Zeiten diesen zeitraubenden Weg, die Wissen- 
schaft durch Detailuntersuchungen zu fordern, aufgegeben hat, um 
sich voll und ganz den grosseren Problemen zuzuwenden, die seit 
lange seinen Geist beschäftigten, die aber nicht sowohl durch 
Einzelnarbeiten, als vielmehr durch eine Betrachtang der Gesamt- 
heit der Formen von einem philosophischen Gesichtspunkte aus, xmter 
Berücksichtigung der Geologie und geographischen Verteilung, ge- 
löst werden konnten. Nimmermehr hätte er die Zoologie durch 
das hingebungsvollste Arbeiten am Mikroskop xmd Schreibtisch so 
fordern können, als er es gethan hat, indem er sein Auge auf die 
Gesamtheit der lebenden Natur zurückwandte und der I^rage nahe 
trat, wie dieser verblüffende Reichtum der Formen entstanden sein 
könnte. 



V. Die Entdeckung der Znchtwahl-Theorie. 

Als Darwin Ende 1831 seine Reise um die Welt antrat, war 
unter den massgebenden Naturforschem die alte Linnäsche Ansicht, 
dass die Arten der lebenden Wesen unveränderliche seien, vor- 
herrschend. Zwar hatten bereits in früheren Jahrhunderten ein- 
zahle Naturkundige eine gegenteilige Ansicht ausgedrückt, und 
Buffon hatte bald für, bald gegen die Veränderlichkeit geschrieben, 
aber selbst die Anhänger der letzteren Ansicht hatten meist nur 
an eine YeränderUchkeit in bestimmten Grenzen gedacht, so dass 
sie z. B. annahmen, alle Arten ein und derselben Gattung, z. B. 
die verschiedenen Arten des Katzengeschlechts oder der Erdbeeren, 
könnten durch allmähliche Veränderungen aus demselben Grundstamm 
hervorgegangen sein. Erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts 
gewannen diese Ideen in dem Gedankenkreise dreier hervorragender 
Geister eine grössere Tiefe und Tragweite. Wir denken an Kant, 
Göthe und Erasmus Darwin, wollen aber hier, da wir die 
Vorgeschichte der Descendenztheorie an einem andern Orte aus- 
fÖhrhcher behandelt haben,*) nur einen Augenblick bei der Gestalt 

*) In dem mehrerwähnten Buche aber Erasmus Darwin. 

4* 



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~ 52 — 

verweilen, welche diese Ideen in dem Geiste des Orossvater Darwins 
gewonnen hatten, um zu zeigen, dass nicht Lamarck, sondern diesem 
das Verdienst gebührt, die erste konsequente Darstellung der 
Descendenz-Theorie gegeben zu haben. 

Schon in seinem „botanischen Garten" (1788—90) warf er die 
Meinung hin, dass wahrscheinlich alle Erzeugnisse der Natur in 
einem beständigen Fortschritte zu grösserer Vollkommenheit be- 
griffen seien, und er fand diese Vorstellung „der Würde des 
Schöpfers aller Dinge entsprechend." Da so \ie\e fossilen Tiere, 
wie z. B. die Ammoniten, nicht mehr lebend gefunden werden, die 
meisten lebenden Tiere aber niemals im fossilen Zustande, so be- 
stärkte ihn dies Verhalten in der Vermutung, dass die Tiere ihre 
Gestalten im Laufe der Zeiten gewechselt haben möchten, am 
„neue Arten zu werden." Eine Stütze dieser Hypothese fand er 
namentlich in den rudimentären Organen der Pflanzen und 
Tiere. „Die antherenlosen Staubgefässe der Pflanzen bieten," schrieb 
er in einer Anmerkung zu seinem erstveröffentlichten poetischen 
Werke,*) „eine merkwürdige Analogie zu einer Bildung der Zwei- 
flügler unter den Insekten, nämlich zweier kleiner gestielter Knöpf- 
chen, meist unter einer bogigen Schuppe, welche Rudimente der 

Hinterflügel zu sein scheinen Andere Tiere haben andere 

Merkmale eines in einem langen Zeiträume vorgegangenen Wech- 
sels an einigen Teilen ihrer Körper, durch welchen bewirkt 
worden sein mag, sie neuen Wegen des Nahrungserwerbs 
anzupassen." In demselben Werke deutete er bereits die 
Domen und Stacheln, die starken Gerüche und Giftstoffe mancher 
Pflanzen, als schützende Erwerbungen, um sie gegen die Gefrässig- 
keit von Säugetieren und Insekten zu bewaffnen; er erklärte die 
Pechringe und die von den Blättern gebildeten Wasserbecken, mit 
denen die Weberkarde und manche tropische Gewächse ihre Stengel 
umgeben, als Schutzmittel, um die Blüten vor kriechenden Insekten 
zu bewahren, ja er erläuterte, wenn auch an einem falschen Beispiele, 
das in neuerer Zeit vielbesprochene Prinzip der Mimicry, indem 
er mutmasste, dass manche Orchideen das Ansehen von mit In- 
sekten besetzten Blumen angenommen hätten, um andere Insekten 
abzuhalten. Ebenso erläuterte er den Nutzen der Schutzfarben 



*) The Loves of the Plants, 2. EdU. London 1790 p. 7. 



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— 53 — 

bei Tieren und machte daranf aufmerksam, dass Fische und Vögel 
gewöhnlich am Racken dunkel und am Bauche hell gefärbt seien, 
um sowohl den über ihnen befindlichen, als den xmter ihnen 
lauernden Feinden zu entgehen, und dass sie die Farben der Um- 
gebung und des Grundes, auf welchem sie sich gewöhnlich bewegen, 
amiehmen, um weniger leicht gesehen zu werden. Bis auf die 
Farben der Yogeleier wendete der scharfsichtige Beobachter die 
Hypothese an, dass in den Farben der Tiere „Absicht'' verborgen seL 

Alle diese Gedanken über die Veränderlichkeit und Entwick- 
lung der organischen Wesen erscheinen in ausgereifter Form im 
neununddreissigsten Abschnitt der Zoonomie, welcher von der Er- 
zeugung handelt. Er leitet sie durch die Bemerkung ein, dass 
nach seiner Meinung die neuen Veränderungen der Eltern auf die 
Nachkommen übergehen, und knüpft dann an die Entwicklung des 
Schmetterlings aus der Raupe, des lungenatmenden Frosches aus 
der kiemenatmenden Kaulquappe und an die Erfolge der Züchtung 
an unsern Haustieren die Hypothese, dass die Tiere an sich nach 
den verschiedensten Richtungen veränderlich seien und diese Ver- 
änderungen vererbten, wie denn selbst Verstümmlungen und Miss- 
geburten bei Haustieren erblich seien. Die Vergleichung der ver- 
schiedenen Tierarten unter einander, die Ähnlichkeiten, die sich 
dabei ergeben, z. B. zwischen Schwimmfüssen, Gehfüssen und 
Greiffassen, zwischen Vorderbeinen der Vierfussler und den Flügeln 
der Vögel, bestärkten ihn in der Ansicht, dass es sich in allen 
diesen Verschiedenheiten nur um Umbildungen aus einer gemein- 
samen Grundform handele. 

Als die drei hauptsächlichsten Triebfedern dieser Umwand- 
lungen erkannte er die drei Hauptbedürfhisse der Tiere, den Hunger, 
der sie immerfort antreibt, neue Nahrungsquellen aufzusuchen, 
den Fortpflanzungstrieb, der die Männchen veranlasst, mit ihren 
Nebenbuhlern um den Besitz der Weibchen zu kämpfen, und das 
Bedürfnis der Sicherheit, welches ihnen die schon besprochenen 
Schutzfarben und Zeichnungen verliehen habe. Das Bedürfnis, 
sich immerfort neue Nahrungsquellen zu eröf&ien, habe einen her- 
vorragenden Anteil an der Umbildung der verschiedenen Glied- 
massen genommen. So sei die Nase des Schweines hart geworden, 
lun den Erdboden beim Aufisuchen der Insekten und Wurzeln um- 
zuwühlen. Der Rüssel des Elefanten sei eine Verlängerung der 



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— 64 — 

Käse, um die Zweige zu seiner Nahrung niederzubeugen und \m 
Wasser einzunehmen, ohne seine Eniee zu beugen. Baubtiere 
katten starkes Gebiss und Erallen erhalten, um ihre Opfer besser 
zu überwältigen. Beim Hornvieh sei die Zunge und der Gaumen 
rauh geworden, damit sie die oft scharfen Gräser und andere 
Kährpflanzen besser abstreifen könnten. So seien auch die Schnäbel 
der Papageien und anderer Yögel kräftig geworden, um Nüsse und 
ähnliche HartMchte aufzubeissen, und diejenigen der Sumpff^ögel 
hatten sich verlängert, um besser die sumpfige Erde nach Nahrung 
zu durchwühlen u. s. w. „Alle derartige Einrichtungen", fahrt er 
nach einer Au&ählung derselben wörtlich fort, „scheinen meh- 
rere Generationen hindurch nach und nach infolge des 
beständigen Bestrebens der Kreatur, dem Nahrungs- 
bedürfnisse zu genügen, gebildet worden zu sein und 
sich so auf die Nachkommenschaft mit beständiger Ver- 
besserung derselben zu ihrer zweckmässigeren Anwen- 
dung fortgepflanzt zu haben.*^ 

Die Kräftigung und vollendete Ausbildung eines Organs für 
einen besonderen Zweck leitete er schon, ganz wie später Lamarck, 
von dem häufigeren Gebrauch in dieser Bichtung ab , und wies 
zur Erläuterung auf die Körperveränderungen hin, die sich bei 
manchen Berufszweigen, wie z. B. der Schmiede, Weber, Seiltänzer 
u. s. w., durch einseitigen Gebrauch einzelner Glieder herausbilden. 
Aber er ging schon über Lamarck hinaus, indem er bereits in dem 
erst von seinem Enkel zur weiteren Anerkennung gebrachten Prin- 
cip der geschlechtlichen Zuchtwahl ein Mittel erkannte, auch 
die im allgemeinen friedlichen Tiere mit Waffen zu versehen. 

„Für einen Teil der tierischen Welt" sagt er, „bestand ein grosses 
Bedürfnis in dem Verlangen nach dem ausschliesslichen Besitze eines 
Weibchens. Dadurch erlangten einige Tiere Waffen, um sich zu diesem 
Zwecke gegenseitig bekämpfen zu können, z. B. die dicke, hornige, schild- 
artige Haut des Ebers, welche bloss eine Gegenwehr gegen Tiere de^ 
selben Art darstellt, die gewohnt sind, schräg nach aufwärts zu schlagen. 
Auch die Hauer sind zu keinem andern Gebrauche, als um sich selbst 
zu verteidigen, da der Eber für sich kein fleischfressendes Tier ist. 
So sind die Geweihe des Hirsches am' äussersten Ende scharf, um 
seinen Gegner damit zu verwunden, dagegen verzweigt, um die Stösse 
seines mit gleichen Waffen versehenen Gegners zu parieren, sind also 
bloss zur Bekämpfung anderer Hirsche um den ausschliesslichen Besits 
des Weibchens bestimmt, welches dann, wie die Damen der Bitterzeit, 



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— So- 
fern Panier des Siegers folgt. Die Vögel, welche ihren Jangen keine 
Nahrong zutragen, und nicht in Monogamie .leben, sind mit Sporen 
zum Kampf um den ansschliesslichen Besitz des Weibchens versehen, 
ine z. B. Hähne und Wachteln. Es ist gewiss, dass diese Waffen ihnen 
nicht zur Schatzwehr gegen andere Feinde verliehen sind, da die Weib- 
chen derselben Art ohne diese Bewaffnung sind. Die Endursache 
<lieses Streites unter den Männchen scheint zu sein, damit 
das stärkste und lebhafteste Tier die Art fortpflanze, welche 
dadurch verbessert werden sollte.^ 

Wir haben hier nur einige Hauptstellen aus dem „botanischen 
Garten" und der „Zoononiie" janfuhren können und müssen den 
wissbegierigen Leser für die weitere Ausfährung seiner Gedanken 
auf unser oben citiertes Buch über Erasmus Darwin verweisen. 
Aber schon aus diesen wenigen Andeutungen geht hervor, dass 
derselbe seine Überzeugung von der Bichtigkeit der Descendenz- 
theorie auf denselben Grundlagen aufbaute, wie die heutige Wissen- 
schaft. Den Beweis der Veränderlichkeit der Naturwesen schöpfte 
^r aus der täglichen Erfahrung, und die Überzeugung, dass die 
ganze Mannigfaltigkeit derselben aus dieser Veränderlichkeit abzu- 
leiten sein möchte, lehrten ihm die Thatsachen dreier Forschungs- 
zweige, der Versteinerungskunde, der vergleichenden Anatomie und 
der Entwicklungsgeschichte, welche letztere zeigt, dass kein Wesen 
von Anfang an als dasjenige erscheint, was es werden will, sondern 
häufig bedeutende Umwandlungen zu bestehen hat, wie z. B. der 
Frosch (und manche Insekten) aus einem im Wasser lebenden 
Kiementier zum luffcatmenden Lungentier wird. Man kann demnach 
nicht umhin, zuzugestehen, dass E. Darwin wenigstens zwanzig 
Jahre vor Lamarck die Anwendung desPrincips der funktionellen 
Anpassung auf die Descendenz-Theorie gemacht hat, so dass dieser, 
obwohl er dieselben Ideen mit eingehenderen Kenntnissen aus- 
föhrte, doch nur als ein Nachfolger Darwins, als ein „Darwinianer 
der älteren Schule", zu bezeichnen ist. Mit vollster Klarheit er- 
läuterte E. Darwin femer die Theorie der geschlechtlichen Zucht- 
wahl bis zu der Konsequenz, dass das stärkste Männchen vorzugs- 
weise sich fortpflanzen werde, d. h. in jenem Umfange, in welchem 
Wallace und manche andere Darwinianer dieselbe allein aner- 
kennen wollen, während Ch. Darwin bekannthch dem Weibchen 
eine Bevorzugung nicht nur der kräftigsten, sondern auch der am 



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— 56 — 

gchönsten geschmückten und ihre Bewerbung durch Gesang und 
Tanz am wirksamsten unterstützenden Männchen zuschreibt 

In den letzten Jahren sind sogar Stimmen hervorgetreten^ 
welche nicht nur die Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl auf 
den Umfang beschränken wollten, den ihr Erasmus Darwin beige- 
legt, sondern die gesamte Descendenz-Theorie desselben für gesünder 
und besser begründet halten wollten, als die seines Enkels. Der 
Grossvater glaubte nämlich, den organischen Wesen sei ein Yermögen 
eingeboren, ihren Körper und ihre Organe durch ihre eigenen, inner- 
lichen Bestrebungen in bestimmten Bichtungen umzubilden und 
sich neuem Lebensbedingungen bis zur höchsten Zweckerfüllung 
direkt und absichtlich körperlich und geistig anzupassen. „Es 
scheint", sagt er, in seiner Phytologia*\ „dem organischen Wesen 
von dem grossen Urheber aller Dinge eine Macht eingepflanzt zu 
sein, durch welche sie nicht allein an Grösse und Stärke bis zu 
ihrer Beife zunehmen, ihre Erankheitszufalle überwinden und zu- 
gefügte Verletzungen reparieren, sondern auch ein Vermögen, 
Waffen hervorzubringen, um sie vor heftigen Angriffen, die sie sonst 
töten würden, zu schützen u. s. w." Diejenigen, welche selbst heute 
noch in einer solchen Erkenntnis den letzten Schluss der Weisheit 
sehen möchten, übersehen jedoch, dass diese Ideen keinem Philosophen 
oder Naturforscher auf die Dauer haben genügen wollen, selbst 
nachdem Lamarck sie mit seiner eindringenden Kenntnis und Be^ 
redsamkeit unterstützt hatte. 

Sie genügte auch dem älteren Darwin keineswegs, denn wir 
sehen aus vielen Stellen seiner frühesten Werke und seines letzten 
Lehrgedichtes, dass er noch nach einer hohem Erkenntnis der Natur 
rang und ganz nahe derjenigen Lösung gewesen ist, die erst 
seinem Enkel voll zu begründen gelang. Schon als er den 
„botanischen Garten" schrieb, quälte ihn die Frage, warum die 
Natur so grausam sei, und alle Wesen einander bekriegen müssten, 
warum in der Natur von dem Frieden, den einige Teleologen in 
derselben gefunden haben wollten, niemals die Bede sein könne. 
Wohl niemand hat den „Kampf ums Dasein", der durch seinen 
Enkel zu einem Schlagwort des Tages geworden ist, mit lebhafteren 
Farben geschildert, als Erasmus Darwin in seinem „Tempel der 



•) Phytologxa, Sect, XIV. 3. 2, 



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— 57 — 

Natur/' Es sei erlaubt« zum Belege dieser Behauptung aus dem 
Eingange des vierten Gesanges jenes Lehrgedichtes eine längere 
Stelle hier anzuführen: 



Ja, Flora selbst, die heitre, kann nicht siegen, 

Ohn' wilden Streit, dem tansende erliegen. 

Das Kraut, der Strauch, der Baum aufstrebend ringen 

Nach Luft und licht; sich unterdrückend dringen 

Sie himmelwärts. Hinab die Wurzeln streben, 

Um feuchte Nahrung kämpfend ftLr ihr Leben. 

Als Schmeichlerin umstrickt des Epheus Ranke 

Den Baum, den sie erstickt, die geile schlanke. 

Vom Mancinello träufelt giftiger Thau 

Und fällt versengend nieder auf die Au. 

Hoch streben Stengel auf^ mit schatt'gem Laub, 

Stren*n Mehlthau auf das Feld und gift'gen Staub, 

Und unersättlicher Insekten Horden 

Die holde Blüte samt der Knospe morden. 



Luft, Erd* und Meer — falls tief zu schauen es gilt — 

Sind nur ein Grab, ein weites Blutgefild. 

Der Hunger kämpft, die Todespfeile fliegen 

Im Schlachthaus Welt, wo alle sich bekriegen. 

Gegenüber diesem grossen Schlachtfelde fand der Naturforscher 
nur den einen tröstenden Gedanken, die Hofihung, dass aus dem 
allgemeinen Kampf ein besserer Zustand hervorgehe, sofern- die 
Überproduktion der Wesen alle Lücken sofort wieder ergänze, 
und Msches junges Leben an die Stelle des hinsinkenden Alters 
trete. Man sieht, wie nahe er der Theorie der natürlichen Aus- 
lese gewesen ist, denn wenn er nur noch den naheliegenden Schluss 
gewagt hätte, dass die weniger erstarkten und weniger zweckmässig 
für ihre besondere Lebensweise organisierten Wesen in dem all- 
gemeinen Kampfe zuerst erliegen mussten, wäre er der Entdecker 
des Naturgesetzes geworden, welches uns heute so viele B*ätsel des 
ürdlebens verständlicher macht. 

Der bedeutendste Nachfolger von Erasmus Darwin war Jean 
Lamarck, der ebenfalls von der Botanik zur Zoologie übergegangen, 
durch seine musterhaften Bearbeitungen der niederen Tiere grösseren 
fiuf unter den Fachgenossen erwarb, als durch seine philosophischen 
Ansichten. Li seiner Philosophie zoologique {4809) hatte er, wahr- 



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— 58 — 

scheinlich von Darwin angeregt, seine Meinung ausgesprochen, dasa 
von den organischen Wesen die einfachsten zuerst entstanden seien, 
und dass aus den niederen die höheren durch einen allmShlichen, von 
Bevolutionen ununterbrochenen Entwicklungsgang hervorgegangen 
seien, bis zum Menschen, der ohne Zweifel von den höchst ent- 
wickelten Affen abstamme. Die Wesen seien somit veränderUch, 
und was wir als Arten, Gattungen und Familien bezeichnen, seien 
nur willkärliche Einteilungsversuche zu einer bequemeren Über- 
sicht der Einzelwesen. Lässt dieses Räsonnement Lamarcks an 
Eonsequenz und Schärfe auch nichts zu wünschen übrig, so 
mangelte doch eine genügende Erklärung für die Ursachen der 
Entwicklung der niederen zu höheren Formen. Lamarck glaubte 
alle Veränderungen der Lebewesen von ihrer Anpassung an die 
verschiedenartigen Lebensbedingungen ableiten zu können, und an 
das schon von dem älteren Darwin angewandte Princip der Kräf- 
tigung oder Schwächung der Organe durch Gebrauch und Nicht- 
gebrauch anknüpfend, glaubte er sich alle Veränderungen und 
Weiterbildungen der Lebewesen hauptsächlich durch die funk- 
tionelle Anpassung ihrer Organe an immer neue Lebens^ 
bedingungen erklären zu können. 

Es ist völlig begreiflich, dass diese Ansichten unter den Fach- 
gelehrten nicht mehr Beifall gefunden haben, als die in vieler Be- 
ziehung umfassenderen seines englischen Vorgängers. Eher ver- 
mochten sich die Ansichten eines andern französischen Zoologen, 
diejenigen Etienne Geoffroy Saint Hilaires (1771—1844), 
welcher der fortschreitenden Entwicklung des Erdballs und der 
Welt (monde ambiant) den Haupteinfluss an der Fortbildung der 
Lebewesen zuschrieb, einigen Anhang zu verschaflen. Er hatte 
diese Hypothese zuerst im Jahre 1828 veröffentlicht, und da 
die Paläontologie damals bereits so weit vorgeschritten war, dass 
man das spätere Auftreten der höheren Lebewesen aus der Erd- 
geschichte beweisen konnte, so fanden seine Ansichten einigen Bei- 
fall, zumal man in diesem allgemeinen Entwicklungsgange der Welt, 
wenn nicht ein treibendes Princip, so doch wenigstens ein allge- 
meines Gesetz zu erkennen glaubte. 

Unglücklicherweise verquickten sich die Lamarck-Geoffroyschen 
Ideen mit gewissen Ansichten, die man etwas vorschnell aus dem 
damals durch Meckel, Oken und Pander erweckten Studium der 



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— 69 — 

tierisclien Entwicklungsgeschichte gezogen hatte. Man glaubte da- 
mals aus den vorübergehenden Ähnlichkeiten der Embryonen höherer 
Tiere mit niedem Tieren den Schluss ziehen zu sollen, dass die 
hohem Tiere in grader Linie aus den niedem Tieren hervorgegangen 
seien, und dass womöglich alle Lebewesen eine einzige grosse Reihe 
vom Infusor bis zum Menschen bilden sollten. Da es fiir tiefer 
sehende Zoologen deutlich genug ausgeprägt war, dass sich unter 
den Tieren bei vielseitiger Übereinstimmung doch mannigfache, 
nicht aufeinander zurückfuhrbare Typen hervorheben, so konnte 
diese eines gesunden Kernes durchaus nicht entbehrende Träumerei 
der „Naturphilosophen" unschwer als falsch erwiesen werden, und 
die Anfiihrer der Partei verloren die Schlacht infolge dieses unvor- 
sichtigen Yorstosses einiger Heissspome, die sich auf unsichern 
Boden gewagt hatten. Ln Febraar und Juli des Jahres 1830 war 
es im Schosse der Pariser Akademie zu wirklichen Feldschlachten 
zwischen Cuvier, dem Verfechter der alten Ansichten von der 
Unveränderlichkeit der Art, und Geoffroy St. Hilaire, dem 
Vertreter der neuen Anschauung gekommen und nochmals hatten 
die Anhänger des Dogmas von der Unveränderlichkeit der Arten 
den Sieg gewonnen. 

Den lezteren stand indessen eine Schwierigkeit entgegen, die 
nicht weggeleugnet werden konnte, das Auftreten immer neuer und 
höherer Lebewesen in den aufeinanderfolgenden Erdperioden. Wäh- 
rend die Naturphilosophie diese Reste einer aufsteigenden Reihen- 
folge des Lebens als Zeugnis für die Richtigkeit ihrer Schlüsse 
anrufen konnte, musste von den Anhängern der Arten -Konstanz 
eine Reihe aufeinanderfolgender Neuschöpfungen zu ihrer Er- 
klärung erfunden werden, und um diese Neuschöpfungen zu moti- 
vieren, mussten Erd-Katastrophen dienen, die am Abschlüsse jeder 
Schöpfungsperiode alle Lebewesen vernichtet haben mussten. Durch 
die Erdrevolutionen sollte der Umstand erklärt werden, dass die 
Wesßn jeder folgenden Periode ziemlich bedeutende Unterschiede 
von denjenigen der vorhergehenden darbieten. Übrigens konnte 
mit dieser geschraubten Deutungsweise nur schwer die unverkenn- 
hare Thatsache in Einklang gebracht werden, dass bei aller Ver- 
schiedenheit doch ein deutliches Band die Lebensformen der fol- 
genden Perioden mit denen der früheren verband, und die Kon- 
stanz-Dogmatiker sahen sich zu der künstlichen ErUämng gedrängt. 



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— 60 — 

dass der Schöpfer nach jeder Katastrophe immer wieder an die^ 
yemichteten Lebensformen angeknüpft habe. 

Wie dieser Eatastrophenlehre und der von ihr als Er* 
gänzung geforderten ,^öblirnngstheorie" durch Lyell seit 
dem Jahre 1830 ein Ende gemacht wurde, und wie sich Darwin 
mit Begeisterung den Ansichten Lyells über die allmähliche Ver- 
änderung des Bestehenden in der noch heute sichtbaren Weise an- 
geschlossen hatte, wurde schon oben erwähnt. Darwin wurde 
der erste Forscher, welcher Lyell in seinem Kampfe gegen die 
plötzlich emporgeschossenen Gebirgsketten und ähnlicher Unge- 
heuerlichkeiten ausgiebig unterstützte. Lyell hat aber nicht bloss 
das Verdienst, die Geologie reformiert zu haben, sondern er war 
auch einer der ersten, welcher Guvier und Agassiz gegenüber die 
Kontinuität des Lebens betont hatte. Die beständigen Neu- 
Schöpfungen, deren diese Naturforscher bedurften, um das morsche 
Gebäude ihrer Theorieen zu stützen, wobei gleich so viele Exem- 
plare jeder Art auf einmal geschaffen werden mussten, um auch die 
entferntesten Gegenden zu besetzen, hatte ihn zum Studium der 
Tierwanderungen der Vorzeit getrieben. In einem Briefe Lyells 
an Haeckel, in welchem er sich für die, seinen diesbezüglichen 
Arbeiten in dem Kapitel „Lyell und Darwin" der „Schöpfungs- 
geschichte" widerfahrene Berücksichtigung bedankt, schreibt er 
darüber: 

„Viele Zoologen vergessen, dass zwischen der Zeit Lamarcks und 
der Publikation des „Ursprungs der Arten" unsres Freundes mancherlei 
veröffentlicht ist. Ich bin Ihnen deshalb verpflichtet, dass Sie dargelegt 
haben, wie klar ich ein Gesetz der Kontinuität sogar in der organi- 
schen Welt verteidigte, soweit dies möglich war, ohne Lamarcks Trans- 
mutations-Theorie anzunehmen. Ich glaube, dass das meinige das erste 
Werk (im Januar 1831 veröffentlicht) war, in welchem irgend ein 
Verauch gemacht worden ist, zu beweisen, dass während die jetzt in 
Thatigkeit befindlichen Ursachen fortfuhren, unaufhörliche Veränderungen 
im Klima und in der physikalischen Geographie und endlose Wande- 
rungen der Arten hervorzubringen, auch ein fortwährendes aus- 
sterben von Tieren und Pflanzen — nicht plötzlich und ftlr ganze 
Gruppen auf einmal, sondern des einen nach dem andern, — eintreten 
musste. Ich stritt dafUr, dass diese Aufeinanderfolge der Arten noch 
jetzt vor sich gehe und stets stattgefunden habe; dass, wie Decan- 
dolle dargelegt hatte, ein beständiges Ringen um die Existenz vor- 
handen gewesen sei, und dass in diesem Kampfe ums Leben einige 



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— 61 — 

Ihre Zahlen stets auf Kosten der andern yergrösserten, indem einige 
JFortschritte machten and andere vertilgt wurden. Aber während ich 
dachte, dass so oft gewisse Tier- und Pflanzenformen aus uns ganz 
verständlichen Gründen verschwänden, andere ihre Stelle einnähmen, 
kraft einer Folgewirkung, die über unser Begreifen wäre, blieb es 
Darwin vorbehalten, die Beweise zu häufen, dass zwischen den hinzu- 
kommenden und den verschwindenden Arten keine Lücke vorhanden 
ist, dass sie das Werk der Entwicklung, nicht einer Schöpfung sind/' 

Als Darwin seine Reise antrat, waren diese Fragen noch nicht 
dringend geworden. Es ist aber dennoch möglich, dass der Glaube an 
die TJnveränderlichkeit der Arten schon vor Antritt der Reise in 
ihm einen leisen Stoss erhalten hatte, denn sein Edinburger 
Lehrer xmd Freund Rob. Edm. Grant hatte bereits 1826 am Ende 
einer Abhandlung über den Süsswasserschwamm seine Ansicht 
.ganz bestimmt dahin ausgesprochen, dass die Arten auseinander 
hervorgehen und durch fortgesetzte Veränderungen vervollkommnet 
werden. Es scheint aber nicht, dass Darwin dieser philosophischen 
Betrachtungsweise der Natur damals eine besondere Aufmerksam- 
keit zugewendet hat, ebensowenig, wie die Werke seines Gross- 
yaters und Lamarcks, falls er sie überhaupt gelesen hatte, 
einen besondem Eindruck auf ihn gemacht haben dürften; was 
ihm an solchen Ideen etwa zugeflossen war, blieben vorläufig ruhende 
Keime, die erst durch umfassenderes Studium der Natur befruchtet, 
und zu neuem Leben erweckt wurden. 

Man möchte sogar glauben, dass er gegen diese Versuche, die 
lebende Natur nach ähiüichen Grundsätzen zu behandeln, wie die 
Welt des Unorganischen, einigen Widerwillen empfand, denn sein 
Reisetagebuch enthält einzelne unverkennbar satirische Bemer- 
kungen gegen Lamarck, und andrerseits zahlreiche Anklänge an 
den frommen Glauben Cuviers. Don Carlos, wie die Spanier Süd- 
amerikas den jungen Naturforscher mit Vorliebe nannten, war mit 
einem Worte allem vagen Theoretisieren abhold, und alles was er von 
den eigenen Forschungen hoffte, war, um seine eigenen Worte von 
damals zu brauchen: „etwas dazu beizutragen, um den grossen, 
der Jetztzeit und der Vergangenheit gemeinsamen Plan zu ent- 
hüllen, nach welchem die organischen Wesen erschaffen worden 
sind."*) Aber die treue und hingebungsvolle Arbeit, die er der 



*) Reise um die Welt. Stuttgarter Ausgabe 1875 p. 108. 



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— 62 — 

Untersnchnng aller in Betracht kommenden Verhältnisse mdmete^ 
ffthrte ihn] unwiderstehlich, wenn auch fast wider Willen, zu der 
Naturauffassung des Orossvaters zurück. 

Wenn er, mit dem geologischen Hammer in der Hand, auf 
weiten Ausflügen in das Innere die Schichtenbildungen des süd- 
amerikanischen Kontinents untersuchte, — zum grenzenlosen Stau- 
nen der Einwohner, die in ihrer Bigotterie diese Bemühxmgen teils 
für närrisch, teils für gottlos hielten, „weil es zu wissen genüge, 
dass Gott die Berge so gemacht habe, wie sie dastehen," — so 
. konnte er bald nicht umhin, bei der Vergleichung der eingeschlosse- 
nen Tierreste mit den jetzigen Tieren des Landes auf besondere 
und andere Gedanken zu kommen, als eben diese Bei^bewohner, 
die mit vielen europäischen Gelehrten früherer Zeit die Fossilien 
für ,4n diesem steinernen Zustande von der Natur geboren'^ ansahen« 
Aus einer verhältnismässig gar nicht sehr alten Schicht, dem Pam- 
passchlamm Fatagoniens, hatte er die Reste einer Anzahl ausge- 
storbener Tiere ausgegraben, von denen zum Teil noch in Süd- 
amerika — aber nirgendswo sonst — Verwandte leben. Sind auch 
die in jetziger Zeit daselbst lebenden Gürtel- und Faultiere nur 
Zwerge gegen die von Darwin ausgegrabenen Biesentiere der 
jüngsten Vorzeit aus derselben Klasse und diesen nicht mehr völlig 
gleich im Knochenbau, so sprang doch die enge Verwandtschaft 
unmittelbar ins Auge. „Diese wunderbare Verwandtschaft zwischen 
den lebenden und ausgestorbenen Tieren eines und desselben Kon- 
tinents", schrieb er damals in sein Tagebuch, „wird unzweifelhaft 
noch später mehr Licht auf das Erscheinen organischer Wesen auf 
unserer Erde, sowie auf ihr Verschwinden von derselben werfen, 
als irgend welche andere Klasse von Thatsachen." 

Was dieses Verdrängtwerden von Tieren und Pflanzen durch 
andere oder durch widrige klimatische Verhältnisse anbetrifft, so 
konnte er damals an Ort und Stelle die besten Erfahrungen dar- 
über sammeln. Noch war frisch in aller Gedächtnis die grosse 
Dürre der Jahre 1827—1833 mit ihren verhängnisvollen Folgen 
für das gesamte Tierleben. Man erzählte ihm, wie die dem Ver- 
hungern und Verdursten nahen Einder zu Tausenden in die Mo- 
räste und in den Paranafluss gestürzt und darin ertrunken seien^ 



•) A. a. 0. 8. 199. 



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— 63 — . 

da sie vor Erschöpfdng nicht imstande waren, die schlammigen Ufer 
wieder heraufznklettem. Augenzeugen berichteten von dem Bei- 
einanderliegen Tausender yon Eadavem in Salzsümpfen, und dass 
der ganze Paranafluss mit faulenden Tierleichen erfällt, sein Bett 
mit Knochenresten gepflastert worden sei. Die Wiederkehr solcher 
und ähnlicher Naturereignisse erklärt nicht nur die massenhafte 
Aufschichtung ausgestorbener Tiere im Schlamme einzelner Ortlich- 
keiten, sondern vielleicht auch das Bätsei, wie es möglich gewesen 
ist, dass Tiere, die, wie z. B. die Pferde, noch in jüngster Vorzeit 
herdenweise über ganz Amerika dahinjagten, lq ungünstigen Jahren 
völlig aussterben konnten, so dass sie bei der Ankunft der Europäer 
ganz unbekaunt waren. 

Zugleich gab eine Bindviehrasse, deren Unterlippe weit vor- 
geschoben ist und mit der Oberlippe nicht zusammenschliesst, dem 
Beisenden ein nachdenkliches und lehrreiches Beispiel, wie sich in 
solchen Katastrophen eine Abart infolge geringfügiger Körperver- 
schiedenheit leichter erhalten kann, als eine andere, denn diese 
sogenannte Niata-Basse hätte sich während der Zeit der Dürre im 
Freien nicht erhalten können, da sie nicht so leicht, wie die andern 
Binderrassen, Schösslinge von Bäumen und Schilf mit den Lippen 
erfassen und abrupfen kann. Merkwürdigerweise findet man 
die Beste eines ohne Nachkommenschaft ausgestorbenen Biesen- 
tieres mit Andeutungen einer ähnlichen Lippenbildung, das Sivch 
theriurrij in den Sivalikhügeln am Himalaja, und der Gedanke liegt 
nahe, dass ihm dieselbe Abnormität der Lippenbildung einstmals 
verhängnissvoll geworden sein mag. 

Nach einer andern Bichtung hin lieferte die bedeutsame Ver- 
änderung, welche die Besiedlung Amerikas durch die Europäer im 
Naturleben seiner Länder hervorgebracht hat, dem Blicke des auf- 
merksamen Beobachters vorzügliche Anschauungsbeispiele von den 
Vorgängen, durch welche Tiere und Pflanzen von andern, die nach 
irgend einer Bichtung ^günstiger organisiert sind, verdrängt und 
zum Aussterben gebracht werden. Die Herden der von den 
europäischen Ansiedlem mitgebrachten Pferde, Binder und Schafe 
haben nicht bloss das Guanaco, den Hirsch und Strauss von weiten 
Flächen vertrieben, sondern auch das amerikanische Schwein oder 
Peccari ist hier und da von dem verwilderten Schwein der alten 
Welt aus dem Felde geschlagen worden, und viele Striche wurden 



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— 64 — 

von Terwilderten Katzen und Hunden bevölkert. Ebenso hat die 
spanische Artischocke oder Cardone in GhUe und andern Ländern 
auf beiden Seiten der Anden hunderte von Quadratmeilen, unter Ver- 
drängung der meisten einheimischen Pflanzen, in undurchdringliche 
Distelverhaue verwandelt. 

Diesen Thatsachen schliesst sich eine andere Reihe von Er- 
scheinungen an, denen Darwin, angeregt durch Lyells Be- 
trachtungen über die Kontinuität des Lebens, beständig die 
grösste Aufmerksamkeit widmete, nämlich diejenigen, welche die 
Verbreitung von Pflanzen und Tieren und ihre Wanderungen 
betreffen. Da Darwin kurz nach einander die Lebewelt der Länder 
auf beiden Seiten der Anden eingehend untersuchte, so musste 
ihn die ausgesprochene Verschiedenheit der Tier- und Pflanzen- 
Arten zum Nachdenken reizen. 

„Mir fiel" schreibt er, „der scharf ausgesprochene Unterschied 
zwischen der Vegetation der östlichen Thäler and der auf der Ohilener 
Seite sehr auf: und doch ist das Klima, ebenso wie die Bodenart, ziem- 
lich dieselbe; auch der Längenunterschied ist sehr unbedeutend. Die- 
selbe Bemerkung gilt auch für die Säugetiere und in einem geringeren 
Grade ftLr die Vögel und Insekten. Als Beispiel will ich die Mäuse 
anführen, von denen ich an den Küsten des atlantischen Oceans drei- 
zehn Species und an den Küsten des stillen Oceans fünf erhielt; 
nicht eine von ihnen ist mit einer andern identisch. Wir müssen 
hierbei alle jene Species ausnehmen, welche beständig oder gelegentlich 
hohe Berge besuchen; ebenso auch gewisse Vögel, welche sich südlich 
bis nach der Magellanstrasse verbreiten. Diese Thatsache steht in 
voUkommner Übereinstimmung mit der geologischen Geschichte der 
Anden; denn diese Berge haben schon seit der Zeit, wo die jetzigen 
Arten von Tieren erschienen sind, als eine grosse Scheidewand da- 
gestanden; wenn wir daher nicht annehmen, dass ein und dieselbe 
Species an zwei verschiedenen Orten erschaffen worden ist, so dürfen 
wir keine grössere Ähnlichkeit zwischen den organischen Geschöpfen 
auf den entgegengesetzten Seiten der Anden erwarten, als auf den 
gegenüberliegenden Küsten des Oceans. In beiden Fällen müssen wir 
diejenigen Arten ausser Betracht lassen, welche imstande gewesen sind, 
die Scheidewand zu überschreiten, mag dieselbe aus soliden Felsen oder 
Meerwasser bestanden haben." *) — In einer Anmerkung setzt er hinzn: 
„Dies ist blos eine Erläuterung der wunderbaren, zuerst von Herrn 
Lyell ausgesprochenen Gesetze über die durch geologische Veränderungen 



*) Reise um die Welt S. 374 ff. 



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— 65 — 

beeinflasste geographische Yerbreitnng der Tiere. Das ganze Raisonne- 
meot gründet sich natürlich auf die Annahme der Unveränderlichkeit 
der Arten; im andern Falle könnte man die Verschiedenheit der Arten 
in den beiden Gegenden als eine während des Verlaufs einer langen 
Zeit eingetretene Erscheinung ansehen.^^ 

, Noch viel merkwürdigere Ergebnisse in dieser Richtung bot 
der Besuch der Schildkröten-(Galapagos-)Inseln in den Monaten 
September und Oktober 1835. Diese Gruppe vulkanischer Inseln, 
die aus fünf grösseren und mehreren kleineren Eilanden besteht, 
besitzt nämlich, obgleich sie gegen neunhundert Kilometer von 
Amerika entfernt liegt, eine Flora und Fauna, die sich im grossen 
und ganzen an die amerikanische Flora und Fauna anschliessen. 
Wurden dagegen die Tiere und Pflanzen im einzelnen betrachtet, 
so verrieten sie, unbeschadet ihres amerikanischen Grundcharakters, 
ein durchaus eigenartiges Gepräge: sie erschienen völlig als Ein- 
geborne dieser Inselwelt. Die Naturforscher der älteren Schule 
mussten sie als für diese abgelegene Inselgruppe besonders er- 
schaffene, weil nirgends sonst vorkommende Wesen ansehen. Dabei 
war nun ausser jenen amerikaniscben Beziehungen, die meist nur 
die Gattungen oder die hohem Gruppen betreffen, zu denen diese^ 
Pflanzen und Tiere gehören, noch ein weiterer Umstand auffallend. 
Obwohl nämlich die einzelnen Inseln der Gruppe höchstens fünfzig 
bis sechzig Kilometer von einander entfernt, und die meisten über- 
dies durch kleinere Eilande wie durch Zwischenstationen mit einander 
verbunden sind, hat beinahe jede ihre eigene Art aus den dem 
gesamten Archipel gemeinsam zukonunenden Pflanzen-, Yogel- 
und Eeptilgattungen. So giebt es beispielsweise daselbst eine 
baumartige Komposite , die Scalesia, welche dort mit einigen Ver- 
wandten den hauptsächlichsten Waldbestand bildet und nur auf 
diesen Inseln vorkommt; aber jede der sechs bis acht Arten dieses 
Baumgeschlechts wächst auf einer andern Insel, nur ausnahms- 
weise kommen zwei Arten auf derselben Insel vor. Ebenso haben 
sieben Inseln des Archipels jede ihre eigene, nirgends sonst in 
der weiten Welt vorkommende Wolfsnülch-Art, wenn diese sieben 
Schwestern auch unter sich eine engere Verwandtschaft erkennen 
"lassen, und ähnlich verhält es sich mit den diesen Inseln eigenen 
Finken, Spottdrosseln und selbst mit den Schildkröten-Arten. 

Hier drängte sich nun beinahe unabweisbar der Gedanke auf. 

Krause, Ch. Darwin. 5 



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— 66 — 

dass diese Pflanzen und Tiere wohl meist vor lange zurückliegender 
Zeit in irgend einer Weise von der Westküste Amerikas einge- 
wandert sein müssten, um dann auf jeder einzelnen Insel nach 
den besonderen dort herrschenden Lebensbedingungen etwas ver- 
schiedene Gestaltungen anzunehmen. Nächst den Riesenschild- 
kröten, die dieser Gruppe ihren Namen gaben, ist jedoch die eigentüm- 
lichste und lehrreichste Bewohnerin derselben eine mehrere Fuss 
lange, dunkelgefärbte Eidechse, der Höckerkopf (Amblyrhynchu$\ 
ein Vetter der amerikanischen Leguane. Dieses ebenfalls sonst 
nirgends vorkommende Tiergeschlecht ist nun in zwei verschiedenen 
Arten vorhanden, von denen sich die eine an die Ernährung von 
Landpflanzen, die andere — ein Unikum unter den Eidechsen! — 
an die Ernährung von Meeresalgen gewöhnt hat Hierbei konnte 
nun in der That kaum ein Zweifel übrig bleiben, dass diese beiden 
Arten aus ein und derselben Grundform, und zwar vielleicht eben 
infolge der Gewöhnung an eine so verschiedene Lebens- und Er- 
nährungsweise, entstanden sein müssten. Ein Umstand, der unsem 
Naturforscher noch besonders überraschte, war die offenbare Jugend 
dieser eigenartigen Lebewelt. 

„Wenn man sieht", sagt er, „dass jede Höhe von einem Krater ge- 
krönt wird und dass die Verbreitungsgrenzen der meisten Lavaströme 
noch ganz deutlich sind, so werden wir zu der Annahme geführt, dass 
sich innerhalb einer, geologisch genommen, recenten Periode hier noch 
der Oeean ununterbrochen ausbreitete. Wir scheinen daher in beiden Be- 
ziehungen, sowohl im Räume als in der Zeit, jener grossen Thatsache 
— jenem Geheimnis aller Geheimnisse — , dem ersten Erscheinen 
neuer lebender Wesen auf der Erde, näher gebracht zu werden.*) 

Es kann kaum ein Zweifel bleiben, dass bei diesem Besuche der 
Galapagos-Inseln Darwins Vertrauen auf das Dogma von derTJn- 
veränderlichkeit der Arten, welches gewiss damals bereits erschüttert 
war, den Todesstoss erhalten hat. Mag ihm die Erkenntnis un- 
mittelbar oder, wie es wahrscheinlicher ist, bei weiterer Vergleichung 
der Thatsachen allmählich gekommen sein, jedenfalls stand für ihn 
seit jener Zeit fest, dass die Ansichten der Cu vi ersehen Schule von 
der ünveränderlichkeit der Arten nicht haltbar seien. Es ist be- 
zeichnend, dass im Jahre darauf (1836) ein berühmter deutscher 



*) Reise um die Welt S. 433—434. 



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— 67 — 

Naturforscher, Leopold v. Buch, durch die Betrachtung der Flora 
der Kanarischen Inseln ebenfalls zu bestimmten Überzeugungen 
von dei* Veränderlichkeit der Arten gelangt war. Überhaupt darf 
gesagt werden, dass die Lehre von der XJnveränderlichkeit der 
Arten zu der Zeit, als Darwin zurückgekehrt war, von den ver- 
schiedensten Seiten her angegriffen wurde. Karl Ernst Bär, der 
„Vater der Entwicklungsgeschichte", hatte sich schon in einem 1834 
gehaltenen Vortrage „über das allgemeinste Gesetz der Natur in 
aller Entwicklung" dahin ausgesprochen, dass nur eine ganz kin- 
dische Naturbetrachtung die organischen Arten als bleibende und 
unveränderliche Typen ansehen könne, und dass dieselben im 
Gegenteil nur vorübergehende Zeugungsreihen seien, die sich 
durch Umbildung aus gemeinsamen Stammformen entwickelt 
haben. Von einem ganz andern Standpunkte, nämlich demjenigen 
der Blumenzucht, war der nachherige Dechant von Manchester, W. 
Herbert, zu der Überzeugung gelangt, „dass Pflanzen- und Tier- 
arten nur eine höhere und beständigere Stufe von Varietäten seien** 
und er wiederholte diesen bereits 1822 von ihm ausgesprochenen 
Satz 1847 in seinem Werke über die Amaryllideen. Denselben 
Gedanken erörterte Rafinesque 1836 auf den ersten Seiten 
seiner „neuen Flora von Nordamerika" und 1842 veröflFentlichte 
der schweizerische Botaniker A. Moritzi zu Solothurn ein Werk^ 
welches den Titel führt: „Reflexions sur Vesphce en histoire natu- 
relle*^, welches aber, wie der Verfasser in der Vorrede bemerkt, viel- 
mehr den Titel führen sollte: „Die Art existiert nicht", weil es die 
bisherige Ansicht von der Unveränderlichkeit der Art völlig ver- 
wirft. 

Man sieht aus dem Vorstehenden, dass die Lehre von der 
Unveränderlichkeit der Arten damals so weit erschüttert war, dass 
die entgegengesetzte Lehre reif wurde, an ihre Stelle gesetzt zu 
werden. Allein diese Überzeugungen von der Veränderlichkeit der 
Arten blieben so lange unfruchtbar, bis das Gesetz, nach welchem die 
Veränderungen sich erhalten, gefunden war. Darwin, der mit gleichen 
Überzeugungen von seiner Eeise zurückgekommen war, schrieb im 
Jahre 1839 eine kurze Skizze seiner Ansichten über die Arten- 
bildung in der Natur nieder, die er jedoch nicht für reif zur Vor- 
öffentUchung hielt und erst fünf Jahre später (1844) dem ihm be- 
freundeten Botaniker Josef D. Hooker zur Durchsicht gab. 

5* 



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— 68 — 

Darwin entwickelt in dieser Skizze, welche wir im 11. Teile dieses 
Buches als historisches Aktenstück an erster Stelle mitteilen werden» 
die Theorie der natürlichen Zuchtwahl, auf welche ihn das Stadium 
des 1798 anonym erschienenen „Essay on the principles of population^^ 
des englischen National-Okonomen Thomas Robert Malthus (1766 
bis 1834) geführt hatte. In diesem für die Wissenschaft der 
National- Ökonomie grundlegenden Werke wird der Satz in den 
Vordergrund gestellt, dass jede Bevölkerung die Tendenz habe, sich 
rascher als die zu ihrer Erhaltung erforderlichen Nahrungsmittel 
zu vermehren, woraus ein „Kampf um die Existenz^' entstehen 
muss, in welchem nur die fähigeren Individuen siegreich hervorgehen 
können. Indem Darwin diesen Grundsatz von der staatenbildenden 
menschlichen Bevölkerung auf die in der freien Natur lebenden 
Wesen übertrug, erkannte er darin das längst von ihm gesuchte 
Frincip, aus welchem ein Überleben der für bestimmte äussere Um- 
stände zweckmässiger organisierten Abarten und ein Aussterben der 
weniger geeigneten hergeleitet werden konnte: die natürliche 
Zuchtwahl, die, ganz analog wie die künstliche Zuchtwahl der 
Tierzüchter und Gärtner, auf die Hervorbringung neuer und in ge- 
wissen Richtungen voUkommnerer Arten hinwirken musste. 

Nachdem die Tragweite dieses Princips allgemein bekannt 
geworden ist, hat man, wie Darwin mitteilt*), nachgewiesen, dass> 
bereits mehrere ältere englische Naturforscher mit vieler Bestimmt- 
heit denselben Weg gegangen waren. So hatte Dr. W. C. Wells, 
der durch seine Thautheorie und andere physikalische Arbeiten be- 
kannter geworden ist, als durch die von ihm deutlich aufgestellte 
Zuchtwahltheorie, im Jahre 1813 der Boyal Society eine Arbeit 
vorgelegt, in welcher er, anknüpfend an den Fall einer Frau der 
weissen Basse, deren Haut zum Teil der eines Negers gUch, deut- 
lich das Frincip der natürlichen Zuchtwahl anerkannte, wenn er 
es auch nur auf die Entstehung der Menschenrassen anwandte. 
Nachdem er angeführt, dass Neger und Mulatten Inununität gegen 
gewisse in den Tropengegenden herrschende Krankheiten besitzen« 
weist er zunächst darauf hin, dass alle Tiere dazu neigen, in einem 
gewissen Grade abzuändern, und dass Landwirte ihre Haustierrassen 
durch Zuchtwahl passender Individuen verbessern. Was aber in 
diesem Falle durch Eunst geschehe, scheine mit gleicher Wirk* 

*) In der Einleitung der „Entstehung der Arten.'* 



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samkeit, wenn auch langsam, bei der Bildung der Menschenrassen, die 
für die von ihnen bewohnten Gegenden organisiert sind, durch die 
Natur zu geschehen; indem unter den zufalligen Varietäten, die im 
mittleren Afrika entstanden waren, einzelne mit schwarzer Haut 
dem Klima und den herrschenden Krankheiten besser widerstanden 
hätten, als die andern, wurden sie von der Natur gezüchtet, wäh- 
rend jene ausstarben. Mit ähnlicher Klarheit hat auch Patrick 
Matthew in seinem 1831 erschienenen Buche „Naval Timbre and 
Arboriculture'"^ das Princip der natürlichen Zuchtwahl entwickelt, 
und man kann vermuten, dass diese verschiedenen englischen Au- 
toren, welche das Princip der natürlichen Zuchtwahl gelegentlich an- 
gewendet haben, vielleicht sämtlich durch Malthus oder durch Er as- 
mus Darwin, der den Kampf ums Dasein mit so lebhaften Far- 
ben geschildert hat, angeregt wurden. Denn wenn man bedenkt, 
dass dasselbe Princip zum vierten Male durch Wallace entdeckt 
wurde, so muss man wohl nach bestimmten Keimen dieser Idee 
in der älteren englischen Litteratur fragen. 

Aber alle diese Beispiele zeigen, ebenso wie diejenigen von 
Erasmus Darwin, Lamarck und dem älteren Geoffroy, wie 
wenig Aussicht vereinzelte Ideen oder selbst unzureichend gestützte 
Theorien haben, die Menschheit zu überzeugen, bevor ihre Zeit ge- 
kommen ist. Auch Ch. Darwins Essay würde, wenn er ihn 1839 ver- 
öffentlicht und dann nichts weiter zu seiner Unterstützung gethan 
hätte, vielleicht ebenso spurlos vorüber gegangen sein, wie die- 
jenigen seiner Vorgänger. Wir werden daher nicht näher darauf 
eingehen, dass in der Zwischenzeit noch viele andere Naturforscher, 
2. B. 0. d'Halloy (1846), F. Unger (1,852) und Graf Kayser- 
ling (1853) vom paläontologischen Standpunkte, Viktor Carus 
(1853) von allgemein morphologischen Gesichtspunkten, Naudin 
(1852) und Lecoq (1854) als Botaniker und Herbert Spencer 
(seit 1852) sowie Ludwig Büchner (1855) aus philosophischen Grün- 
den die Abstammungslehre verteidigt haben. 

Nur auf zwei Arbeiten müssen wir etwas genauer eingehen, 
weil sie zum Teil sicher dazu beigetragen haben, Darwin auf seinem 
Wege anzuspornen und zu ermutigen. Im Jahre 1844 erschien im 
Verlage der Gebrüder William und Robert Chambers in Edin- 
burg ein anonymes Buch, welches unter dem Titel: ,,Vestiges of the 
natural history of creation'' und an der Hand der immer voUkommner 



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— 70 - 

bekannt gewordenen paläontologischen Stufenfolge der Wesen die 
Abstammungslehre mit grosser Geschicklichkeit und glänzendem 
Stil yerteidigte. Da der Verfasser von einem Schöpfer ausgeht, der 
den ersten Lebensformen das Vermögen eingeflösst, sich unter seiner 
Nachilfe sprungweise zu vervollkommnen, so fand das Buch, wel- 
ches von Karl Vogt auch ins Deutsche übersetzt wurde*), im 
politisch und religiös konstitutionell gesinnten England reissenden 
Absatz und erlebte in neun Jahren ebensoviele Auflagen. Sofern die 
Gebrüder Chambers durch das bekannte, von ihnen begründete 
Edinburger Journal, sowie durch viele andere Schriften ihr litte- 
rarisches Talent bekundet und Robert Chambers ausserdem 
mehrere geologische Schriften herausgegeben hatte, so vermutete 
man bald hinter ihm den Verfasser des Buches, wie denn auch die 
neueste englische Ausgabe (1884) mit seinem Namen erschienen 
ist. Das Werk hat trotz erheblicher Mängel jedenfalls eine be- 
deutende Wirkung geübt und den Boden für das Auftreten Dar- 
wins vorbereitet. Auf diesen selbst scheint es ebenfalls nicht ohne 
Wirkung geblieben zu sein, denn wahrscheinlich darf man es dem 
Erscheinen dieses Buches zuschreiben, dass Darwin seinen Entwurf 
von 1839 im Jahre 1844 ins Reine schrieb und einigen Freunden 
mitteilte. 

Von viel höherem wissenschaftlichen Wert war eine kleine Ab- 
handlung: „Über das Gesetz, welches die Entstehung neuer Arten 
reguliert hat***), die den berühmten Reisenden Alfred Rüssel 
Wallace (geb. 1823 zu Ush in Monmouthshire) zum Verfasser 
hatte. Wallace war seit 1844 als Lehrer an der Kollegiatschule zu 
Leicester angestellt und wurde hier mit dem nachmaligen ausge- 
zeichneten Reisenden und Naturforscher Henry Walter Bates 
bekannt, dem er im Herbst 1847 den Vorschlag machte, zusammen 
nach dem Amazonenstrom zu reisen, „um dort Thatsachen für die 
Lösung des Problems über den Ursprung der Species** zu sammeln. 
Die Kosten würden sich durch den Verkauf von Sammlungen 
tropischer Pflanzen und Tiere decken lassen. Die Expedition kam 
zustande und war sehr ergiebig, aber leider wurde Wallace in 
jenen sumpfigen Gegenden so stark durch ein hartnäckiges Fieber 



♦) Natürliche Geschichte der Schöpfung. Braunschweig 1849. 2. Aufl. 185« 
**) Annais and Magazine of Natural History 1855. 



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- 71 — 

heimgesucht, dass er nach vier Jahren seinen Reisegefährten ver- 
lassen musste, der noch sieben Jahre dort blieb und unter andern 
das Problem der sich gegenseitig nachahmenden Schmetterlinge 
{Mimicry) löste. Auf der Rückreise hatte Wallace das Unglück, 
dass ein Schiffsbrand alle seine Sammlungen und Aufizeichnungen 
zerstörte, während er selbst sich in ein Boot retten konnte, welches 
zehn Tage auf der See umhertrieb, bevor ein Schiff die Schiff- 
brächigen aufnahm. Trotzdem machte er sich ungebrochenen Mutes 
zwei Jahre nach seiner Rückkehr (Frühjahr 1854) von neuem auf 
und zwar nach Indien, woselbst er acht Jahre seines Lebens an 
die Erforschung der Naturgeschichte des Malayischen Archipels setzte. 

Sein in Rede stehender Essay, welchen er im Februar 1855 
verfasst und von Sarawak auf Bomeo datiert hat, geht namentlich 
von der geographischen Verteilung der Tiere und Pflanzen in bei- 
den Hemisphären aus und verweilt besonders bei der lehrreichen 
Thatsache, dass beide Weltteile naheverwandte Wesen aus den ver- 
schiedensten Abteilungen des Tier- und Pflanzenreichs besitzen, 
die einander hüben und drüben vertreten, aber beinahe niemals 
identisch sind. In beiden Hemisphären giebt es z. B. zahllose 
Orchideen- und Palmen-Arten, aber in den seltensten Fällen sind 
auch nur die Gattungen, viel weniger die Arten identisch. So sind 
die nahe verwandten Arten der Trogone oder Kuruku im Osten 
alle braunrückig, im Westen grünrücMg, und in ähnlicher Weise 
vertreten sich unter den Papageien Makao und Kakadu. Die In- 
sekten bieten zahlreiche Beispiele, von denen unter den Schmetter- 
lingen die in Färbung und Flügelschnitt höchst verschiedenen 
Danaiden des Ostens und die Helikoniden Südamerikas, die trotz- 
dem nah miteinander verwandt sind und in beiden Weltteilen von in- 
sektenfressenden Vögeln gemieden werden, eines der anfiallendsten 
Beispiele darstellen. Von Lyells Bemerkungen über Tierwan- 
derungen und von Darwins Beobachtungen über die Lebewelt 
der Galapagos-Inseln ausgehend, argumentiert er nun, das solche 
vikariierenden Formen von gemeinsamen Ahnen abstammen und 
durch die Verhältnisse der verschiedenen Länder verändert worden 
sein möchten, und er diskutiert schon damals sein später mit Vor- 
liebe behandeltes Problem der Tierwanderungen auf in geologischen 
Zeiten bestandenen, aber später verschwundenen Landbrücken. 

Für die Vergleichung der beiden Naturforscher, die man ao 



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— 72 — 

oft als Eonkunrenten bei der wichtigsten naturwissenschafUicheii 
Entdeckung der Neuzeit dargestellt hat, ist es lehrreich zu sehen» 
wie sehr verschieden sie sich bei der Bearbeitung desselben Pro- 
blems verhielten. Wallace ist unermüdlich im Erfinden neuer 
und meist scharfsinniger Kombinationen, um die Eigentümlichkeiten 
der geographischen Verbreitung von Pflanzen und Tieren zu er- 
klären; vor seligem Geiste steigen alte Landbrücken firüherer Zeiten 
wieder auf, um den Vierfusslem den Übergang zu erleichtem und 
den Vögeln den Weg zu zeigen. Meeresengen verbinden jetzt ge- 
trennte Wasserbecken, um den schwimmenden Tieren die Ver- 
breitung zu ermöglichen, kurz er operiert mit Land- und Seekarten, 
geologischem und anderem Detail, um den Gegenstand ins Elare zu 
setzen. Darwin dagegen betrachtet die Gegenwart, er erwägt die 
Möglichkeiten, sammelt Beispiele, um zu zeigen, dass Wasservögel 
imd andere Tiere in Wirklichkeit Pflanzen- und Tierkeime verbreiten, 
er vermeidet alle Konstruktionen und sucht die Natur selber zum 
Sprechen zu bringen. Wir finden ihn zu jener Zeit beschäftigt, 
Versuche anzustellen, wie lange Pflanzensamen der Einwirkung des 
Seewassers widerstehen, ohne ihre Keimkraft einzubüssen. *) Er 
findet zu seiner Verwunderung, dass von 87 Arten von Pflanzen- 
samen 64 Arten noch keimten, nachdem sie 28 Tage im Meer- 
wasser gelegen, und dass einzelne sogar nach 137 Tagen noch 
keimten. Von dem Gedanken ausgehend, dass Hochwasser häufig 
trockene Zweige mit daran hängenden Samenkapseln ins Meer ge- 
führt haben werden, die dann durch Meeresströmungen an ferne Ge- 
stade geführt werden konnten, führt er Versuche mit trocknen Samen- 
kapseln aus und findet, dass sie viel länger schwimmen, und dass 
beispielsweise trockene Haselnüsse neunzig Tage lang im Seewasser 
schwammen und dann noch keimten. Wie wir aus dem zweiten 
Teile dieses Buches ersehen werden, hat er diese Versuche und 
Beobachtungen über die Verbreitungsmittel der Tiere und Pflanzen 
bis in seine letzten Lebensjahre fortgesetzt. 

Zu jener Zeit als Wallace, wie seine ebenerwähnte Abhandlung 
zeigt, über das treibende Moment der Artveränderungen noch ohne 



*) Man sehe Darwins Abhandlung über die Wirkung des Seewasse« 
auf das Keimen von Pflanzensamen. Joum. of the Lim, Society, London 1857. 
Vol. /. (Botafi.) p. ISO^UO, 



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— 73 — 

jede Ahnang war, stand im Geiste Darwins die seinen Namen 
tragende Theorie längst in allen Umrissen vollständig ausgearbeitet 
da; allein er wollte über alle möglichen Dinge erst noch Versuche 
anstellen und Beobachtungen sammeln, ehe er damit an die Öffent- 
lichkeit trat. Um das Material herbeizuschaffen, hatte er sich da^ 
mals bereits mit zahlreichen Forschem in Verbindung] gesetzt und 
korrespondierte zu jener Zeit besonders mit verschiedenen Bota- 
nikern, da ihn sowohl die Verbreitung der Pflanzenarten, als das 
Verhältnis der Blumen zu den Insekten besonders zu interessieren 
begonnen hatte. Hooker war seit Jahren in die Arbeiten Dar- 
wins über die Entstehung der Arten eingeweiht und gab seinem 1856 
erschienenen ^Jntroductory Essay to the Flora antarctica^^ bereits 
eine vollständig darwinistische Einleitung, in welcher besonders die 
sehr verschiedene Auffassung des Artbegriffs dargelegt wurde. Lyells 
der diese Einleitung auf seiner Überfahrt nach Deutschland im 
Sommer 1856 gelesen, kanzelt den Verfasser tüchtig ab, dass er 
eine so wichtige Abhandlung als Einleitung in ein gelehrtes Werk,, 
was nur wenige lesen, verborgen habe. Der Brief ist vom 25. Juli 
1856 aus Hamburg datiert, und für die Geschichte der darwinschen 
Theorie so lehrreich, dass ichihnhier vollständig mitteilen möchte.*) 

„Mein lieber Hooker!" schreibt Lyell: „Wenige Minuten nachdem 
Sie mich am Sonntag verlassen hatten, kam ich zu den beiden Exem- 
plaren Ihres Essays und habe eines davon zwei Tage zu meinem Gesell- 
schafter gehabt, während einer ruhigen Fahrt nach diesem Orte. Ich hatte 
das Buch zuvor gelesen, aber nun habe ich es verdaut, und deshalb treibt 
mich der Geist, Ihnen dafür zu danken. Hätte ich, als ich von Neu- 
Braunschweig zurückkehrte, einen „einleitenden Essay" zur Geologie 
jener britischen Kolonien veröffentlicht, so würde ich nicht mehr als^ 
ein halbes Dutzend Exemplare verkauft haben. Aber wären Sie zu 
einem Buchhändler gegangen, der sein Geschäft verstand und der irgend 
einen allgemeinen Titel vorgeschlagen und darauf bestanden hätte, wie 
„Über botanische Klassifikationen mit Betrachtungen über die Be- 
grenzung der Arten im Pflanzenreich'* (und dann mit kleinem Druck: 
„mit besonderer Rücksichtnahme auf die Flora von Neuseeland" oder 
„als Einleitung zu . . . ." u. s. w.), so würden Sie davon zum Vorteil 
der Wissenschaft, zu Ihrem eigenen und unsrer aller Nutzen, die Zoo- 
logen mit einbegriffen, eine grosse Anzahl verkauft haben. Ich wollte, 
dass Sie eines Tages das Ganze fast wörtlich mit ausgewählten Stücken 



*) Life of Lyell, Vol. IL pag. 214, 



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— 74 — 

ans der Flora tndka herausgäben, um als Master in der Natnrgesehichte 
zn dienen. Diese Art von Arbeit seitens irgend einer Autorität, die 
da sieht, wohin wir treiben, wird ganz unumgänglich werden; 
denn ob nun Darwin Sie und mich überzeugte, unserem Glauben an 
die Species (soweit geologische Epochen in Betracht kommen), zu ent- 
sagen, oder nicht, ich sehe voraus, dass viele zu der unbegrenzten Yer- 
änderlichkeits-Theorie übergehen werden. 

„In diesem Falle wird oder sollte es nicht den leisesten Unter- 
schied hinsichtlich der von Ihnen aufgestellten Regeln verursachen, und 
in Ihrem Vorhaben mit prophetischer Voi-sicht die Möglichkeit voraus- 
gesetzt werden, dass viele Ihrer Leser die Transmutations-Theorie an- 
nehmen. Aber die Species -Vervielfältiger werden entzückt von einer 
Theorie sein, welche bis zu einer grossen Ausdehnung den Schlass 
heiligt, dass die Grenzen der Arten nach der Natur der Dinge künst- 
lich oder blosse menschliche Erfindungen sind, was ihnen deshalb 
«ine Art von Recht giebt, ihnen ihre eigenen willkürlichen Grenzen 
beizulegen. So lange als sie fürchteten, dass eine Species sich als ein 
besonderes und unabhängiges Schöpfungswerk ausweisen müsste, mochten 
Bie sich gehemmt fühlen, aber ist dieser Glanbenssatz einmal aufgegeben, 
so wird jedermann sein eigner infallibler Papst. In Wahrheit ist es für 
Sie und mich ganz unwesentlich, welcher Glaube sich als wahr aus- 
weist, denn es verhält sich damit, wie mit der noch bestrittenen astrono- 
mischen Frage, ob unsere Sonne und unser ganzes System auf seinem 
Wege gegen das Sternbild des Herkules begriffen sei. Wenn dem so 
ist, wird die Stellung aller Sterne und die Gestalt manch eines Stern- 
bildes nach Millionen von Zeitaltern verändert werden, aber es ist sicher, 
<[ass wir die Bewegung jetzt ignorieren können, und dass doch die 
Astronomie noch fttr manches Jahrtausend eine mathematisch exakte 
Wissenschaft bleibt. 

„Sie müssten auf die S. 13 aufgestellte Lehre mit vollständigeren 
Erläuterungen eingehen, und es müsste zum Verständnis kommen, dass 
diejenigen, welche Arten machen, mit denselben in Zusammenhang 
bleiben und sie alle von gleichmässigem Werte machen müssen. Wenn 
fiie nicht zugeben wollen, dass Ihre beiden Cedern eine Art sind, so 
müssten sie die Autorität Linn6s und anderer grossen Naturforscher 
verleugnen, welche die goldgelbe und die hellgelbe Schlüsselblume*) 
7tt einer und derselben Art rechneten. Ich eitlere dies aufs Gerate- 
wohl, aber irgend eine derartige Inkonsequenz müsste dargelegt werden, 
und jene müssten als gänzlich aller philosophischen Kraft entbehrend 
hingestellt und ihre Synonyme niemals citiert werden. Ich könnte 
aus der Conchylienkunde gute Beispiele von derartiger gänzlichen Ver- 
nachlässigung des relativen Wertes beibringen, welche hinsichtlich man- 
cher Arten von Unwissenden aufgestellt wurden, die zur selben Zeit die 



*) Primrose und Gowslip (Primula o/ficinalis und acaulis), Vergl. Cap. VI. 



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— 75 — 

Namen ihrer Vorgänger annahmen, welche eine viel grössere Reihe von 
Varietäten in einer Art derselben Gattung einbegriffen. 

„Die Spekulationen über die einstige Verbindung der jetzt durch den 
Ocean getrennten antarktischen Länder sind sehr interessant. Ich glaube 
Darwin geht nicht genügend auf eine von Ihnen in den Vordergrund ge- 
stellte Folgerung ein, dass nämlich das Land, von welchem gemeinsame 
Arten nach A und C wanderten, in dem jetzt vom Meere einge- 

A O BO C O 

nommenen Baum B befindlich gewesen sein mag. Ich neige durchaus zu 
der Idee, dass die vorhandenen kontinentalen Gebiete zum grossen 
Teile von post-eocänem Datum sind, wie es bei Europa, Nord- Afrika 
und einem grossen Teil des bestbekannten Asiens sicherlich der Fall 
ist. Aus ähnlichen Gründen müssen Gebiete wie B die Kompensations- 
gebiete für die tiefliegenden sein. 

„Ihre Idee von den über die Anden nordwärts wandernden Arten 
und von den einst höher gewesenen Panama-Anden ist sehr grossartig 
und wahrscheinlich. Die auf beiden Seiten der schmalen Landenge von 
Panama lebenden Seemuscheln sind sehr verschieden, und es ist höchst 
wahrscheinlich, dass jener Isthmus in der altern Pliocänperiode höher 
und breiter war 

„Ich fürchte sehr, dass Darwin, wenn er beweist, dass die Arten 
Phantome sind, auch wird zugeben müssen, dass besondere Zerstreuungs- 
Mittelpunkte ebenfalls Phantome sind; und das würde mir viel von 
dem Werte rauben, welchen ich den gegenwärtigen Tier- und Pflanzen- 
provinzen, als Illustrationen der jüngeren und tertiären Änderungen in 
der physikalischen Geographie zuschreibe. 

„Ich bin auch gänzlich in Verlegenheit, in Anbetracht solcher That- 
sachen, wie Sie sie mir von der Lysimaohia vulgaris in den australi- 
schen Alpen erzählten, sobald wir die unbegrenzte Variabilitäts-Spekulation 
annehmen, mit aller Schöpfung aufräumen, und dafür der Individuen ein 
Vermögen setzen, ihnen unähnliche Nachkommen, oder eine zu ver- 
schiedenen Arten stellbare Nachkommenschaft hervorzubringen. Denn 
wenn der Einfluss der äusseren Ursachen ein so grosser wäre, sollte 
man denken, dass jene Lysimachia oder Capsella bursa pastoris nach einer 
Wanderung über die Erdkugel ihren Charakter nicht beibehalten könn- 
ten und dass es der Lehre von den Veränderungen widersprechen 
würde, dass die von gemeinsamen Eltern abstammenden Individuen einer 
besonderen Species in der nördlichen und südlichen Hemisphäre mit 
identischen Charakteren gefunden werden könnten, da jede notwendig 
in diesen neuen Zustand einer ausdauernden Varietät (oder Art) durch 
eine gänzlich verschiedene Folge von Umänderungen gelangte, sowohl was 
das Klima, als auch die mit ihr vorhandenen Tiere und Pflanzen betrifft. 

„Wenn solche Resultate möglich wären, müsste ich die Wiederkehr 
derselben Species in verschiedenen geologischen Perioden, nachdem sie 
ausgestorben oder für ein bis zwei Perioden abwesend waren, erwarten 
können " 



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— 76 — 

Bedenkt man nnn, dass Lyell solche Einwürfe auch Darwin 
direkt und zu oft wiederholten Malen im Gespräch gemacht haben 
wird , so begreift man das lange Zögern desselben, bevor er mit 
seiner Theorie an die Öffentlichkeit zu treten wagte. Dass dieselbe um 
jene Zeit in den allgemeinen Umrissen völlig fertig vorlag, geht 
am klarsten aus einem Briefe hervor, welchen Darwin am 5. Sep- 
tember 1857 an den ausgezeichneten nordamerikanischen Botaniker 
Asa Gray in Boston richtete, der mit ganzer Seele für die An- 
schauungen Lyells, Darwins und Hookers eingetreten war. Der 
Brief war dazu bestimmt, ihm eine Skizze der Auffassung der 
lebenden Welt zu geben, wie sie sich seit seiner Reise bei Dar- 
win ausgebildet hatte, und wir geben diese Skizze hier wieder, da 
sie, wie wir bald sehen werden, dazu diente, Darwin die Priorität 
seiner Entdeckung gegen Wallace zu sichern. Sie lautet: 

„l) Es ist wunderbar, was das Princip der durch den Menschen 
geübten Zuchtwahl, d. h. das Auswählen von Individuen mit irgend 
einer wünschenswerten Eigenschaft und das Paaren derselben und das 
Wiederauswählen bewirken kann. Selbst Züchter sind über ihre eignen 
Resultate erstaunt gewesen. Sie können auf Unterschiede wirken, 
welche einem Laienauge unberechenbar erscheinen. Zuchtwahl ist in 
Europa erst seit dem letzten halben Jahrhundert methodisch be- 
trieben worden; aber gelegentlich, und selbst in geringem Grade me- 
thodisch, hat man sie schon in den ältesten Zeiten geübt. Es muss auch 
eine Art von unbewusster Zuchtwahl seit sehr langer Zeit stattgefunden 
haben, nämlich durch das Halten einzelner Tiere (ohne Gedanken an ihre 
Nachkommen), welche allen Menschenrassen je unter besonderen Yerhält- 
nissen am nützlichsten gewesen sind. Das Zerstören von Varietäten, 
welche von ihrem Typus abweichen, wie es der Kunstgärtner vornimmt, 
ist eine Art von Zuchtwahl. Ich bin überzeugt, dass beabsichtigte oder 
zufällige Zuchtwahl das Hauptagens bei der Bildung unserer domesticierten 
Rassen abgegeben hat, aber wie dem auch sein mag, ihre grosse Fähig- 
keit, sich zn modifizieren, hat sich unbestritten in späteren Zeiten ge- 
zeigt. Zuchtwahl wirkt nur durch die Häufung leichter oder grösserer 
Abweichungen, welche durch äussere Verhältnisse oder durch die blosse 
Thatsache, dass das Kind nicht absolut seinem Vater gleicht, hervor- 
gerufen werden. Der Mensch passt mit Hilfe dieser Fähigkeit, Ab- 
weichungen zu häufen, lebende Wesen seinen Bedürfnissen an, — man 
kann sagen, er macht die Wolle des einen Schafes für Teppiche, die 
eines andern für Tuch geeigneter u. s. w. 

2) Wenn man sich nun ein Wesen vorstellt, welches nicht ledig- 
lich nach der äussern Entfernung urteilte, sondern welches die ganze 
innere Organisation studieren könnte, welches nie launenhaft vorginge 



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— 77 — 

und ein Objekt Millionen von Grenerationen gezüchtet hätte: wer 
möchte wohl sagen, was es nicht bewirken könnte? In der Natur 
kommt leichtes Yariieren gelegentlich in allen Teilen vor, nnd ich 
meine, man kann zeigen, dass veränderte Existenzbedingungen die Hanpt- 
nrsachen davon sind, wenn das Kind nicht genau seinen Eltern gleicht; 
die Geologie zeigt ans nur, welche Veränderungen stattgefunden haben 
nnd noch stattfinden. Es handelt sich da um fast unbegrenzte Zeit- 
räume; nur ein praktischer Geologe kann das vollkommen würdigen. 
Man denke an die Eiszeit, während deren ganzen Verlaufs wenigstens 
dieselben Muschelarten existiert haben; es müssen während dieser Pe- 
riode Millionen auf Millionen Generationen einander gefolgt sein. 

S) Ich glaube, man kann zeigen, dass eine solche unfehlbare Macht 
in der natürlichen Zuchtwahl (der Titel meines Buches), welche 
ausschliesslich zum Vorteil eines jeden organischen Wesens auswählt, 
arbeitet. Der ältere Decandolle, W. Herbert und Lyell haben 
vortrefflich den Kampf ums Dasein geschildert, aber auch sie haben 
die Sache nicht stark genug betont. Man denke daran, das ein jedes 
Wesen (selbst der Elefant) sich in einem solchen Verhältnis vermehrt, 
-dass in wenigen Jahren oder mindestens in wenigen Jahrhunderten 
^e Oberfläche der Erde die Nachkommenschaft eines einzigen Paares 
nicht fassen könnte. Es ist mir schwer geworden, den Gedanken zu 
fassen, dass die Vermehrung der Individuenzahl einer jeden einzelnen 
-Art während eines Teiles ihres Lebens, oder während des Lebens einer 
in kurzen Zeiträumen wiederkehrenden Greneration, so sehr behindert 
werden sollte. Nur einige wenige jener jährlich Geborenen können 
leben, um ihr Geschlecht fortzupflanzen. Eine wie unbedeutende Dif- 
ferenz muss oft bestimmen, wer überleben und wer untergehen soll! 

4) Nehmen wir jetzt den Fall an, dass ein Land einer Verände- 
rung unterliegt. Diese wird bewirken, dass einige seiner Bewohner leicht 
variieren — doch glaube ich nicht etwa, die meisten Wesen variierten 
nicht zu allen Zeiten hinreichend, dass die Zuchtwahl auf sie einwirken 
könnte! Einige seiner Bewohner werden aussterben, und die Über- 
lebenden werden der gegenseitigen Einwirkung einer von der alten ver- 
schiedenen Sorte von Bewohnern ausgesetzt sein, was, wie ich glaube, 
Air das Leben eines jeden Wesens wichtiger ist, als das Klima allein. 
Wenn ich die unendlich verschiedenen Wege betrachte, welche lebende 
Wesen betreten, um sich Nahrung zu verschaffen, indem sie mit 
anderen Organismen kämpfen, um zu verschiedenen Zeiten ihres 
Lebens Gefahren zu entgehen, um ihre Eier und Samen zu verbreiten 
^ s. w. u. s. w., so kann ich es nicht in Zweifel ziehen, dass während 
Hillionen von Generationen Individuen einer Art mit irgend einer 
leichten Abweichung, welche für irgend einen Teil ihrer Organisation 
vorteilhaft ist, gelegentlich geboren werden. Solche Individuen werden 
eine Chance haben, zu überleben und ihre neue und leicht abweichende 
Bildung zu vererben; und die Abänderung mag leicht durch die accumalative 



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— 78 — 

Tbätigkeit der natflrlichen Zuchtwahl bis auf irgend ein vorteilhafte» 
Mass gebracht werden. Die so gebildete Varietät wird entweder mit 
der elterlichen Form zosammen weiterleben, oder, gewöhnlicher, die- 
selbe vernichten. Ein organisches Wesen, wie der Specht oder die 
Mistel, kann anf diese Weise einer Menge von Verhältnissen angepasst 
werden, — indem die natürliche Zuchtwahl jene leichten Abweichangen 
aller Teile seines Körperbaues, welche ihm auf irgend eine Weise und 
zu irgend einer Lebenszeit nützlich sind, anhäufte. 

5) Vielfältige Schwierigkeiten werden einem jeden in Bezug auf 
diese Theorie aufstossen. Viele davon können, wie ich glaube, be- 
friedigend gelöst werden. Natura tum facä saltum beseitigt einige der 
bedeutendsten. Die Langsamkeit der Veränderung und die That- 
sache, dass nur sehr wenige Individuen zu gleicher Zeit einer 
Veränderung unterworfen sind, schafft andre ans dem Wege. Die 
äusserste Unvollkommenheit unsrer geologischen Berichte beseitigt noch 
andre. 

6) Ein weiteres Princip, welches das Princip der Divergenz 
(genannt werden kann, spielt, wie ich glaube, eine wichtige Rolle bei 
der Entstehung der Arten. Derselbe Raum wird mehr Leben beher- 
bergen können, wenn er von sehr verschiedenartigen Formen bewohnt 
wird. Wir sehen dies an den vielen verschiedenen Arten auf eineia 
Stück Rasen von der Grösse einer Quadratelle und an den Pflanzen 
und Insekten auf irgend einem kleinen einförmigen Eiland, welche fast 
immer zu ebensovielen Gattungen und Familien als Arten gehören. 
Wir können den Sinn einer solchen Thatsache bei den höhern Tieren, 
deren Gewohnheiten wir verstehen, begreifen. Wir wissen es als durch 
Versuche bestätigt, dass ein Fleck Landes mehr abwirft, wenn er mit 
verschiedenen Arten und Gattungen von Gräsern, als wenn er nur mit 
zwei oder drei Arten besäet ist. Man kann sagen, dass jedes orga- 
nische Wesen, indem es sich so rapide vermehrt, mit aller Macht dahin 
strebt, seine Individuenzahl zu steigern. So wird es mit den Abkömm- 
lingen einer jeden Art der Fall sein, nachdem sie sich in Varietäten oder 
Unterarten, oder in echte Arten gespalten hat. Und es folgt, wie ich 
glaube, aus den vorstehenden Thatsachen, dass der variierende Abkömm- 
ling jeder Art versuchen wird (nur wenigen wird es gelingen), sich auf 
so vielen und so verschiedenen Plätzen wie nur möglich festzusetzen. 
Jede neue Varietät oder Art wird, wenn sie einmal gebildet ist, ge- 
wöhnlich den Platz ihrer den Verhältnissen weniger gewachsenen Eltern 
einihehmen und dieselben auf diese Weise vernichten. Das ist, wie 
ich glaube, der Ursprung der Klassifikation und der Verwandtschaften 
der organischen Wesen zu allen Zeiten; denn organische Wesen schei- 
nen sich wieder und wieder zu verzweigen, wie die Äste eines Baumes 
vom Hauptstamme aus, indem die blühenden und auseinandertretenden 
Zweige die weniger kräftigen zerstören, — es repräsentieren die toten» 



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- 79 — 

und abgefallenen Zweige in grober Weise die ausgestorbenen Gattungen 
und Familien. 

Diese Skizze ist höchst unvollkommen ; aber auf einem so knappen 
Räume kann ich sie nicht -besser geben. Ihre Phantasie muss grosse 
Lücken ausfallen." 

ZurZeity als Darwin vorstehende Mitteilungen an Asa Gray 
sandte, dachte er nicht im entferntesten daran, sein Werk über 
„natürliche Zuchtwahl" demnächst herauszugeben. Er war viel- 
mehr nach wie vor beschäftigt, Thatsachen zur Unterstützung seiner 
Ansichten zu sammeln. Er stellte damals die schon oben erwähn- 
ten Versuche über die Dauer der Keimfähigkeit der dem Seewasser 
ausgesetzten Pflanzen an und veröffentlichte mehrere Beobach- 
tungen „über die Thätigkeit, welche die Bienen bei der Befruchtung 
der Schmetterlingsblütler ausüben, und über die Kreuzung der 
Schminkbohnen im besondem"*), und dies sind die ersten jener 
grossen Reihe von Beobachtungen' welche Darwin über die Be- 
fruchtung der Pflanzen durch Insekten angestellt hat. Aus diesen, 
die „botanische Periode" Darwins einleitenden Arbeiten, welche 
ihn gleich denen der „geologischen Periode" volle zehn Jahie lang be- 
schäftigen sollten, wurde er durch einen äussern Umstand herausgerissen 
und sehr wider seinen Willen genötigt, das nach seiner Ansicht 
zur Veröffentlichung noch lange nicht reife Werk schon jetzt in 
Angriff zu nehmen. Dieser Umstand war der folgende. 

Wallace, der sich damals auf den Molucken befand und, 
wie wir gesehen haben, durch Lyells Arbeit und Darwins Keise- 
werk zu mannigfachen Spekulationen über die Entwicklung und 
Verbreitung der Tier- und Pflanzenarten über den Erdball ange- 
regt worden war, geriet plötzlich auf denselben Gedankengang über 
den Einfluss des Daseinskampfes auf die Veränderung der Arten, 
wie ihn Darwin seit zwanzig Jahren gegangen war. Wie er es selbst 
erzählt hat, war ihm das Licht plötzlich in den Phantasieen eines 
Keberanfalles aufgegangen, wobei indessen zu bemerken ist, dass 
er gleich Darwin das Werk von Malthus über den Einfluss der 
Konkurrenz auf das Menschenleben vorher gelesen. Indem er diese 
Ansichten auf die Tierwelt übertrug, erschien auch ihm sogleich 



♦) Gardeners Chronicle i857 p. 725, 1858 p. 824. 844, und AnnaU and 
Magaz, qf Nat, Bist. Ser, III. Vol. II (1858) p. 459—464. 



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— So- 
das Bätsei der fortschreitenden Veränderungen der Organismen 
gelöst, und sobald der Anfall vorüber ,war, entwickelte er seine 
Ansichten (Februar 1858) in geordneter Weise und sandte seinen 
von Temate datierten Aufsatz mit der nächsten Post an Darwin, 
mit dem er seit längerer Zeit in Korrespondenz stand, mit der 
Bitte, die Arbeit, wenn er den Inhalt hinreichend neu und inter- 
essant fönde, Lyell zuzustellen. 

Die betreflFende Abhandlung von Wallace, welche den Titel 
trägt: „Über die Tendenz der Varietäten, unbegrenzt von dem 
Originaltypus abzuweichen", entwickelt die Theorie der „natürlichen 
Zuchtwahl" (wenn er diese Bezeichnung auch nicht gebraucht) 
mit der vollen, diesem Schriftsteller eigenen Kimst der Darstellung 
und zugleich mit solcher Klarheit und Überzeugungskraft, dass sie 
noch heute als eine der besten Einführungen in die Zuchtwahl- 
theorie gelten darf. Obwohl Darwin schon vor neunzehn Jahren 
zu denselben Ansichten gekommen war, fand er sich von der glänzen- 
den Darstellung seines Korrespondenten so geblendet, dass er be- 
schloss, ihm' den Vortritt zu lassen, und Lyell ersuchte, mög- 
lichst schnell die Zustimmung des weit entfernten Beisenden zur 
schleunigen Veröffentlichung der Arbeit zu erlangen. Den weitem 
Verlauf der Angelegenheit ergiebt ein Brief, welchen Lyell und 
Hooker nach dem EintreflFen der Zustimmung von Wallace 
am 30. Juni 1858 gemeinsam an den derzeitigen Sekretär der 
Linn6schen Gesellschaft in London, J. J. Bennet richteten: 

„Geehrter Herrl Die beifolgenden Abhandlungen, welche wir die 
Ehre haben, der Linn^'schen Gesellschaft vorzulegen und welche sich alle 
auf denselben Gegenstand beziehen, nämlich auf die Gesetze, welche 
die Entstehung von Varietäten, Rassen und Arten beinflussen, enthalten 
die Resultate der Untersuchungen zweier unermüdlicher Naturforscher, 
der Herren Charles Darwin und Alfred Wallace. 

yfiiese Herren haben, ein jeder selbständig und ohne von einander 
zu wissen, dieselbe sehr geistreiche Theorie erdacht, um das Auftreten 
und die Fortdauer von Varietäten und von specifischen Formen auf 
unserm Planeten zu erklären, und mögen daher beide billigerweise das 
Verdienst in Anspruch nehmen, Original-Denker auf diesem wichtigen 
Gebiete der Forschung zu sein; aber da keiner von ihnen seine An- 
sichten veröffentlicht hat, obgleich Herr Darwin vor vielen Jahren 
wiederholt von uns dazu gedrängt wurde, und die beiden Autoren jetzt 
rückhaltslos ihre Arbeiten in unsere Hände gelegt haben, so meinen 



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. — 81 — 

wir, dass die Interessen der Wissenschaft am besten gewahrt sind, 
wenn eine Auswahl derselben der Linn^ischen Gesellschaft vorgelegt 
würde. Ihrem Datum nach geordnet sind es die folgenden: 

1) Auszüge aus einem Manuskript über den Artbegriff, von Herrn 
Darwin, welches im Jahre 1839 skizziert und im Jahre 1844 
kopiert wurde, zu welcher Zeit die Kopie von Dr. Hooker 
gelesen, und ihr Inhalt später Sir Charles Lyell mitgeteilt 
worden ist. Der erste Teil ist „dem Variieren organischer 
Wesen im natürlichen, und im Zustande der Domestikation^' 
gewidmet, und das zweite Kapitel jenes Teiles, aus welchem 
wir die genannten Auszüge der Gesellschaft vorzulegen be- 
absichtigen, ist überschrieben: „Über das Variieren organischer 
Wesen im Naturzustande, über die natürlichen Mittel der 
Zuchtwahl, über das Verhältnis domesticierter Rassen zu echten 
Rassen." *) 

2) Ein Abschnitt eines Privatbriefes von Herrn Darwin an Pro- 
fessor Asa Gray in Boston, V. St., vom Oktober 1857 in 
welchem derselbe seine Ansichten wiederholt und welcher dar- 
thut, dass sie vom Jahre 1839 — 1857 unverändert geblieben 
sind. **) 

8) Ein Essay von Herrn Wallace, betitelt: „Über die Tendenz 
der Varietäten unbegrenzt von dem ursprünglichen Typus 
abzuweichen." ***) 

Letzterer Essay wurde auf Ternate, einer der Molucken, im 
Februar 1858 zu Händen seines Freundes und Korrespondenten, Herrn 
Darwin, geschrieben und diesem mit dem ausgesprochenen Wunsche 
zugesandt, ihn Sir Charles Lyell mitzuteilen, wenn Herr Darwin ihn 
für neu und interessant genug hielte. So sehr nun schätzte Herr 
Darwin den Wert der darin niedergelegten Ansichten, dass er in einem 
Briefe an Sir Charles Lyell vorschlug, Herrn Wallaces Einwilligung 
einzuholen, um den Essay sobald als möglich veröffentlichen zu dürfen. 
Diesen Schritt billigten wir im hohen Masse, vorausgesetzt, dass Herr 
Darwin die Denkschrift, welche er selbst über den gleichen Gegenstand 
verfasst, und welche, me vorher mitgeteilt worden, einer von uns 
im Jahre 1844 eingesehen hatte, und von deren Inhalt wir beide 
seit vielen Jahren Mitwisser waren, nicht der Veröffentlichung vorent- 
hielt«, wozu er (zu Gunsten des Herrn Wallace) sehr geneigt war. Als 
wir dieses Herrn Darwin vorstellten, gab er uns die Erlaubnis, jed- 



*) Vergl. Abteilung II dieses Buches Nr. 1. 
**) Vergl. oben S. 76-79. 

*•*) Wiederabgedruckt in A. R. Wallace, Beiträge zur Theorie der 
natürlichen Zuchtwahl. Deutach von A. B. Meyer, Erlangen, 1870 S. 30 --50. 

Kranse, Ch. Darwin. 6 



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— 82 — 

weden Gebrauch, der uns geeignet schiene, von seiner Niederschrift u. s. w. 
zu machen, und indem wir diesen Weg, sie der Linn^ischen Ge- 
sellschaft vorzulegen, betraten, erklärten wir ihm, dass wir dabei nicht 
allein seine und seines Freundes relative Prioritäts - Ansprache im 
Auge hätten, sondern auch die Interessen der Wissenschaft im allge- 
meinen; denn wir halten es für vrünschenswert, dass Ansichten, welche 
auf einer so breit angelegten Schlussfolgerung aus Thatsachen be- 
ruhen und welche durch jahrelanges Nachdenken gereift sind, sobald 
als möglich ein Zielpunkt werden, von dem andere ausgehen können^ 
und dass so lange die wissenschaftliche Welt auf das Erscheinen des 
vollständigen Werkes von Herrn Darwin warten muss, einige der 
leitenden Resultate seiner Arbeiten sowohl, als auch derjenigen seines 
vortrefflichen Korrespondenten, zu gleicher Zeit der Öffentlichkeit vor- 
gelegt werden. 

Wir haben die Ehre zu sein u. s. w. 

Charles Lyell 
Joseph D. Hooker. 

Die drei Schriftstücke erschienen sodann im Augustheft 1858 
des „Journal of ihe proceedings of the Linnean Society in Lon-- 
don^\ and da man solche wichtige Neuerungen Ton ihrer ersten 
Veröffentlichung datiert, so muss das Jahr 1858 als das Geburts- 
jahr der Darwinschen Theorie bezeichnet werden, und nicht 1859, 
vrie es gewöhnlich geschieht. Die 'beiden Geburtshelfer derselben, 
als welche man Hooker und Lyell wohl mit Grund bezeichnen 
darf, ruhten nunmehr auch nicht, auf Darwin einzureden, dass er 
den ersten leichten Umrissen nun so bald als möglich eine ein- 
gehende Darstellung folgen lassen müsse. Umsonst wendete Dar- 
win dagegen ein, dass die vorliegenden Thatsachen und Beobach- 
tungsreihen nach allen Richtungen lückenhaft seien, und dass noch 
unendlich viel fehle, um ein erträgliches Lehrgebäude auf dem vor- 
handenen Materiale aufzubauen. Endlich Ende September 1859 
war die vorläufige Übersicht seiner Theorie, welche Darwin unter 
dem Titel „On the Ch^igin of Species by means of natural selection 
or the preservation of favoured races in the atruggle for life^^ ver- 
öffentlichte, im Drucke so weit vollendet, um noch vor der eigenir 
liehen Ausgabe, die nach englischem Buchhändlerbrauch erst im No- 
vember erfolgte, den Freunden übersandt zu werden. Unter dem 
3. Oktober 1859 antwortete Lyell: 

„Mein lieber Darwin, ich habe soeben Ihren Band ausgelesen, 
und recht froh bin ich, dass ich mit Hook er, was in meinen Kräften 
stand, gethan habe, Sie zu tLberzeugen, dass Sie ihn verentöfflichen 



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— 83 — 

mflssten, ohne auf eine Zeit zu warten, welche wahrscheinlich niemals 
gekommen wäre, wenn Sie auch bis zam hundertjährigen Alter vor- 
gerückt wären, die Zeit nämlich, wo Sie alle Ihre Thatsachen, auf 
welche Sie so viele grosse Verallgemeinerungen begrtLnden, präpariert 
hätten. Es ist ein glänzendes Beispiel von strengem Räsonnement und 
von so viele Seiten hindurch weitgestütztem Argument, die Zusammen- 
drängung ungeheuer, vielleicht zu gross für die Uneingeweihten, aber 
eine wirksame und gewaltige Grundlegung, welche, sogar bevor Ihre 
ins Einzelne gehenden Beweise erscheinen, einige gelegentliche nütz- 
liche Exemplifikationen zulässt, wie z. B. an Ihren Tauben und Ranken- 
füsslern, von denen Sie einen so ausgezeichneten Gebrauch machen. 

„Ich meine, dass Sie, wenn, wie ich sicher erwarte, bald eine neue 
Auflage verlangt wird, hier und da einen vorliegenden Fall einfügen 
können, um mit der ungeheuren Zahl von abstrakten Sätzen abzu- 
wechseln und sie damit zu unterstützen. So weit es mich betrifft, bin 
ich so wohl pjäpariert, Ihre Aufstellungen als bewiesene Thatsachen 
anzunehmen, dass ich nicht glaube, die Pikes justificaüves werden, wenn 
veröffentlicht, viel Unterschied darin machen, und ich habe längst auf 
das Klarste eingesehen, dass wenn irgend eine Concession gemacht ist^ 
alles, worauf Sie dieselbe begründen, in Ihren abschliessenden Seiten 
folgen wird. 

„Es ist dies, was mich zu so langem Zögern veranlasst hat, dass 
ich stets empfand, dass der Fall des Menschen und seiner Rassen, sowie 
derjenige der andern Tiere und deijenige der Pflanzen, ein und der- 
selbe ist, und dass, wenn eine vera causa für einen Fall angenommen 
wird, alle Konsequenzen ftlr ein ganz unbekanntes und eingebildetes 
Etwas, wie das Wort „Schöpfung", folgen müssen. 

„Da ich im Begriffe stehe, diesen Ort*) zu verlassen, fürchte ich, 
dass ich heute nicht Zeit genug habe, mir durch eine Mannigfaltigkeit 
von Kommentaren Befriedigung zu verschaffen und auszusprechen, wie 
sehr ich entzückt bin über: Oceanische Inseln — Rudimentäre Organe 
— Geographische Verbreitung, und wenn ich darauf eingehen wollte 
müsste ich die Überschriften aller Ihrer Kapitel wiederholen. 

Mit meinen herzlichen Glückwünschen an Sie für Ihr grosses 
Werk u. s. w." 

Das von John Murray in London am 24. November ausge- 
gebene Werk geht von der künstlichen Zuchtwahl aus, zeigt deren 
gewaltigen Einfluss und Macht, und geht dann, immer die äugen- 
Migsten und überzeugendsten Beispiele auswählend, auf die Ab- 



*) Der Brief ist auf der Reise geBchrieben und von Drumki be, Pert- 
»lure, datiert Vergl. Lyell Lift etc, II p, 325, 

6* 



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— 84 — 

änderongen der Wesen im Naturzustände über. Im dritten und 
vierten Kapitel kommt der Kampf ums Dasein und seine züchtende 
Macht im Naturhaushalte und damit, nachdem noch im fünften 
Kapitel die bisher ableitbaren Gesetze der Abänderung aufgezählt 
wurden, ist eigentlich die neue Theorie in ihren Grundzügen dar- 
gelegt. Der Verfasser geht nunmehr sogleich auf die Schwierig- 
keiten der Theorie" über, und dies ist eine charakteristische 
Eigentümlichkeit seines Vorgehens, dass er diese Schwierigkeiten 
stets offen darlegte, auf die Gefahr hin, dass die Gegner ihre 
Waffen aus solchen Kapiteln nehmen könnten. Allerdings wurde 
das reichüch durch den Vorteil aufgewogen, die Wege, auf denen 
eine Beseitigung derselben mögUch sein musste, anzudeuten und 
die Aufmerksamkeit der Fachgenossen darauf hinzulenken. Die 
folgenden Kapitel über Instinkte und Bastardbildung sind reich 
an solchen Fingerzeigen. Was alsdann Darwin über die UnvoU- 
kommenheit der geologischen Überlieferung und über die geologische 
Aufeinanderfolge organischer Wesen in den folgenden Kapiteln sagt, 
überwiegt an Gehalt und Überzeugungskraft alles, was vorher über 
die Begründung der Descendenztheorie auf geologischer Grundlage 
gesagt worden war, und hat auf die paläontologische Wissenschaft 
wahrhaft veijüngend gewirkt, wie denn viele der Hoffaungen Dar- 
wins auf künftige Ausfüllung der bestehenden Lücken im geo- 
logischen Bericht sich durch neuere Funde, z. B. hinsichtüch der Vögel 
und ältesten Säugetiere, in kurzer Zeit überraschend erfüllt haben. 
Die folgenden Kapitel liefern die Grundlinien einer exakten Tier- 
und Pflanzengeographie vom descendenztheoretischen Standpunkte 
und das dreizehnte Kapitel bespricht das natürliche genealogische 
System der Lebewesen, die gegenseitigen Verwandtschaften, die Be- 
weise derselben aus der vergleichenden Anatomie und Entwick- 
lungsgeschichte, sowie die rudimentären Organe, worauf mit einer 
allgemeinen Bekapitulation der Schluss gemacht wird. 

Niemand zweifelt heute mehr daran, dass dieses Buch eine 
der grössten, reformatorischen Thaten ist, die jemals vollbracht 
wurden. Und doch muss man eingestehen, dass es keineswegs in 
einem glänzenden, vielmehr sogar in etwas ermüdendem Stile, ge- 
schrieben ist und im grossen und ganzen kaum etwas bringt, was 
nicht im einzelnen bereits vorher ausgesprochen worden wäre, 
Hinsichtüch des Hauptpunktes, der Theorie der natürlichen Zucht- 



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- 85 — 

wähl haben wir das bereits firüher gesehen. Sogar manche der 
Schlagworte, wie z. B. „Kampf ums Dasein'^ (struggle for eaistence)^ 
worden viel früher von Decandolle, Lyell und andern gebraucht. 
Es ist bezeichnend, das sich das Wort nicht in Darwins, wohl 
aber in Wallaces erster Veröffentlichung über die Zuchtwahl- 
theorie findet.*) Es ist also nicht die absolute Neuheit der Dar- 
winschen Gedanken, sondern die Wucht und unwiderstehliche 
tJberzeugongskraft für unterrichtete Leser, die er ihnen durch richtige 
Yerbindung, konsequente Anordnung und Zurückhaltung in der 
Schlussfolgerung zu 'geben wusste. Es war sicher ein Vorteil für 
die Sache,, dass er durch die Verhältnisse dazu gedrängt wurde, einen 
vorläufigen Abriss seiner Ideen zu geben, um ausreichende Stützen 
allmählich folgen zu lassen, denn so war der Eindruck nicht nur un- 
mittelbarer, sondern er selbst wurde dadurch in den Stand gesetzt, 
während die erste Aufregung vorüberging, ruhig weiter zu beobachten, 
zahlreiche Mitarbeiter an dem grossen Werke zu gewinnen und 
das ausgiebigste Material zur Stütze desselben durch unermüdliche 
Korrespondenz und geduldiges Sammeln von Thatsachen zusammen- 
zubringen. Mit einer genauen Selbsterkenntnis und anerkennens- 
wertem Gerechtigkeitssinn hat dies selbst sein Mitbewerber um den 
Ruhm der Entdeckung, der geistvolle Wallace anerkannt: 



*) Man hat an dem Worte „Kampf ums Dasein^' getadelt, dass es ein 
gar zu aktives und doppelseitiges Vorgehen bezeichne, während doch sehr 
viele Lebewesen und namentlich die Mehrzahl der Pflanzen nicht aktiv be- 
teiligt sind, auch wenn sie als Unterdrücker gelten, so dass von einem 
eigentlichen Kampfe, Brust gegen Brust, in den meisten Fällen nicht die 
Rede sein könne, sondern höchstens von einer Mitbewerbung. Dieser Einwurf 
trifft indessen höchstens den deutschen Ausdruck, wenn er in einem gar zu 
wörtlichem Sinne gebraucht wird. Darwin schrieb darüber am 30. März 1869 
an W. Preyer:...j „Hinsichtlich des Ausdruckes struggle fxyi- existenee habe 
ich stets einige Zweifel empfunden, war aber nicht imstande, eine bestimmte 
Linie zwischen den beiden darin einbegriffenen Ideen zu ziehen. Ich ver- 
mute, dass der deutsche Ausdruck „Kampf ums Dasein'* nicht ganz dieselbe 
Idee giebt. Die Worte struggle far existence drücken, wie ich glaube, genau 
dasselbe wie Konkurrenz aus. Es ist im Englischen korrekt, zu sagen, dass 
zwei Menschen struggle for existence, die etwa in einer Hungersnot denselben 
Nahrungsmitteln nachjagen, und in gleicherweise wenn ein einzelner Mensch 
nach Nahrung jagt ; oder hinwieder kann gesagt werden , dass ein Mensch, 
Wtan er schiffbrüchig ist, gegen die Wellen der See: struggles for existence,^^ 



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-. 86 — 

„Ich habe mein Leben lang'^ schrieb derselbe 1870 in der Ein- 
leitung seiner mehrerwähnten „Beiträge zur Zachtwahltheorie/* die anf- 
richtigste Befriedigung darüber empfanden — und ich empfinde sie 
noch — , dass Herr Darwin lange vor mir an der Arbeit gewesen 
ist) und dass nicht mir der Yersncb überlassen blieb, „die Entstehung 
der Arten^ zu schreiben. Ich habe seit langem meine eigenen Kräfte 
gemessen und weiss sehr wohl, dass sie für diese Aufgabe durchaus 
unzureichend sind. Weit fähigere Männer als ich werden zugestehen, 
dass sie nicht jene unermüdliche Geduld besitzen-, grosse Massen von 
Thatsachen der allerverschiedensten Art aufzuhäufen, und jenes wunder- 
bare Geschick, sie anzuwenden, — nicht jene ausgebreiteten und ge- 
nauen physiologischen Kenntnisse, — nicht jenen Scharfsinn im Aus- 
denken, und jenes Geschick im Anstellen von Experimenten, — 
noch jenen bewunderungs?rürdigen, zu gleicher Zeit klaren und über- 
zeugenden und kritischen Stil der Darstellung, — Eigenschaften, welche 
in ihrer harmonischen Vereinigung Herrn Darwin als den Mann hin- 
stellen, welcher vielleicht unter allen jetzt lebenden Menschen am besten 
geeignet ist für das grosse Werk, das er unternommen und voll- 
führt hat." 



Tl. Die erste Auftiahme des Werkes. 

Wir haben bereits erfahren, mit welcher Befriedigung Lyell das 
Buch, welches im November 1859 ausgegeben wurde, aufnahm, und 
Ähnliches lässt sich von einer grossen Reihe von hervorragenden 
Gelehrten Englands und des Auslandes sagen. Der ausgezeichnete 
Londoner Zoologe Thomas Henry Huxley hatte schon vor dem 
Erscheinen desselben in einem Juni 1859 vor der königlichen Ge- 
sellschaft in London gehaltenen Vortrage dargelegt, wie kläglich 
sich die durch keine Tradition oder Offenbarung gestützte Hypo- 
these der Neuschöpfungen nach geologischen Katastrophen der 
Darwinschen Theorie gegenüber ausnimmt, und im Dezember 1859 
veröffentlichte Josef Hooker seine „Tasmanische Flora", in deren 
Einleitung er sich unumwunden zu Darwins Ansichten über die 
Entstehung der Arten bekannte. Diese Einleitung enthält, wie 
schon einige frühere Schriften Hookers, eine Menge Erläuterungen 
der Darwinschen Theorie von pflanzengeographischen und andern 
Standpunkten, so dass sie wichtige Ergänzungen des Hauptwerkes 



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— 87 — 

darstellen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass sich aus- 
ländische Naturforscher, die längst ähnliche Wege gegangen waren» 
wie Büchner, Rolle, Schaaffhausen, Victor Carus u a. in 
Deutschland, Asa Qray in Nordamerika und viele andre, alsbald 
für die neue Auffassung der Natur erklärten. 

Anders verhielten sich, wie erwartet werden konnte, die „kon- 
servativen" Naturforscher, die orthodoxen Geistlichen und eine An- 
zahl oberflächlicher Zeitungsschreiber, die mit mehr oder weniger 
Ingrimm über die ihnen unwillkommene Theorie herfielen. Es war 
ihnen kaum ein direkter Anlass dazu gegeben worden. Denn in 
ganz ähnlicher Weise wie sein Grossvater, hatte Darwin seine theo- 
retischen Auseinandersetzungen mit den Worten beschlossen: „Es 
ist wahrlich eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim 
alles Lebens, das uns umgiebt, nur wenigen, oder nur einer einzigen 
Porm eingehaucht habe; und dass, während dieser Planet, den 
strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend, sich im Kreise schwingt, 
aus 80 einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer 
und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch entwickelt." 
Es ist dieser Ausspruch dem grossen Naturforscher von vielen 
seiner Anhänger als eine grosse Inkonsequenz vorgeworfen worden, 
und ebenso hat man es ihm als Konnivenz gegen die herrschenden 
Ansichten des bigotten Englands angerechnet, dass er den Menschen 
von seiner Betrachtung ausgeschlossen habe. Der letztere Vor- 
wurf ist aber durchaus unberechtigt, denn nirgends in dem Werke 
findet sich ein derartiger Vorbehalt dem Menschen gegenüber, wie 
ihn später Lyell und Wallace gemacht haben, vielmehr sind 
zahlreiche Hindeutungen vorhanden, aus denen jeder aufinerksame 
Leser deutlich erkennen konnte, dass Darwin in keiner Weise ge- 
sonnen war, den Menschen von seinen Schlussfolgerungen auszu- 
schliessen. Am Schlüsse, bei der Aufzählung der durch die neue 
Anschauungsweise zu erhofienden Fortschritte, heisst es vielmehr in 
der Origmalausgabe ausdrücklich: „Es werde Licht geworfen werden 
auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte"; aber 
Prof. H. G. Bronn liess diese und andere ihm unbequeme Stellen 
bei seiner Übersetzung des Werkes ins Deutsche einfach weg, wo- 
durch obiger Irrtum bei einzelnen Autoren entstanden ist. Auch 
gehörte eine eingehendere Behandlung dieser Frage wohl nicht in 
das allgemeine, die Grundzüge der neuen Auffassung darlegende 



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— 88 — 

Werk und musste einer besonderen spateren Behandlung vorbehalteH 
bleiben. Auch aus rein taktischen Granden müssen wir anerkenn^ 
dass, wenn Darwin des Menschen Verhältnis zu den Tieren nicht 
sogleich in den Mittelpunkt der Diskussion stellte, dies eine wohl- 
angebrachte Zurückhaltung war, die seine Gegner freilich nicht hin- 
derte, dieses Verhältnis in den Vordergrund zu ziehen. Seine Ansicht 
über diesen Punkt war, wie sich hierdurch ergab, nicht einen Augen- 
blick missyerstanden worden, und der Streit drehte sich alsbald 
um die Frage nach dem Ursprünge des Menschen. Abgesehen von 
den kleinen Scharmützeln der Zeitungen und Revuen, wurde die 
Frage sehr bald auch vor das Forum der Wissenschaft gezogen 
durch das Verhalten des ausgezeichneten Londoner Zoologen Bichard 
Owen, desselben, der die von Darwin aus Südamerika mitgebrachten 
fossilen Säugerreste bearbeitet hatte. Man hätte in ihm einen 
der eifrigsten Anhänger der Darwinschen Theorie erwarten soUen^ 
denn er hatte seit zehn Jahren eine ordnungsmässige Aufeinander- 
folge und ein Fortschreiten der Wesen in der Zeit betont und 
diese Grundsätze noch 1858 vor der britischen Naturforscher- Ver- 
sammlung mit dem Zusätze wiederholt, „dass das Wort Schöpfung 
nur einen unbekannten Prozess für den Zoologen bedeute''. Ebenso 
hatte er über die Frage des Verhältnisses vom Affen zum Menschen 
in einem Aufsatz „über die Charaktere, Einteilungs-Principien und 
Hauptgruppen der Säugetiere'' erklärt, dass für ihn in geistiger, 
wie in körperlicher Beziehung nur gradweise Unterschiede zwischen 
Mensch und Affe vorhanden wären*). Als aber Darwins erste Pu- 
blikation erschienen war, änderte er seinß Überzeugungen beständige 
Er behauptete zuerst, dass er die Zuchtwahltheorie lange vor Dar- 
win entdeckt habe, und als Darwin ihm darüber seine Freude zu 



*) Owens Worte lauten: „Da ich weder imstande bin, den Unter- 
sohied zwischen den physischen Erscheinungen eines Ghimpanse und eines 
Buschmanns oder eines Azteken mit gesunder Hirnbildung, fttr so wesent« 
lieber Natur anzuerkennen oder aufzufassen, dass ein Vergleich zwischen 
ihnen ausgeschlossen wäre, noch für einen andern als blos gradweisen zu 
halten, so kann ich meine Augen jener alles durchdringenden Gleichheit des 
Baues nicht verschliessen ; jeder Zahn, jeder Knochen ist streng homolog, und 
diese Gleichheit macht die Bestimmung des Unterschieds zwischen Homo und 
Fithecuß zu einer schwierigen Aufgabe fär den Anatomen/* (Journal cf th» 
Proceedin^s of the Linnean Society. Vol, IL 1857,) 



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— 89 — 

erkennen gab, wollte er falsch rerstanden worden sein. Er legte nun- 
mehr mit einem Male auch einen besondem Wert auf einige Teile des 
menschlichen Gehirns, die bei den Affen nur andeutongsweise ent- 
wickelt sind und die nach seiner neuen Überzeugung einen strengen 
Unterschied zwischen Mensch und Affen bedingen sollten. Er hatte 
dies schon in einer 1859 Tor dem College zu Cambridge gehalte- 
nen Vorlesung gethan und wiederholte dies vor der Versammlung 
der britischen Naturforscher, die im Jahre 1860 zu Oxford stattfand. 
Lyell schildert die zum Teil stürmischen Vorgänge auf dieser 
Versammlung in einem vom 4. Juli 1860 datierten Briefe an Sir 
Charles Bunbury: 

...... Ich war nicht imstande, in der Sektion für Zoologie und 

Botanik (deren Vorsitz Henslow ftlhrte) gegenwärtig zu sein, in wel- 
cher erst Owen und Huxley einen Disput hatten und Jung-Lub- 
bock und Joseph Hooker bei der letzteren Gelegenheit ihre An- 
hänglichkeit an die Theorie Darwins erklärten. 

Owen and Huxley diskutierten über die Verschiedenheit des Men- 
schen und der höhern Affen im Knochen- und Gehirnbau, wobei Huxley 
sieben der von Owen in seiner zu Cambridge gehaltenen Vorlesung 
aufgestellten Sätze als unrichtig und thatsächlich unwahr bekämpfte. 

Der Bischof von Oxford frug, ob Huxley von grossväterlicher 
oder grossmütterlicher Seite mit einem Affen verwandt wäre. Huxley 
erwiderte (ich hörte einige verschiedene Versionen dieser lustigen 
Unterhaltung): „dass wenn ihm die Wahl eines Ahnen so gestellt würde, 
ob er lieber einen Affen möchte, oder jemand, der, nachdem er eine 
scholastische Erziehung erhalten habe, seine Logik dazu gebrauche, 
ein ununterrichtetes Publikum zu missleiten, und der die zur Unter- 
stützung einer schwierigen und ernsthaften philosophischen Frage bei- 
gebrachten Thatsachen und Erörterungen nicht mit Gründen, sondern 
mit Witzen behandele, so würde er nicht einen Augenblick zögern, dem 
Affen den Vorzug zu geben." Viele tadelten Huxley für diese unehr- 
erbietige Freimütigkeit; aber mehrere derjenigen, die ich davon sprechen 
hörte und unter ihnen Fal coner, versicherten mich, der Vicekanzler 
Jeune (ein Liberaler) hätte erklärt, dass der Bischof nicht mehr 
abbekommen habe, als er verdient hätte. Dem Bischof ist in der Sektion 
sehr stark Beifall geklatscht worden, aber bevor es vorüber war, 
wurde die überfüllte Sektion (zahlreiche konnten keinen Eintritt er- 
langen) vollständig und besonders durch Hooker zur andern Seite be- 
kehrt.*)« 



*) Life of Lyell IL p, 3S5. 



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— 90 — 

Es war eine erregte Zeit und die hohe Geistlichkeit beteiligte 
sich stark. Der Bischof von Oxford versicherte LyeU, dass Dar. 
wins Werk das unlogischste Buch sei, was jemals geschrieben wor- 
den wäre""), während umgekehrt Dechant Mi Im an dieses Buch so 
geistreich fand^ dass es allein schon hinreiche, zu beweisen, „dass 
Lyell und sein Freund nicht von Kaulquappen abstammen könn- 
ten/***) Die Epoche der ruhigen Kritik brach in England erst 
viel später an, und wir werden auf die Angriffe von Mivart, des 
Herzogs von Argyll, Wallaces und anderer später zurückzukommen 
haben. Huxley, der schlagfertigste und begabteste Vorkämpfer 
der Darwinschen Theorie in England, welcher sich selbst einmal den 
Titel einer „Hilfsamme" derselben beilegte, nahm sich des hoffnungs- 
vollen Kindes mit soviel Eifer an, dass Darwin oft über die Heftig- 
keit seiner Verteidigung erschrak, aber er hat der schnellen An* 
erkennung derselben durch seine zahlreichen Beden und Journal- 
Artikel, wie durch seine wissenschaftlichen Arbeiten unendlich vor- 
gearbeitet. Sein Streit mit Owen veranlasste ihn, eine Reihe 
glänzender Vorlesungen über das Verhältnis des Menschen zu den 
nächstniedem Tieren zu veröffentlichen, welche die Verwandtschaft 
sowohl vom Standpunkte der vergleichenden Anatomie, wie der 
Embryologie darlegten und sicherlich in ihrer hinreissenden Über- 
zeugungskraft viel dazu beigetragen haben, für Darwins weiteres 
Vorgehen den Boden zu ebnen.***) 

Einen guten Massstab für den Grad der Erregung, welchen das 
Erscheinen des Darwinschen Werkes hervorrief, giebt auch die 
schnelle Folge der ersten englischen Ausgaben desselben, wobei 
im Auge behalten werden muss, dass es sich um ein schwer- 
lesbares, wissenschaftliches Werk, nicht um einen Roman handelt 
Der erste am 24. November 1859 ausgegebene Abdruck von meh- 
reren tausend Exemplaren war im Handumdrehen vergriffen, so dass 
bereits zum 7. Januar 1860 eine zweite Auflage fertig gestellt 
wurde. Die dritte Ausgabe erschien im März 1861, und seitdem 



♦) Life of Lyell IL p. 358. 
♦♦) Ibidem IL p, S29. 

♦*♦) Th. H. Huxley, Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Na- 
tur. Übersetzt von J. V. Carus. Braunschweig 1863. Hier findet sich auch 
der heute in Huxley'sohem Sinne entschiedene Streit mit Owen S. 128--134 
ausführlich dargestellt. 



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— 91 — 

sind in Zwischenräumen von vier bis fünf Jahren zahlreiche neue 
Auflagen in englischer Sprache und in den meisten Kultursprachen 
mehrfach neu aufgelegte Übersetzungen erschienen. 

Die erste deutsche Übersetzung wurde unter Mitwirkung Dar- 
wins im Jahre 1860 durch den ausgezeichneten Zoologen und 
Paläontologen Heinrich Georg Bronn in Heidelberg herausgegeben. 
Dies war insofern keine ganz glückliche Wahl, da dieser vorzüg- 
liche Gelehrte einige Jahre vorher mehrere Werke verwandten In- 
halts, nämlich die „Morphologischen Studien über die Gestaltungs- 
gesetze der Naturkörper überhaupt und der organischen insbesondere" 
(Leipzig 1858) und die von der französischen Akademie gekrönte 
Preisschriffc : „Untersuchungen über die Entwicklungsgesetze der or- 
ganischen Welt während der Bildungszeit unserer Erdoberfläche" 
(Stuttgart 1858) herausgegeben hatte. Er konnte überhaupt als 
der hervorragendste Repräsentant der noch jetzt unter den deutschen 
Naturforschern der älteren Schule herrschenden Weltauffassung 
gelten, nach welcher die stufenweise Entwicklung der Naturwesen 
von niedem zu hohem Formen, für welche ihm seine Studien un- 
zählige Belege ergeben hatten, durch ein ihnen immanentes „Ent- 
wicklungsgesetz", ähnlich dem, welches einen Tier- und Pflanzen- 
keim durch mancherlei Stufen zum vollendeten Wesen führt, be- 
dingt und geregelt werde. Bronn glaubte daher das Darwinsche 
Werk, unbeschadet des bedeutenden Eindrucks, den es auf ihn 
hervorgebracht hatte, kritisieren zu sollen, und gab gleich der ersten 
Auflage einen Anhang mit auf den Weg, der gleichsam vor den 
Irrwegen desselben warnen sollte. Er verlangte in der That viel 
von einer eben in den ersten Umrissen hingeworfenen Theorie und 
frug beispielsweise: 

„Warum bekommt im Kampfe ums Dasein eine Pflanzenart ovale, 
statt lanzettlicher, und die andere lanzettliche statt ovaler Blätter? 
Warum die eine einen doldenartigen und die andere einen rispen- 
förmigen Blutenstand? Warum die eine fünf und die andere vier 
Staubgefässe , die eine eine geschlossene und die andere eine weitge- 
öffnete Blüte? Wozu ntltzt der einen dies und der andern das Gegen- 
teil? Warum bewirken die organischen Bedingungen dies? Mit wel- 
chen Mitteln fangen sie es an? und wie müssen sie beschaffen sein, 
nm es zu können? Und wie kann die eine Art der andern dadurch 
überlegen werden? Wir gestehen, keinen Zusammenhang zwischen diesen 
Erscheinungen zu erkennen " 



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— 92 — 

Bronn hat seiner Zeit gewiss nicht erwartet, dass der D«^ 
winismus in seiner Fortentwicldnng manche seiner Fragen, wie z. B. 
die nach den Ursachen yerschiedener Blütenformen, thatsächlich 
beantworten würde, aber was sollen wir von der grossen Menge 
erwarten, wenn selbst ein so kenntnisreicher Mann eine jnnge 
Theorie mit solch' einem Chaos von Fragen in Verwimmg za setzen 
sucht! Im Übrigen that er nicht yiel mehr, als Darwins eigene 
Einwürfe mit einigen aufgesetzten Schlaglichtem zu wiederholen. 
In ähnUcher Weise wie Bronn, hatten auch andere deutsche Natur- 
forscher wie z. B. E. von Baer, Alexander Braun, Nägeli u. a. 
nach einem Entwicklungsgesetz geforscht, welches die vm 
ihnen aus der Entwicklungsgeschichte, Paläontologie und Geographie 
der Lebensformen gefolgerte Heranbildung immer voUkommnerer 
Formen regeln sollte, und wenn es Bronn genügt hatte, dieses 
Gesetz in einer Vervollkommnung durch Differenzierung des Körper- 
baues zu finden, so suchten andere nach einer Art Plan in der 
Entwicklung, und viele fanden sich nun enttäuscht, dass Darwin von 
einem Gesetz des unbedingten, planmässig vorher angelegten Fort- 
schrittes in den Lebewesen keine Beweise gefunden haben wollte. 
Baer, den die ererbte Gesetzmässigkeit der Entwicklung, welche „wie 
ein Baumeister'' im lebendigen Keime sitzt und ihn zum sichenx Ziel 
leitet, täuschte, erfand später für seine Ideen den Ausdruck der 
Zielstrebigkeit, trotzdem er immer dabei blieb, die Entwicklung 
müsse nach Naturgesetzen vor sich gegangen sein, und der Begriff 
einer Schöpfung sei „unwissenschaftlich." 

Dieses in Deutschland besonders starke Vertrauen auf ein noch 
zu entdeckendes „Entwicklungsgesetz" erklärt die anfanglich sehr 
laue Aufoahme bei den damaligen Häuptern der zoologischen und 
paläontologischen Forschung, und selbst bei solchen Personen, von 
denen man nach ihren bisherigen Schriften hätte erwarten sollen, 
dass sie von Anfang an Darwin zujubeln würden. Von Personen, 
die ihre Wissenschaft nicht bloss aus der Natur, sondern zugleich 
aus Bibel und Tradition schöpften, war natürlich eine solche Zu- 
stimmung in keiner Weise zu erwarten. Das Haupt dieser Gruppe 
war der schweizerische, seit 1846 in Amerika lebende und daseibat 
im Dezember 1873 verstorbene Naturforscher Louis Agassiz, der 
bis zu seinem Tode von den Orthodoxen als der bedeutendste 
Gegner Darwins', ja als der Retter des Glaubens gepriesen wurde. 



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— 93 — 

Es wird daher nötig sein, auf seine Wirksamkeit etwas näher ein- 
zugehen. 

Agassiz hing mit Zähigkeit an der Katastrophen - Theorie 
Caviers und indem er die Geschöpfe als unmitt-elbare Verkörperungen 
göttlicher Gedanken hinstellte, meinte er, der Schöpfer sei gleich- 
sam vom Leichteren zum Schwereren übergegangen, indem er die 
Erde nach jeder neuen Katastrophe mit immer vollkommneren 
Wesen besetzte. In seiner „Paläozoologie" (1845) und „Allge- 
meinen Paläontologie^' (1851) hatte er die Thatsache, dass die 
ältesten fossilen Formen eine einfachere Organisation besitzen, als 
die späteren, vielleicht stärker betont, als jemand vor ihm, und 
batte, die Forschungen £. von Baers mit Hilfe seiner Mitarbeiter 
Carl Yogt und Desor auf die Paläontologie anwendend^ nachge- 
wiesen, dass die geologische Entwicklung der tierischen Organismen 
eine unverkennbare Parallele mit der heutigen embryologisohen 
zeigt. Allein anstatt aus dieser Erkenntnis den logischen Schluss 
zu ziehen, dass also in gewissem Sinne die ausgestorbenen Wesen 
als Embryonen heute lebender Formen angesehen werden könnten, 
behauptete er bis an sein Lebensende: Darwin und alle diejenigen 
lorscher, die ähnliche Schlüsse gezogen haben, hätten sich zwar 
seiner Entdeckungen bemächtigt, aber dieselben missverstanden 
Tind falsche Schlüsse daraus gezogen. 

Im Jahre 1858, ungefähr zu derselben Zeit, als Darwin zu- 
erst seine Ansichten über die Herkunft der lebenden Wesen ver- 
öffentlicht hatte, betonte Agassiz in seinem „Essay on Classification^^ 
wiederum, dass keine Art von der andern abstamme, sondern alle 
unabhängig von Gott erschaffen seien. Die paläontologische Auf- 
einanderfolge der niedem und höhern Wesen sei nichts anderes 
als die allmähliche Verwirklichung des göttlichen Schöpfungsplanes, 
der von dem Niedem zum Hohem, vom Allgemeinen zum Besondem 
fortgeschritten sei. Anfangs sei nur die Verkörperang des allge- 
laeinen Typus einer bestimmten Klasse erschaffen worden, dann 
durch weniger tiefgehende Veränderangen des Grundplans die Ver- 
treter der Familien und zuletzt, durch geringe Veränderang in 
^tergeordneten Merkmalen, die Mannigfaltigkeit der Gattungen und 
Arten. Mit einem Worte, der Schöpfer verfuhr, wie ein immer 
feinere Unterschiede machender Systematiker, er war die Vergött- 
lichung eines beschreibenden Zoologen, die Gottheit eines Agassiz, 



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— 94 — 

von der, ebenso wie för die Götzen des Indianers, Schillers Wort 
gilt: „In seinen Göttern malt sich der Mensch." 

Agassiz schien dabei nicht zu merken, dass er eigentlich 
Blasphemieen niederschrieb, wenn er diese Personifikation nach 
jeder Erdperiode sein gesamtes voriges Schöpfungswerk vernichten 
liess, um etwas YoUkommneres an dessen Stelle zu setzen. Mit 
einem wahrhaft kindischen Eigensinn hielt er an diesen Behaup- 
tungen fest. Es verschlug ihm nichts, dass Fi et et und andere 
Paläontologen inzwischen nachgewiesen hatten, dass die angebliche 
völlige Verschiedenheit der Lebewesen jeder Periode von denen 
der früheren unbegründet sei, dass jede Periode vielmehr mindestens 
33 Vs Prozent ihrer Tier- und Pflanzengeschlechter und oft einen 
noch viel hohem Prozentsatz mit der vorigen gemein habe: nach 
Agassiz wären dann auch die gleichen Geschlechter mit den andern 
neu erschaffen worden! Ebenso wollte er nichts von den Wande- 
rungen der Tiere und Anpassung an fremde Klimate durch leichte 
Körperveränderungen wissen. In einer Abhandlung über die geo- 
graphische Verbreitung der Tiere, die er 1850 in Jamesens 
„Edinburgh phil, Journal'' veröffentlicht hatte, führte er aus, dass 
in den 10—20 verschiedenen Schöpfungsperioden, die er annahm, 
nicht jedesmal nur ein Paar erschaffen worden sei, dessen Ab- 
kömmlinge sich dann über die gesamte Welt verbreiten konnten, 
sondern gleich die nötige Anzahl an jedem Orte, wo sie sich be- 
fänden. Darum, und nicht weil sie nicht auswandern konnten, 
seien manche Tiere auf ganz bestimmte Gebiete beschränkt, for 
die sie speciell erschaffen seien, wie z. B. die Faultiere für Amerika 
und die Beuteltiere für Australien, und das gehe soweit, dass 
manche Flüsse, die auf demselben Gebirge entspringen, wie z. B. 
Rhein und Rhone, jeder seine für ihn erschaffenen besonderen 
Fisch-Arten besitze. Wenn aber in der Vor- und Jetztwelt durch 
Meere oder unübersteigliche Gebirgsketten getrennte Inseln und 
Kontinente identische Arten aufweisen, so müsse man annehmen, 
sie seien zugleich da und dort erschaffen worden oder, wie schon 
der heilige Augustin annahm, durch Engel auf diese getrennten 
Gebiete versetzt worden. 

„Ich bekenne^', schreibt Lyell Januar 1860 über den Essay on 
Ciassificathn, „dass Agassiz' letztes Werk mich weit hinüber auf 
Darwins Gebiet und zu den Lamarck'schen Gesichtspunkten treibt, 



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— 95 — 

denn wenn er den Ursprung jeder Menschenrasse einem unabhängigen 
Ausgangspunkte oder Schöpfungs-Akte zuschreibt, und damit nicht zu- 
frieden, ganze ,Nationeii' auf einmal, jedes Individuum aus ,Erde, Luft 
nnd Wasser', wie Hook er es tibersetzt, erschafft, so treten mir die 
Mirakel wahrhaftig so zahlreich in den Weg, wie dem heiligen Anto- 
nius von Padua oder jenem spanischen Heiligen, dessen Namen ich 
Tergass, so dass ich nicht umhin kann, zu denken, La marck mtisse Recht 
haben, da die Verwerfung seines Systems zu solcher Zttgellosigkeit im 
Kffotenkntipfen führt." 

Im November desselben Jahres setzt er hinzu: 

„Agassiz half Darwin und den Lamarckianern, indem er in 
seiner Classification so weit ging und nicht zögerte, die Schöpferkraft 
aufzufordern, neue Arten aus nichts zu machen, sobald ihm nur die 
leichteste Schwierigkeit in den Weg kam, festzustellen, wie eine Va- 
rietät zu einem entfernten Punkte des Erdballs gelangt sein konnte."*) 

Auf diesem Wege wurde Agassiz in der That der erfolg- 
reichste Vorkämpfer Darwins unter den Ungläubigen, wie er das 
Haupt der „Gläubigen" blieb. Aber auch unter denjenigen Natur- 
forschem von Ruf, die nicht nach dem Ruhmestitel eines „gläu- 
bigen Naturforschers" geizten, fand Darwin auf dem Kontinente, 
in den ersten Jahren nach dem Erscheinen seines Buches, wenig 
Bekenner. In Deutschland gab es damals keinen berahmten Natur- 
forscher, welcher der Darwinschen Theorie alsbald zugestimmt 
hätte; die ersten Anhänger waren vielmehr hauptsächlich Personen, 
die nicht mehr als Forscher thätig waren und welche die zunft- 
mässige Gelehrsamkeit nur noch als Dilettanten und Litteraten an- 
sehen würde, Populärschriftsteller wie Ludwig Büchner (1860), 
Schieiden (1863), Karl Vogt (1863), und Friedrich Rolle (1863). 
Der erste angehende Naturforscher, der sich in Deutschland mit 
Begeisterung auf Darwins Seite stellte, war der damals achtund- 
zwanzigj ährige Ernst Haeckel in seiner „Monographie der Ra- 
diolarien" (1862). Im folgenden Jahre wiederholte er sein Be- 
kenntnis vor der Versammlung der [deutschen Naturforscher und 
Ärzte in Stettin| (1863) und brachte damit die Darwinsche Be- 
wegung in Fluss. Bisher handelte es sich gleichsam nur um 
Privatäusserungen über dieselbe, aber nunmehr war die Frage 
offen vor das Forum der deutschen Wissenschaft getragen. 



*) LyeU a. a. 0. II. p, 331 u. 341. 



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— 96 — 

Zar selben Zeit trat ein paläontologischer Fand in den Mittel- 
pankt des natarwissenschaftlichen Interesses, der die Frage nach 
der Berechtigang der Darwinschen Theorie akut machte. Darwin 
hatte schon in der ersten Auflage seines Werkes darauf hingewiesen, 
äass zwischen den vierfussigen Wirbeltieren und den Vögeln, die 
heute durch eine so weite Lücke von ihnen getrennt sind, dereinst 
Übergangsformen vorhanden gewesen sein mussten, wenn sie auch 
bisher weder lebend, noch fossil gefunden seien. Kaum zwei Jahre 
darauf (1861) fand man die erste Yogelfeder im lithographischen 
Jura - Schiefer von Solenhofen (Baiern) und im Jahre darauf zu 
Pappenheim in denselben Schichten die Reste eines Vogels mit 
hervorstehenden Erallen an den Flügeln und einem langen, be- 
fiederten, eidechsenähnlichen Schwanz. Man empfand im antidar- 
winistischen Lager sofort., dass hier eines der vermissten Übergangs- 
glieder zwischen zwei heute weit getrennten Gruppen gefunden sei 
und sträubte sich mit allen Kräften dagegen, die wahre Natur und 
Bedeutung des Fundes anzuerkennen. Professor Bernhard von 
Cotta, der geistvolle Geologe, welcher sich bald darauf auf 
Darwins Seite stellte, erzählt darüber in seiner „Geologie der 
Gegenwart". 

„Professor Andreas Wagner, der damalige Konservator des palä- 
ontologischen Museums zu München, ein sehr respektabler Mann, der 
aber von seinen fixen, theologischen Ansiebten beherrscht, mit einem 
leidenschaftlichen, orthodoxen Drang jede Deutung von naturwissen- 
schaftlichen Thatsachen bekämpfte, welche mit der Naturauffassung des 
jüdischen Gesetzgebers nicht im Einklang war, gab die erste Be- 
sehreibung des neuen paläontologischen Fundes von Solenhofen. Er 
wollte in diesem Tiere, welches er Oryphosaurus (d. h. den Eätselsaurier) 
nannte, nur einen mit Federn bedeckten Saurier erkennen, nicht einmal 
eine sehr ausgesprochene Übergangsform zu den Vögeln. Auch vergass er 
dabei nicht, gegen alle diejenigen zu eifern, welche die Entdeckung 
des Tieres zu Gunsten der Darwinschen Theorie ausbeuten würden. 
A. Oppel, nach dessen Zeichnung Andreas Wagner der Münchener 
Akademie den ersten Bericht über diese wichtige Entdeckung machte, 
hielt dagegen das Tier sogleich für das, was es war: das älteste be- 
kannte Urbild eines Yogels der Jurazeit, dem aber ein langer Reptilien- 
schwanz als rudimentäres Erbteil von der Tierklasse, dem es ent- 
stammte, geblieben, und dem damit der Stempel der Verwandlung in 
der unverkennbarsten Weise aufgeprägt war ....;.. In dem immer 
kleiner werdenden Heerlager der sehr ehrenwerten „frommen" Natur- 
forscher war der Schrecken über die Entdeckung dieses höchst auf- 



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~ 97 - 

fallenden Bindegliedes zwischen zwei in der jetzigen Schöpfung so ganz 

isolierten Tierklassen nicht gering Das unbequeme Geschöpf 

ganz totzuschweigen, es lautlos in eine Schublade der Mtinchener Pe- 
trefaktensammlung einzusargen, — wie man es hier einstmals mit einem 
fossilen Menschenschädel gemacht hatte, welcher vielleicht aus den 
Muggendorfer Höhlen stammend, sich nach Andreas Wagners Tod ohne 
Etiquette vorfand, war diesmal nicht möglich. Zu viele hatten bereits 
das neuentdeckte Wundertier gesehen " 

Der unbequeme Finder, der Arzt und Petreftiktensammler Hä- 
berlein in Pappenheim besass noch obendrein die Dreistigkeit, für 
einen solchen „Stein des Anstosses" einen beträchtlichen Preis zu 
verlangen. Aber davon konnte natürlich keine Rede sein, auch 
noch Geld für den Besitz eines so unbequemen Zeugen für die 
Wahrheit einer verhassten Lehre auszugeben; und das britische 
Museum benützte die Apathie und Antipathie der deutschen Ge- 
lehrten und sandte seinen Direktor Waterhouse in eigener Per- 
son an Ort und Stelle, um das kostbare Petrefakt für sechshundert 
Pfund Sterling zu erwerben. Wir dürfen uns darüber um so we- 
niger wundem, als es dem zweiten Exemplar dieses seltenen Vogels, 
welches Häberlein 1877 fand, beinahe nicht besser ergangen 
wäre. Als dann aber die erste flüchtige Abbildung im jjntellectual 
Observer*^ (Dezember 1862) [erschien, da liess sich der Zorn der 
deutschen Antidarwinianer nicht länger halten. Prof. Giebel in 
Halle, einer ihrer Hauptanführer, dessen Schriften aus jener 
Zeit mit hämischen Bemerkungen und Seitenhieben gegen die neue 
Lehre gespickt sind, die er unter andern „ein Chaos von XJnglaub- 
lichkeiten und unbewiesenen Dummdreistigkeiten" nannte, er- 
klärte die Steinplatte „aus zoologischen Gründen" für ein „wider- 
natürliches Artefakt, einen Betrug."*) Man habe einer der in 
diesen Schichten so häufigen Mugeidechsen durch Naturselbstdruck 
die Federn angeätzt! Als freilich wenige Monate darauf Owens 
Beschreibung in den ,,Phüosophical Transactions^' von 1863 erschien, 
mussten die Gegner einsehen, dass sie sich blamiert hatten, aber 
ihre Wut wurde dadurch nur um so grösser. 

Es war der deutsche Botaniker K. F. Schimper, der es unter- 



*) Giebels Zeitschrift für die gesammten NatarwissenschafteD, Juni 1863, 
S. 522. ' 

Kraute , C h. D a r w i u« * 



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— 98 ^ 

nahm, die deutsche Wissenschaft an Darwin zu rächen und aof 
die Rede Haeckels von 1863 die gebührende Antwort zu erteilen. 
Sie kam freilich erst zwei Jahre später, auf der Versammlung der 
deutschen Naturforscher und Ärzte zu Hannover (1865), und be- 
stand in einem bleiernen Spottbilde auf Darwin und einem Flug- 
blatt in Poesie und Prosa, welches so masslos in seiner Kritik ist, 
dass es vor andern verdient, als lehrreiches Dokument jener Zeit 
hier wenigstens teilweise wiederabgedruckt zu werden. Darwin 
hatte damals einigen Angriffen gegenüber gezeigt, dass auch die 
bekannten Plattfische, Schollen und Flunder durchaus nichts gegen 
das Überleben des Zweckmässigsten beweisen, da ihnen der Mangel 
einer Schwimmblase und die unverhältnismässige Höhe ihres Kör- 
pers nicht erlaubt, gleich anderen Fischen aufrecht zu ruhen und 
zu schwimmen, weshalb sie sich angewöhnt haben, immer auf der 
einen Breitseite zu liegen und zu schwimmen, wobei sie sich, wie 
ihre starke Verbreitung beweist, sehr wohl befinden. Die Gewöh- 
nung an diese ungewöhnliche Lage hat bewirkt, dass sich die an- 
fänglich weichen Kopfknochen etwas verschoben haben, während 
das ursprünglich der Unterseite angehörige Auge sich nach oben 
neben das andere Auge gezogen hat, wo es dem meist platt auf 
dem Sande liegenden Tiere allein nützen konnte. Während uns 
die Entwicklung der Plattfische als eine besonders augenfällige 
Illustration der Darwinschen Lehre erscheint, sofern wir die Aus- 
bildung der Einseitigkeit auch an dem jungen Tiere, dessen 
Augen anfangs wie bei andern Fischen stehen, verfolgen 
können, erschienen diese Fische gewissen kurzsichtigen Leuten, wie 
Schimper und Mivart, als eins der augenfälligsten Beweismittel 
gegen Darwin*), und der erstere liess als Symbolisierung der Ein- 
seitigkeit imd Schiefheit der Darwinschen Theorie zur Verteilung 
an die in Hannover versammelten Naturforscher eine bleierne Me- 
daille giessen, die, wie es scheint, — mir liegt bloss das Plugblatt 
vor, — auf der einen Seite Darwin den Schollen reitend, und 
auf der andern Arion- Schimper auf dem Delphin, das Saitenspiel 
rührend, zeigte. Das Spottlied, welches vermutlich bestimmt war, 
als Tafellied gesungen zu werden, lautete: 



*) Vergl. „Entstehung der Arten." Cap. 7. 



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— 99 — 
Für Buttreiter. 

Sey das Biidniss, bleigegossen, 
Das dem Künstler wohlgelungen, 
Auch der Fisch mit Strahl und Flossen 
Nachbarlich zuerst besangen. 

Den Arion mit der Leier, 
Über Bord geworfen eben, 
Anf dem Delphin am so freier 
Seht ihr mnsicierend leben! 

Anders treibts ein Mensch im Meere, 
Der nach Schiffbruch sich zu retten, 
Fasst den Balken in die Quere 
Angstvoll wie mit Eett^ und Kletten! 

Knieend auf der kleinen Scholle, 
Trieb die Maid Ton Neckarhausen 
Yierundzwanzig Stunden, volle. 
Durch des £isgangs Todesgrausen! 

Ihn jedoch nun, seit ich warf ihn 
Über Bord, seh ich in tiefsten 
Fluten klar, den grossen Darwin, 
Reiten aller Fische schiefsten. 

Reiten auf dem Pleuronektes, 
Auf dem Butt, dem Seitenschwimmer, 
Dessen platthin aufgedecktes 
Znchtgeheimnis neckt ihn immer. 

Hat der Fisch dabei des Bauches 
Flossen an der Kehle vor den 
Ruderlein der Brust: des Brauches 
Sind noch andere froh geworden. 

Einzig zu gezweitem Kleide, 
Hat er einerseits die Augen! 
Mag dergleichen Augenweide 
Recht zum Darwinsdienste taugen! 

Das Flugblatt mit seinen witzig sein sollenden Yerskünsteleien, 
welches wir hier erwähnen, weil es eben, als Antwort auf Haeckels 
Vorgehen, vor die Naturforscherversammlung gebracht wurde, 

7* 



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— 100 -- 

schliesst mit dem „Urteil eines Denkers und Naturforschers, der 
seit länger als vierundzwanzig Jahren ernstlich und allseitig sich 
mit der Frage der Schöpfung beschäftigt hat," und welches lautet: 

„Die Zachüehre Darwins ist, wie ich gleich gefanden and bei 
wiederholtem anfmerksamem Lesen nar immer besser wahrnehmen masste, 
die kurzsichtigste, uiedrigdammste and bratalste, die möglich, and 
noch weit armseliger, als die von den zosammengewürfelten Atomen, 
mit der ein modemer Possenreisser und gemieteter Fälscher bei ans 
sich interessant zu machen versucht hat." 

Schimper hatte sich in dieser Sprache offenbar den Klopf- 
fechter Giebel oder den beständigen Sekretär der Akademie der 
Wissenschaften in Paris, P. Flourens, zum Muster genommen, der 
sich in seiner im Jahre vorher erschienenen „Examination du livre 
de M, Darwin sur VOrigine des Esp^ces {Paris 1864y^ ähnlich aus- 
drückte. Dieser namentlich durch seine in früheren Jahren an leben- 
den Tieren angestellten Gehimuntersuchungen berühmt gewordene 
Forscher behandelt darin Darwin wie einen unglücklichen Kandi- 
daten der Medizin, dessen Kenntnise im Examen nicht vollgültig 
befunden werden, und dem er — der Physiologe! — zuruft: „Ich 
habe Dmen schon gesagt, dass Sie sich täuschen, ein absoluter 
Unterschied trennt die Arten von den Varietäten" (wörüich so 
S. 56), und dessen verworrene Ansichten ihm den Schmerzensschrei 
(S. 65) auspressen: 

„. . .-Welche dunklen Gedanken, welche falschen Ideen ! Welch' ein 
metaphysisches Kauderwälsch wird hier an höchst anrechter Stelle in 
die Naturwissenschaft geschleudert, die zum Gallimathias herabsinkt, so- 
bald sie von den klaren, von den begründeten Gedanken abweicht! 
Welche anmassende und leere Sprache! Welche kindlichen und über- 
lebten Personifikationen! Klarheit, o Festigkeit der Gedanken, was 
wird aas Euch!" .... 

Diese kurzen Äusserungen, welche teils durch die Person, von 
der sie ausgingen, teils durch den Ort, an welchem sie vorgebracht 
wurden, vor unzähligen andern gleicher Richtung hervorgehoben 
werden mussten, können uns als Beispiel dienen von der Art, in 
welcher Darwins Buch selbst in Naturforscherkreiöen des Kontinents 
aufgenommen wurde. Dass der Empfang seitens der sich bedroht 
glaubenden Rechtgläubigkeit und Gefühlsduselei ein nocli weniger 
freundlicher war, braucht nicht besonders ausgefohrt zu werden. 



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— 101 



VH. Darwin» ältere botanische Schriften. 

Was that nun der Urheber aller dieser Ärgernisse, während 
draussen die Oeister aufeinanderplatzten und Überzeugungen gegen 
einander ausspielten, von solcher unvereinbaren, durch Abgründe 
geschiedenen Schrofiheit, wie sie nie vorher sich gegenübergestan- 
den? Stürzte er sich, als der Nächste dazu, als ein mit den un- 
ritterlichsten Waffen angegriflfener, durch Schimpfwörter aller Art 
gereizter Anführer in das offene Gewühl der Feldschlacht, wuchtige 
Hiebe nach allen Seiten austeilend? Nichts weniger als das. Er 
bat seine Freunde, die Gegner schelten zu lassen, und wandte sich 
der friedlichsten aller Beschäftigungen, dem Umgange „derer, die 
nicht reden^S den stillen Pflanzen zu, um auch sie zum Sprechen 
zu bringen und Zeugnis ablegen zu lassen für das grosse Prinzip 
der Entwicklung alles Lebens. Er bedurfte für die Abrundung 
seiner Theorie einer Reihe von Feststellungen über die Grenzen 
der Fruchtbarkeit, und da bei dem unzureichenden Material 
für die Entscheidung der betreffenden Fragen neue Beobachtungen 
und Experimente notwendig waren, so wandte er sich dem Studium 
der Fflanzenbefruchtung zu, weil bei den Pflanzen am leichtesten 
Antwort auf diese Fragen zu erholen war. 

Es waren zwei Fragen von prinzipieller Bedeutung, um die es 
sich in erster Linie handelte: Wieweit war die Ansicht der älteren 
Naturforscher berechtigt, dass alle sogenannten „guten Arten'S 
wenn sie mit einander gekreuzt werden, entweder unfruchtbar 
bleiben oder unfruchtbare Nachkommen (Bastarde) liefern? 
Bekanntlich hielt man dies Gesetz für ein hinreichend durchgreifendes, 
um in einem bestimmten Falle dadurch entscheiden zu können, ob es 
sich bloss um eine sogenannte Varietät oder um eine von der 
nächstahnlichen Art wirklich verschiedene Art handle. Diese Un- 
fruchtbarkeit entfernter stehender Formen untereinander war ja 



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— 102 - 

eine Yorbedingong der Entstehung divergierender Formen ans einer 
Mntterform, denn ohne sie würde eine immer wiederkehrende Ver- 
mischung der Formen zu einem Formen-Chaos fuhren müssen, wie 
es thatsächUch in der Natur nicht vorhanden ist 

Diesem Gesetze der Unfruchtbarkeit femerstehender Formen 
stand nun eine andere Erfahrung gegenüber, welche bemes, dass 
die Selbstbefruchtung der Zwitterblumen, also gleichsam zweier 
allzunah stehender, zu einer Person verschmolzenen Formen, in 
vielen Fällen ebenfalls ohne Erfolg bleibt oder schwächliche Nach- 
kommen liefert. Es war der deutsche Botaniker Conrad Sprengel 
in Spandau (1750—1816) gewesen, welcher in seinem Buche: „das 
entdeckte Geheimnis der Natur im Baue und der Befruchtung der 
Blumen" (Berlin 1793) zuerst klar nachgewiesen hatte, dass die 
Zwitterblumen, zu denen die meisten der schöneren Blumen ge- 
hören, sich nicht, wie man vorher angenommen hatte, regelmässig 
durch ihren eigenen Blumenstaub befruchten ; dass dieser in manchen 
Fällen sogar ganz unwirksam bleibt, wenn er auf die eigene Narbe 
gebracht wird, und dass sich in vielen Zwitterblumen Staubfaden 
und Narben zu verschiedenen Zeiten entwickeln, so dass sie nicht 
auf einander wirken können. Die Zwitterblumen sind also hiemach 
nicht viel anders gestellt, als solche Blumen, bei denen die Ge- 
schlechter, wie bei den höheren Tieren, vollständig getrennt sind 
und bei denen durchaus ein fremdes Agens, sei es nun Wind, 
Wasser oder Tiere, den Staub der männlichen Blüten zu den weib- 
lichen bringen müssen. „Die Natur", folgerte Sprengel, „scheint 
es nicht haben zu wollen, dass irgend eine Blume durch ihren 
eigenen Staub befruchtet werden solle." Sprengel schloss daraus 
weiter, dass der Blumenschöpfer vielen Blumen ein schönes Aus- 
sehen, prächtige Farben und Zeichnungen, anziehende Düfte und 
wohlschmeckende Nektar-Absonderungen verliehen habe, damit sie 
schon aus der Feme Insekten herbeilocken möchten, die ihnen 
Blumenstaub von andem Stöcken ihrer Art mitbrächten. Er stu- 
dierte den Bau vieler Blumen von diesem Gesichtspunkte aus auf 
das Genaueste, erörterte die besondem Einrichtungen der Blumen, 
um die Fremdbestäubung zu sichern, zeigte, dass die Zeichnungen 
der Blumen fast immer wie Wegweiser auf den Ort hindeuten, wo 
die Honigquelle fliesst, — weshalb er sie Saftmale nannte, — dass 
bei vielen Blumen besondere Einrichtungen vorhanden sind, um 



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•^ 108 — 

die besuchenden Insekten durch Auslösung besonderer Mechanismen 
mit dem Blumenstaube einzupudern, dass die Narbe stets so ge- 
legen ist, dass die Insekten sie bei der Ausbeutung des Honigs oder 
bei dem Abnagen der nahrhaften Staubbeutel berühren müssen, 
dass endlich der Honig vieler Blumen in langen Spornen abge- 
sondert oder durch Schuppen und Haargebilde so beschützt wird, 
dass ihn nur bestimmte, mit langen Rüsseln versehene Insekten 
erreichen können, dass also gewisse Blumen und Insekten speciell 
für einander erschaffen seien. 

Diese Entdeckungen waren von der Nachwelt ziemUch gering- 
schätzig behandelt worden, namentUch hatte Treviranus und 
der ältere Decandolle ihre Bedeutung in Abrede gestellt. Der 
erstere leugnete, dass die Ungleichzeitigkeit der Geschlechter-Ent- 
wicklung (Sprengeis Dichogamie) eine verbreitete Erscheinung sei, 
und andere Botaniker bewiesen, dass viele Pflanzen, mit dem eige- 
nen Staube befruchtet, gute Samen liefern, ja dass, wie man später 
entdeckte, die Blüten mancher Pflanzen sich gar nicht öfihen, 
um fremden Blumenstaub zu empfangen, und doch gute Samen 
reifen. So kam es, dass Sprengeis Werk nach vereinzelten Dis- 
kussionen in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts so gut 
wie vergessen war und selbst in den ausführlichen Hand- und 
Lehrbüchern der Botanik seit den dreissiger Jahren nur kurz oder 
gar nicht mehr erwähnt wurde. 

Indessen hatte ein englischer Botaniker, Andrew Enight, sich 
im Jahre 1799 durch Versuche an verschiedenen Pflanzen, nament- 
lich an Erbsen, überzeugt, dass man durch Anwendung fremden 
Blumenstaubes zahlreichere Samenkörner und kräftigere Nach- 
kommen erzielt, als durch Selbstbefruchtung, und er stellte schon 
damals den Satz auf, dass sich keine Pflanze dauernd ohne Fremd- 
befruchtung erhalten könne. Darwin hatte, wie bereits oben er- 
wähnt, schon im Jahre 1858 Versuche in derselben Richtung an- 
gestellt. Er bedeckte weissen Wiesenklee mit einem feinen Netze, 
welches der Luft und dem Lichte fast ungehinderten Zutritt ge- 
währte, aber die Insekten vollständig abschloss, und fand, dass 
solcher Klee nur den zehnten Teil soviel fruchtbaren Samens lieferte, 
als anderer, zu dem die Insekten ungehinderten Zutritt hatten. 
Denselben Versuch wiederholte er sodann an der gemeinen Schmink- 
bohne (Phaseolus vulgaris) und fand, dass so bedeckte Stöcke ganz 



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- 104 — 

unfruchtbar blieben, falls man nicht die Thätigkeit der Bienen an 
diesen Blumen, welche er bei dieser Gelegenheit genau untersuchte, 
künstlich nachahmte.*) 

Auf !Grund dieser Versuche stimmte Darwin der Ansicht 
Knights bei und formulierte im vierten Kapitel der „Entstehung 
der Arten" diesen Satz dahin, „dass kein organisches Wesen 
sich eine unbegrenzte Zahl von Generationen hindurch 
durch Selbstbefruchtung zu erhalten vermag, sondern 
dass gelegentliche, wenn auch oft erst nach sehr langen 
Zeiträumen erfolgende Kreuzung mit getrennten Indi- 
viduen unerlässliche Bedingung für dauernde Fort- 
erhaltung ist." Diese für die Theorie des Lebens wichtigen Be- 
trachtungen hatten ihn zum Studium des Sprengeischen Werkes 
geführt, in welchem ihm eine Fülle der wunderbarsten Anpassungen 
der Pflanzenwelt an die Befruchtung durch Insekten entgegentrat 
und nicht wenige Beispiele erläutert werden, in denen Färbung, 
Blütezeit, ja die ganze besondere Form der Blüte dem einzigen 
Zwecke angepasst sind, eine bestimmte Kategorie von Insekten an- 
zuziehen, die sich im besondem dem Besuche und der (unbewussten) 
Fortpflanzung dieser Blütenform gewidmet hat. 

Manche der naiven Anschauungen des ausgezeichneten Blumen- 
forschers mussten seinem so weit in der Deutung der Natur fort- 
geschrittenen Leser ein Lächeln entlocken, so wenn der „Blumen- 
schöpfer" an einer bestimmten Einrichtung sein besonderes Ge- 
fallen findet und sie immer wieder anbringt, oder wenn seine Ge- 
schöpfe seinen Winken nicht folgen und die mutwilligen Hummeln 
zum Beispiel die Nachtnelke plündern, deren Honig er doch offen- 
bar für die Nachtfalter bestimmt habe; aber Darwin verkeimte dar- 
über keinen Augenblick den grossen Wert dieser Beobachtungen, 
und sah in ihnen den ersten ernsteren Anlauf, die Blumenform aus 
ihrer Zweckerfüllung zu verstehen. Die Blumen erschienen nun- 
mehr nicht mehr ohne Ursache oder bloss um den Menschen zu 
erfreuen, schön und duftreich, sondern um Gäste anzulocken, denen 
sie ihre dauernde Erhaltung im Naturleben verdanken, ohne so viel 
Blumenstaub verschwenden zu müssen, als der Wind verstreut. 



*) Ch. Darwiu, On the agency 0/ bees inthe fertiliaation of FapUionaceoui 
flowers. Annal. and Magaz. of Not. Histor, 3. Ser, Vol. IL (1858) p. 461 ff. 



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— 105 — 

wenn er dasselbe leisten soll. Hier war also der Natorzüchtong 
eine Handhabe geboten, nm nicht bloss zweckmässige, sondern 
auch tür die tierischen Femsinne (Auge und Nase) reizvolle und 
anziehende d. h. schöne Erscheinungen zu züchten. Die Insekten 
erschienen als die ältesten Blumenzüchter. Und da es für 
beide interessierte Teile, die Blumen wie die Insekten, am vorteil- 
haftesten sein musste, wenn die Insekten sich in die Blumen weit 
teilten, wenn jede Blumenform nur einer enger begrenzten Gruppe 
von Insekten in ihren Nahrungsquellen zugänglich blieb, weil nur 
dann Fehlbesuche möglichst vermieden werden konnten, so musste 
die Naturzüchtung dahin wirken, Mannigfaltigkeit der Blumen- 
formen zu erzeugen, um nur die nützUchen Besucher zuzulassen, 
die unnützen aber auszuschliessen. 

Dieser Gredankengang musste Darwin, der im Jahre 1861 
die von Sprengel missverstandene Befruchtungsart des Singrün 
{Vinca min&r) richtiger erkannt hatte*), veranlassen, den Orchi- 
deen seine besondere Aufinerksamkeit zuzuwenden, von denen schon 
Sprengel an den einheimischen Arten nachgewiesen hatte, dass 
bei ihnen die verschiedenartigsten Insekten-Anpassungen vorkommen, 
während die ausländischen Orchideen, die Lieblinge der reichen 
Blumenzüchter, eine Mannigfaltigkeit der Formen enthalten, wie 
keine andere Pflanzenfamilie, so dass sie in den Zeiten der be- 
schaulicheren und träumerischen Naturbetrachtung manche Feder 
angeregt haben, um über die wunderlichen „Launen und Bizarrerieen 
der Natur^* zu schreiben. Darwin wandte deshalb seine Aufmerk- 
samkeit nicht nur den bescheidenen Orchideen zu, die auf den 
Wiesen und Triften, sowie in Wäldern und Gebüschen seines Wohn- 
bezirkes wuchsen, sondern auch den anspruchsvolleren Erscheinungen, 
die er in seinem* Gewächshause ziehen oder auf sem Ersuchen aus 
den grossartigen Warmhäusern englischer Gärtner und Liebhaber 
für sein Studium erhalten konnte. 

Was er da fand, überstieg sicher seine Erwartungen ausser- 
ordentlich , und musste ihn mehr als alles , was er je gesehen, in 
der Überzeugung bestärken, dass der Naturzüchtung nichts un- 
möghch ist; denn was sie hier aus einem einfachen Monokotylen- 
Typus, der im Ursprünge dem unserer Schwertlilien nahegestanden 



♦) The Gardenem Chronicle 1861. p. 562, 669 und 8S1. 



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— 10« — 

haben mag, geschaffen hat, grenzt geradezu an das Wunder. In 
der That, wer die kleine Mühe nicht scheut, das Buch über die 
Befruchtung der Orchideen*) weiches Darwin im Beginne 
des Jahres 1862 veröffentlichte, aufmerksam durchzulesen, dem 
wird zuletzt diese Blumenwelt wie ein Traum aus „Tausend und 
eine Nacht*' erscheinen, merkwürdiger als alles, was er bisher 
in naturhistorischen Werken gelesen hat. Da giebt es z. B. 
eine Gruppe südamerikanischer Erdorchideen, deren grünliche, bunt- 
gefleckte Blüten an den grossen, weitaufgesperrten Rachen eines 
wütenden Reptils, z. B. einer Giftschlange mit spitzen Giftzähnen, 
erinnern, deren zahlreiche Arten man in drei Gattungen von im ein- 
zelnen ziemlich verschiedener Blütenbildung trennte, welche Cator- 
setum^ Monachanthus und Myanthus genannt wurden, von denen 
aber die Liebhaber erzählten, dass sie sich mitunter in einander ver- 
wandelten, so dass ein bisheriges Cat<isetumhei der nächsten Blüten- 
periode MyanthuS'-Blmaen trage. Als dann Sir Richard Schom- 
burgk eines T^ges Blüten aller drei Gattungen auf einer Pflanze 
fand, bemerkte Lindley (1853), seinerzeit der beste Orchideen- 
kenner, „dass derartige Fälle alle unsere Ideen von der Beständig- 
keit der Gattungen und Arten bis auf den Grund erschütterten.'' 
Das war mm freilich ein Irrtum, denn Darwin zeigte, dass die 
sogenannten Catasetum^Axten die männlichen Stöcke von Orchideen 
deien, deren weibliche Stöcke als Monachanthus-krten beschrieben 
waren und die auch zuweilen, wie die meisten andern Orchideen, 
zwitterblütig vorkommen und dann als Myanthus-Aiixui beschrieben 
worden waren. 

Musste nun bereits diese auffällige Verschiedenheit der drei 
nur zuweilen auf demselben Stocke erscheinenden Blutenformen, 
von denen man die Zwitterform als die ursprüngliche betrachten 
muss, den Forscher anziehen, so war doch die von Darwin unter- | 



*) On the various contrivances, by which british and foreign Orchids an 
fertilized by Insects, London 1862, Hierzu erschien noch im selben Jahre ein 
Nachtrag über Catasetum tridentatum (Journ. of the Linn, Soc. Bot, Vol. VI. 
p, 15i — 157) wozu nach 7 Jahren Nachträge „Notes on the fertiUs. of the Orchids 
Annal.dndMagaz. of Natur. Bist.'' Ser. IV. Vol. IV p. 141—158, 186 9yk&men, 
und alles dies, sowie viele andere Forschungen sind in der zweiten Auflage 
des Buches (London 1877) berücksichtigt worden, die der neuen Übersetzung 
in den „Gesammelten Werken" Bd. IX Abteil. 2 zu Grunde liegt. 



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— 107 — 

suchte hochgradige Reizbarkeit der männlichen Blüten noch viel 
merkwürdiger. Denn hier schien die Amorsmythe, wie bei den 
Schnecken, verkörpert zu sein, sofern die PoUinien gleich Pfeilen 
emporfliegen und sich herabfallend auf den Bücken der besuchen- 
den Insekten (grosser Hymenopteren) festheften, sobald diese einen 
der in den Blüten herabhängenden Fühlfäden berühren. Bei einer 
derselben Abteilung angehörigen Baum-Orchidee {Coryanthes spe- 
dosa) müssen die besuchenden Insekten gar ein von der Blume 
bereitgehaltenes, unfreiwilliges Bad nehmen, um den Blumenstaub 
sicher auf die am Ausgange des Badekübels harrende Narbe zu 
bringen! Es versteht sich, dass die Wirksamkeit dieser Mechanis- 
men bei den ausländischen Orchideen nicht direkt von Darwin 
beobachtet werden konnte, da ja die zugehörigen Insekten nicht 
mitgebracht worden waren. Aber in sehr vielen Fällen sind be- 
reits die Schlüsse über Art, Gestalt und Wirkungsweise der Be- 
sucher ausländischer Orchideen, welche Darwin aus dem besondern 
Bau derselben gezogen hatte, von reisenden Naturforschem be- 
stätigt worden. So schloss Darwin beispielsweise, dass die Blüten von 
Angraecum sesquipedcUe, die einen grossen, wie aus schneeweissem 
Wachs gebildeten, sechsstrahligen Stern darstellen, nur von einem 
Nachtschmetterling besucht und befruchtet werden könnten, dessen 
Rüssel die ungewöhnliche Länge von zehn bis elf Zoll besitzen 
müsse, weil nur ein solches Insekt den Nektar auf dem Boden des 
ebensolangen Spornes dieser Orchidee erreichen könne. In der 
That bestätigte Forbes 1873, dass in der Heimat (Madagaskar) 
dieser schönen Orchidee so langrüsslige Schwärmer vorhanden sind. 
Obwohl der Hauptgegner Sprengeis, der mehr als achtzig- 
lährige L. C. Treviranus (f 1864), nach dem Erscheinen des 
Darwinschen Werkes nochmals Einwendungen erhob, fand doch der 
durchdringende Scharfsinn Darwins in der Deutung der rätsel- 
haftesten Blumenbildungen unter den Botanikern allerwärts die 
verdiente Anerkennung und brachte die Forschungen des mit Un- 
recht lange vergessenen deutschen Botanikers wieder zu Ehren, 
wobei natürlich die teleologische Auffassung desselben einer unbe- 
fangneren Deutung von gewaltiger Tragweite weichen musste. Das 
noch immer eine reiche Ausbeute versprechende, unübersehbare Ar- 
beitsfeld, welches Darwin mit seinem Orchideenbuche eröffnet hat, 
wird heute von unzähligen Bearbeitern angebaut. Denn auch hier 



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— 108 -^ 

sollte die Erkenntnis, dass der Bau der Blumen aus dem Nätzlich- 
keits-Princip zu erklären sei, wie ein Jungbrunnen auf die be- 
treffende Disciplin wirken. AllmaMich wuchs die Zahl eiMger Junger 
unter den Botanikern, die sich um den Meister scharten, beträchtlich, 
und die meisten und hervorragendsten derselben: Asa Gray, Fritz 
und Hermann Müller, F. Delpino, F. Hildebrand u. a. yer- 
dienten ihre Sporen zunächst an den Orchideen. Ein unendlicher 
Briefwechsel mit Botanikern, die über die gesamte Erde zerstreut 
wohnen, erwuchs daraus für Darwin, aber er durfte auch seine 
Freude daran haben, namentlich nachdem Hermann Müller das 
Beobachtungsgebiet dadurch erweitert hatte, dass er die Umwand- 
lungen zu studieren begann, welche die Anpassung an die Ernäh- 
rung durch Nektar und Pollen auf den Körperbau der Insekten 
hervorgebracht hat, so dass man von einer gegenseitigen Fortbildung 
durch immer engere Gewöhnung aneinander und von „Wechsel- 
beziehungen zwischen Blumen und Insekten'^ sprechen 
konnte.*) Es wird einen Begriff von der Ausdehnung des hier 
eröflheten Arbeitsfeldes geben, wenn wir erwähnen, dass in den 
zwanzig Jahren seit dem Erscheinen des Darwinschen Orchideen- 
buches bis Mitte 1883 weit über siebenhundert grössere und 
kleinere Abhandlungen und Bücher über die Befruchtung der 
Pflanzen erschienen sind, deren Titel man in der englischen Aus- 
gabe von H. Müllers Befruchtung der Pflanzen (London 1883) 
einzeln aufgezählt findet. 

Aber so weit auch einzelne seiner Schüler dem Meister in der 
Erweiterung des von ihm aufgeschlossenen Gebietes vorausgeeilt 
sind, in einem Punkte übertraf er sie alle, in dem Umfange näm- 
lich, in welchem er das Experiment zur Sicherung der Grund- 
lagen seiner neuen Blumentheorie herbeizog. Wir haben gesehen, 
dass er bereits 1858 begonnen hatte, den Nutzen der Kreuzbefruch- 
tung zu erproben, um daraus allgemeine Folgerungen über die Be- 
deutung derselben zu ziehen. Aber mancherlei eigentümliche Er- 



*) Über die Teiluahme und immerwährende Erm unter uog, weiche Dar- 
win den Arbeiten des ihm leider so früh ins Grab gefolgten Hermauu 
Müller zuwandte, habe ich "ausführlioh in der kleinen Schrift: Hermann 
Müller von Lippstadt (Lippstadt P. Rempels Buchhandlung 1884), in 
welcher auch zahlreiche Briefe Darwins an den deutschen Blamenforscher zum 
Abdruck gekommen sind, berichtet. 



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- 10§ - 

seheinungen, namentlich die Neigung mancher Pflanzen, Kreus«- 
befrachtong zn verhindern, machten ihn wieder zweifelhaft, und so 
setzte er diese Versuche durch die sechziger Jahre hindurch fort, 
ja er begann gegen das Jahr 1865 eine neue zehnjährige Versuchs- 
reihe an circa tausend Pflanzen eigener Zucht, um durch strenge 
Vergleichung in vielen aufeinanderfolgenden Generationen sich zu 
überzeugen, ob die durch Ereuzbefruchtung erzielten Samen wirk- 
hch kräftigere Pflanzen liefern, als die durch Selbstbeiruchtung er- 
haltenen. Die betreffenden Sämlinge beiderlei Ursprungs derselben 
Art wurden dabei nebeneinander gepflanzt, in ihrer Entwick- 
lung, die unter gleichen Bedingungen stattfand, nach allen Rich- 
tungen sorgsam verglichen und über die Ergebnisse ein strenges 
Protokoll geführt. 

Es ist sicher nur wenigen Menschen gegeben, ein solches Mass 
von Geduld und nie ermattender Sorgfalt an ein Problem zu setzen, 
das aller Wahrscheinlichkeit nach bereits richtig beantwortet war, 
für welches gewissennassen nur noch der statistische Beweis aus- 
stand. Selbst die jahrelangen Rechnungen der Astronomen sind 
damit nicht zu vergleichen, denn diese sollen eine neue Erkenntnis 
liefern, während Darwins zehnjährige Versuche nur bestimmt waren, 
ihn darüber zu beruhigen, ob er sich in seiner 1858 gezogenen Schluss- 
folgerung nicht geirrt habe. Und als im Jahre 1876 dann das so 
viele Arbeit einschliessende Werk über die Wirkungen der 
Kreuz- und Selbstbefruchtung*) erschien, da war das Schluss- 
ergebnis im grossen und ganzen nur eine Bestätigung des schon 
1858 gefolgerten Satzes: Ereuzbefruchtung ist im allgemei- 
nen vorteilhaft und Selbstbefruchtung schädlich. 

JBs erschien mir zweckmässig, diese erst viel später zum Ab- 
schluss gebrachte Versuchsreihe vor einer andern in derselben Zeit 
begonnenen zu erwähnen, in der es sich um den Nutzen der 
Kreuzung verschieden-gestalteter Zwitterblumen der- 
selben Art handelt, wobei einerseits die frühere Ansicht, dass sich 
Arten und Varietäten bei der Ereozung verschieden verhalten, wider- 
legt wird und andrerseits einiges Licht auf die dunkle Frage der 
Bastardbildung geworfen wird. Es handelt sich hierbei um Blumen, 
wie sie bereits die Aufmerksamkeit Sprengeis erregt hatten, in denen 

*) The effeds of crosi- and self-fertilisation in the vegttahle kingdom. Lon- 
don 1876, Oesammelte Werke Bd. X. (1877.) 459 Seiten. 



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-~ 110 — 

bei einigen Stöcken der Griffel länger, bei andern kärzer ist als 
die Stanbflden, ja die kurz- und langgrifllige Form der Blumen 
zuweilen auf derselben Pflanze Yorkonunt. Darwin untersuchte 
diese Zweigestaltigkeit der Blumen zuerst an mehreren Primulch-*), 
dann bei verschiedenen Zrmum-Arten'''*) und fand, dass sie sich im 
wesentlichen übereinstimmend verhalten. 

Während sonst die Kreuzung der Blumen verschiedener Stöcke 
vermehrte Fruchtbarkeit sichert, zeigte sich die Kreuzung zweier 
langgrifiliger oder zweier kurzgriffliger Blüten untereinander so 
wenig erfolgreich, als wenn zwei verschiedene Arten mit einander 
gekreuzt werden; es wurden entweder gar keine oder kümmerliche, 
den Bastarden ähnliche, unfruchtbare Nachkommen erzielt und 
deshalb nennt Darwin solche Kreuzungen illegitime. Dagegen 
zeigten sich die beiden ungleichen Formen mit einander stets 
fruchtbar, gleichviel ob der Pollen der langgiiftligen Form auf 
die Narbe der kurzgriftligen, oder umgekehrt gebracht wurde. In 
der Natur findet offenbar diese letztere legitime Verbindung am 
häufigsten statt, denn da in den Blüten der emen Form die Narbe 
sich ziemlich in derselben Höhe befindet, wie in denen der andern 
die Staubfäden, so werden die besuchenden Insekten mit demselben 
Körperteil, mit welchem sie in der langgriflligen Form beim Honig- 
snchen die Staubfäden streifen, in der kurzgriff ligen Form die 
Narbe berühren und umgekehrt. Auch Hessen sich einige Ver- 
schiedenheiten in Pollen- und Narbenbildung erkennen, die das 
obige Verhalten erklären, denn die langgrifflige Form erzeugt 
kleinere PoUenkömer, deren Kraft gut ausreichen mag, um einen 
Schlauch durch das Gewebe des kurzen Griffels der andern Form 
zu treiben, während die kurzgrifilige Art grössere PoUenkömer 
bildet, deren Schläuche dem langem Griffel gewachsen sind, aber 
bei der eigenen Form vielleicht an der sichtbaren Verschiedenheit 
der Narbenbildung ein Hindernis finden. 

Noch kompliciertere Fälle finden sich bei Pflanzen, deren Staub- 
gefösse in zwei Kreisen übereinander geordnet sind, denn hier 



*) On the two forms, or dhnorphic condition in the species 0/ Primuia , and 
on their remarcable sexual relations, Journ, of the Linn. Soc,j Bot. Vol. VI 
1862, p, 77--96. 

**) On the existence 0/ two/orms, and on their reciprocal sexual relation in 
aeveral $peciea 0/ the genus Linum. A» a. 0. VoL VII (1864) p. 69 — 83. 



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— 111 — 

tritt zu der lang- und kurzgrifiFIigen Form zaweilen noch eine 
dritte, mittelgrifflige, z. B. bei unserem gemeinen roten Weide- 
rich. Als Darwin diese Pflanze untersuchte"'), fand er bei den 
sechs legitimen und den zwölf illegitimen Kreuzungen, die 
zwischen diesen sechs Formen möglich sind, die obige Regel bestätigt, 
indem sich die Nachkommen illegitimer Kreuzungen unfiruchtbar 
erwiesen. Die Untersuchungen der dimorphen und trimorphen 
Pflanzen lieferten also auf der einen Seite nachdrückliche Be- 
staügongen des Knight-Darwinschen Satzes von der Notwendigkeit 
der Ereuzbefruchtung, indem diese Pflanzen sogar regelmässige 
Kreuzbefiruchtung zwischen zwei entgegengesetzt gebauten Formen 
als unumgänglich verlangen, und hoben andrerseits die Grenzlinien 
zwischen Varietät und Art auf, indem sie die Entstehung bastard- 
ähnlicher Formen aus der illegitimen Kreuzung von Individuen 
derselben Art erwiesen. Sie Hessen somit ahnen, dass es eventuell 
nur einer geringen Veränderung der geschlechtlichen Elemente be- 
dürfe, um eine Varietät mit der andern unfruchtbar zu machen 
und somit nach der alten Anschauung zwei Arten zu erzeugen. 

Solche und ähnliche aus dem Verhalten dimorpher und tri- 
morpher Pflanzen gezogenen Schlüsse legte Darwin 1868 der 
liinn^'schen Gesellschaft in einer besonderen Abhandlung**) vor 
and fugte alsbald eine besondere Erörterung an Primel- und Königs- 
kerzen-Bastarden***) hinzu. In der letzteren suchte er zu zeigen, 
dass ein auf den englischen Grasplätzen zwischen der hochsteng- 
ligen tiefgelben Primula veris und der blassen stengellosen Prt- 
^ula acaulis vorkommende hochstenglige Zwischenform (Oxlip 
der Engländer), die man mit der ähnlichen Primula elatior {Bard^ 
^Id-Oxlip der Engländer) verwechselt (und darum alle vier Formen 
als durch Übergänge verbundene Varietäten einer und derselben Art 
angesehen) hatte, vielmehr ein von der letzteren Art durchaus 
verschiedener Bastard zwischen den ungleichgriffligen Formen 



*) On the sexual relations of the three/arms of Lythrum ScUiearta. A. a. 0. 
^oL VIII, (1865) p. 169^196, 

**) On the charctcter and hybridiike nature qf the offspring fram the t/fe- 
S^imate unions of äimorphic and trimorphic plants, A. a. 0. Voi X. p. S93 — 
^7. 1869. 

**♦) A. a. 0. VoL X. (1869) p. 437--464. 



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- 112 — 

der beiden ersten Arten ist und darum, mit sich selber gekreuzt, 
unfruchtbar bleibt. 

Im Jahre 1877 verband Darwin aDe die letztgenannten, in den 
Schriften der Linneischen Gesellschaft erschienenen Abhandlungen zu 
seinem Professor Asa Gray gewidmeten Buche über die y erschiede- 
nen Blütenformen b'ei Pflanzen der nämlichen Art*); doch 
sind in demselben ausser mannigfachen Zusätzen zu den früheren 
Abhandlungen mehrere Kapitel ganz neu. So namentlich das yor- 
letzte, welches über polygame, diöcische und gynodiöeische 
Pflanzen handelt, und die Neigung vieler zwitterblütigen Pflanzen, 
bei denen Selbstbefruchtung möglich ist, in eingeschlechtliche über- 
zugehen, wo Ereuzbefruchtung notwendig wird, schildert, und das 
letzte, welches die Gewohnheit einzelner Pflanzen, ihre Blüten gar 
nicht zu öifiien, und durch Selbstbefruchtung allen Luxus in der 
Blüten- und Pollen-Produktion zu umgehen, diskutiert. Zu den im 
Vorhergehenden erwähnten Schriften über die Befruchtung der 
Pflanzen, deren jede einzelne eine grosse Sunune von Beobachtungen, 
Experimenten, Korrespondenzen und Nachdeivken einschliesst, kamen 
noch einige später veröffentlichte, kleinere Notizen über die Be- 
fruchtung von LeschenauUta**) und der Fumariiiceen.***) 

Eine andere Beihe von biologischen Erscheinungen im Pflanzen- 
reiche, die Anpassungen der Pflanzen an eine kletternde Lebens- 
weise, hatten mitten innerhalb jener Studien über die Befruchtung 
die Aufinerksamkeit Darwins längere Zeit gefesselt und wie über- 
all wohin er seinen Blick richtete, haben seine Studien auch naeh 
dieser Bichtung ein überraschendes Licht auf viele bisher dunkle 
Fragen geworfen. Die Kletterpflanzen, welche schon vorher 
von mehreren deutschen Botanikern und namentlich gründlich 
durch H. von Mohl untersucht worden waren, zerfallen in 
zwei oft mit einander verwechselte Hauptgruppen, in Schling- 
pflanzen, welche sich um nicht zu dicke Stützen in Schlangen- 
linien emporwinden, und in Kletterpflanzen, die sich, ohne zu 
winden, mittelst Banken, Luftwurzeln und anderer Hilfsmittel empor- 



*) The different forms of flotvers on plante of the same species. London 
i877, 2. Edit, 1880. -- Deutsche Ausgabe. Gesammelte Werke, IX. Band, 
dritte Abteilung, 304 Seiten mit 15 Holzschnitten. 

••) Fertilisation of LeschenaulHa. „Garden. Chron.'' 1871, p. 11G6. 
***) Fertilieation of the Fumariaceae, ,,Nature,'^ Vol. IX, 1874. p, 460, 



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— 113 - 

heben, aber beide Methoden, die zuweilen auch vereint vorkommen, 
bringen der betreffenden Pflanze den Vorteil, sie in dichteren Be- 
ständen und gleichsam mit Benutzung ihrer Nachbarn als Leitern, 
auf schnellstem und wohlfeilstem Wege, nämlich ohne dass sie einen 
starken, sich selbsttragenden Stamm zu bilden brauchen, zum Luft- 
imd lachtgenuss zu bringen. Wenn man eine in einiger Entfer- 
nung von der Stange aus der Erde gekommene Bohnen- oder 
Hopfenranke betrachtet, so sieht es nachher aus, als habe sie 
mittelst eines geheimen Sinnes die Nähe der Stütze geahnt und 
sich direkt zu derselben hingewandt, aber in Wahrheit hat sie 
eine Zeitlang nach derselben suchen müssen. Darwin zeigte in 
seiner zuerst 1865 veröffentlichten Arbeit über die Bewegungen 
und Lebensweise der kletternden Pflanzen*") dass die über- 
hängenden jungen Triebe deT windenden Pflanzen sich mit ihrer 
Spitze unaufhörlich und mehr oder weniger schnell nach allen 
Himmelsrichtungen im Kreise herumwenden, und zwar je nach der 
Eigenart der Pflanze entweder dem Laufe der Sonne folgend, oder 
in entgegengesetzter Richtung, also gegen alle sonstigen Gewohn- 
heiten der Pflanzen, vom Stande der Sonne wenig oder gar nicht 
beeinflusst. Bei einer zu den Asklepiadeen gehörigen Schling- 
pflanze, Cecropia Gardneri, beschrieb die Spitze des Schösslings 
eines auf dem Arbeitstische Darwins aufgestellten Exemplares, dem 
Sonnenlaufe entgegen fortrückend, in fünf bis sechs Stunden einen 
Kreis von über sechzehn Fuss im Umfange, und es war ein inter- 
essantes Schauspiel den langen Schoss zu beobachten, wie er, in 
der Stunde einen Baum von mehr als dreissig Zoll durchmessend, 
Tag und Nacht sich durch diesen grossen Ereis schwang, vergeblich 
nach einem Gegenstande suchend, am den er sich hätte empor- 
winden können. 

Die Ursache dieses Windens, welches bei den meisten Pflanzen 
dauernd in derselben Bichtung vor sich geht, beruht auf einem 
fortwährenden, in der Peripherie des Schösslings herumgehenden 
einseitigen Stärkerwachstum der Zellen, welches den Stengel immer- 
fort nach der andern Seite im Kreise berumbewegt, und es ist 



*) Journal of the Linnean Soc, Bot, Bd. IX, p. 1-^118. Die neue, sehr 
vermehrte Auflage bildet die erste Hälfte des neunten Bandes der Stuttgarter 
Ausgabe von Darwins „Gesammelten Werken*', 160 Seiten mit 18 Hokschnitten. 

Krftutt, Oh. Dftfwin. 8 



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— 114 - 

nicht schwerverständlich, dass er sich dabei, ähnlich, wie eine ge- 
schwungene Peitschenschnnr, in Spirallinien am die Stütze legt, aber 
schwerer verständlich ist es schon, warum er dies, wiederum wie 
die Peitschenschnur, nur bei dünnen Stützen thut, bei dickeren 
Stammen aber niederfölli Es ist dies wahrscheinlich eine ererbte 
Anpassungs- Erscheinung, die darauf beruht, dass die meisten 
Schlingpflanzen im Wmter absterben, und das Winden um einen 
dicken Stamm, bei der unverhältnismässigen Verlängerung des 
Stengels, die bei demselben erfordert wird, doch niemals zum Ziele 
geführt hat. 

In jedem Falle kommen Pflanzen, die sich durch Luftwurzeln, 
wie derEpheu, oder durch Ranken, wie die Ourkengewächse oder 
der wilde Wein, emporhelfen, mit weniger Materialverschwendung 
aus, wobei sie noch den Vorteil haben, sich ausschliesslich auf der- 
jenigen Seite der Stütze halten zu können, auf der sie am liebsten 
wachsen, der Epheu auf der Schattenseite, die meisten andern Oe- 
wächse auf der Lichtseite. Als den emfachsten Fall der Ranken- 
kletterer betrachtet Darwin den der Blattkletterer, von denen 
er namentlich an den Arten der Waldrebe (Clentatis) interessante 
Versuche angestellt hat Bei ihnen sind die Blattstiele haken- 
förmig rückwärts gebogen und rollen sich, wenn sie mit ihrem 
Haken einen fremden Zweig erfasst haben, um ihn herum, worauf 
sie sich holzartig verdicken, um die Verbindung unauflöslich zu 
machen. Die allmählich erworbene Empflndlichkeit der sich fest- 
haltenden Endblattstiele steigt dabei zu solchen Graden, dass sie 
haardünne Gräser einfangen, und diejenigen der italienischen Wald- 
rebe krümmten sich bereits, wenn eine Fadenschleife von Vie Gran 
Gewicht darübergehängt wurde. 

Auch die mit fadenförmigen Spitzen endigenden Ranken sind 
meist umgewandelte Blätter, wie man namentlich an den aus zu- 
sammengesetzten Blättern entstandenen Ranken sieht, die noch 
ein unteres Blattpaar tragen, wie gewisse Bignoniaceen , deren in 
Ranken verwandelte obere Blätter die Stütze krallenartig erfassen. 
Die Ranken bewegen sich suchend im Kreise wie der Stengel der 
Schlingpflanzen und sind mit den verschiedensten Arten von Em- 
pfindlichkeit begabt. Die meisten sind auf ihrer Innenseite em- 
pfindlich und rollen sich bei jeder Berührung sofort um den er- 
griffenen Zweig zusanunen, wobei indessen einige wieder loslassen, 



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^ 115 - 

wenn sie, gleichsam ans Versehen, einen Zweig der eigenen Pflanze 
ergriffen haben. Diese Empfindlichkeit der Seite, nach der sich 
die Ranke an der Spitze krümmt, ist namentlich auch für die- 
jenigen Kletterpflanzen wichtig, deren Rankenspitzen m viele kleine 
Haken endigen, mit denen sie die Stützen erfassen. Bei Cobaea 
Standern sind zahlreiche Doppelhaken an dem Ende der Ranke 
vorhanden, mit denen jede Stütze, mit der die Ranke dnrch ihre 
eigene Bewegung oder den Wind in Berührung kommt, augen- 
bUcklich erfasst wird. Viele Ranken und namentlich diejenigen 
mehrerer Bignoniaceen sind an ihren Spitzen, wie Darwins Versuche 
ergaben, stark lichtscheu und suchen daher in der Rinde der 
Bäume oder an Wänden von Gebäuden nach Spalten und Löchern, 
in denen sie sich verbergen können. Drinnen schwellen die Spitzen 
an und sondern einen stark klebenden Eitt aus, mit welchem sie 
sich allen Unebenheiten anschmiegen und die Ranke sehr fest an- 
heften. Der Fuss solcher Ranken scheint besonders der Befestigung 
in den Fasern der Moose und Flechten, welche die Baumrinde be- 
decken, angepasst zu sein, denn die Anschwellungen desselben 
dringen leistenfarmig zwischen die einzelnen Blättchen und Fasern 
des Polsters ein, auch wenn man ihnen statt des Mooses Wolle 
oder Flachs darbietet. Auch der bekannte wilde Wein und manche 
Feigenarten haben lichtscheue Ranken und vermögen sich durch 
polsterförmige Anschwellung derselben und Aussonderung eines 
klebrigen Kittes selbst an Felsen und Mauerwerk festzuheften. Die 
Ranken des wilden Weines verholzen nachher, und ihre Polster 
haften noch 10—15 Jahre lang am Mauerwerk. 

Sehr wichtig ist die spiralige Zusammenziehung vieler 
Ranken nach der Anheftung ihrer Spitze, die man ebenfalls am 
wilden Wein, besonders schön aber an verschiedenen Gurken- 
gewächsen, z. B. der Zaunrübe, studieren kann. Sie zieht dadurch 
nicht nur den Ast näher an die Stütze heran, sondern macht die 
Verbindung zu einer elastischen, was besonders wichtig im Sturm 
wird, bei welchem unelastische Verbindungen sich viel schlechter 
bewähren würden. Besonders interessant ist dabei noch, die, wie 
Darwin gezeigt hat, aus einer mechanischen Notwendigkeit er- 
folgende Umsetzung der Schrauben spirale; es sind in derselben 
nämlich stets ebensoviele Windungen nach der einen Seite wie 
nach der andern vorhanden. 



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- 11« - 

Da nun die Rankenträger unter Anfwendong von weniger Stamm^ 
material emporkommen als die windenden Pflanzen, so schliesst Dar- 
win, dass sie eine höhere Stufe der kletternden Pflanzen darstellen 
und ehedem aus windenden Pflanzen hervorgegangen sind. In der 
That haben wir viele windende Pflanzen, die zugleich Ranken 
tragen, und da die Ranken sich in ähnlicher Weise suchend im 
Kreise bewegen, wie die Stammspitze der windenden Gewächse, so 
zeigen sie darin offenbar eine entschiedene Übereinstimmung. Aber 
wahrscheinlich verloren viele windende Pflanzen, nachdem sie in 
den Ranken sparsamere ELlettermittel erlangt hatten, die allein hin- 
reichen, die Pflanze in die Höhe zu bringen, ohne dass sie einen 
längeren Stamm zu bilden braucht, das Vermögen zu winden all- 
mählich ganz und gar, und so wurden aus den windenden Pflanzen 
Rankenkletterer. Wir können uns z. B. vorstellen, dass die Erbsen 
und Wicken ehemals windende Gewächse gewesen sind, so gut wie 
die Stangenbohnen, allein nachdem sie Ranken bekommen hatten, 
gaben sie das Winden auf, und wenn man die Menge des Bohnen- 
strohs mit dem Erbsenstroh vergleicht, wird man leicht den auf 
Seiten der Erbsen liegenden Vorteil erkennen. Natürlich konnte im 
Vorstehenden nur eine ganz oberflächliche Übersicht der zahlreichen 
von Darwin in dieser Richtung aufgestellten Beobachtungen und 
Versuche gegeben werden. Von wie hohem philosophischem Inter- 
esse aber diese Studien über die Anpassungen der Pflanze an ein 
kletternde Lebensweise sind, mögen die Worte darthun , mit denen 
Darwin seine Arbeit beschloss: 

„Es ist oft in unbestimmter Allgemeinheit behauptet worden, dass 
Pflanzen dadurch von den Tieren unterschieden werden, dass sie das 
Bewegungsvermögen nicht besitzen. Man sollte vielmehr sagen, dass 
Pflanzen dieses Vermögen nur dann erlangen und ausüben, wenn es fttr 
sie von irgend welchem Vorteil ist; dies ist von vergleichsweise sel- 
tenem Vorkommen, da sie an den Boden gefesselt sind, und ihnen Nah- 
rung durch die Luft und den Regen zugeführt wird. Wir sehen, wie 
hoch eine Pflanze auf der Stufenleiter der Organisation sich erheben 
kann, wenn wir eine der vollkommneren, rankentragenden Formen be- 
trachten. Es stellt dieselbe zuerst ihre Ranken in Bereitschaft zur 
Thätigkeit, wie ein Polyp seine Tentakeln ordnet. Wenn die Ranke 
falsch gestellt ist, so wirkt die Schwerkraft auf sie ein und biegt sie 
nach sich zu oder von sich ab, oder die Ranke beachtet das Licht 
gar nicht, je nachdem das Verhalten für sie am vorteilhaftesten sehi 
mag. Mehrere Tage lang rotieren die Ranken oder die Internodien, 



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— 117 — 

oder beide, Ton selbst in starker Bewegung. Die Ranke stösst an 
irgend einen Gegenstand, rollt sich schnell um ihn hemm nnd er- 
greift ihn fest. Im Verlaufe einiger Stunden zieht sie sich zu einer 
Schraubenlinie zusammen, zieht dabei den Stengel in die Höhe und 
bildet eine ausgezeichnete Feder. Alle Bewegungen hören nun auf. 
In Folge von Wachstum werden die Gewebe bald wunderbar stark und 
dauerhaft. Die Ranke hat ihre Arbeit gethan und hat sie in wunder- 
barer Weise gethan.^' 



yni. Die Abrundong und £rgänziiiig der 
Znchtwahl-Theorie. 

Wenn jemand aus der stattlichen Reihe botanischer Abhand- 
lungen und Werke, die Darwin seit dem Erscheinen seines 
grundlegenden Werkes in schneller Folge erscheinen Hess, hätte 
schliessen wollen, dass er sich in dem in Rede stehenden Jahr- 
zehnt nur mit den Pflanzen beschäftigt habe, so würde derselbe, ob- 
wohl die Qesamtheit der gedachten Arbeiten durch die in ihr enthal- 
tene Arbeitssumme seine Annahme vollständig hätte rechtfertigen 
können, dennoch in einen starken Irrtum verfallen sein. Was 
Darwin von seinen laufenden Arbeiten veröffentlichte, war stets nur 
dasjenige, wovon er glaubte, dass es einen vorläufigen Abschluss er- 
reicht habe, so dass eine Publikation am Platze wäre, um andere 
2ur Prüfung, Mit- und Weiterforschung anzuregen. Inzwischen 
lief, wenn Darwin nicht durch Krankheit, wie 1865, lange unfähig war, 
die Arbeit des Thatsachen-Sammelns zur Unterstützung aller ein- 
zelnen in seinem Hauptwerke ausgesprochenen Sätze und Ver- 
mutungen ohne alle Unterbrechung daneben fort. Unendliche Ver- 
suchs- und Beobachtungsreihen im Geflügelhofe und in den 
Stalleii, im Felde und Garten wurden eröfihet, um die Erfolge der 
lEfinstlichen Züchtung zu studieren, die wissenschaftlichen Zeit-^ 
«chriften aUe'r Kulturvölker verfolgt und excerpiert und zahllose 
Briefe an in der ganzen Welt lebende Forscher gerichtet, um von 
flwien Auskunft über Verhältnisse zu erlangen, die sie vermöge der 
Biehtung ihrer Studien kennen mussten, oder sie, wenn es ältere 
Korrespondenten waren, zu Beobachtungen und Versuchen anzu- 



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— 118 — 

regen, die vielleicht nur sie in der Lage waren, mit Erfolg an- 
stellen zu können. Soviel ich sehen kann and Einblick in diese 
Verhältnisse gewonnen habe, glaube ich, dass vielleicht kein an- 
drer Naturforscher, selbst Humboldt nicht, soviel neue Beobach- 
tungen durch direkte Anregung hervorgerufen hat, wie Darwin. 
Freilich war das Arbeitsfeld der Biologie und des Studiums der 
Verhältnisse der Lebewesen zu einander bis dahin über die Maassen 
vernachlässigt, und der so lange jungfräuliche Boden trug nun 
desto reichere Früchte. Zu den sorgfältigen Protokollen über die 
eigenen Beobachtungen und Versuche kam daher noch die Re- 
gistrierung der Excerpte und der eingeholten Gutachten und Be- 
richte, und wenn man dann bedenkt, dass die Mehrzahl der Auf- 
zeichnungen schliesslich nur als Material for statistische Bearbei- 
tung diente und um allgemeinere Schlüsse, die Gesetzmässigkeit 
der Vorgänge betreffend, daraus zu ziehen, so wird man wohl 
Wallace Recht geben dürfen, wenn er sagt, dass vielleicht kein 
Mensch ausser Darwin imstande gewesen wäre, eine allgemein 
überzeugende Begründung der Zuchtwahl -Theorie zu liefern und 
die erforderlichen Pikees justificatives zusammen zu bringen. 

Es war zunächst die Macht und der Umfang der künstlichen 
Züchtung, welche Darwin einer genaueren) Prüfimg unterwarf, 
als dies bisher geschehen war. Er studierte die Rassen der Pferde, 
Hunde, Rinder, Schweine, Tauben, Hühner, Garten- und Feldpflanzen 
nach den verschiedensten Richtungen auf das Genaueste und über- 
zeugte sich, dass die Variabilität bei den meisten Tieren und 
Pflanzen, die der Mensch in seinen Schutz nimmt und für seinen 
Nutzen pflegt, gradezu ohne Grenzen ist. Noch heute erscheinen 
unter den Augen des Züchters inmier neue und neue Varietäten 
nach den verschiedensten Richtungen, und ein geschickter Vieh- 
züchter oder Gärtner, dessen Auge für geringe Unterschiede ge- 
schärft ist, kann durch häufende Paarung, wenn er zureichendes 
Material zur Verfügung hat, beinahe jede gewünschte Varietät in 
kürzester Zeit erzeugen. Während aber die ungeheure Mannig- 
faltigkeit der Formen und Farben unserer Haustiere und Garten- 
pflanzen, von Ausstellungen her, allgemein bekannt ist, hegte man 
von Anfang an den Darwinschen Behauptungen gegenüber Zweifel 
darüber, ob diese Unterschiede der Zuchtrassen jemals so tief gingen, 
wie die der natürlichen Arten; man meinte, es handele sich bloss 



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— 119 — 

um äusserliehe Abänderungen der Grosse, Stärke des Enoohen- 
baus, Farbe und Form der Haare, Federn u. s. w., kurz um Dinge, 
die weder das Skelet (abgesehen von Orösse und Stärke der 
einzelnen Knochen) sehr verändern, noch physiologisch von be- 
sonderer Bedeutung seien. Aber während manche der von den 
Systematikem allgemein als Arten betrachteten freilebenden Tiere 
im Skelet nur schwer oder überhaupt nicht zu unterscheiden sind, 
ftberzengte sich Darwin, dass die Züchtung Schädel und Skelet 
oft sehr bedeutend modifiziert hat und dass nicht allein die Form 
der Knochen, sondern auch die Zahl der Wirbel und Bippen bei 
einzelnen Hausrassen bedeutend modifiziert worden sind. Auch ist 
die Einwirkung nicht auf das vollendete Tier beschränkt geblieben, 
sondern die Eier der Hühnerarten, die Baupen und Gocons der 
Seidenschmetterlinge, die Blütezeit und Beife der Früchte, ihre Wider- 
standsfähigkeit gegen Krankheiten, Parasiten sind verändert worden. 
Da viele Landwirte und Züchter behauptet hatten, die in die 
menschliche Zucht genommenen Lebewesen seien nur deshalb so 
variabel, weil sie durch wiederholte Bastardierung aus mehreren 
verschiedenen natürlichen Arten hervorgegangen seien, so richtete 
Darwin seine Aufmerksamkeit sowohl auf die Züchtung von 
Bastardrassen, als auch auf die Frage nach der Herkunft unserer 
verschiedenen Hausrassen. Er erkannte an, dass durch den 
Einflass des Menschen die Unfruchtbarkeit, welche verschiedene 
Arten im Freien mit einander zeigen, gemildert werde und dass die 
Erzieliing fruchtbarer Bastardrassen gelinge, aber die Ergebnisse 
seiner meisten Untersuchungen zeigten, dass viele unserer vari- 
abelsten Hausrassen, wie z. B. die Tauben, nicht Hybriden, sondern 
Abkömmlinge einfacher Wildarten sind, auf die sie unter Um- 
ständen mehr oder weniger auffallend zurückschlagen. Die Schwie- 
rigkeit des Nachweises der Urform ist meist sehr gross, weil die 
Züchtung seit so vielen Jahrtausenden bereits betrieben ist und 
die Urrassen zum Teil inzwischen ausgestorben sein mögen. Dar- 
win richtete seinen Blick namentlich auch auf die unbewusste 
Züchtung der Naturvölker, deren bedeutende Wirkung be- 
sonders Bütimeyer und Oswald Heer nachgewiesen haben, in-^ 
dem sie zeigten, dass fast alle unsere Haustierrassen, sowie unsere 
der Samen wegen angebauten Kulturpflanzen seit der Pfahlbau- 
Periode an Grösse zugenommen, während die wilden Tiere, 



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— 120 - 

Hirsche, Bären, Rentiere n. s. w. seitdem ehei^ an Grösse abge- 
nommen haben. Dabei ist es nicht wahrscheinlich, dass die ältesten 
Ackerbauer und Tierhalter irgendwie planmässige Züchtungen 
vorgenommen hätten ; sie begünstigten eben gute Sorten, und ihre 
Züchtung steht dadurch der Naturzüchtung näher, als die jede 
Paarung und Aufzucht genau überwachende gewiegter Kenner. 

Alle diesem Gebiete angehörigen Erfahrungen vereinigte 
Darwin in seinem zuerst 1868 erschienenen zweibändigen Werke 
über ,^das Variieren der Tiere und Pflanzen im Zustande 
der Domestikation*^*) und es kann einen Begriff von dem 
Thatsachenreichtum dieses Werkes geben, wenn ich erwähne, dass 
das sehr gedrängte Register desselben in der dritten deutschen 
Ausgabe (1878) 70 Seiten umfasst! Mit diesem „Quellenwerke'' 
gab Darwin seiner Theorie in der That ein vortreffliches Funda- 
ment und gewann, was nicht zu unterschätzen ist, damit die 
Aufmerksamkeit und Teilnahme der Praktiker. Zwar hat er 
viele der ersten Namen unter denselben nicht zu seinen An- 
sichten zu bekehren vermocht, aber da er zu den seltenen Na- 
turen gehörte, die durch Widerspruch nicht gereizt, sondern zu 
erneuter Prüfung und Vergleichung der eigenen, wie der fremden 
Meinung veranlasst werden, so dienten ihm auch die Schriften der 
Gegner, soweit sie gute Gründe und ihm neue Thatsachen bei- 
brachten, zur Förderung, und er verdankte manches seiner lehr- 
reichsten Beispiele den Gegnern. Vor allem liess er sich durch 
Ausnahmen von der Regel, wie sie überaD vorkommen, nicht ab- 
halten, weiter nach allgemeinen Gesetzen zu forschen. So erkannte 
er völlig an, dass manche Rassen, namentlich solche mit abnormen 
Merkmalen, wie z.B.Mehrzehigkeit, Hom- und Schwanzlosigkeit, plötz- 
lich erscheinen und dann ebenso beständig werden können, wie 
allmählich gezüchtete Rassen; aber er weigerte sich stets, sowohl 
dem deutschen Zoologen Kölliker, wie den Landwirten gegen- 
über anzuerkennen, dass die sprungweise Entwicklung in Natur- und 
Kunstzüchtung die Regel bilde und die grössten Erfolge hervorbringe. 

Mit solchen Gegnern freilich, die mit dem deutschen Zoologen 



*) The Variation of animals and plants under chmeatication. London 1868. 
Die zweite englische Ausgabe erschien 1876 und die dritte deutsche, welche 
den 3. u. 4. Band der ,,6esammelteu Werke^' bildet, umfasst 1037 Druckseiten 
mit i3 Holzschnitten. 



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- 121 — 

Andreas Wagner annahmen, dass der Schöpfer die fttr den Nutzen 
und Gebrauch des Menschen bestimmten Arten im voraus mit 
einer hohem Bildsamkeit begabt habe, als die wilden Arten sie 
besitzen, konnte Darwin niemals zu einem befriedigenden Ein- 
yerstäudnis gelangen. Abgesehen davon, dass eine solche Ansicht 
alle Studien an Haustieren und Kulturpflanzen wertlos gemacht 
haben würde, sofern ihre Natur anderen Gesetzen folgen sollte, als 
diejenige der übrigen Tiere und Pflanzen, so machen derartige 
Folgerungen, mögen sie auch noch so eng begrenzt werden, über- 
haupt alle Forschung überflüssig. Aber viele Landwirte und selbst 
einige Forscher, die seinen früheren Ansichten unbedingt zuge- 
stimmt hatten, meinten nicht weiter mit ihm gehen zu können, 
falls er nicht zugeben wolle, dass das Pferd und der Hund, der 
Roggen und die Kartoffel, speciell für den Menschen erschaffen 
und mit jener Bildsamkeit begabt worden wären, die sie in so 
hohem Grade nützlich far seine Existenz machen. 

„ Kann man mit irgend welcher grösseren Wahrschein- 
lichkeit behaupten^S fragt Darwin am Schiasse seines Werkes, nach- 
dem er das Beispiel eines menschlichen Baumeisters vorausgeschickt 
hatte, der aus unprädestinierten Werkstücken einen zweckmässigen Bau 
aufführt, „dass der Schöpfer der Züchter wegen jede der unzähligen 
Abänderungen bei unsern domesticierten Tieren und Pflanzen speciell 
angeordnet habe, wobei doch viele dieser Variationen für den Menschen 
yon keinem Nutzen und für die Geschöpfe selbst nicht wohlthätig, 
sondern weit häufiger schädlich sind? Ordnete er au, dass der Kropf 
und die Schwanzfedern der Tauben variieren sollten, damit der Züchter 
seinen grotesken Kröpfer und seine Pfauentaube züchten könne? Liess 
er den Bau und die geistigen Eigenschaften des Hundes variieren, da- 
mit eine Rasse gebildet werden könne von unbezähmbarer Wildheit, 
mit Kinnladen, welche zur Befriedigung der rohen Jagdlust des Men- 
schen einen Bullen festzuhalten vermögen? Wenn wir aber den Grundsatz 

in einem Falle aufgeben, so haben wir keinen Schatten von 

Grund zu der Annahme, dass Abänderungen absichtlich und speciell 
in ihrer Richtung bestimmt worden seien, welche, ihrer Natur nach 
gleich und das Resultat derselben allgemeinen Gesetze, die Grundlage 
dargeboten haben, auf welcher sich durch natürliche Zuchtwahl die 
Bildung der am vollkommensten angepassten Tiere der Welt mit Ein- 
scbluss des Menschen erhoben hat. So sehr wir es wünschen mögen, 
so klönnen wir doch kaum Professor Asa Gray in seiner Ansicht folgen, 
,da88 die Abänderung gewissen »wohlthätigen Richtungen« entlang ge- 
führt wurde, wie ein Strom gewissen nützlichen und zweckmässigen Be- 



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— 122 - 

wftsseraogBKOgen entlang/ Wenn wir annehmen, dass jede besondere 
Abftndemng von Anbeginn der Zeit an im vorans angeordnet war, so 
mfissen uns die Plasticitl^t der Organisation, welche zu vielen schäd- 
lichen Baaabweichnngen führt, ebenso wie jene üppige Kraft der Re- 
prodnktion, welche unvermeidlich zu einem Kampfe ums Dasein UDd 
als Folge hiervon zu der natürlichen Zuchtwahl führt, als überflüssige 
Oesetze der Natur erscheinen/^ 

Nur das Vertrauen auf eine gesetzmässige Ordnung der Natur 
kann den Mut zu so weit aussehenden Untersuchungen verleihen, 
wie sie Darwin immer von neuem vornahm. Während die erste 
H&lfte seines Werkes hauptsächlich der Vorführung konkreter Bei- 
spiele gewidmet ist, um die fast unbegrenzten Erfolge einer plan- 
vollen Züchtung nachzuweisen, wendet er sich in der zweiten und 
grösseren Abteilung den Gesetzen zu, nach denen die Ab- 
weichungen entstehen und erhalten werden. Er giebt zu, 
dass die äussern Lebensverhältnisse den Hauptanstoss zur Ver- 
änderung geben mögen, aber erinnert daran, dass das Vermögen 
im Individuum liege; weshalb verschiedene Arten bei gleicher Ver- 
änderung der Lebensweise durchaus nicht in gleicher Richtung 
variieren. Einen Gegenstand seiner besonderen Aufmerksamkeit 
bildete dabei das Gesetz der Korrelation, nach welchem be- 
stimmte Abänderungen in dem einen Organsystem häufig mit den- 
jenigen eines andern verbanden auftreten, z. B. die fast regel- 
mässige Taubheit der weissen Katzen mit blauen Augen. Eine 
solche Korrelation mag es auch sein, durch welche bei veränderter 
Lebensweise zuerst die Organe der Fortpflanzung getrofien werden 
und divergierende Formen im Freien untereinander um so sichrer 
unfruchtbar werden, je weiter sie sich in ihrer gesamten Lebens- 
weise von einander entfernen. Durch seine Studien an den Primeb 
und andern dimorphen Pflanzen hatte Darwin die Überzeugung 
gewonnen, dass es weniger die Verschiedenheit der Gesamt- 
organisation, als der Geschlechts-Organe und Produkte ist, welche 
selbst nahe verwandte Arten — in den obigen Fällen sogar die in 
ihrer Gesamtorganisation übereinstinmienden Individuen derselben 
Art — unter einander unfruchtbar macht In ähnlicher Weise 
mögen dann die gleichmässigen Einflüsse der Domestikation umge- 
kehrt Hausrassen geneigter machen, sich fruchtbar zu vermischen. 

Vor allem beschäffigte ihn, nächst den Ursachen nnd dem IJm- 



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— 123 — 

&nge der YeränderUchkeit, das dunkle Problem der Vererbung, 
anf welcher alle fortschreitende Entwickelung beruht Denn durch 
sie werden nicht nur die regelmässigen Eigentümlichkeiten der 
Eltern auf die Nachkommen übertragen, sondern auch neue nütz- 
liche und schädliche Erwerbungen, Abnormitäten, Erankheitskeime, 
ja in vielen Fällen willkürliche Verstümmelungen. Hierbei waren 
nun von besonderer Wichtigkeit die Fälle von verborgener 
(latenter) Vererbung, durch welche unter Überspringung mehrerer 
Generationen plötzlich, durch sogenannten Rückschlag (Atavis- 
mus), Eigentümlichkeiten der Ahnen bei den Nachkommen auf- 
treten, ohne dass sie bei den Eltern sichtbar waren. Ja, dieser 
Rückschlag geht bei den Kulturpflanzen und Tieren oft so weit, 
dass er Andeutungen über die Stammformen geben kann. Diese 
latente Vererbung ist insofern eine regelmässige Erscheinung, als 
Eigentümlichkeiten des einen Geschlechts, z. B. des männlichen, 
in der weiblichen Linie verborgen bewahrt werden, bis sie wieder 
Gelegenheit haben, in einem männlichen Nachkommen zur Ent- 
wicklung zu kommen und umgekehrt. 

Zur Erklärung aller dieser wunderbaren Vorgänge stellte nun 
Darwin in seinem in Rede stehenden Werke eine Erklärung auf, 
die er mit seiner gewöhnlichen Vorsicht als eine „provisorische 
Hypothese^ bezeichnete, die sogenannte Pangenesis-Hypothese. 
Nach derselben sollen die Zellen, welche den Körper aufbauen, 
ausser ihrer beständigen Vermehrung und Verjüngung, kleine Ele- 
mente oder Kömchen abgeben, welche durch den ganzen Körper 
zerstreut werden und, mit gehöriger Nahrung versorgt, durch Tei- 
lung sich vervielfältigen und später zu Zellen sich entwickeln kön- 
nen, denen gleich, von welchen sie ursprünglich herrühren. Diese 
„Keimchen" genannten Elemente sollten von allen Teilen des Kör- 
pers gesammelt (Werden, um die Sexualelemente zu bilden und 
durch ihre Entwicklung in der nächsten Generation einem neuen 
Wesen das Dasein zu geben; sie seien aber gleichfalls fähig, in 
einem schlununemden Zustande auf spätere Generationen über- 
liefert und dann erst entwickelt zu werden. Solche Keimchen 
sollten aber nicht bloss von jeder Zelle oder Einheit während des 
erwachsenen Zustandes, sondern während aller Entwicklungszustände 
des Organismus abgegeben werden. 

Diese Hypothese, welche in ähnlicher Gestalt bereits von 



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— 124 — 

Hippokrates und nachher von vielen Natniforsohem angestellt 
worden ist, sollte yomämlich die körperliche Yertretong aller Tdle 
des Körpers nnd ihrer Zustande in den Zengungsstoffen versinn- 
lichen, und Darwins Zuthat beruht vornehmlich darin, dass er 
nicht bloss das Produkt, sondern bereits alle einzelnen Teilchen 
organisiert sein lässt, sogar im Begriffe aufeinanderfolgender Ent- 
wicklungsstufen. Es ist nicht zu leugnen, dass diese Hypothese in 
sehr sinnfälliger Weise die Übertragung aller körperlichen und gä- 
stigen Zustande, sofern letztere von ersteren abhängig gedacht 
werden, erklärt, und wenn jemand einwerfen wollte, dass in dra 
Fortpflanzungsprodukten auch Eeimchen nicht vorhandener Glieder 
enthalten sein müssten, da ja Verstümmelungen in der Begel nicht 
vererbt werden, und die Nachkommen oft Gliedmassen besitzen, 
die einem oder beiden Eltern fehlten, so konnte Darwin auf 
schlummernde Keime derselben hinweisen, die aus früheren Zur 
ständen (vor der Verstümmelung) vorhanden waren und bei nie- 
dem Tieren zu einer Beproduktion des verlorenen Teiles führen. 
Das Reproduktionsvermögen der niedem Tiere, wekhes schon 
B^aumur von solchen schlummernden Keimen abgeleitet hatte, 
sah auch Darwin als eine Hauptstütze seiner Hypothese an. 

Er sollte indessen wenig Freude an dieser Hypothese erleben, 
denn seine besten Freunde und wärmsten Verehrer verwarfen sie 
mit mehr oder weniger Entschiedenheit. Vor allem legte er Wert 
auf das Urteil Fritz Müllers und er schrieb ihm gleich nach dem 
Erscheinen des Buches^ dessen erster Abdruck schon nach wenigen 
Wochen vergriffen war, dass er mit Sehnsucht seiner Ansicht über 
die Pangenesis-Theorie entgegensähe. Fritz Müller hielt mit seinen 
Bedenken nicht zurück und Darwin antwortete ihm unter dem 
3. Juni 1868: 

„Ihr Brief vom 22. April hat mich sehr interessiert. Ich bin ent- 
ztLckt, dass Sie mein Buch beifällig aufnehmen, denn ich schätze Ihre 
Meinung mehr als diejenige von beinahe allen andern. Ich habe jedoch 
Hoffnungen, dass Sie über die Pangenesis günstig denken werden. 
Ich fühle mit Sicherheit, dass unsere Geister (minds) einigermassen 
ähnlich sind und ich empfinde es als eine grosse Erleichterung, irgend 
eine bestimmte, wenn auch hypothetische Anschauungsweise zu haben, 
wenn ich Ober die wunderbaren Verwandlungen der Tiere — das 
Wiederwachstura von Teilen — die monströse Stellung von Organen 
— und besonders über die direkte Einwirkung des PoUens auf die 



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— 126 — 

Hntierform n. 8. w. nachdenke. Es scheint mir oft fast gewiss, dass 
die Charaktere der Vorfahren einzig yermittelst materieller Atome, die 
Yon jeder Zelle heider Eltern herstammen and im Kinde sich ent- 
wickeln, ,photographiert^ werden." 

Allein Fritz Müller yermochte es ebensowenig, wie Haeckel, 
sich mit dieser Hypothese näher zn befreonden, und Darwin 
schrieb am 9. October desselben Jahres an Hermann Müller: 

^ch bin erfreut, dass Sie einige gnte Worte für die Pange- 
nesis sagen, denn diese Hypothese hat wenig Freunde gefanden. Ihr 
ftmder, der einer der besten Beurteiler ?on der Welt ist, schrieb 
sehr im Zweifel. Sie hat sicherlich meine Gedanken gekl&rt und mir 
den Zasammenhang gewisser zahlreicher Klassen von Thatsachen in 
einer überraschenden und befriedigenden Weise gezeigt.^ 

F. Delpino veröffentlichte 1869 eine Kritik der Hypothese, 
in welcher er sie wegen ihrer zu materiellen Auffassung verwarf 
and auch Francis Galton, ein Vetter Darwins und Enkel von 
Erasmus Darwin aus dessen zweiter Ehe, der eine Reihe höchst 
wertvoller Untersuchungen gerade über das Prinzip der Vererbung 
angestellt hat, yermochte sich ihr nicht anzuschliessen. Haeckel 
veröftentliohte dann 1876 seine Perigenesis-Theorie, welche an 
SteUe der materiellen Vermittlung der aus allen Organen stam- 
menden Keimchen die Vererbung als eme Übertragung der „Pia- 
stidul-Bewegung** d. h. des Wesens der Lebensprozesse der Eltern, 
unter dem Bilde einer modifizierten und verzweigten Wellenbewegung 
erläuterte. Haeckels Hypothese ist in ihrer Allgemeinheit jeden- 
falls einwandfreier; sie erklärt ungezwungen, weshalb der junge 
Spross genau die Entvricklungswege der Eltern vriederholen und 
zu demselben letzten Ziele führen muss, und wie leicht er nach 
gewissen Bichtungen auf altem Stufen, die er ja stets durchlaufen 
mass, stehen bleiben kann, um den Vorahnen ähnlicher zu werden 
als den Ahnen u. s. w. Auch wird durch diese Anschauung, wie 
Schreiber dieser Zeilen anderswo eingehend dargelegt hat, die That- 
sache, dass Rückschlag besonders leicht bei Bastardierung eintritt, 
sehr ungezwungen erklärt; der junge Keim vermag nicht beiden ihm 
von den ungleichen Eltern vererbten divergierenden Entwicklung»- 
richtungen zu folgen und bleibt daher leicht auf einem älteren 
Stadium stehen, auf welchem sich die Wege der beiden Eltern noch 
lüc&t geschieden hatten. 



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- 126 - 

Indessen hielt Darwin an seiner Hypothese fest und es l&sst 
sich nicht verkennen, dass die Pangenesis- Hypothese für manche 
Erscheinungen eine sehr plausible Erklärung bietet, namentlich für 
jene häufigen Fälle von Missgeburten, bei denen Glieder verdoppelt 
oder in falscher Stellung erscheinen, sowie für das Reproduktions- 
vermögen verlorener Glieder bei niederen Tieren. In dieser Rich- 
tung hatte Fritz Müller im Jahre 1880 eine höchst auffallende 
Beobachtung an einer Garneele des Jtajahy gemacht. Wenn die 
Krebse verlorene Glieder neu ergänzen, so erscheinen dieselben bei 
diesen und andern Arten nicht sogleich in der definitiven Form, 
sondern zeigen erst eine Gestalt dieser Gliedmassen, wie sie bei 
einigen verwandten Arten vorkommen und offenbar einer Ahnenform 
angehört haben, worauf sie erst nach mehreren Häutungen die der 
jetzt lebenden Art zukommende Gestalt erlangen. Die betreffende 
Beobachtung wurde im „Kosmos*''*') veröffentlicht, aber da ich wusste, 
wie sehr sie Darwin im Sinne seiner Pangenesis-Hypothese inter- 
essieren würde, sandte ich ihm schon vor der Veröffentlichung eine 
Abschrift und er erwiederte darauf unter dem 28. November 1880: 

„ Ich weiss nicht, zu welcher Zeit ich so sehr erstaunt ge- 
wesen bin, wie durch Ihren Bericht über die Krebsart, welche ihre 
Beine durch diejenigen einer Ahnenform ersetzt. Wenn ich den Fall 
verstehe, muss es eine Art von lokalisiertem Rückschlag sein! Dies 
scheint mir die Pangenesis-Hypothese zu unterstützen, welche in dieser 
Welt kaum irgend welche Freunde besitzt. Ich kann begreifen, dass 
eine kleine Ansammlang von Molekülen (d. h. eins meiner imaginären 
Keimchen) in einem Organismus für eine fast beliebige Zeitdauer 
schlummernd bleibt; aber ich denke, es müsste für Haeckel schwierig 
sein, jemand zu überzeugen, dass gewisse Moleküle, aus denen der 
Körper aufgebaut ist, begonnen haben, für zahllose Generationen in 
einer eigentümlichen Weise zu vibrieren, um, wenn die Gelegenheit sich 
bietet, ein ahnenähnliches Glied zu bilden. Wenn ich mich recht 
erinnere, so weicht auch der reproducierte Schwanz einer Eidechse von 
ihrem normalen Schwänze ab. Ich habe einen in leichtem Grade ana- 
logen Fall mitgeteilt, nämlich denjenigen einer Henne, welche, als sie 
unfruchtbar geworden war, das männliche Gefieder einer Ahnen -Gene- 
ration annahm und nicht dasjenige ihrer eigenen Generation.^' 

Bevor wir zu Darwins nächstem Werke übergehen können, 
müssen wir einen Blick werfen auf einige Werke, die inzwischen 
erschienen waren und den Gesichtskreis der Menschen bedeutend 

♦) Bd. vn. 148 u. fgd. 



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— 127 — 

erweitert hatten. Seit den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts 
war Ton Seiten yerschiedener Forscher auf Grund systematischer 
and sorgfaltiger Untersuchungen behauptet worden, dass der 
Mensch seit einer viel längeren Zeit auf der Erde erschienen 
sei, als die geschichtlichen Daten zurückreichen, dass er mit zahl- 
reichen ausgestorbenen Tierformen zasammengelebt und sich mit 
80 primitiyen Waffen und Werkzeugen aus Kieselstein und Bentier- 
hom beholfen habe, wie sie jetzt nur noch gänzlich wilde oder 
auf sehr niedem Stufen der Civilisation stehende Völker gebrauchen. 
Aber weder die Erforschungen französischer Höhlen seitens Tournal 
(1826) und de Christel (1829),— bei denen Menschenknochen mit 
denjenigen ausgestorbener Tiere vermengt und letztere mit Spuren 
der Bearbeitung gefanden worden waren — noch die sorgsamen 
Untersuchungen der belgischen Höhlen durch Dr. Schmerling 
(seit 1829) fanden Beachtung; selbst ein so vorurteilsfreier Mann, 
wie Lyell, der Schmerling 1832 besucht hatte, konnte damals 
nicht den Glauben an den prähistorischen Menschen gewinnen. 
Boucher de Perthes, welcher seit 1840 die Diluvialbil- 
dnngen des Sommethals bei Amiens untersucht und darin zahl- 
reiche Stein- imd Knochenwerkzeuge gefunden hatte, welche offen- 
bar von Menschenhand gebraucht und hergestellt waren, musste 
Jahrzehnte lang die Geringschätzung und den Spott der Gelehrten 
tragen, die seine in trefflichen Werken beschriebenen Funde be- 
lächelten. Endlich, nachdem auch in England ähnliche Funde 
gemacht worden waren, erklärte sich Lyell auf der Versammlung 
der britischen Naturforscher zu Aberdeen (1853) für überzeugt, 
dass es einen vorhistorischen Menschen gegeben, nachdem inzwischen 
die Einschlüsse der Muschelhaufen an den Ostseeküsten die Auf- 
merksamkeit Steenstrups und anderer dänischer Forscher (seit 
1847) erregt hatten. Der Lyellschen Bekehrung folgte die Ent- 
deckung der Pfahlbaureste in den Schweizerseen (Winter 1853 — 54) 
anf dem Fusse, und der Fund des Keanderthalschädels, an dem 
Schaaffhausen sofort (1857) eine unerhört niedere Bildung im 
Schädeldach wie in den Augenbrauenbögen nachwies, erregte leb- 
hafte Opposition in den Kreisen der Strenggläubigen. Ein reicher, 
vielseitig gebildeter junger Kaufmann, John L üb bock (geb. 1834), 
der später Darwins Gutsnachbar wurde, begann seit dem Jahre 
1861 für diese Forschungen Propaganda zu machen, indem er 



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-~ 128 — 

lebendig geschriebeite Artikel über die danisclien Müsehelhanien, 
die Schweizer Pfahlbauten, die Höhlenmenschen und die Feuer- 
steinwerkzeuge der Driftformation an die Revuen sandte"^), und 
endlich im Februar 1863 veröflFentlichte Lyell sein grosses Werk 
über das Alter der Menschen**), welches für diese Frage 
ebenso epochemachend wurde, wie seine Principles für die Neu- 
gestaltung der Geologie. Er zeigte in diesem Werke unter Dar- 
legung und Kritik aller einschlägigen Funde, dass das Dasein des 
Menschen in Europa bis zur sogenannten Eiszeit, ja wahrscheinlioli 
über dieselbe hinaus zurückreiche, und gab geistreiche, wenn auch 
nicht unangefochten gebliebene Berechnungen über die ungeheure 
Ausdehnung der seitdem verflossenen Zeit. 

Das Buch erregte bekanntlich ein grosses Aufsehen und bereits 
vier Wochen nach dem Erscheinen musste Lyell eine neue Auf- 
lage vorbereiten. Es bekehrte alle vorurteilsfreien Leser zu der 
Überzeugung von der Existenz des vorhistorischen Menschen und 
wurde daher von der Rechtgläubigkeit nicht weniger angefeindet 
als Darwins Werke. Nur D arwin selbst konnte damit nicht recht 
zufrieden sein. Er hatte gehofft, dass Lyell darin die Zuchtwahl- 
Theorie voll anerkennen und mit seiner ausserordentlichen Autorität 
die Zweifler zu ihm herüberziehen, vor allem aber seinem schon 
damals geplanten Werke über die Abstammung des Menschen 
die Wege ebnen würde. Nichts von alledem hatte sich erfüllt« 
Grade vor der letzteren Eonsequenz machte Lyell halt, und da 
er fühlte, dass sie nicht zu umgehen war, wenn man die Zucht- 
wahltheorie annahm, so fing er an, sich „rückwärts zu konzentrieren" 
und der Zuchtwahl-Theorie, welche er ja schon angenommen hatte, 
eine spirituaUstische und deistische Grundlage zu geben , welche 
Darwin nicht behagen konnte, sie überhaupt in einer Weise hypo- 
thetisch zu behandeln, die mit seiner vor fünf Jahren entwickelten 
Begeisterung für dieselbe ziemlich stark kontrastierte. Darwin gab 
seiner Enttäuschung offenen Ausdruck, wie wir aus einigen Briefen 
ersehen, die Lyell nach dem ersten Eindruck des Buches in 
schneller Aufeinanderfolge an Hook er und Darwin richtete. 

*) Labbock hat diese Artikel nacher za seinem bekannten Werke über 
die vorgeschichtliche Zeit zusammengefasst 

*") GeohgiccU evidence$ of the antiquit^f of man. London 186S, Deatsch TOB 
Ludwig Büchner. Leipzig 18(94, 



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— 129 — 

„Mein lieber Hooker!" schreibt Lyell am 9. März 1863: „Dar- 
win hat mir eine nützliche Auswahl von Yerbessernngen und Kritiken 
für die neue Auflage, mit der ich beschäftigt bin, gesandt. Er scheint 
sehr enttäuscht, dass ich nicht weiter mit ihm gehe oder nicht mehr 
aasspreche. Ich kann nur sagen, dass ich mich bis zur vollen Aus- 
dehnung meiner gegenwärtigen Überzeugungen und sogar über mein 
Empfinden hinaus, hinsichtlich der unmittelbaren Abkunft des Menschen 
von den Tieren ausgesprochen habe und ich finde, dass ich nicht wenige, 
welche in "Waffen gegen Darwin standen und sogar noch jetzt gegen 
Huxley stehen, halb bekehrt habe. 

„Ich empfinde, dass Darwin und Huxley sekundäre Ursachen zu 
sehr deificiren. Sie meinen, weiter in die Domäne des „ünerforsch- 
lichen" vorgedrungen zu sein, als sie es mit Hilfe der Variation und 
Naturauslese gethan haben. 

y,Asa Gray sagt, Lyells Lehre sei: ,dass das Ding, was ist, das 
Ding sei, was gewesen ist und sein wird/ Wenn nun das Ding, was 
ist, in dem Falle eines von gewöhnlichen Eltern und mit gewöhnlichen 
Brüdern derselben Familie geborenen Genies einen leichten Sprung in 
sich schliesst, so sehe ich nicht, warum Darwin sich über meinen 
einzig als eine Spekulation gegebenen Sprung von der höchsten Fort- 
schrittslosigkeit zum niedersten Fortschritt beklagen sollte. 

„Ich dagegen klage mich der Schuld an, in meinem Raisonnement 
weiter hinsichtlich der Transmutation zu gehen, als in meinen Gefühlen 
und in der Einbildung, und vielleicht werde ich aus eben diesem Grunde 
mehr Leute zu Darwin und Ihnen hinüberführen, als einer, der wie 
Lubbock, weil er später geboren ist, vergleichsweise wenig von alten 
und langgepflegten Ideen aufzugeben hat, welche für mich den Zauber 
der theoretischen Wissenschaft in meinen früheren Tagen ausmachten, 
als ich noch mit Pascal an die Theorie des »gefallenen Erzengels«, 
wie Ha 11 am sie nennt, glaubte. 

„Montag Abend. Bei meiner Zurückkunft vom Mittagessen finde 
ich Ihren Brief. Ich habe nicht Zeit zur Erwiederung, danke Ihnen 
aber vielmals. 

„Da die Eiszeit-Kapitel wahrscheinlich nicht die am meisten po- 
pulären sind, bin ich desto mehr erfreut, dass Sie und Darwin die- 
selben schätzen. 

„Ich sehe Sie mit Darwin übereinstimmen und nicht mitCrawfurd 
und andern, die mir sagten, sie seien so froh, ,dass ich die Trans- 
mutations-Theorie nicht dogmatisch als bewiesen hinstelle, obgleich ich 
augenscheinlich ganz nahe an sie herangekommen sei.^ 

„Ich mache mir keine Sorge darum, was das Publikum in Betreff 
der Ausdehnung, bis zu welcher ich mit Darwin gehen möchte, er- 
wartet haben mag, aber sicherlich wünsche ich nicht, mit mir selbst 
in Widerspruch zu geraten. Doch wenn ich allmählich meine Meinung 
geändert habe, brauche ich nicht darauf zu bestehen, dass andere 

Krause, Ch. Darwin. 9 



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— 130 — 

gradezQ auf eininal flbergeh^L Wenn ich gewisse Kapitel der Prin- 
cq)ks wieder lese, bin ich stets in Geüahr, etwas in meinem Vertraue« 
anf die nene Doktrin erschüttert zu werden, sehe mich aber wieder 
dazn zorttckgeffthrt, wenn ich solche Essays, wie die Darwins, Wal- 
laces nnd die Ihrigen lese. Ich sehe zn viele Schwierigkeiten in der 
gefiJurlichen Lage yieler Konvertiten, die ihrem Prediger, der sie im 
Glauben nnterrichtete, davon liefen. 

„Ich habe nicht Zeit gehabt, vollständig von Ihrem wertvollen Briefe 
zu profitieren, werde es aber thon nnd bitte Sie freimütig za schreiben, 
wenn Sie nicht alles in der kritischen Richtung gesagt haben. Ich 
habe ganze Stösse zustimmender Briefe, aber wenige sind willig und 
imstande, jemandem durch solche Kommentare wie die Ihrigen und 
Darwins zu helfen."*) 

Zwei Tage darauf schrieb Lyell an Darwin: 

„Ich sehe, dass die ^Saäirday-Beview^ mein Buch ,Lyells Trilogie 
über Alter des Menschen, Eis und Darwin^ nennt 

„Was meine von Ihnen angenommene Autorität betrifft, ein Publi- 
kum, welches bis zu dieser Zeit mich als Advokaten der andern Seite 
betrachtet hat, (wie in den Pmdples) zu leiten, so überschätzen Sie 
meinen Einfluss sehr. In Timbs neuem ^Year Book of Facts^ für das 
Jahr 1863 werden Sie mein Porträt und eine Skizze meiner Laufbahn 
und wiefern ich der Ritter der Anti-Transmutation bin, sehen. Nach- 
dem ich ein ganzes Kapitel hindurch zu Gunsten der Abkunft des 
Menschen von den Tieren räsonniert habe, finde ich mich im Rückfall 
zu meinen alten Ideen, sobald ich wenige Seiten der Principles wieder 
lese, oder sehne mich nach fossilen Typen von Zwischenstufen. Wahr- 
lich, ich müsste Sedgwick und andern leid thun. Hunderte, die mein 
Buch in der Hoffnung gekauft haben, dass ich die Kirchenherrschaft 
von Grund aus zerstören würde, werden schrecklich bestürzt und ent- 
täuscht sein. Wie die Sache liegt, werden sie am besten mit Craw- 
furd, der noch immer widersteht, sagen: ,Sie haben den Fall mit 
solcher Mässigung dargelegt, dass niemand sich beklagen kann.* Wenn 
er dagegen Huxley las, war er wieder In Waffen. 

„Mehr als ii^end welche Gedanken über Höflichkeit und Ratsam- 
keit bewahren mich indessen meine Gefühle davor, über die Abstam- 
mung des Menschen von den Tieren zu dogmatisiereu, da sie, obgleich 
ich bereit bin, sie anzunehmen, meine q ehemaligen Spekulationen über 
solche Gegenstände viel von ihrem Reize nimmt. 

„ Ich kann nicht mit Huxley so weit gehen 

zu glauben, dass natürliche Auslese und Variation so viel vermöchten, 
und nicht so weit wie Sie, wenn ich einige Stellen Ihres Buches fvir 
sich nehme. 



♦) Life of Lyell Vol. //, />. Sßi. 



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— 131 — 

I „Ich denke die alte »Schöpfung« ist noch ebenso notwendig als je- 

I mals, aber vielleicht nimmt sie eine neue Gestalt an, wenn Lamarcks 
Ideen, verbessert durch die Ihrigen, angenommen werden. 

„Was ich ängstlich bedacht bin zu erstreben, besteht darin, posi- 
tive Widersprtlche in verschiedenen Teilen meines Buches, wie sie 
wahrscheinlich aus der Durchkreuzung der alten Gedankenzüge und 
Geleise mit der neuen Laufbahn hervorgehen, zu vermeiden. 

„Aber Sie sollten zufrieden sein, wenn ich Ihnen hunderte zuführe, 
die, wenn ich den Gegenstand mehr dogmatisch behandelt hätte, rebel- 
liert haben würden. 

„Ich habe mich ausgesprochen bis zur äussersten Ausdehnung 
meines Gedankenkreises, soweit als mein Verstand geht, und weiter als 
mein Gefühl und meine Einbildungskraft folgen können, die, wie ich 
vermute, gelegentliche Ungleichheiten verursacht haben " 

' Noch ein weiterer Brief Lyells, in welchem derselbe sich 

I verteidigt, Darwins Theorie nicht genügend von Lamarcks 

I unterschieden zu haben, verdient hier, wenigstens teilweise mitge- 

I teilt zu werden: 

„Mein lieber Darwin" schreibt Lyell am 15. März, „Ihr Brief 
I wird sehr nützlich sein. Ich wünsche solche Stellen so weit in die 
I Darwinsche Richtung zu bringen, dass sie nicht unverträglich mit 
i meinem Grundton und demjenigen, was Hooker als einige meiner 
Origmal- Argumente zu Gunsten der natürlichen Auslese bezeichnet, werden. 
; Gleichzeitig bin ich überrascht durch die Menge von Komplimenten, 
weiche ich sowohl in Eevüen als in der Unterhaltung mit den Halb- 
bekehrten empfange, weil ich sie ihre eigenen Folgerungen habe ziehen 
lassen und ihnen nicht dogmatisch gesagt habe, dass sie sich gänzlich 
zu mir wenden müssten. Hook er giebt zu, dass die Leute in wissen- 
schaftlichen Dingen es nicht lieben, zu ausführlich bedeutet zu werden, 
was sie glauben sollen, obgleich sie in religiösen Dingen wünschen, es 

vor ihnen dargelegt zu haben 

„Ich wünsche, dass ich dasjenige verdiente, was Sie über die freund- 
liche Aufnahme von Kritiken sagen. Ich denke oft, dass ich so reiz- 
bar wie irgend jemand sein würde, wenn der Erfolg meiner Werke 
mir nicht eine beständige Gelegenheit gäbe, unmittelbar aus jeder Hin- 
weisung auf den Stil und moralischen Ton und vor allem auf die 

Gefahren und Schlüsse Vorteil zu ziehen 

Was Lamarck anbetrijfft, so finde ich, dass Grove, welcher ihn 

gelesen hat, wunderbar von seinem Buche überrascht ist. Ich erinnere 

mich, dass der Schluss, zu welchem er hinsichtlich des Menschen kam, 

es war, dermich vor dreissig Jahren gegen den grossen Eindruck 



*) Life of Lyell II, p. 362 ff. 

9* 



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— 132 — 

wappnete, welchen seine Argumente znerst anf meinen Verstand machten*) 
nnd der am so grösser war, weil Constant Pr6Tost, ein Mündel 
Cnviers, mir vor vierzig Jahren seine Üherzengong mitteilte, ,das8 
Cnvier meinte, die Arten seien keine Wirklichkeiten, aber die Wissen- 
schaft könne nicht fortschreiten, ohne anzunehmen, dass sie es wären/ 
Als ich zu dem Schlüsse kam, dass nach allem Lamarck auf dem 
Wege ist, gerechtfertigt zu werden, dass wir den Orang-Utang ganz und 
gar hinnehmen müssen, las ich sein Buch nochmals nnd mich er- 
innernd, zu welcher Zeit es geschrieben war, fühlte ich, dass ich ihm 
Unrecht gethan. 

„Sogar hinsichtlich des Menschen schrittweiser Eroberung von mehr 
und mehr Ideen, und dann der Sprache, und wie die Ideen sich langsam 
vermehrten, und ferner seiner Verfolgung der am nächsten mit ihm 
verbundenen und mit ihm in Konkurrenz tretenden Dinge — alles 
das ist wahrhaft darwinistisch. 

„Die Einschiebung des „Variationsvermögens^ für die „Willens- 
thätigkeit" „Muskularwirkung^' u. s. w. (und für die Pflanzen war die 
Willensthätigkeit nicht einmal in Anspruch genommen) ist in manchen 
Hücksichten ein blosser Namenswechsel. Man nenne eine neue Varietät eine 
neue Schöpfung, so mag jemand von der ersteren, wie von der letzteren 
dasselbe sagen, was Sie aussprechen, wenn Sie bemerken, dass der 
Schöpfungsgläubige nichts erklärt und blos versichert: ,es ist so, weil 
es so ist^ 

„Lamarcks Glaube an die langsamen Umwandlungen in der orga- 
nischen und unorganischen Welt seit 1800 war sicherlich über den 
Standpunkt seiner Zeit und hinsichtlich des Fortschrittes hatte er in 
der Hauptsache Recht, obgleich Sie jene Lehre ungeheuer vorwärts ge- 
bracht haben, Was Owen mit seiner A^e-A^e- Abhandlung anbetrifft, 
so scheint er mir ein Schüler Pouchets zu sein, der ihn in Ronen 
zur Generatio aeqmma bekehrt hat. 

„Habe ich auf ^ Seite 412 nicht den ungeheuren Unterschied 
zwischen Ihnen und Lamarck, und was den „notwendigen Fortschritt^' 
anbetrifft, scharf genug auseinandergesetzt? 

„Ich bin betrübt, dass Sie nach Malvern gehen müssen. Das Grnte 



*) Lyell hatte Lamarcks Werk 1827 gelesen, und schrieb darüber 
an den bekannten Paläontologen Gideon Man teil, dass ihn das Buch 
unterhalten habe, wie eine phantastische Novelle, dass er nichts von dem 
Odium theologicum anderer Leser empfunden, seine Forderung eines unge- 
heuren Alters der £rde anerkannt, und seine Logik, den Menschen vom Affen 
herzuleiten, als eine kühne aber notwendige Eonsequenz gebilligt habe. „Aber*^ 
setzt der ehemalige Jurist hinzu, „ich bekenne, dass ich ihn beinahe las, wie 
ich einem Advokaten auf der im CFnrecht befindlichen Seite zuhöre, um za 
lernen, was aus der Sache in guten Händen gemacht werden kann." Life of 
Lyell Vol. /, p, 168. 



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— 133 — 

an der Wasserkar ist die Enthaltung von der Arbeit; eine Reise in 
die Fremde würde, me ich ttberzengt bin, ebenso wirksam nnd vor- 
teilhafter sein. 

yyLch hoffe, mein langer Brief wird Sie nicht zn sehr anstrengen; 
wenn ich mich hinsetze, an Sie zu schreiben, kann ich niemals ein 
Ende finden. Hooker, der nichts von Ihnen gehört hat, ist in zu- 
nehmender Angst und hofft, dass es nur ist, weil Sie mit mir korre- 
spondieren und nicht wegen ernsthaften Übelbefindens.^ *) 

Wir sehen aus diesem Briefe, dass Darwin damals, wie so 
häufig nach seiner Welt-Reise, leidend war, und diese Zufalle 
kehrten trotz aller Unterbrechungen der Arbeit und Aufenthalte 
am Strande und Gebirge immer wieder, 1865 so stark, dass er 
volle neun Monate nicht imstande war, ernstlich zu arbeiten. Er 
konnte in solchen Zeiten nur in kurzen Pausen schreiben, und 
selbst die Unterhaltung nüt Bekannten strengte ihn dann so an, 
dass er sie alle halben Stunden unterbrechen musste, um sich 
wieder zu erholen. Dennoch arbeitete er unermüdlich, so gut es 
gehen wollte, und sammelte neben seinen botanischen Arbeiten, 
die damals erschienen, die Thatsachen für das zuletzt besprochene 
Werk und für die Wirkungen der geschlechtlichen Zucht- 
wahl. Seine Ansichten über Erwerbung des Schmuckes der Tiere 
und namentlich der Männchen, durch den Gefallen, welchen die 
Weibchen an schönen Farben und Gestalten fanden, sowie an den 
Siegen über Nebenbuhler, die jene vermittelst der Entwicklung 
ihrer natürlichen Stärke, Geschicklichkeit und Waflfen erringen, 
gewannen ebensowenig den vollen Beifall der Freunde, mit de- 
nen er sie besprach, wie seine Ansichten über den Ursprung des 
Menschen. 

In dieser Richtung ward namentlich das Verhalten seines alten 
Mitkämpfers A. R. Wallace ein Hemmschuh für ihn. Man kann 
leicht nachweisen, dass derselbe bis zum Jahre 1867 ein fast un- 
bedingter Anhänger der Darwinschen Ansichten gewesen ist und 
bis dahin auch das Gesetz der geschlechtlichen Zuchtwahl gegen 
die Gegner Darwins verteidigt hat. Einer der kenntnisreichsten 
Gegner, der Herzog von Argyll, hatte damals (1867) unter dem 
Titel jhe reign of lai&' ein Buch gegen die Darwinsche Theorie 



.*) Life of Lxfdl II, p. S64. 



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— 134 — 

geschrieben, in welcher eine Menge wirksamer Qrände namentlich 
aas der Schönheit der Natordinge hergeleitet werden. Darwin hatte 
die Schönheit der Blumen aus der Notwendigkeit, Insekten anzu- 
locken, erklärt und dabei ebenso wie in seinem grundlegenden 
Werke eine Menge abkürzender Bedewendungen gebraucht, welche 
einzelnen Gegnern, z. B. auch Eölliker in Deutschland, ein ge- 
wisses Recht gaben, ihn für einen schlimmem Teleologen anzusehen, 
als je einer dagewesen wäre. Er hatte nämlich in der Überzeugung, 
dass niemand, der seine Werke lesen werde, dies missverstehen 
könne, von der „Absicht" und dem „Zweck" vieler Naturein- 
richtungen gesprochen und im Bau verschiedener Orchideen die 
„sionreichen, seltsamen und schönen Kunstgriffe" hervorgehoben, 
die angewandt werden, um die Insekten an den gehörigen Ort zu 
leiten und zu locken. Dies hielt ihm der Herzog vor, um dann 
seine Theorie, die Schönheit sei, ebenso wie die Formenmannig- 
faltigkeit, nach bestimmten Gesetzen und nur um ihrer selbst 
willen, erschaffen worden, namentlich an der Schönheit gewisser 
Vögel zu demonstrieren, wie dies ja schon der Stoiker Chrysippus 
am Pfauenschwanz gethan hatte. Der Herzog wies Darwin unter 
andern auf die Augen des Argusfasans hin, die schattiert sind, 
wie lose in einer Aushöhlung liegende Kugeln, und Darwin hat 
diese Beispiele später ausführlich erläutert. Zu den Kolibris über- 
gehend, sagte der Herzog von Argyll: 

y^n erster Linie mnss von der gesamten Gruppe bemerkt werden, 
dass keine Beziehung zwischen der Schönheit der Kolibris in irgend 
einer Funktion, welche wesentlich für ihr Leben wäre, nachgewiesen 
oder ersonnen werden kann . . . Lediglich Schmuck und Mannigfaltig- 
keit der Form und diese um ihrer selbst willen, das ist das einzige 
Princip oder die einzige Regel, in Hinblick auf welche die schöpferische 
Macht bei diesen wunderbaren und schönen Vögeln gearbeitet zu haben 

scheint Ein Schopf von Topas ist nicht besser im Kampfe 

nms Dasein, als ein Schopf von Saphir ^' 

Damals hielt Wallace dem Herzog von Argyll entgegen*), 
dass Darwin die Schönheit der Tiere ja gar nicht durch die na- 
türliche Zuchtwahl erklären wolle, sondern durch seine Theorie 



*) Quarter ly Journal of Science^ October 1867 und seitdem wieder abge- 
druckt in Wallaces Bei tr&gen zur Theorie der natürlichen Zuohtwahl. Über- 
setzt von A. B. Meyer, Erlangen 1870. p. 301—345. 



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— 135 — 

der gescfaleehtiichen Zuchtwahl, die er erdacht und bewiesen 
habe. Allein diese günstige Meinung hielt bei Wallace nicht vor, 
und sobald er sah, dass Darwin jene Theorie auch zur Erklärung 
gewisser Vorzüge des menschlichen Körperbaues anwenden wollte, 
lür die er eine andere Erklärung erdacht hatte, trat er ihm in 
entschiedener Opposition entgegen. Es wird zum bessern Ver- 
ständnis der eigentümlichen Komposition des nächsten Darwinschen 
Werkes beitragen, wenn wir diesen Vorgängen hier einen kurzen 
Baum widmen. 

Wallace hatte in der Anthropological Review (Mai 1864) einen 
sehr interessanten Artikel über „die Wirkung der natürlichen Zucht- 
wahl auf den Menschen" veröffentlicht, worin er ausführte, dass 
der Mensch, seitdem sich seine geistigen Gaben entwickelten, 
aufgehört habe, dem Gesetze der natürlichen Zuchtwahl zu ge^ 
horchen, weil er sich seitdem den äussern Umständen nicht mehr 
körperlich, sondern nur noch geistig anpasse; seit dieser 
Zeit habe nur noch das Gehirn an XTmfang zugenommen, und 
deshalb sei es sehr wohl möglich, dass der Körper des Menschen in 
seiner jetzigen Gestalt bereits in der Tertiärzeit existiert habe, wäh- 
rend die andern Säugetiere seit jener Zeit noch so bedeutende körper- 
Uche Umwandlungen durchzumachen hatten. Nachdem er die Ver- 
änderungen geschildert, denen alle Naturwesen in Folge der na- 
türlichen Zuchtwahl unterliegen, lässt er die schönen, seitdem so 
oft wiederholten Worte folgen: 

„Endlich jedoch trat ein Wesen in die Existenz, für welches jene 
subtile Kraft, welche wir Geist nennen, von grösserer Wichtigkeit 
wurde, als sein Körperbau an sich. War sein Körper nackt und un- 
beschützt, so gab sie ihm Kleider, die ihn gegen die Unbilden der 
Jahreszeiten schützten. War er unfähig, mit dem Hirsch an Schnellig- 
keit und mit dem wilden Stier an Kraft zu wetteifeni, so gab jene 
ihm Waffen, mit welchen er beide fangen und besiegen konnte. War 
er weniger, als die meisten andern Tiere imstande, von Kräutern und 
Früchten zu leben, welche die Natur ohne Nachhilfe hergiebt, so lehrte 
ihn diese wunderbare Fähigkeit, die Natur zu seinem eigenen Vorteile 
zu beherrschen. und zu lenken, so dass sie ihm Nahrung gab, wann und 
wo es ihm beliebte. Von dem Augenblicke an, als die erste Tierhaut 
zw Hülle benutzt, als der erste rohe Speer gefertigt wurde, um der 
Jftgd zu dienen, aJs er zuerst Feuer anmachte, um seine Nahrung zu 
kochen, als das erste Saatkorn gesäet oder ein Spross gepflanzt wurde 
— von diesem Augenblicke entstand in der Natur eine grosse Revo- 



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— 136 — 

lation, eine BeTOlaüon, welche in all' den vorherg^angenen Zeitaltem 
der Erdgeschichte keine Parallele gehaht hatte, denn es war ein Wesen 
erstanden, welches nicht länger der Notwendigkeit unterlag, sich 
seihst körperlich mit der sich verändernden ümgehnng zu verändern 
— ein Wesen, welches his zu einem gewissen Grade der Natur üher- 
legen war, insoweit es ihre Thätigkeit zu kontrollieren and zu regn- 
lieren wusste und sich selbst in Harmonie mit ihr erhalten konnte, 
nicht durch eine Veränderung des Körpers, sondern durch einen Fort- 
schritt des Geistes."*) 

Die in diesen Worten so beredt ausgesprochene Erkenntnis, 
dass der Mensch eine Ausnahmestellung in der Natur einnimmt, 
dass er sich durch sein Denkvermögen den Wirkungen der natür- 
lichen Zuchtwahl entziehen kann, hatten einen verhängnisvollen 
Einflttss auf Wallaces fernere Gedankenentwicklung. Derselbe 
war seit jeher einer spiritualistischen Deutung der Natur sehr ge- 
neigt und allmählich in das Lager der Spiritisten übergegangen. 
Wie er uns selbst in den neuen Auflagen seines Buches über „die 
wissenschaftliche Ansicht des Übernatürlichen*' erzählt hat, war er 
schon 1844, als er noch Lehrer in einer kleineren Landstadt 
war, auf den Mesmerismus aufinerksam geworden, hatte hypnotische 
Erscheinungen an seinen Schülern aufbreten sehen, seit Sommer 
1865 sich spiritistischen Zirkeln angeschlossen, in denen er manchen 
„Manifestationen'' beiwohnte, und wurde bald darauf ein ausge- 
sprochener Apostel und Anwalt dieser neuen Glaubensrichtung. 

Damit im Einklänge veröffentlichte er im April 1869 in der 
Quarterly Review einen Artikel über „Geologische Zeit und die 
Entstehung der Arten", an dessen Schlüsse er seine Ansicht über 
die Ausnahmestellung des Menschen dahin erweiterte, dass er nicht 
nur, nachdem er sein geistiges Vermögen erlangt, der natürlichen 
Zuchtwahl entrückt worden sei, sondern auch seine Menschwerdung 
nicht diesen blindwirkenden Kräften verdankt haben könne. Seine 
seltsame Beweisführung ist folgende: Die niedem Menschenrassen 
sind vielfach weniger intelligent und moralisch, als manche höheren 
Tiere, dennoch besitzen sie ein grösseres Gehirn, als diese und als 
sie es brauchen. Die natürliche Zuchtwahl konnte sie nicht mit 
einem über ihre Bedürfnisse hinausgehenden Geistesorgan aus- 
statten ; sie würde ihnen höchstens ein etwas über das Gehirn der 



*) Wallace, Beiträge u, s. w. S. 371—72. 



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— 137 — 

Menschenaffen hinausgehendes Gehirn haben geben können, — aber 
es sei nicht nnr viel grösser, sondern gradezü zu gross für sie. 
Die natürliche Zuchtwahl konnte sie femer nicht ihres Haarkleides 
berauben, dessen Mangel den Wilden namentlich am Rucken em- 
pfindlich wird, wo es bei den Tieren bekanntlich am stärksten ist, 
so dass sie genötigt wurden, den Rücken anderweit zu bedecken 
und überhaupt an Beschaffung von Kleidern zu denken. Sie konnte 
ihm nicht die Vollkommenheit von Hand und Fuss verleihen, noch 
das modulationsfahige Stimmorgan, oder den selbst abstrakten Be- 
griffen gewachsenen Geist, denn alle solche Vollkommenheiten 
konnten dem Wilden nichts nützen, sie waren im voraus und 
für die Zukunft angelegt! Er grämt sich nicht darum, ob 
es auch wirklich gegründet sei, dass das überlegene Hirn vor aller 
Notwendigkeit, der leistungsfähige Kehlkopf vor dem Sprach- 
und Sangbedürfhis u. s. w. vorhanden gewesen, sondern schliesst 
-unbefangen weiter: 

„. . . dass eine überlegene Intelligenz die Entwicklung des Menschen 
nach einer bestimmten Richtung hin und zu einem speziellen Zwecke 
geleitet hat, gradeso wie der Mensch die £ntwickelung vieler Tier- 
und Pflanzenformen leitet. Die Gesetze der Evolution allein würden 
vielleicht nie ein Getreidekorn prodnciert haben, welches sich so wohl 
für den Gebrauch des Menschen eignet, wie Weizen und Mais, oder 
solche Früchte, wie die kernlose Banane und Brodfrucht, oder solche 
Tiere, wie die Gnemsey- Milchkuh und das Londoner Karrenpferd. 
Und doch gleichen diese so genau den ohne Nachhilfe hervorgegangeneu 
Naturerzeugnissen, dass wir uns sehr wohl ein Wesen denken können, 
welches die Gesetze der Entwicklung der organischen Formen durch 
vergangene Zeiten hindurch gemeistert hat, indem wir den Glauben 
an irgend eine neue Kraft durchaus zurückweisen, welche zu ihrer Ent- 
wicklung beigetragen, und die Theorie durchaus verwerfen, dass in 
diesen wenigen Fällen eine kontrollierende Intelligenz die Thätigkeit der 
Gesetze der Abänderung, Vervielfältigung und des Überlebens zu ihren 
eigenen Zwecken geleitet habe. Wir wissen jedoch, dass dieses ge- 
schehen ist, und müssen daher die Möglichkeit zugeben, dass, wenn 
wir nicht die höchsten Intelligenzen im Universum sind, eine höhere 
Intelligenz den Prozess dirigiert haben mag, durch welchen die mensch- 
liche Rasse sich vermittelst subtilerer Agentien, als wir sie kennen, 
entwickelte." (A. a. 0. S. 412—413.) 

Hatte sich Darwin im Jahre vorher mit denjenigen Freunden 
auseinander setzen müssen, welche Pferd und Hund als eine Züch- 
tung des göttlichen Wesen zum Vorteil des Menschen hinstellten, 



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— 138 — 

80 wurde hier nun der Mensch selber zum Haustier Gottes. Wir 
wollen nur kurz darauf hinweisen, wie man sich die Inkonsequenz 
erklären kann, die in diesem Vorgehen Wallaces liegt Hätte er 
freimütig erklärt, er sei zu der Überzeugung gekommen, dass die 
natürliche Zuchtwahl überhaupt nicht so wunderbare Organisationen 
hervorbringen könne, wie wir sie im Pflanzen- und Tierreich, den 
Menschen eingeschlossen, täglich zu bewundem haben, und er 
kehre zur Schöpfungstheorie zurück, so war dagegen nicht viel ein- 
zuwenden. Aber er mochte den Ruhm nicht missen, der Mitent- 
decker der Zuchtwahl-Theorie auch femer zu bleiben, und konstruierte 
sich an Stelle des graduellen körperlichen und geistigen Unterschiedes 
zwischen Tier und Mensch einen absoluten; er kehrte zu der An- 
sicht der Kirchenväter zurück, nach denen der Mensch allein von 
Gottes Händen gebildet sei, während Pflanzen und Tiere von der 
Erde und dem Wasser auf blossen allgemeinen Befeh^ des Schöpfers 
hervorgebracht worden seien. 

Es musste für Darwin sehr schmerzlich sein, zusehen, dass 
diese Bückkehr zu einer leichten Modifikation der alten Schöpfungs- 
theorie aljsbald vielseitigen Anklang fand. Der Herzog von Argyli 
schrieb in demselben Jahr (1869) ein Buch über den „Ursprung 
des Menschen" (Primeval Man), in welchem er unter anderm be- 
hauptete, dass der menschliche Körperbau von der Bildung der 
Tiere in einer Richtung grosser physischer Hilfslosigkeit und 
Schwäche abgewichen und einer Menge unvorteilhafter Abände- 
rungen unterlegen sei, wie Nacktheit der Haut, Fehlen eines mäch- 
tigen Gebisses und wehrhafter Krallen, mangelnder Geschwindigkeit, 
Schwächung des Gerachsinns u. s. w., die man sicherlich nicht der 
natürlichen Zuchtwahl zuschreiben könne. Auch Lyell fand die 
Wallaceschen Folgerungen in ihrem Hauptteile sehr annehmbar, 
wie ein am 5. Mai 1869 an Darwin gerichteter Brief beweist, der 
eine Antwort auf einen Brief Darwins über obigen Aufsatz darstellt: 

„Ich bin erfreut'^ schreibt Lyell, „über den Eindruck, den der 
historische Teil des Wallaceschen Rückblicks auf Sie gemacht hat. 
Er erinnert mich an Cuviers Tochter, ein reizendes und verständiges 
Mädchen, welches mir erzählte, dass sie ihrem Vater mein Buch (d. h. 
Band I der Principles) vorgelesen habe, und dass sie von dem voll- 
ständigen Antagonismus meiner Ansichten und derjenigen, welche er in 
Beiner „Theorie der Erde^^ ausgeführt hatte, überrascht gewesen seien. 
Man Hess mich stets empfinden, dass ich in Cuviers Abend- 



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— 139 — 

gesellschaftea ein willkommeuer Gast sei, aber er spielte niemals aof 
mein Bach an, und wenn mir nicht Fi^nlein Guvier gesagt hätte, 
dass sie es ihm in ihrem Wagen anf den Spazierfahrten vorgelesen 
hätte, würde ich niemals erfahren haben, dass er es gesehen hätte. 

„Ich stimme völlig mit Ihnen darüber überein, dass Wallaces 
Abriss der natürlichen Zuchtwahl bewunderungswürdig ist. Ich schrieb 
ihm das, nachdem ich den Artikel gelesen hatte, und erinnerte ihn in 
Anbetracht seiner abschliessenden Theorie, dass ich hinsichtlich der 
intellektuellen und moralischen Natur des Menschen in meiner ersten 
Ausgabe zugestanden hatte, dass seine Einführung in die Schöpfung 
eine wirkliche Neuerung sei, welche den gleichförmigen Lauf von Ur- 
sache und Wirkung, die man bis dahin auf der Erde wirksam sah, 
unterbrochen habe. Ich war deshalb nicht in Widerspruch mit seiner 
Idee, dass die höchste Intelligenz möglicherweise die Variation in den- 
jenigen analogen Weg leite, in welchem sogar die beschränkten Kräfte 
des Menschen sie nach ihrer Zuchtwahl leiten, wie im Falle des Vieh- 
züchters und Gärtners. Da ich mit andern Worten die Empfindung 
habe, dass die fortschreitende Entwicklung oder Evolution nicht voll- 
ständig durch natürliche Auslese erklärt werden kann, wünsche ich 
uns vielmehr Glück zu Wallaces Folgerung, dass ein höchster Wille und 
eine Macht da sein müssen, die ihren thätigen Eingriffen nicht ent- 
sagen, sondern die Kräfte und Gesetze der Natur leiten m()gen. Dies 
scheint mir um so wahrscheinlicher, wenn ich, nicht ohne Verwunde- 
rung, betrachte, dass es uns gestattet ist, einer Monstrosität wie der Kropf- 
taube Ursprung zu geben und sie durch eine wahrhaft unendliche Zahl 
von Generationen, sicherlich nicht zum Vorteil der so erschaffenen 
Varietät oder Art, zu züchten. 

„Gleichzeitig teilte ich Wallace mit, dass nach meiner Meinung 
seine die Hand, Stimme, Schönheit und Symmetrie, Nacktheit der Haut 
und andere Eigenschaften des Mensehen betreffenden Argumente, sofern 
sie eine Vorbereitung für seine fernere Entwicklung voraussetzen, leicht 
bekämpft werden dürften-, dass ein mit den Geisteskräften Shakespeares 
begabter Papagey den „Sommemachtstraum*' diktiert haben würde, und 
dass Michel Angelo, wenn er auch keine bessere Hand hatte,' als sie 
einigen der hohem Affen zukömmt, die Bildsäule des Lorenzo von 
Medici ausgeführt haben würde. 

„In Erwiderung dieser und anderer analoger Kommentare sagt 
Wallace: ,Es scheint mir, dass wenn wir einmal die Notwendigkeit 
irgend einer über die »Naturauslese« hinausgehenden Thätigkeit bei der 
Entwicklung des Menschen zulassen, kein vernünftiger Grund, welcher 
Art er auch sein möge, bleibt, diese Thätigkeit auf sein Gehirn zu 
beschränken. Was die blosse Zufallslehre anbetrifft, so scheint es mir 
im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass so viele Punkte seines Körper- 
baues, die alle zu Gunsten seiner geistigen Entwicklung zusammen- 
wirken, im Menschen und von allen Tieren in ihm allein vorkommen 



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— 140 — 

sollten. Wenn der aufrechte Gang, die Freiheit der vorderen 
Gliedmassen fftr Bewegungszwecke, der kräftige und gegen- 
üherstellbare Daumen, die nackte Haut, und die grosse Symmetrie 
der Kraft, die vollkommnen Sprachorgane und seine geistigen 
Fähigkeiten, Zahlen-Rechnung, die Ideen der Symmetrie, Ge- 
rechtigkeit, des abstrakten Denkens, des Unendlichen, eines 
zukünftigen Lebens und viele andre nicht einzeln oder zusammen- 
genommen, als nfltz lieh für den Menschen in seinem niedersten Civili- 
sationszustande erwiesen werden können, wie sollen wir ihr Zu- 
saromenvorkommen in ihm allein aus der grossen Reihe der organi- 
lüschen Wesen erklären? Vor Jahren sah ich einen Knaben und ein 
Mädchen vom Stamme der Buschmänner in London und das Mädchen 
spielte sehr hübsch auf dem Klavier. Der blinde Tom, der Neger- 
Idiot, hatte ein musikalisches Ohr oder Gehirn, welches vielleicht 
dem irgend welches lebenden Menschen überlegen war. Wenn Sie mir 
nicht zeigen können, wie diese rudimentäre oder latente musikalische 
Fähigkeit bei den niedersten Rassen durch das Überleben des Passend- 
sten entwickelt worden sein und dem Individuum oder der Rasse, 
welche sie besitzt-, Ursache gegeben haben kann, im Daseinskampfe 
zu gewinnen, so muss ich glauben, dass irgend eine andere Macht diese 
Entwicklung verursachte, und so bei jeder andern, im wesentlichen 
menschlichen Eigenschaft. Es scheint mir, dass das Onus probandi den- 
jenigen obliej|?t, welche behaupten, dass der Mensch nach Körper und 
Geist durch natürliche Auslese aus einem Yierftlssler entwickelt sein 
könne' . . . .*♦) 

Darwin nahm die Herausforderung auf und veröffentlichte 
nicht ganz zwei Jahre später, im Februar 1871, sein Werk über 
die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche 
Zuchtwahl**), dessen eigentümliche Composition hauptsächlich 
aus den vorangegangenen Controversen mit Wallace, Lyell und 
dem Herzog von Argyll zu erklären ist. Wenn man von dem 
Werke über die Erfolge der künstlichen Züchtung sagen darf, dass 
es nur die ausfuhrlichere Begründung der bereits in dem Haupt- 
werke dargelegten Thatsachen der Variation imd Vererbung brachte, 
so enthält dieses Werk eine notwendige Ergänzung desselben. 



*) Life o/ Lyell Vol. IJ, p, Ul-US. 

**) The deacent of man and on selection in relaiion to aex (London 1671 
2 Vols.) Eine völlig umgearbeitete Auflage, in welcher der Verf., wie er sich 
ausdrückte, von dem hochnotpeinlichen Gerichte, vor dem das Buch gestandeD» 
Vorteil gezogen hat, erschien 1874 und darnach ist die neue Ausgabe in den 
Gesammelten Werken (Bd. V. u. VI. 878 Seiten mit 78 Holzschnitten) über- 
setzt. 



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— 141 — 

Die Naturauslese, deren Diskussion dort den ersten Platz ein- 
ninunt, hat hauptsächlich die Erklärung der zweckmässigen Ein- 
richtungen und Bildungen der Wesen zum Gegenstande und 
erklärt zugleich das Fortschreiten zu höheren Organisationen, ob- 
wohl sie unter Umständen auch die Entartung und den Rückschritt 
begünstigen kann. Neben der Zweckmässigkeit des Baues der 
lebenden Wesen blieb aber auch die Schönheit zu erklären, und 
nachdem Darwin das Seinige dazu beigetragen und die Schönheit 
und den Duft der Blumen aus der Notwendigkeit hergeleitet hatte 
eine Anziehungskraft zu erlangen, um Besucher, welche die Befruch- 
tung bewirken, selbst aus einiger Entfernung anzulocken, bedurfke es 
eines andern Ideengangs, um die Schönheit, welche viele Tiere, 
sowohl in ihrem Äussern, als in ihren graziösen Bewegungen, wie 
in den Modulationen ihrer Stimme erlangt haben, aus natürlichen 
Ursachen zu erklären. 

Darwin hatte auf die von ihm gefondene Erklärung bereits 
in seinem Hauptwerke hingedeutet, aber der Gegenstand erforderte 
offenbar eine viel eingehendere Darstellung, als er dort finden 
konnte. Sein Grossvater hatte, wie oben (S. 54) erwähnt, das 
Prinzip einer geschlechtlichen Zuchtwahl erörtert, in dem Sinne, 
dass das Männchen, welches durch stärkere Waffen und Geschick- 
lichkeit alle seine Nebenbuhler besiegt, das Weibchen als Sieges- 
preis in Besitz ninunt. Durch diesen Prozess würde aber nur die 
Starke und Bewaffnung der Männchen gesteigert werden können, 
wenn man nicht aus später zu erörternden Gründen annehmen 
wül, dass Stärke und Schönheit im nächsten Gonnex stehen. Dar- 
win zeigte nun, dass Tiere den neuen Schmuck zur Paarungszeit 
erhalten; er zeigte femer, dass ihn meist nur die Männchen erlangen 
und sich dann zu förmlichen Schaustellungen ihrer Schönheit vor 
den Weibchen rüsten, zum Teil wunderüche Tänze ausfuhren und 
schliesslich vor ihren Augen miteinander um den Preis ringen. Es 
Uegt ein einfacher Zusammenhang darin, dass das schönere Ge- 
schlecht zugleich das werbende ist, und dass sich die Schönheit 
des Fells oder Gefieders als ein späterer Erwerb dadurch verrät, 
dass sie dem iungen Tiere fehlt, welches fast ünmer der Mutter 
gleicht, die in den meisten Fällen und namentlich bei den Vögeln 
wahrscheinlich dadurch das unscheinbare Gewand der Ahnen bewahrt 
hat, weil sie während der Brütung und Brutpflege sehr durch 



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— 142 — 

Raubtiere gefihrdet wird und eines unaufffilligen Aussehens zu 
ihrem Schutze bedarf. An den prachtvolleren Erscheinungen des 
Fasanen- und Pfauengeschlechls hatte Darwin über die Steigerung 
der Schönheit die bewunderungswürdigsten Studien gemacht und 
die Entstehung der Augen auf dem Gefieder, so¥de mancher ent- 
zückenden Einzelnheit in einer Reihe von Übergängen verfolgt. 

Nächst der Pangenesis-Theorie sind es seine Ansichten über 
die geschlechtliche Zuchtwahl gewesen, die unter seinen Anhängern 
den meisten Widerspruch gefanden haben. An die Spitze der 
Gegner stellte sich Wallace, ihm folgten die Italiener Mante- 
gazza und Beccari und unter den deutschen Darwinisten beson- 
ders Wilhelm von Reichenau.*) Die Gegner erneuerten!, ohne 
direkt daran anzuknüpfen, einen alten Gedankengang Bacons 
von Verulam, welcher, die Ansichten des Aristoteles bekäm- 
pfend (der die schönen Farben der Vögel und Schmetterlinge von 
dem Sonnenlicht, denen sie sich mehr als Yierfussler aussetzen, 
abgeleitet hatte), die schönen Farben lediglich aus den Abfallstoffen 
des Körpers entstehen lässt, die bei den Vögeln, vermöge der 
hohem Lebensenergie, sowohl reichlicher vorhanden wären, als auch 
einer feineren „Colatur" unterlägen. Auch Wallace, Mante- 
gazza und Reichenau schreiben das schönere Gefieder der 
Männchen bei den Vögeln und die Auswüchse und Farben hä 
einigen andern Tieren, der durch Kämpfe u. s. w. gesteigerten hohem 
Lebensenergie, die sich besonders zur Paarungszeit entwickelt, zu, 
und Wallace meint, diese schönere Färbung der Männchen wäre 
die normale Farbe der betreffenden Art und wurde beim Weibchen 
in Folge ihres Schutzbedürfoisses unterdrückt. Wie ich schon vor 
Jahren gezeigt habe, kehrt man mit dieser Auffassung zu jener 
Form der Theorie zurück, welche E. Darwin aufgestellt hat. Denn 
wenn nur die überschüssige Lebensenergie die Ursache aller jener 
prächtigen Färbungen u. s. w. ausmachte, so müssten ja alle jene 
geschlechtlichen Zierraten bei dem stärksten Tiere auch am leb- 
haftesten zu Tage treten; die Schönheit würde also vermöge der 
ihr von Natur verbündeten Kraft siegen, so dass doch immer die 
geschlechtliche Zuchtwahl, wenn auch in diesem Falle die Wahl 
des Männchens, das Entscheidende bliebe, da die weniger kräftigen 
und daher weniger schönen Männchen nicht so leicht zur Fort- 

*) „Die Nester und Eier der Vögel" (Darwin. Sehr. IX), Leipzig 1880. 



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— 143 - 

Pflanzung gelangen würden. Aber wie oft mag es nicht auch im 
Tierreiche vorkommen, dass der weibliche Vogel im Geheimen den 
besiegten, aber in seinem Auge schöneren Liebhaber dem stärkeren 
Sieger vorzieht, ähnlich wie einst Helena den feigen Paris ihrem 
tapfem Menelaos vorgezogen haben soll! Vor allem muss konstatiert 
werden, dass die Theorien von Wallace, M^antegazza und Bei- 
chenau durchaus kein eigentliches Princip, welches die geschmack- 
volle Steigerung der Zierraten, die Verschönerung der Zeich- 
nungen, die Gruppierung harmonischer Farben erklärte, an die Stelle 
der geschlechtlichen Zuchtwahl zu setzen wissen. Hierzu bedarf 
es notwendig des wählenden Auges eines Züchters, und das 
kann in diesem Falle nur der weibliche Vogel oder Schmetterling 
sein. Man muss sich auch erinnern, dass an die Stelle des schönen 
Gefieders oftmals ein schöner Gesang der Männchen tritt, den man 
ehemals sogar im Menschenleben durch kein besseres Mittel zu 
steigern wusste, als durch Wettgesänge und Preiszuteilungen von 
der Hand schöner Frauen. Wir können daher den Versuch, die 
Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl zu widerlegen, nur als 
einen bisher völlig gescheiterten ansehen, und Darwin hat sich 
mit Recht an derselben nicht irre machen lassen, wie dies mancher- 
lei spätere Veröffentlichungen desselben, von denen wir einige in 
der zweiten Abteilung dieses Buches mitteilen, beweisen. 

Darwin hat seine Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl 
in sein Buch über die Abstammung des Menschen einge- 
schlossen, weil manche Eigentümlichkeiten des letzteren, wie die 
von Wallace hervorgehobene Schönheit und Nacktheit der Haut 
und namentlich verschiedene Rassen-Merkmale sich am besten aus 
obiger Theorie erklären lassen. Nichtsdestoweniger war dies 
eine etwas unnatürliche Verbindung und Darwin würde viel vor- 
teilhafter gehandelt haben, wenn er die „Abstammung des Men- 
schen" mit seinem im nächsten Jahre erschienenen Werke über 
»den Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen 
und den Tieren"*) verbunden hätte, denn in beiden Werken 
werden eine Fülle von Thatsachen aneinandergereiht, welche be- 
weisen, dass der Mensch sowohl in seinem Körperbau, wie in 

*) Expression of the emotions in man and animals, London 1872, Die neue 
Auflage der deutschen Ausgabe bildet den siebenten Band der „Gesammelten 
Werke" 384 Seiten mit 21 Holzschnitten und 7 Tafeln. 



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— 144 — 

seinen Empfindungen und im Ausdrucke derselben mit den Säuge- 
tieren im allgemeinen und mit d^i höheren derselben im beson- 
dem übereinstimmt, wie er in seiner Entwicklung durch die Zu- 
stande derselben hindurchgeht und auf den ersten Bildungsstufen 
sogar Übereinstimmungen mit niedem Wirbeltieren zeigt, wie er 
endlich auch im erwachsenen Zustande gewisse körperliche E^en- 
tümlichkeiten der Tiere, als unnütze Erbschaften (rudimentäre Or- 
gane) bewahrt, die sich nur durch die Abstammungslehre erklären 
lassen. Auch im Ausdrucke der Gemütsbewegungen ist manches 
nur aus dem tierischen Ursprung zu verstehen, wie z. B. das Ent- 
blössen der Eckzähne und das Grinsen, und andrerseits zeigt Dar- 
win, dass nicht nur die Grundeigenschaften des Geistes, das Em- 
pfindungsvermögen, Gedächtnis, Bewusstsein und gewisse Instinkte 
for Mensch und Tier gemeinsam sind, sondern auch zahlreiche 
Triebe, wie die Neugierde, Nachahmungssucht, Jungenliebe, S<diön- 
heitssinn, Einbildungskraft und der Geselligkeitstrieb mit den von 
ihm hervorgerufenen moraUschen Eigenschaften und Tugenden (Ge- 
horsam gegen das Oberhaupt, Dankbarkeit, Gegensätigkeit, Hülfs- 
bereitschaft, Wohlthätigkeitssinn, Überwindung des Egoismus u. s. w.) 
Vor allem erinnert Darwin, dass man die Geisteskräfte des Tieres 
nicht mit denen des civilisierten Menschen, sondern vielmehr mit 
denen der niedersten Kassen vergleichen müsse. 

Dass Darwin sein Buch über die Abstammung des Menschen 
zum Drucke gab, trotz aller Einwände von Männern, wie Lyell und 
Wallace, die er beide für ausgezeichnete Autoritäten hielt, muss 
ihm entschieden als eine mutige That angereciJimet werden. Denn 
er wusste ganz genau, dass er damit nicht nur bei seinen fröm- 
melnden Landsleuten einen neuen und grösseren Anstoss, als durch 
sein grundlegendes Werk erregen würde, dass die inzwischen kaum 
einigermassen zur Euhe gekommenen Angriffe auf seine Person 
mit vermehrter Heftigkeit wieder losbrechen würden, sondern auch, 
dass er Gefahr lief, eine Scheidewand zwischen sich und einigen 
seiner besten Freunde aufzurichten. Seine Schüler Huxley und 
Ha e ekel hatten den Kampf gegen die Vorurteile, welche der Aus- 
dehnung der Darwinschen Theorie auf den Menschen entgegen- 
standen, seit lange und mit einer solchen Energie und einem so 
bedeutenden Erfolge begonnen, dass er ihnen diesen Kampf um 
so ruhiger überlassen konnte, als er ja in seinem Hauptwerke aus- 



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— 145 — 

^meididi die Ausdehnimg seiner Theorie auf den Menschen aus- 
gesprochen hatte. Allein Darwin wollte das Odium dieses Kampfes 
Bieht andern überlassen; er antwortete den Abmahnem sein: „Ich 
kann nicht anders!^* mid trat in die Arena. 

Wir wollen hier nicht näher auf den Sturm eingehen, der 
nach dem Erscheinen dieses Werkes von neuem über Darwin 
losbrach. Nur der einen Hauptwirkung, dem völligen Abfall des 
Jfitbegründers Wallace, der denjenigen von ganz Old-England 
mit sidi zog, seien noch einige Worte gewidmet. Wallace glaubte 
nunmehr der Theorie der geschlechtlichen Zuchtwahl, die er früher 
(S. 135) annehmbar gefanden hatte, Opposition machen zu müssen, 
weil Darwin viele jener von ihm hervorgehobenen Vorzüge 
des Menschen, wie die nackte"^ Haut, Schönheit der Erscheinung, 
Biegsamkeit der Stimme u. a. der geschlechtlichen Zuchtwahl zu- 
geschrieben hatte. Wallaces Einwürfe, wie er sie z. B. in seinem 
Buche jyTropical Nature*' {London 1879) gesammelt hat, sind in- 
dessen so matt und hinfällig, dass man nicht an ihren Ernst, dem 
wuchtigen Material Darwins gegenüber, glauben kann. Es kann 
ihm daher der Vorwurf nicht erspart werden, dass er sich nach- 
mals zum Bitter der „Halben" aufgeworfen hat, die sich nun an 
Wallace klammerten und Darwin heruntersetzten. In der bio- 
logischen Abteilung der britischen Naturforscher -Versammlung zu 
Glasgow (6. September 1876) brach er sozusagen die Brücken mit 
der ernsthaften Forschung ab und wandte sich ganz den Kleri- 
kalen zu, indem er den Einwurf, warum der Schöpfer, wenn er 
doch einmal zu Gunsten des Menschen in den Prozess der Ent- 
wicklung eingegriffen, ihn nicht gleich vollkommener geschaffen 
habe, als diese armen, seiner eigenen früheren Behauptung nach, 
in geistiger Beziehung teilweise noch unter dem Tiere stehenden 
Wilden, — dadurch beseitigte, dass er sie für Rassen erklärte, die 
von der Vollkommenheit, zu der sie der Schöpfer geführt, wieder 
herabgesunken seien. Er machte sich zum Vorkämpfer der seit 
Jahrhunderten von den Theologen verfochtenen Theorie vom ge- 
fallenen Erzengel (S. 129) oder vom Sündenfall Adams, mit der 
die Naturforschung nichts zu thun hat. 

Für Darwin wurde dieser Friedenschluss seiner frommen 
Landsleute mit der ^^irche in mehr als einer Beziehung beschwer- 
lich. Er musste es anhören, wie sich Wallace auf eben jener 

Krause, Gh. Darwin. 10 



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~ 146 — 

yersammlimg rühmen durfte, sogar den heftigsten Gegner Darwinsp 
in England, den auf zoologischem Gebiete heimischen Jesniten St> 
(George Miv art, zum Darwinismus bekehrjt zu haben, d. h. znm Dar-^ 
winismus Wallacescher Observanz, in welchem die Gottheit des^ 
Menschen Abstammung vom Affen überwacht hat. Miv art hat 
in seinen zahlreichen, gegen Darwin und seine Anhänger gerich- 
teten Schriften*) der Sache in so weit genützt, weil er mit seiner 
theologischen Spitzfindigkeit eingehende Kenntnis des tierischen 
Körpers verbindet und dadurch imstande war, die allerverwickeltsten 
FäUe hervorzusuchen, um sie höhnisch Darwin vorzulegen, der 
sich dann, wenn der Fall an sich interessant war, zur genauesten 
Zergliederung herbeiUess, die meist mit einer völligen Auflösung 
der Schwierigkeit endigte. In den neuen, seit 1870 erschienenen 
Ausgaben seiner Hauptwerke findet man viele solcher von M ivart 
ausgespürten Schwierigkeiten erörtert, aber wie weit der letztere 
von einer Bekehrung zum Darwinismus entfernt war, beweist, dass 
er die Darwinsche Theorie in demselben Jahre, in welcher Wallace 
seine Bekehrung ankündigte, a puerile hypothesis nannte. Darwin 
hat im siebenten Kapitel seines Hauptwerkes die unehrliche Krieg- 
fuhrung Mivarts, bei aller Höflichkeit, für jeden, der zwischen den 
Zeilen zu lesen versteht, genügend gekennzeichnet, aber es lasst 
sich nicht leugnen, dass er dieser unaufhörlichen Yexationen schliess- 
lich müde wurde und, je mehr er sehen musste, wie selbst Männer 
vom Range eines Lyell ins Gegenlager übergingen, — das Schimpfen 
der Zeitungen störte ihn niemals, — - sich allmählich immer mehr 
zurückzog und an die deutsche Forschung anschloss, die seine 
Fahne höher als die englische hielt, — wobei nur wenige, wie 
Hooker, Bentham undHuxley, sowie einige jüngere Naturforscher 
ausgenommen werden müssen. 



•) Mivart, the genesis o/ species, London 1870, 2, Aufl. 187 i. — Man and 
apes, Londoti 1873. — Lesifons of nature as manifested in tnind and matteTf 
London 1876. 



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— 147 — 



E^. DarYFlns Beziehungen zu Deutschland. 

Je mehr sich die alten Bundesgenossen und Freunde in Eng- 
land von ihm lossagten, um so mehr mussten sieh naturgemäss 
Darwins Blicke nach Deutschland wenden, wo, weniger von alten 
gesellschaftlichen Vorurteilen eingeengt und durch verrottete Zu- 
stände in den Gelehrtenkörpem zurückgehalten, ein junges Forscher- 
tom aufblühete, welches sich dem von ihm eröfheten Zuge der 
freien Forschung auch über die tiefer einschneidenden Fragen rück- 
haltloser anschliessen konnte. Durch die Arbeiten von Johannes 
Müller, A. Kölliker, E. von Siebold, R. Leuckart, Karl 
Gegenbaur und mancher andern Forscher hatte das Studium 
der niedem Tiere und ihrer Entwicklungsgeschichte in Deutschland 
seit den Tagen E. v. Baers einen solchen Aufschwung genommen 
dass endlich eine den Überblick erleichternde, gesunde Systematik 
darauf begründet werden konnte, und als dann Karl Gegenbaur 
in seinen Arbeiten zur vergleichenden Anatomie der hohem und 
niedem Tiere mit der ihm eigenen Nüchternheit und Geistesklar- 
heit die allseitigen Homologien und Übergänge im Korperbau der 
Tiere dargelegt hatte, war der Boden für die Aufaahme der Saat 
anfs beste vorbereitet. 

Wie auf Bestellung kamen der neuen Lehre die Arbeiten von 
t. Rütimeyer über „die Faunader Schweizer Pfahlbauten" (1861), 
in denen dieser ausgezeichnete Zoologe zeigte, dass unsere Haus- 
tierrassen nicht mehr mit den im Seeboden niedergelegten Funden 
völlig übereinstimmen, vielmehr durch dieselben mit älteren wilden 
Rassen in Verbindung gebracht werden. Als darauf 1863 des- 
selben Naturforschers „Beiträge zur Kenntnis der fossilen Pferde" 
erschienen waren, konnte man sagen, dass die Darwinsche Theorie 
eine erste Probe an einer nach Willkür herausgerissenen Tier- 
familie bestanden habe. Es ist wahr, dass Rütimeyer sich nie- 
Baals unbedingt zur Darwinschen Lehre bekannt hat, obwohl er 
bereit war, ihr so weit zu folgen, dass er selbst die Abstammung 
des Menschen von den Tieren zuzugeben geneigt war; indessen, konnte 

10» 



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— 148 - 

er jenen Rest von spiritualistischer Anschauui^ der Dinge, der aach 
A. Braun, Baer, Lyell, Wallace, die bedeutenden französischen 
Paläontologen Gaudry, Lemoine, Graf Saporta und so viele 
andere Naturforscher hinderte, die letzten Eonsequenzen zu ziehen, 
nicht äberwinden. Doch wurden auch Bütimeyers spätere Arbeiten 
über die Geschichte der Binder und Hirsche in demselben Masse 
Bestätigungen der Darwinschen Theorie , wenn ihn auch in der Be- 
rücksichtigung der Anpassungsgesetze und in dem Nachweise, dass 
stets die „adaptiven" Arten die andern überlebt haben, der firüh- 
verstorbene russische Zoologe W. Kowalewsky vielleicht noch 
übertroffen hat. 

Ganz ähnlich wie Bütimeyer verhielt sich dessen Lands- 
mann Oswald Heer. Als Lyell denselben 1857 in Zürich be- 
suchte, fand er in ihm hinsichtlich der Pflanzenwelt und ihrer Ent- 
wicklung von den niedersten zu den höchsten Formen, in geologischen 
Zeiten, einen so eifrigen Progressionisten, dass Lyell seine An- 
sichten, die alle Pflanzen und Tiere zu einem grossen Stammbaum 
vereinigten, berückend fand, ohne dass er ihnen damals folgen 
mochte. Später, als Darwin kam, ging es Oswald Heer ebenso, 
wie allen denen, die mit einem direkt zum Ziele fahrenden Ent- 
wicklungsgesetz gerechnet hatten: er konnte sich ihm nicht an- 
schliessen. Gleichwohl hat Darwin seine wie Bütimeyers Funde 
und Ansichten stets in hohen Ehren gehalten und letzteren lange 
Zeit als einen seiner unbedingten Anhänger betrachtet. 

. Es ist erfreulich zu sehen, dass auch in der Wertschätzung der 
deutschen Arbeiten, zu denen ich hier unbefangen auch die der 
deutschen Schweizer gerechnet habe, Lyell der Vorgänger Dar- 
wins gewesen ist. Lyell war ein ausserordentlich warmer Ver- 
ehrer der deutschen Naturforschung und durchreiste wiederholt 
Deutschland, wobei er niöht nur die Geologen, Paläontologen und 
Anthropologen besuchte, sondern die Bekanntschaft aller Arten von 
Naturforschem zu machen suchte. In einem Briefe, den er am 
29. August 1837 von Wesel am Niederrhein an Darwin richtete, 
kommt folgende Stelle vor, in welcher er seiner Vorliebe für 
Deutschland lebendigen Ausdruck giebt: 

„In Bremen", schreibt Lyell, „sah ich den zweiundsiebzig Jahre 
alten 01b er s, den Astronomen, welcher Pallas und Vesta entdeckt hat, 
und dort, ¥rie zu Osnabrück und Münster, begegnete ich einer warmeI^ 



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— 149 — 

and demschen Aufiiahme {Qerman recepthn) bei Männern, von denen 
ich niemals gehört hatte, welche aber meine Arbeit über Schweden 
nnd sonst einiges gelesen hatten. Unter Deutsch verstehe ich jene 
Art von offenem Ausdruck des wissenschaftlichen Enthusiasmus oder 
einer Gemtttsregung, die ein wohlerzogener Engländer zu unterdrücken 
strebt, wenigstens im äussern Ausdruck, aus Furcht für lächerlich ge* 
halten zu werden, oder als wolle er mehr Gefühl affektieren, als er 
besitzt, oder aus falscher Scham. Sollten Sie jemals an jener modischen 
Nonchalance erkranken, welche darüber errötet, etwas zu bewundem, 
oder wenigstens es zu bekennen, so rate ich Ihnen, in Deutschland unter- 
zutauchen, und sie werden bald erfrischt und wieder zu einem rich- 
tigen Tone zurückgeführt sein, sei es in Litteratur, Wissenschaft oder 
welchem andern von Ihnen verfolgten Streben." 

In der Anknüpfung des persönlichen Verkehrs konnte es ihm 
Darwin freilich nicht gleich thnn, einmal weil ihm sein Gesund- 
heitszustand das Reisen nicht erlaubte, dann auch, weil ihm die 
deu^che Sprache bis an sein Lebensende die grössten Schwierig- 
keiten bereitete. Aber von dem wissenschaftlichen Enthusiasmus 
Deutschlands sollte er bald Proben sehen, nnd wenige Jahre nach 
dem Erscheinen des Hauptwerkes begann er seine vorzüglichste 
Stutze und Aufmunterung bei deutschen Gelehrten zu suchen. 
Fär die Ausbreitung seiner Lehre in Deutschland waren neben 
Haeckel sehr früh (seit 1862) Gustav Jäger und Karl Vogt 
thätig, von physiologischer Seite kam ihm William Preyer, dessen 
Inaugural-Dissertation (1862) bereits stark darwinistisch gefärbt war, 
und von psychologischer Seite Wilhelm Wundt entgegen, der sich 
schon in seinen Vorlesungen über Menschen- und Tierseele (1863) 
zustimmend äusserte. Freilich gehörte eine so unbefangene Stellnngr 
nähme, wie sie Lyell bald darauf (Ende 1864) von der deutschen 
Kronprinzessin melden konnte, damals noch zu den seltensten Auf- 
nahmen: 

„Wir sind^, schrieb Lyell am 16. Januar 1865 aus Magdeburg an 
Darwin, „ungefähr drei Wochen in Berlin gewesen und ich hatte 
manches gute geologische Gespräch mit Ferdinand Römer, Beyrich, 
von Eönen, Gustav Böse, Ewald, Dr. Roth und Dove, den Meteoro- 
logen, ferner mit Ehrenberg, Lepsius und Du Bois Reymond, und eine 
lebhafte Unterhaltung Aber Darwinismus mit der Kronprinzessin, die 
in der Gewohnheit, gute Bttcber zu lesen und dartlber nachzudenken, 
eine wttrdige Tochter ihres Vaters ist. Sie war im hohen Grade au 
fait hinsichtlich des „Ursprungs der Arten^' und Huxleys „Altertum 
des Menschen'* u. s. w. u. s. w., sowie mit den P&hlbauten-Museen, die sie 



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— 150 — 

kftrzlich in der Schweiz gesehen. Sie sagte, nach zweimaligem Durch«- 
lesen sei es noch der Urspmng von vier Dingen, hinsichtlicli dessen 
sie ihren Weg nicht finden könne, nämlich der Welt überhaapt, der 
Arten, des Menschen, der schwarzen und weissen Rassen. Sollte 
eine der letzteren von der andern abstammen oder beide von einem 
gemeinsamen Grundstock? Als sie mich dann frug, was ich im Begriffe 
sei zu thun, erklärte ich, dass ich bei der Umarbeitung der Princ^les 
die von einander unabhängige Erschaffung jeder Species aufgeben 
mttsste. Sie sagte, dass sie völlig meine Schwierigkeit verstände, denn 
nach dem Erscheinen Ihres Buches ,hätten die alten Meinungen einen 
Stoss erlitten, von dem sie sich niemals wieder erheben würden.^^^*) 

Mit Ausnahme der schon erwähnten hämischen Ausfalle Giebels 
und Schimpers und jener meist missverständlichen Polemik 
Eöllikers, der eine sprungweise Entwicklung der Organismen für 
wahrscheinlicher hielt, als eine allmähliche, verhielt man sich da- 
mals in deutschen Qelehrtenkreisen abwartend; es wurde wenig 
über Jena hinaus bekanrt, dass Ha e ekel damals schon die Theorie 
mit allen ihren Eonsequenzen lehrte und unter andern auch bereits 
1864 jenen später in der „Yirchow-HoltzendorfTschen Sammlang'' 
erschienenen Vortrag „über die Abstammung und den Stammbaum 
des Menschengeschlechts'' gehalten hatte. Den grössten Einfluss auf 
die allgemeine Anerkennung der Darwinschen Theorie bei den 
Forschem äusserte sodann eine kleine Schrift von Fritz Müller, 
der 1822 geboren, zuerst sein Oberlehrer-Examen gemacht, dann, um 
als Schiffsarzt Grelegenheit zu naturwissenschaftlichen Reisen zu 
erhalten, Medizin studiert hatte und schliesslich 1852 nach 
Brasilien ausgewandert war, wo er erst einige Jahre als Far- 
mer und dann als Lehrer der Katurwissenschaften zu Desteno 
lebte. Fritz Müller, wie Haeokel ein Schüler von Johannes 
Müller, hatte damals einige Studien über die Entwicklui^s- 
geschichte der Krebse gemacht, und es war ihm, als gleiohmässig 
gegen die Lehren Darwins und Baers sprechend, aufgefallen, dass 
nicht alle Krebse und namentUch nicht manche hochstehende, 
wie die Gameelen, ihre Entwicklung, wie die niedem Krebse, 
mit der von dem dänischen Naturforscher Friedrich Müller ent- 
deckten NaupliuS'LdLTVQ beginnen, wie es doch der Fall sein müsste, 
wenn die Krebse einen gemeinsamen Ursprung hätten und die 
Entwicklung ans denselben Anfangen, vom Allgemeinen ins Be- 



*; Life 0/ Lyell VoL IL p. 384. 



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— 151 — 

sondere fortschritte. Aber im Jahre 1862 entdeckte Fritz 
Müller anch bei einer Gameele der brasilianischen Küste die 
Naupliasform, so dass dadurch bewiesen wurde, dass auch die 
höchststehenden Krebse ihre Entwicklung mit demselben Anfangs- 
stadium beginnen, wie die niedersten, und dass in allen den Fällen, 
wo das Junge in bereits vollendeter Form aus dem Ei ausschlüpft, 
eine Abkürzung der naturgemässen Entwicklung eingetreten sein 
musste. Indem Fritz Müller die Entwicklung seiner Seegarneele 
weiter verfolgte, sah er sie nach der Naupliusform durch eine 
Beihe anderer Formen hindurchgehen, die man früher, wie den 
Naupüus ebenfalls, wegen ihrer Ähnlichkeit mit ausgebildeten nie- 
deren Kiebsfonnen als besondre fertige Tierarten betrachtet und 
2oea, Mysis u. s. w. genannt hatte. Fritz Müller legte diese 
Studien in seinem kleinen Buche „Für Darwin^' (Leipzig 1864) 
nieder, üi welchem er jene Larvenformen als die mehr oder weniger 
getreuen Nachbilder der Ahnen dieser Gameele erklärte und an 
einem eklatanten Beispiele den Satz erläuterte, dass die Tiere in 
ihrer persönlichen Entwicklung die Geschichte ihres Stammes zu 
inederholen hätten. 

Darwin war entzückt von dem Buche, von welchem er 1868 
eine englische Ausgabe veranstaltete, und von der Übersendung 
desselben beginnt ein Briefwechsel, so reich an naturwissenschaft- 
lichem Interesse, dass es schmerzlich zu bedauern wäre, wenn er 
lur immer in den Archiven von Down begraben bleiben sollte. Es 
ist erquickend, in den ersten Briefen Darwins das persönliche 
Interesse für den so weit in die Feme verschlagenen deutschen 
Naturforscher vorwiegen zu sehen. Er bittet ihn um seine Photo- 
graphie, „weil man ein Bild von denen, für die man sich inter- 
essiert, in den Gedanken haben möchte;*' er erkundigt sieh nach 
den Umgebungen von Desterro, und als ihm F. Müller 1865 
schrieb, er gedenke sich an seinen frühem Wohnort im TJrwalde 
zurückzuziehen, weil die Jesuiten am Lyceum von Desterro Ein- 
gang gefunden hätten, bemerkt er: „Welch' ein seltsames, aber für 
meinen Geschmack interessantes Leben werden Sie führen, wenn Sie 
sich auf Ihr Besitztum am Itajahy zurückziehen !*' Am 23. Mai 1865 
konnte Darwin, der schon vorher von Hae ekel s Parteinahme iFQr 
die gemeinsame Sache berichtet hatte, von neuem gute Nachrichten 
über die Fortschritte des Darwinismus in Deutschland melden: 



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— 152 — 

„ Da Sie sich*^, schreibt er, jfiäLt die Siebe intone»- 

sieren, will ich erwähnen, dass ich kürzlich zwei Schriften zu nnseras 
Gunsten von treflflichen Leuten erhalten habe, die eine von Oskar 
Schmidt und die andere von Karl Nägeli. Ich denke Rfltimeyer, 
fftr den ich grosse Hochachtung empfinde, ist auch mit uns.^ 

In einem Ende 1866 geschriebenen Briefe ersucht er F.. 
Müller, ihm eine Portion der prachtvoll scharlachroten Samen 
von Ädenanthera pavonina, welche die Eingebomen in Indien und 
Amerika zn prächtigen Halsbändern aufreihen, zu senden, damit 
seine Tochter auch so ein schönes Halsband wie die Naturkinder 
tragen könne, und fugt dann hinzu: 

„Ich habe Ihre Abhandlung Aber Martha*) erhalten; sie ist so 
wunderbar, wie die wunderbarsten Orchideen: Ernst Haeckel über- 
brachte mir den Aufeatz und brachte einen Tag mit mir zu. Ich habe selten 
einen angenehmeren, herzlicheren und freimtltigeren Mann gesehen. Et 
ist jetzt in Madeira, wohin er, hauptsächlich um über Medusen zil 
arbeiten, gegangen ist ^^ 

Der Briefwedisel zwischen Darwin und Er. Müller hat dann, 
wenn man die Pausen in Anschlag bringt, welche die Entfenumg^ 
auferlegt, mit geringen Unterbrechungen bis zum Tode Darwins^ 
fortgedauert, denn ohne Aufhören hatten die beiden Naturforscher 
sich Mitteilungen zu machen und einander zu neuen Unter- 
suchungen anzuregen. Wir werden später noch wiederholt Gelegen- 
heit haben, auf diesen Briefwechsel mit F. Muller, den Darwin 
in seinen Briefen an mich mit Vorliebe den „Fürsten der Be- 
obachter^' nannte, zurückzukommen; für jetzt müssen wir uns zu 
seinem Verhältnis zu Ernst Haeckel wenden, welcher ohne Zweifel 
am meisten zur Ausbreitung seiner Lehre beigetragen hat. 

Ernst Haeckel ist im Jahre 1834 in Potsdam geboren, hatte 
gleichfalls vorher Medizin studiert, aber die medizinische Praxis,, 
die ihn ebensowenig anzog, wie Darwin und F. Müller, sogleich 



*) Die Allheit 4iber Martha (Posoqueria fragrans) eine Rubiacee, war 
iBßG in der Botanischen Zeitung erschienen. Der besuchende Schwärmer,, 
welcher mit seinem langen Rttsse) allein den Honig in der langen, weissen,, 
starkduftenden Trichterblüte erreichen kann, wird bei seinem ersten Besuche 
mit einer BIumenstaub-^Explosion überschüttet, die zugleich den Zugang 
Honig verschliesBt, der erst den nächsten Tag erreicht werden kann. 



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— 153 — 

wieder aufgegeben und war 18ö9-*60 an das Mittelmeer gegangen, 
um in die Fnsstapfen Gegenbaurs zu treten und das Leben 
der niedersten Tierformen zu studieren. Er habilitierte sich 1861 
in Jena, veröffentlichte 1862 sein grosses Werk über die Radio* 
larien, in welchem er sich mit Begeisterung für Darwin erklärte, 
wurde 1862 zum ausserordentlichen 1865 zum ordentlichen Pro- 
fessor ernannt und hat Jena zu einer Pflanzschule der neuen 
Sichtung erhoben, aus der bereits eine ganze Beihe bedeutender 
Forscher hervorgegangen ist. Er hatte inzwischen mehrere Arbeiten 
über die niedersten Lebewesen und über die Medusen veröffentlicht, 
von denen Darwin sich besonders für seine Beobachtungen an 
einem Moner {Protogenes primordialis) interessierte, welches Haeckel 
an der Eüste von !Nizza (1864) beobachtet und Darwin davon 
Mitteilung gemacht hatte. Haeckel hat später (1870) seine „Studien 
über Moneren und andre Protisten", welche die unterste Stufe des 
Lebens darstellen und für die Abrundung jedes Systems der Lebe- 
wesen von grosser Wichtigkeit sind, im Zusammenhange dargestellt. 
Li seinen spätem Monographien über Radiolarien, Kalkschwämme, 
Scheiben-, Röhren- und Bippen-Quallen hat Haeckel wiederholt 
seine glänzende Begabung für genaue entwicklungsgeschichtliche 
und systematische Bearbeitung der Lebewesen dargelegt. Seine 
Beobachtungen niederer Tierformen haben noch das besondere 
Verdienst, dass sie nicht, wie es jetzt geschieht, in an der Eüste 
belegenen, mit aUen denkbaren Bequemlichkeiten und Hilfsapparaten 
ausgestatteten zoologischen Stationen gemacht wurden, wie sie den 
jüngeren Zoologen zur Verfügung stehen; im Gegenteil war Haeckel 
genötigt, weite Reisen nach Gibraltar, Madeira, Teneriffa, Norwegen, 
Korsika, Sardinien, Syrien, Arabien, Ägypten und Ceylon zu machen 
und dort ohne alle äussere Unterstützug sein Observatorium auf- 
zuschlagen, far das er das Material meist selbst fangen musste. 

Aber jene Monographien mit der in ihnen niedergelegten 
Arbeitskraft und Beobachtungsgabe sind es nicht allein, welche 
Haeckel alsbald in die vorderste Beihe der Zoologenbrachten, son- 
dern in noch höherem Grade sein Sinn für Verallgemeinerung 
der Ergebnisse, für die Erkenntnis des Gesetzmässigen und far 
philosophische Auffassung der Natur im allgemeinen. Sein 
erstes bedeutendes Werk nach dieser Richtung war seine „Gene- 
relle Morphologie der Organismen" (Berlin 1866), welches 



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— 154 — 

im ersten Bande die Verwandtschaften der lebenden Wesen in 
ihrem ausgebildeten Zustande und im zweiten die Thatsachen der 
Entwicklungsgeschichte im neuen Lichte der Darwinschen Theorie 
erörterte. Mit einer vorher nirgends dagewesenen Klarheit wird 
hier dargelegt, dass das natürliche System der Organismen nur 
ein genealogisches sein könne und sich daher alles Bestrebai 
dahin richten müsse, die natürlichen Beziehungen der jetzt lebenden 
Formen sowohl untereinander als zu den ausgestorbenen Arten zu 
ergründen. Trotz aller in dieser Richtung bereits vorhandenen 
Anläufe gehörte eine gewisse Verwegenheit und ein Mut, der sich 
nicht fürchtet, im Interesse der Wissenschaft zu irren und wider- 
legt zu werden, dazu, die auf lückenhaften Grundlagen erbauten 
Ansichten über den Zusammenhang der Lebewesen schon damals 
in sogenannten Stammbäumen darzulegen. Wir kommen darauf 
zurück. 

Nächst der vor keinen Eonsequenzen zurückschreckenden Kühn- 
heit ist es noch eine andere Gabe Haeckels, die in diesem Werke 
bereits glänzend hervortritt: seine klare Gruppierung der biologischen 
Erscheinungen, unter allgemeinen Gesetzen und seine meist höchst 
glückliche Terminologie. Die Gesetze der Vererbung, der An- 
passung und Entwicklung, werden in einer Übersichtlichkeit gegeb^ 
die von Leuten, welche die Ordnung und scharfe Trennung in ihren 
Gedanken nicht lieben, als „Schematismus" verschrieen worden 
ist. Im zweiten Teile dieses Buches verhalf Haeckel zuerst dem 
Zusammenhang der Entwicklungsgeschichte (Ontogenie) des In- 
dividuums mit der Entwicklungsgeschichte des Stammes (Phylo- 
genie) zu jener Anerkennung, die sich wie ein roter Faden durch 
aUe neueren Untersuchungen zieht und ohne alle Frage als das 
wertvollste und erfolgreichste Leitmotiv der gesamten modernen 
Forschung bezeichnet werden muss. Es ist wahr, dass Fritz Müller 
diesen Parallelismus oder vielmehr diese Wiederholung der Stammes- 
geschichte in der Entwicklungsgeschichte ganz klar bewiesen hatte; 
aber erst indem Haeckel diese Wiederholung mit dem gehörigen 
Nachdruck als das „biogenetische Grundgesetz'^ d. h. für das 
jenige Gesetz proklamierte, welches die Entwicklung aller Lebens- 
formen beherrscht, kam es zur allgemeinen Anwendung. Ähnlich 
verhält es sich mit vielen späteren Verallgemeinerungen Haeckels, 
von denen als die wichtigsten seine Gasträa-Theorie und das 



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— 155 — 

^ch daranschliessende Gesetz von der Homologie der Keim- 
blätter schon hier erwähnt werden mögen, obwohl er sie erst in 
seinem Werke über die Ealkschwomme (1872) aufstellte. Er wies 
darin die ideelle Einheit der ersten Entwicklungsstufen aller höheren 
Tiere nach und zeigte, dass der kausale Grund derselben nur in 
der gemeinsamen Abstammung liegen könne. Auch diese That^ 
Sachen waren in den Schriften der älteren Embryologen, nament- 
lich E. YonBaers deutlich enthalten, aber erst indem Haeckel sie 
von neuem in der Entwicklung zahlreicher Tiere der verschieden- 
sten Klassen studierte und die zahlreichen Ausnahmen als nach- 
trägliche Veränderungen der Entwicklungsgeschichte erklärte, trat 
"das G^setzmässige in diesen Entwicklungsvorgängen in das volle 
Licht. Wie schon F. Müller deutlich nachgewiesen hatte, wird 
die in der individuellen Entwicklungsgeschichte erhaltene geschicht- 
liche Urkunde allmählich verwischt, indem die Entwicklung einen 
immer graderen Weg vom Ei zum fertigen Tiere einschlägt. Indem 
Haeckel diese Thatsachen zum Gesetz der abgekürzten (oder 
gemischten) Entwicklung (Genogenesis) erhob, fugteer seiner 
ersteren Verallgemeinerung das notwendige Korrelativ hinzu, um 
mögliche Missverständnisse zu verhüten. Seine damit gewonnene 
Abrundung der allgemeineren Entwicklungsgeschichte hat ihm viel 
Widerspruch und Anfemdung zugezogen, aber, der beste Beweis für 
die Tragweite seiner Abstraktionen bleibt, dass selbst die Gegner 
heute nicht mehr ohne die von ihm aufgestellten Gesichtspunkte 
und Kunstausdrücke auskommen können. Diese Klarheit der 
Haeckelschen Folgerungen war es, die Darwin von Anfang an 
fesselten, so dass er ihm nach Empfang eines Probebogens der 
„Generellen Morphologie" am 18. August 1866 schrieb: 

,Jch empfing vor wenigen Tagen einen Probebogen Ihres neuen 
Werkes und habe ihn mit grossem Interesse gelesen. Sie häufen auf 
mein Buch über die Entstehung der Arten das grossartigste Lob, 
welches es jemals empfangen hat, und ich bin dafür auMchtlg dank- 
bar, aber ich fürchte, dass, wenn dieser Teil Ihres Werkes einmal 
kritisiert werden wird, Ihr Beurteiler sagen wird, dass Sie sich zu stark 
ausgedrückt haben. Ihr Auszug scheint mir wundervoll deutlich und 
gut, und ein kleiner Umstand zeigt mir, wie klar Sie meine Ansichten 
verstehen, nämlich, dass Sie die Thatsache und Ursache der Divergenz 
des Charakters in den Vordergrund stellen, wie es keiner von allen 



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— 156 — 

gethan hat*). Es encheint [mir jetzt seltsam genug, dass ich sät 
Tielen Jahren klar die Notwendigkeit einsah ^ eine Tendenz znr Diver- 
genz des Charakters anzunehmen, bis ich vor einigen Jahren die Er- 
kiftrung finden konnte. Ich habe mit vielem Interesse Ihre Besprechung 
der Vererbung gelesen, um so mehr, als ich in meinem nächsten Werke, 
welches nicht vor einem halben Jahre verOlfentlicht werden wird^ 
einige Kapitel über diese und andre verwandte Gegenstände gebe und 
deshalb sehr viel Neugier empfinde, Ihre ferneren Kapitel, sobald sie 
veröffentlicht sind, zu lesen. Aber es ist ein schrecklicher Übelstand 
für mich, dass ich nicht mehr als ein oder zwei Seiten Deutsch lesen 
kann, sogar wenn es so klar, wie in Ihrem Buche geschrieben ist . . .^ 

Nachdem er trotz alledem einen grossem Teil des Werkes ge-^ 
lesen hatte, drückte er seine Anerkennung von neuem aus, ohne 
dabei zu verhehlen, was ihm an dem Buche Bedenken erregt habe. 
Der Brief ist so charakteristisch für die Offenheit im Verkehre der 
beiden Naturforscher und für die Herzlichkeit der gegenseitigen 
Beziehungen, dass ich Haeckel besonders dankbar bin für seine 
Erlaubnis, gerade diesen Brief ungekürzt mitteilen zu dürfen: 

„Ich hoffe," schreibt Darwin am 12. April 1867, „dass Sie in 
guter Gesundheit zurückgekehrt sind **) und dass Sie eine reiche Ernte 
auf naturwissenschaftlichem Gebiete gemacht haben. Schon seit einiger 
Zeit beabsichtigte ich, Ihnen aber Ihr grosses Werk zu schreiben, von 
welchem ich kürzlich einen guten Teil gelesen habe. Aber es macht 
mich fast wütend, dass ich auf einmal bloss zwei bis drei Seiten un- 
vollkommen lesen kann. Das Ganze würde unendlich interessant und 
nützlich für mich sein. Was mich am meisten überrascht hat, ist 
die besondere Klarheit, mit welcher selbst die weniger wichtigen Prin- 
cipien und die allgemeine Philosophie des Gegenstandes von Ihnen 
ausgedacht und methodisch angeordnet worden sind. Ihre Kritik des 
Kampfes ums Dasein bietet ein gutes Beispiel davon, wie viel klarer 
Ihre Gedanken sind, als die meinigen. Ihre gesamte Diskussion über 
Dysteleologie hat mich als besonders gut in Erstaunen gesetzt Aber 
es ist aussichtslos, das eine oder andre besonders hervorzuheben, denn 
das Ganze scheint mir ausgezeichnet. Es ist ebenso aussichtslos, den 
Versuch zu machen, Ihnen für alle die Ehren zu danken, mit denen 
Sie mich immer von neuem überschütten. Ich hoffe, dass Sie mich 



*) Haeckel hatte besonders hervorgehoben, dass die morphologische 
Divergenz zunächst auf einem physiologischen Prozess, der Arbeitsteilung, be- 
ruht, infolge welcher ungleichartige Formen aus gleichartiger Grundlage her- 
vorgehen. (Generelle Morphologie II. S. 263 ff.) 

♦*) Von seüier Forschungs-Reise nach den Kanarischen Inseln. 



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— 157 — 

nicht ÜOr onYenchämt halten werden^ wenn ich eine kriüsehe Bemer« 
kong mache: Einige Ihrer BemerkuDgen üher verschiedene Autoren er- 
scheinen mir zu streng, obwohl ich kein gutes Urteil über diesen 
Gegenstand habe, da ich ein so kümmerlicher Schnlknabe im Deutsch- 
lesen bin. Ich habe indessen von verschiedenen ausgezeichneten Autori- 
täten und Bewunderem Ihres Werkes Klagen über die Härte Ihrer 
Kritiken vernommen. Dies scheint mir recht unglücklich, denn ich 
habe seit lange beobachtet, dass grosse Strenge die Leser verführt, 
die Partei der angegriffenen Person zu ergreifen. Ich kann mich be- 
stimmter Fälle erinnern, in denen Herbigkeit direkt das Gegenteil der 
beabsichtigten Wirkung hervorbrachte. Mit Sicherheit empfinde ich, 
dass unser guter Freund Huxley, obgleich er viel Einfiuss besitzt, 
noch weit grösseren haben würde, wenn er gemässigter gewesen und 
weniger häufig zu Angriffen übergegangen wäre. Da Sie sicherlich eine 
grosse Rolle in der Wissenschaft spielen werden, so erlauben Sie mir, 
als älterem Mann, Sie ernstlich zu bitten, über das nachzudenken, was 
ich zu sagen gewagt habe. Ich weiss, dass es leicht ist zu predigen 
und scheue mich nicht, zu sagen, dass, wenn ich das Vermögen besässe, 
mit treffender Schärfe zu schreiben, ich meinen Triumph darin setzen 
würde, den armen Teufeln das Innere nach aussen zu kehren und ihre 
ganze Albernheit blosszustellen. Nichtsdestoweniger bin ich überzeugt, 
dass dies Vermögen nicht gut thut, sondern einzig Schmerz verursacht. 
Ich möchte hinzufügen, dass es mir, da wir täglich Männer von den- 
selben Voraussetzungen zu entgegengesetzten Schlüssen kommen sehen, 
als eine zweifelhafte Vorsicht erscheint, zu positiv über irgend einen 
komplizierten Gegenstand zu sprechen, wie sehr sich auch ein Mensch 
von der Wahrheit seiner eigenen Schlüsse überzeugt fühlen mag. Und 
nun, können Sie mir meine Freimütigkeit vergeben? Obgleich wir ein- 
ander nur ein einziges mal begegnet sind, schreibe ich Ihnen, wie 
einem alten Freunde, denn das sind meine Empfindungen Ihnen 
gegenüber. 

„Hinsichtlich meines eigenen Buches über das Variieren im Zustande 
der Domestikation mache ich langsame, aber stetige Fortschritte im 
Korrigieren der Probebogen. Ich fürchte, dass es Sie nur wenig inter- 
essieren wird und Sie werden überrascht sein, wie schlecht ich einige 
der von Ihnen besprochenen Gegenstände angeordnet habe. Der haupt- 
sächlichste Nutzen meines Buches wird in der reichlichen Anhäufung 
von Thatsachen beruhen, durch welche gewisse Sätze, wie ich glaube, 
festgestellt werden. Ich habe mich zu einer langen Hypothese ver- 
leiten lassen, aber ob dieselbe Sie oder irgend wen sonst interessieren 
wird, kann ich mir nicht einmal vorstellen. Ich hoffe, Sie werden mir 
binnen kurzem schreiben und mitteilen, wie Sie sich befinden und was 
Sie jetzt thun. Betrachten Sie mich, mein lieber Haeckel, ganz aufrichtig 
als den Ihrigen. Gh. Darwin. 

Es soll hier durchaus nicht geleugnet werden, dass Haeckel 



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— 158 — 

mit seinem jugendliohen Enthusiasmus ein kühner und schneidiger 
Heerführer im Kampfe gegen Greistesträgheit und Gtelehrtendünkel 
war. Mancher bekam einen argen Hieb nnd lief dann heulend 
zum Altmeister Darwin, klagend, dieser ungestüme Recke werde 
alles verderben und der jungen Theorie viel mehr Schaden als 
Nutz^i bringen. Ob in diesem hitzigen Streite nicht auch manches 
geschehen ist, was besser unterblieben wäre? Haeckel, der mir 
die Erlaubnis gegeben, obigen Brief ungekürzt mitzuteilen, wird der 
letzte sein, das zu leugnen. Aber im allgemeinen darf man sagen,, 
dass diejenigen, welche einen Hieb bekamen, ihn meist dreifach ver- 
dient hatten, und dass ihm vielfach hämische Bosheit und Ge- 
lehrtenneid in den Weg trat, die keine andere Behandlung finden 
durften. Sollte derjenige beispielsweise, der Darwins Buhm als den 
seinigen betrachtete, es ruhig hinnehmen, wenn ein sonst sehr ver- 
dienter Beisender und Sammler, der viele wertvolle Erinnerungen^ 
(Geräte und Kunstwerke von Naturvölkern zusammengebracht hat,, 
dem aber Samlung und Ordnung in seinen eigenen Gedanken nie- 
mals nachgerühmt werden konnten, das wohldurchdachte System 
Darwins als den „wüsten Traum eines Nachmittagschläfchens" 
charakterisierte, oder wenn ein so berühmter und geistreicher Mann^ 
wie Du Bois Beymond, über Haeckels Stammbäume, deren 
Zweck er sich offenbar niemals klar gemacht hatte, herfiel und 
ihren Wert mit demjenigen homerischer Helden verglich? 

Nachdem Haeckel in der „Generellen Morphologie" nachge- 
wiesen hatte, dass das natürliche System nur ein genealogisches 
sein könne, und dass alle anderen Ähnlichkeiten, die auf gleich- 
artiger Anpassung oder „konvergenter Züchtung*', wie man es jetzt 
nennt, beruhen, nicht als Beweise natürlicher Verwandtschaft an- 
gesehen werden dürfen, begann er die durch die Gesetze der 
Homologie und Entwicklungsgeschichte ermittelten oder noch zu 
ermittelnden Verwandtschaften der Glieder jeder Gruppe in der 
Form von Stammtafeln und Stammbäumen darzustellen, die 
dann auch in seiner 1868 erschienenen „Natürlichen Schöpfungs- 
geschichte" eine bedeutende Bolle spielten. Sehr viele Personen 
waren freilich in die Ziele der von Darwin mit neuem Lebens- 
blute versehenen Naturforschung nicht genügend eingedrungen, um 
einzusehen, dass diese Tafeln stets nur den gegenwärtigen Zustand 
unsres Wissens und Vermutens über den Zusammenhang der 



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— 159 — 

Gruppe und ihrer wahrscheinlichen Entwicklung in der Vorzeit auf 
übersichtliche Weise darsteUen wollten. Manche der hypothetischen 
Stammbäume Haeckels, wie z. B. diejenigen über die meisten Ab^ 
teilungen der Gölenteraten, haben sich über seine eigenen Erwar- 
tungen hinaus bewährt, und die Beobachtung ist manchmal, wie 
z. B. hei den Rippenquallen, der Hypothese auf den Fuss gefolgt 
Als Arbeitsprogramme haben sie sich heutzutage so unentbehrlich 
erwiesen, dass sie von den meisten arbeitenden Zoologen gebraucht 
werden und ihr Wert jetzt, wie ich glaube, nirgends mehr in 
Frage gestellt wird. 

Über die „Schöpfungsgeschichte" schrieb Darwin wieder einen 
Brief, der hier mitgeteilt zu werden verdient, zu dessen Verständ- 
nis aber vorher bemerkt werden muss, dass Haeckel ihm vorher 
von seinem in demselben Jahre geborenen Sohne Walther einige 
Mitteilungen gemacht hatte, die von physiologischem Interesse sind. 
Derselbe entwickelte nämlich, und vielleicht in noch höherem Grade 
als die meisten Säuglinge (obwohl dergleichen von den meisten Eltern 
übersehen wird), eine bedeutende Geschicklichkeit, mit der grossen 
Zehe an beiden Füssen zu greifen, so dass er z. B. einen Löffel 
auch mit dem Fusse ganz geschickt hielt. Unzählige Menschen 
haben das gesehen, und die Maler des Cinquecento haben die freie 
Beweglichkeit der grossen Zehe bei Kindern sogar manchmal auf 
ihren „heiligen Familien*' dargestellt, aber niemand dachte darüber 
nach. Auf diese Mitteilung bezieht sich der Eingang des Darwin- 
schen Briefes, der vom 19. November 1868 datiert ist. 

„Mein lieber Haecket!" schrieb Darwin, „Ich muss Ihnen wiederum 
schreiben und zwar aus zwei Gründen. Erstens um Ihnen ffXr Ihren 
Brief über Ihren Jungen zu danken, der sowohl mich als meine Frau 
völlig bezaubert hat. Ich beglückwünsche Sie herzlich zu seiner Geburt. 
Wie ich mich aus meinem eigenen Falle erinnere, war ich erstaunt, 
wie schnell die väterlichen Instinkte entwickelt werden, und in dem 
Ihrigen scheinen sie ungewöhnlich stark zu sein. Ich kenne sehr wohl 
den Blick auf eines Babys „Hinterbeine", aber ich möchte glauben, 
dass Sie der erste Vater waren, welcher jemals über die Ähnlichkeit in 
ihrem Verhalten mit denen eines Äffchens triumphierte. Was sagt denu 
Frau Haeckel zu solchen entsetzlichen Lehren? 

„Ich hoffe die grossen blauen Augen und die Principien der Ver- 
erbung werden Ihr Kind gleich Ihnen zu einem Naturforscher machen, 
aber nach meiner eigenen Erfahrung zu urteilen, werden Sie erstaunt 
sein, zu finden, wie die gesamte geistige Anlage unserer Kinder mit. 



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— 160 "~ 

den fortschreitenden Jahren wechselt Ein junges Kind und dasselbe 
im nahezu erwachsenen Alter differieren manchmal fast so staik, wie 
eine Raupe und ein Schmetterling. 

„Der zweite Punkt ist, Sie zu der beabsichtigten Übersetzung Ihres 
grossen Werkes, — wovon ich letzten Sonntag durch Huxley erfahr, 
— zu beglückwünschen .... Ich habe einen guten Teil Ihres letzten 
Werkes gelesen, und der Stil ist schön, klar und leicht für mich. Den 
ersten Teil habe ich noch nicht gelesen, sondern begann mit dem 
Kapitel über Lyell und Darwin, welches mir, wie Sie leicht denken 
können, im hohen Grade gefiel. Ich denke, Lyell, der anscheinend 
über Ihre Übersendung des Buches sehr erfreut war, wird Ihnen 
ebenfalls für dieses Kapitel sehr dankbar sein (Vgl. S. 60). Ihre 
Kapitel über die Verwandtschaften und Genealogie des Tierreichs über- 
raschen mich als bewunderungswürdig und voller originaler Gredanken. 
Manchmal indessen erregt mir Ihre Kühnheit Zittern, aber wie Huxley 
bemerkt, muss irgend einer kühn genug sein, um einen Anfang im 
Entwerfen von Stammbäumen zu machen. 

„Obgleich Sie völlig die ünvollständigkeit der geologischen Über- 
lieferung anerkennen, stimmt doch Huxley mit mir darin überein, zu 
denken, dass Sie manchmal etwas kühn sind, indem Sie zu sagen wagen, 
in welchen Perioden die einzelnen Gruppen zuerst erschienen seien. Ich 
habe diesen Vorteil vor Ihnen voraus, dass ich mich erinnern kann, 
wie wunderbar verschieden irgend eine in dieser Richtung vor zwanzig 
Jahren gemachte Aufstellung von der jetzigen sein würde, und ich 
erwarte, dass die nächsten zwanzig Jahre einen ganz ebenso grossen 
Unterschied machen werden. Betrachten Sie die monokotylischen 
Pflanzen, die soeben in der schwedischen Primordial -Formation ent- 
deckt worden sind! 

„Ich wiederhole, wie froh ich über die Aussicht der Übersetzung 
bin, denn ich glaube durchaus, dass dieses Werk und alle Ihre Werke 
einen grossen Einfluss auf den Fortschritt der Wissenschaft haben 
werden. Halten Sie mich, mein lieber Haeckel, für Ihren aufrichtigen 
Freund Charles Darwin. 

Die Schöpfungsgeschichte, welche aus freien Vorträgen ent- 
standen ist, welche Haeckel im Winter 1867—68 vor seinen 
Studenten in Jena gehalten hat, und dabei stenographieren liess, 
hatte einen seltenen Erfolg, denn in wenig über einem Jahrzehnt 
erschienen sieben starke deutsche Ausgaben und acht Übersetzungen 
in fremde Sprachen. Dies ist um so erstaunlicher, als man von 
Du Bois-Reymond erfahren hat, dass es selbst für Personen 
seines geistigen Niveaus angenehmer ist, einen phantastischen 
Roman zu lesen, als ein Buch, welches die Spekulationen über Her- 
kunft und Zeit des Auftretens der Lebewesen nach dem augen- 



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— 161 — 

blicklichen Zustande unsres Wissens zusammenfasst» und die 
Lücken, um ein Ganzes geben zu können, selbstverständlich mit 
Spekulationen ausfallen muss. Kein Werk hat auch nur entfernt 
soviel zur Verbreitung des Darwinismus beigetragen als dieses. 

Man hat oft ausgesprochen, und wir sahen eben, dass Darwin 
selbst dieser Annahme zuneigte, Ha e ekel sei zu dogmatisch; er 
stelle vieles als sicher hin, was Darwin nüt äusserster Vorsicht 
und mit tausend Wenn und Aber ausspreche. Es mag das, bis zu 
einem gewissen Grade richtig sein, aber man darf dabei den Unter- 
schied der Leserkreise nicht vergessen. Darwin schrieb nur für 
Forscher, und so einfach seine Kunstsprache ist, entbehren seine 
Werke doch der Mehrzahl nach aller und jeder litterarischen Wir- 
kung. Selbst unzählige Gelehrte scheinen es nicht über sich ver- 
mocht zu haben, auch nur sein Fundamentalwerk zu lesen, sonst 
würden sie nicht so blühenden Unsinn darüber geschrieben 
haben, dass Huxley mit so vielem Grunde sagen konnte, die 
meisten Gegenschriften seien das Papier nicht wert gewesen, was 
mit ihnen vergeudet wurde. Ich hege unter andern die Ver- 
mutung, dass Virchow trotz der vielen Beden, in denen er den 
Darwinismus verdammt hat, niemals auch nur die „Entstehung 
der Arten'' au&nerksam durchgelesen hat. Haeckel schrieb für 
ein grösseres Publikum, und da ist es sehr schwer, den hypo- 
thetischen Charakter in jedem Augenblick zu wahren, wenn man 
ein Buch nicht um alle Lesbarkeit und Wirkung bringen will. 
Auch sehe ich nicht, dass Haeckel in seinen Werken grössere Irr- 
tümer zu korrigieren hatte, als sie jeder naturwissenschaftliche 
Schriftsteller, der dem Laufe der Forschung folgt, bei den neuen 
Auflagen seiner Werke auszumerzen hat. 

Ganz entschieden muss ich aber der sehr weitverbreiteten An- 
sicht widersprechen, dass Haeckel gewagtere Hypothesen aufge- 
stellt habe, als Darwin. Die vor zwanzig. Jahren ausgesprochene 
Ansicht, dass die Stachelhäuter vielleicht einem Würmerstocke ent- 
sprossen seien, ist wahrscheinlich die gewagteste Hypothese, die 
Haeckel jemals aufgestellt hat, aber haben wir seit der langen, 
inzwischen verflossenen Zeit eine bessere, die sie überflüssig macht, 
erhalten? Und kann sich diese Hypothese an Kühnheit mit den- 
jenigen messen, welche Darwin über die Abstanmiung der hohem 
Wirbeltiere von hermaphroditischen Ahnen, oder über den Ursprung 

Krause, Ch. Darwin. 11 



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— 162 — 

des aucli im menschliclien Körper merklichen Paraüelismus Vef- 
scWdner Vorgänge mit dem Mondomlauf aufgestellt hat, sofern 
er denselben bis zu den noch im Meere lebenden Ahnen d^s 
Menschen znrückverfolgt, die stark von Ebbe und Flut beemflosst 
wurden? Niemand kann solche Hypothesen mit Berechtigung tadeln, 
und Darwin hat einmal sehr treffend bemerkt, dass falsche Hy- 
pothesen der Wissenschaft nicht entfernt so viel Schaden bringen, 
als falsche Beobachtungen und sachliche Missverständnisse, die für 
Wahrheit genommen werden. 

Hierbei muss ich noch einen besondern Fmstand heryorhel>en. 
Haeckel wurde der ausserordentUchen Aiierkennung' Darwins in 
Deutschland nicht alleüi dadurch forderlich, dass er seine Lehre mit 
Begeisterung ausbaute und verbreitete, sondern iiochmehr dadurch, 
dass er all' den Hass und die Wut, welche diese Lehre in gewissen 
Lagern erregte, auf sich konzentrierte, indem er in seinem Vortrage 
über den „Ursprung des Menschengeschlechts**, in der „Generellen 
Morphologie** und „Schöpfungsgeschichte** die letzten Konsequenzen 
der Lehre zog und sie ausfahrlich erörterte. Überraschend schnell 
wurde es seitdem Mode, bei uns nur noch Haeckel zu schelten, 
Öarwin aber als jenes Ideal des weisen, besonnenen und vorsich- 
tigen Forschertums zu preisen, von dem selbst die Gegner nur 
mit der grössteh Zurückhaltung zu sprechen wägten. Sicherlich 
war dieser Ruhmestitel so wohl verdient und begründet, wie selten 
einer, aber es ist nicht weniger wahr, dass er ihm in England nicht so 
früh und unbestritten zu teil wurde, wie in Deutschland. Und dies war 
keineswegs deshalb der Fall, weil der Prophet im Vaterlande immer 
Weniger gilt, sondern weil Haeckel die eigentlich dem Haupte Dar- 
wins geltenden Bannstrahlen auf das seinige herabzog und sich dem 
gewaltigen Ansturm wie ein neuer Arnold von Winkelried ent- 
gegenstemmte, um der „freien Forschung" eine Gasse zu öflSien. 
Was hat er alles dafür über sich ergehen lassen müssen! Man hat 
ihn einen „Fälscher** genannt, weil er in seinen schematischen 
Figuren im voraus ein notwendiges Organ des menschlichen Em- 
bryos angedeutet hatte, welches erst einige Wochen später wirklich 
so, wie er es gezeichnet hatte, beobachtet wurde, und weil er in 
einer Schrift denselben Holzstock zweimal für zwei verschiedene, 
aber völlig gleich aussehende Dinge gebraucht hatte! Was man 
auch über Haeckels Rücksichtslosigkeiten im Kampfe für seine 



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— 163 — 

Übemttgangen sagen modite, zu solchen Mitteln, wie dio BUie 
seiner Gh^gner, hat er sicherlich niemals gegriffen. Und der Um- 
fang, m welchem er damals — es ist ja eine vergangene Zeit, 
Ton der wir in fiuhe reden dürfen, — manche seiner Anhänger, 
die seitdem gleichfalls ruh^er geworden sein dürften, mit sich fcsdr 
rm, zeigt wohl am besten die Wahrheit jenes Dichterwortes: 

Blüte edelsten Gemütes ist die Rücksicht; doch zu Zeiten 
Sind erfrischend wie Gewitter goldne Rttcksichtsloslgkeiten! 

Um nun nach dieser Abschweifung wieder auf den eig^tlichan 
Gegenstand des Buches zu kommen, so zeigte sich die wegebnende 
Wirkung der Hae ekel sehen Heerführung alsbald darin, dass Dar- 
win damals, als ihn in England der Zeitungspöbel ohne Erbarmen 
verfolgte und als selbst Manner, wie Wallace und Lyell, ihn ein- 
sam seines Weges weiter ziehen Hessen, an den Fortschritten seiner 
Lehre in Deutschland und an den Nachrichten, die er von dort 
empfing, seine beste Tröstung und Ermutigung fand. 

„ Ich bin entzückt zu hören^', schreibt er am 31. Mürz 1868 an 

Prof. P r e 7 e r, der ihm eine Anzahl von Beobachtmigen über die Vererbung 
von Verstllnnnlnngen des mensefalicben Körpers mitgeteilt hatte, „dmss 
Sie die Lehre von der Veränderung der Arten aufrecht ehalten und 
«Mine Ansichten verteidigen. Die Unterstützung, welche ich von Dentaah- 
land empfange, ist mein Hauptgrund zu hoffen, dass unsere Ansichten 
schliesslich die Oberhand erhalten werden. Bis zum gegenwärtigen 
¥age werde ich Ton Schriftstellern meines eigenen Landes beständig 
feschmäht und mit Verachtung behandelt. Aber die jungem Natmr- 
tfotfscher sind fast alle Auf meiner Seite und früher oder später rn^ss 
4as Publikum denen folgen, welche den Gegenstand zu ihrem Special- 
stadium machen. Die Wut und Verachtung unwissender Skribenten 
verletzen mich sehr wenig " 

Nicht ganz zwei Jahre später, am 17. Februar 1870, schrieb 
er an Preyer, der inzwischen seine berühmten TJntersuchangen 
über die Wirkung der Blausäure auf den tierischen Organismus 
veröflfentiicht und Darwin diese, sowie einige für ihn interessante 
vorläufige Mitteilungen über seine Untersuchungen an Blutkrystallen 
mitgeteilt hatte, jenen Brief, dessen zweite Hälfte S. 16—17 wieder- 
.gegeben wurde und dessen Eingang lautet: 

„Ich bin Ihnen fdr Ihren äusserst freundlichen Brief und ffXt 
Ihre mannigfachen Geschenke sehr verbunden. Obwohl Ihre An- 
erkennung meiner Arbeit sicherlich zu hoch ist, ist sie doch sehr 
ermutigend für mich, besonders da ich gestern zwei gerade in England 



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— 164 — 

^rOffenÜichte Flugschriften las, in denen jede Art Yon Schm&hnng 
auf mich gehäoft wird. Ich werde heispielsweise ein „alberner Trän* 
mer^^ genannt. Mir scheint, dass Sie glänzende Arbeiten in der Phy- 
siologie, welche ich seit lange für die Yornehmste der Wissenschaften 
gehalten, verrichten. Was Sie über die Verschiedenheit von Blnt- 
krystallen sagen, ist wahrhaft in ErstanneD setzend. Anch hat mich 
sehr interessiert, was Sie über die verschiedene Wirkung der Blau- 
säure auf verschiedene Individuen derselben Art sagen: Ich erinnere 
mich, dass ich vor einigen Jahren vergeblich nm Belehrung über diesen 
Gegenstand geschrieben habe. Ich halte es für durch Beobachtung er- 
wiesen (?), mit wie verschiedener Schnelligkeit Dämpfe auf verschiedene 
Insekten einwirken, wobei ich nicht sagen kann, ob es dem Gange der 
Atmung oder der Natur des Giftes direkt zuzuschreiben ist. Ich er- 
innere mich, dass Käfer augenblicklich starben, aber einer (ich denke 
es war ein Langhomkäfer) widerstand allen Einwirkungen für eine er- 
staunliche Zeit.^ 

Eine wie grosse Unterstützung und freudige Anregung Dar- 
win von den deutschen Botanikern empfing, wurde schon oben 
erwähnt; namentlich waren es die Arbeiten Hermann Müllers, 
die er, wie ich in dessen Lebensschilderung ausfuhrlich gezeigt 
habe, mit dem grössten Interesse und warmer persönlicher Anteil- 
nahme verfolgte. Es war ihm eines Tages, nachdem er schon meh- 
rere Briefe mit demselben gewechselt hatte, eine höchst angenehme 
Überraschung, zu erfahren, dass Hermann Müller ein Bruder Fritz 
Müllers sei. Auch die Ausdehnung des EntwicUungsprinzipes 
auf die Gesellschaftswissenschaften, sofern ja der Mensch durch 
dasselbe zu einem Objekt der Naturforschung geworden war, nahm 
zuerst in Deutschland einen weiteren Aufschwung, den Darwin 
mit grossem Interesse verfolgte. Bereits 1864 behandelte Dr. 
Fr ö bei in seiner „Theorie der Politik" die Staatsformen vom dar- 
winistischen Standpunkte als Entwicklungserscheinungen der Mensch- 
heit, und als ihm der jetzige Landes -ökonomierat Prof. H. Thiel 
seine von derselben Grundlage ausgehende Schrift über landwirt- 
schaftliches Genossenschaftswesen zusandte, antwortete er ihm, es 
sei ihm niemals eingefallen, dass seine Ideen auf so femliegende, aber 
wichtige Gegenstände Anwendung finden könnten. Auf direkte An- 
regung Ha eck eis veröffentlichte dessen Vetter, der Sprachforscher 
Dr. J. Bleek in Kapstadt, seine Schrift über den „Ursprung der 
Sprache" (Weimar 1868) und ein leider früh (1868) verstorbener 
Freund, August Schleicher, eine Sendschrift, in der die Sprachen 



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- 165 — 

aUlebende, dem Kampf ums Dasein ausgesetzte und darin neue Ab- 
arten bildende Individualitäten betrachtet werden. Urnen folgte 
der geistreiche Lazarus Geiger mit seinen freilich bisweilen über 
das Ziel hinausschiessenden XJntersuchongen über den Ursprung der 
Sprache und der menschlichen Vernunft aus derselben Zeit (1868—72), 
über die Auffindung des Feuers u. s. w., Gebiete, auf denen ihm 
später Gerland, Waitz, 0. Gaspari, F. v. Hellwald, Noir6 
und so viele andre gefolgt sind, indem sie die gesamte Yölker- 
und Kultur- Entwicklung, die religiösen, moralischen und reohts- 
wissenschaftlichen Anschauungen vom Gesichtspunkte des Werden- 
den und Gewordenen betrachteten und die Notwendigkeit be- 
stimmter Torstufen und Wege in der Kultur -Entwicklung nach- 
wiesen. Damit erhielt zugleich das Studium der heute lebenden 
und auf tiefen Stufen stehenden Naturvölker, sowie der Mythologie, 
in welcher sich häufig Anschauungen überlebter Kulturstufen in 
dichterischem Gewände erhalten haben, eine neue und höhere 
Bedeutung, eine eindringendere und tiefere Würdigung, als sie je 
vorher empfangen hatten. Was auf diesen Gebieten Bachofen, 
Gerland, Waitz, Gaspari, Post und andere geleistet haben, 
war alles Folge der Befruchtung der Menschenwissenschaften durch 
die genetische Methode, und eine Unzahl alter Mythen, Sitten 
und Gewohnheiten, Gebräuche, Bechtsanschauungen u. s. w. er- 
schien erst jetzt, mit den rudimentären Organen der lebenden 
Wesen verglichen, in seiner wahren Bedeutung und Verständlich- 
keit — als tTberlebsel. 

Man kann es wohl als einen guten Abschluss des ersten Jahr- 
zehnts der Darwinschen Theorie in Deutschland betrachten, dass 
der geistreiche Physiker und Physiologe Hermann Helmholtz auf 
der Versammlung der deutschen Naturforscher in Innsbruck (1869) 
aussprach, wie es als eine segensvolle Folge der deutschen 
freien Forschung anzusehen sei, dass wir so unbefangen die 
aus dem Darwinismus gezogenen Schlüsse auf den Menschen an- 
wenden dürften, bis zu dem Grade, sagen zu dürfen, die tierischen 
und menschlichen Sinneswerkzeuge seien so voUkonmien, wie sie 
ihrer Entstehungsweise nach nur irgend sein könnten, weshalb man 
auch ihren Abstand von absoluter Vollkommenheit, den der Phy- 
siker leicht nachzuweisen imstande sei, um so unbefangener zu- 
geben könne. Um diese Zeit war der Kampf ums Dasein in 



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— 166 — 

Dratidiland das oberste Erklarungsprinzip, vor dem nioht eimoal 
mehr die Moleküle in der Motterlauge und die Sterne im HinuMl 
sieiier blieben. 

Vergleicht man mit diesem Enthusiasmus, wie kühl die 
Gelehrten anderer Kulturvölker, namentlich diejenigen Frank- 
reichs, im ersten Jahrzehnt ihres Auftretens der darwinschen 
Lehre gegenüberstanden, wie sich selbst heute nur wenige 
klangvollere Namen dieses Landes unter ihren unbedingten Aor 
bangem und Förderern befinden, so begreift man, dass Darwin 
immer mehr mit der deutschen Forschung verwuchs und das 
deutsche Volk mit seinem ausgesprochenen Erkenntnisdrange immer 
höher schätzen ^und lieben lernte. Deutsche Sprache und Musik 
wurden daher im Hause ebenso wie deutsche Wissenschaft gepflegt, 
die Söhne nach deutschen Universitäten gesandt, und deutsche 
Gäste zu allen Zeiten in Downhouse mit besonderer Liebenswürdig- 
keit aufgenommen. Nach Ausbruch des französisch - deutschen 
Krieges stellte sich Darwin natürlich wie die meisten seiner Lands- 
leute, aber mit grösserem Herzensanteil, auf die Seite Deutschlands 
und schrieb am 28. August 1870 an Fritz Müller: 

„. . . Dieser höchst schreckliche Krieg wird alle wissenschaftlichen 
Bestrebungen in Frankreich and Deutschland fftr eine lange Zeit zum 
Stillstand bringen: Ich habe von niemanden in Deutschland etwas 
gehört, und weiss nicht, ob Ihr Bmder, Haeckel, Gegenbaar, 
Victor Carus oder meine andern Freunde in der Armee dienen. Dohrn 
ist zu einem Kavallerie-Regiment gegangen. Ich bin noch nicht einer 
einzigen Seele in England begegnet, die sich nicht über den glän- 
zenden Triumph J)eutschlands über Frankreich freuete: es ist eine 
höchst gerechte Wiedervergeltang dieser ruhmredigen, kriegliebendea 
I^ation gegenüber '^ 

Als nach dem Erscheinen seines Werkes über die Abstammung 
des Menschen (Februar 1871) seine Gegner in England von neuem 
und mit der alten Schonungslosigkeit über ihn hergefallen waren, 
schrieb er am 2. August 1871 an Fritz Müller: 

„. . . . Zunächst lassen Sie mich sagen, dass ich durch da^enige, 
was Sie über mein Buch bemerken, sehr erfreut worden bin. Es hat 
einen sehr starken Absatz gefunden , aber ich bin sehr viel deshalb 
geschmäht worden, namentlich wegen des Kapitels über die moralischen 
Fähigkeiten, und die meisten meiner Recensenten betrachten das 
Buch als ein jämmerliches Machwerk. Gott weiss, was seine Verdienst» 



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- 16(7 - 

in Wirklichkeit sein mögen, alles was ich weiss, ist, dass ich mein 
Bestes daran gethan habe. Im Vertrauen gesagt, glanb'e ich, dass 
Naturforscher die geschlechtliche Zuchtwahl in einem grösserii Mass- 
8tal^ annehmen werden, als sie jetzt zu thun geneigt zu sein scheinen.^ 

Darwin durfte sich auch diesmal mit der so viel anstän- 
digeren Aufnahme seines Buches in Deutschland trösten. Aller- 
dings waren ja, wie er selbst in der Vorrede mit seinem einzig 
dastehenden Gerechtigkeitssinn sagt, die meisten und wichtigsten 
seiner Schlüsse bereits von Hae ekel gezogen worden; es blieb dem 
deutschen Leser mithin nur noch zu bewundem, bis in wie feine 
Beziehungen hinein Darwin die körperliche und geistige Ver- 
wandtschaft des Menschen mit den Tieren verfolgt hatte. Dennoch 
scheint er damals der immer erneuten Schmähungen des Pöbels 
und der Vexationen seitens solcher Forscher, wie Mivarts, satt und 
müde gewesen zu sein, denn er fühlte sich den Sommer über 
sehr abgespannt und war monatelang nicht imstande, etwas zu 
thun. Nur das Interesse an der Fertigstellung seines Buches über 
den Ausdruck der Gemütsbewegungen, und an den ihrem Ab- 
schluss entgegengehenden Beobachtungen über den Nutzen der 
Kreuzbefruehtung hielten ihn damals aufrecht. Am 27. De- 
zember 1871 schrieb er an Haeckel die rührenden Worte: 

„ Ich zweifle, ob meine Kräfte noch für viele schwierigen 

Werke ausreichen werden. Ich hoffe indessen nächsten Sommer die 
Ergebnisse meiner lang fortgesetzten Experimente über die wunder- 
baren, aus der Kreuzung entspringenden Vorteile zu veröffentlichen. 
Ich werde fortfahren zu arbeiten, so lange wie ich kann, aber es be- 
deutet nicht viel, wenn ich aufhöre, da so viele gute, vollständig ebenso 
tüchtige und vielleicht noch tüchtigere Männer, als ich es bin, vor- 
handen sind, um unser Werk weiter zu führen, und unter diesen ran- 
gieren Sie als der erste " 

Selbst für seine Gegner in Peutschland konnte Darwin eine 
gewisse Sympathie fassen, wenn er sie mit denen seiner Heimat 
verglich. Ich muss hier Albert Wigand ausnehmen, dessen dick- 
leibiges und langatmiges Werk „Der Darwinismus und die Natur- 
forschung Newtons und Cuviers" (Braunschweig 1874—75) an- 
scheinend nicht einmal von seinen eigenen Gesinnungsgenossen ge- 
lesen worden ist und kaum die eingehende Widerlegung Gustav 
Jägers („In Sachen Darwins, insbesondere contra Wigand." Stutt- 
gart 1874) verdient hat. Auf blosses Hin- und Hergerede liesg 



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— 168 — 

sich Darwin, auch wenn es sich in akademische Form und philo- 
sophisches Gewand hüllte, niemals eia. Das mochten die Herren 
Hnber, Teichmüller, Frohschammer, von Hartmann u. 8.w. 
unter sich abmachen. Aber wenn man ihm mit guten Grriinden 
und Einwänden kam, war er unermüdlich, dieselben zu prüfen und 
zu diskutieren. Ich will hier nur H. von Nathusius und Moritz 
Wagner als Beispiele anführen. Moritz Wagner, der bedeutende 
Forschungsreisen ia Nordafrika, Asien und Amerika ausgefohrt 
hatte, war insofern ein radikaler Gegner Darwins, als er die Ver- 
änderungen, welche die über verschiedene Länder und Gewässer 
yerstreuten Exemplare einer Art durch die örtlichen Einflüsse er- 
leiden, als das eigentliche artbildende Moment betrachtet wissen 
wollte und die Zuchtwahl- Theorie, die doch den Kern der Dar- 
winschen Theorie bildet, ganz zu eliminieren gedachte. In unzäh- 
ligen Abhandlungen und Zeitungs -Artikeln suchte Wagner seit 
1868 seine Migrations- oder Separations-Theorie, bei der 
die räumliche Trennung und Isolierung als das wichtigste Moment 
zur Befestigung der durch Anpassung an die neuen Lebensbedin- 
gungen veränderten Stanmiart betrachtet wird, an immer neuen 
Beispielen zu erörtern. Er teilte unter andern Darwin den Fall 
eines Spinners (Satumia Luna) mit, der von sehr verändertem 
Aussehen erschien, als das in Puppenform von Texas nach der 
Schweiz gebrachte Tier dort ausschlüpfte. Darwin, der den bei 
Versetzung unter neue Lebensbedingungen eintretenden Variations- 
Vorgang und die Wichtigkeit der Isolierung für die Befestigung der 
Art von Anfang an genau ins Auge gefasst hatte, gab ihm trotz 
dessen zu, dass er diesen Einflüssen lange nicht die gebührende 
Wichtigkeit beigelegt haben möge und antwortete unter anderm: 

„. . . . Nach meiner Meinung hat der grösste Irrtum, welchen 
ich begangen habe, darin bestanden, dass ich der direkten Einwirkung 
der Umgebung, d. h. dem Futter, Klima u. s. w. — unabhängig von 
natürlicher Auslese — ^ nicht hinreichendes Gewicht beigelegt habe. So 
veranlasste Abänderungen, welche dem veränderten Organismus weder 
von Vorteil, noch von Nachteil waren, würden besonders, wie ich haupt- 
sächlich aus Ihren Beobachtungen ersehe, durch Isolation auf einen 
beschränkten Raum, woselbst nur wenige Individuen unter nabeza 
gleichförmigen Bedingungen lebten, begünstigt worden sein. Als ich den 
„Ursprung der Arten'^ schrieb, und noch mehrere Jahre nachher, konnte 
ich wenig gutes Beweismaterial für die direkte Wirkung der Umgebung 



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— 169 — 

finden. Nan ist ein reichliches Beweismaterial vorhanden, and Ihr die 
Saturräa betreffender Fall ist einer der bemerkenswertesten, von denen 
ich gehört habe "*) 

Weder Darwin selbst, noch irgend einer seiner deutschen 
Anhanger haben einzusehen vermocht, in wiefern die Separation»* 
theorie imstande sein sollte, die Selektionstheorie zu verdrängen 
und zu ersetzen, wie dies Wagner in allem Ernste auch wohl 
heute noch glaubt. Die ausgezeichnetsten Forscher auf dem Ge- 
biete des Darwinismus, Oskar Schmidt, A. Weismann, F. 
Müller, G. Seidlitz, Haeckel u. a. haben sich vergeblich be* 
müht, eine derartige Wichtigkeit darin zu entdecken. Denn die 
grösste Stärke und der Hauptwert der Darwinschen Theorie be- 
steht in der Erklärung der Zweckmässigkeit in der gesamten 
Organisation der Wesen und ihrer Harmonisierung bei eintretenden 
Veränderungen des Ortes oder Mittels; die Separations-Theorie Ar 
sich ist aber nicht einmal imstande, plausible Gründe för so 
augenfällige Erscheinungen, wie die vorherrschend weisse Farbe der 
Polartiere im Winter und der gelben Erdfarbe der Wüstentiere, 
beizubringen; alle die wunderbaren Fälle von Schutz- und Trutz- 
farbung oder Zeichnung, Mimikry, Durchsichtigkeit der Wasser- 
tiere u. s. w. u. s. w. bleiben unter der Brille der Separations- 
theorie ebenso unverständliche Bätsei, wie jeder Fortschritt durch 
Arbeitsteilung, da ihr ja das Frincip der Ausmerzung des XTnzweck- 
mässigen fehlt 

Noch einmal wurde der Kampf akut, als nämlich David 
Friedrich Strauss 1872 in seinem Buche: „Der alte und der neue 
Glaube" für den Darwinismus Partei ergriff und ihn als die lang- 
ersehnte Botschaft begrüsste, mit welcher der alte Glaube und 
sein „liebstes Kind", das Wunder, endlich überwunden werden 
würden. Es wird gut sein, die Kernstelle, in welcher er die Be- 
deutiing der Darwinschen Theorie für die Läuterung des religiösen 
Empfindens der Menschheit zusammenfasst, hier wörtlich wieder- 
zugeben, weil sie die Wut erklärt, welche das Erscheinen des 
Straussschen Werkes in den Kreisen der orthodoxen Geistlichkeit 
und ihrer Anhänger von neuem wieder gegen den Darwinismus 
entfesselte: 



*) EosmoB, Band YII. S. 10. 



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— 170 — 

„Die Darwinsche Theorie,'^ sagt Straass, ^ist ohne Zweifel uodi 
höchst an vollständig; sie Iftsst unendlich vieles unerklärt, und zwar nicht 
bloss Nebensachen, sondern rechte Haupt- und Eardinalpunkte ; sie deutet 
mehr auf künftig mögliche Lösungen hin, als dass sie diese selbst 
schon giebt. Aber wie dem sei, es liegt etwas in ihr, das wahrheits- 
und Ireiheitsdorstige Geister unwiderstehlich au sich zieht Sie gleicht 
^er nur erst abgesteckten Eisenbahn: welche Abgründe werden da 
noch auszufüllen oder zu überbrücken, welche Berge zu durchgraben 
sein, wie manches Jahr wird noch verfliessen, ehe der Zug reiselustige 
Menschen schnell und bequem dahinaus befördert. Aber man sieht 
doch die Richtung schon: dahin wird und muss es gehen, wo die 
Fähnlein lustig im Winde flattern. Ja lustig, und zwar im Sinne der 
reinsten, erhabensten Geistesfreude. Wir Philosophen und kritischen 
Theologen haben gut reden gehabt, wenn wir das Wunder in Abgang 
dekretierten; unser Machtspruch verhallte ohne Wirkung, weil wir es 
nicht entbehrlich zu machen, keine Naturkraft nachzuweisen wussten, 
die es an den Stellen, wo es bisher am meisten für unersetzlich galt, 
ersetzen konnten. Darwin hat diese Naturkraft, dieses Naturverfahren 
nachgewiesen; er hat die Thüre geöffnet, durch welche eine glück- 
lichere Nachwelt das Wunder auf Nimmerwiederkehr hinauswerfen wird. 
Jeder, der weiss, was am Wunder hängt, wird ihn dafür als den 
grössten Wohlthäter des menschlichen Geschlechts preisen/* 

Der Ersatz des Schöpfungswunders durch den Prozess der all- 
mählichen Entwicklung und mit der Erklärung der organischen 
Zweckmässigkeit, die Herabstürzung der Sphinx, die wie ein grau- 
^fdpier Alp seit Jahrtausenden auf der Brust der Philosophen ge- 
lastet hatte, das waren gewiss zwei für das Fühlen und Denken 
der Menschheit grosse, befreiende Thaten, aber eine noch grössere 
und wahrhaft reformatorische Wirksamkeit lag in der TJnterwüh- 
lung des alten anthropocentrischen Standpunktes, nach 
welchem der allein yemunftbegabte Mensch hoch über der gesamten 
N^tur stand, er ihr als Herrscher bestellt, sie nur seinetwegen er- 
schaffen. Wie oft ist Darwin der Eopemikus der organischen 
Welt genannt worden, bis Du Bois-Reymond das Gleichnis in 
seiner Rede „Darwin und Kopernikus" zum so und sovielsten 
male ausführte und nochmals damit den Zorn der ültramontanen 
heri^lifbeschwor. 

Seit Jahrzehnten hatte man ja den Anhängern der „neuen 
Weltanschauung" bereits die schrecklichen Folgen der „Affejitheorie" 
für Religion, Sitte und Moral entgegengehalten und den Unter- 
gang der gesellschaftlichen Ordnung daraus prophezeit, nun fanden 



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-^ 171 — 

mk in Demtsohland sogar Leute, 4ie mit Strauss den Beging 
eiBeir höheni Beligion, einer durchgeistigteren Ethik ron der Ißiw 
kenntnis herleiteten, dass der Mensch nicht aus göttergleichem 
Zustande herabgesunken, nicht der durch den Sundenfall erniedrigte 
Adam sei, sondern ein emporstrebendes Wesen, von dem zu hoffen 
sei, dass es sich auch in bewusster^ Entfaltung seiner moralischen 
Fähigkeiten noch viel höher über das Tier erheben werde, welches 
er bisher in dieser Beziehung, wie Darwin ausgeführt hat, nach 
manchen Bichtungen hin nur herzlich wenig überragte. Gustav 
Jäger hatte schon 1868 „die Darwinsche Theorie in ihrer Stellung 
zu Moral und Beligion'^ behandelt, zu einer wirklichen Grundlegung 
der Ethik auf dem neugewonnenen Boden suchten dann H. Bolph 
und besonders der steyrische Dichter und Abgeordnete B. von 
Carneri in seinen Werken, dessen erstes: „Darwinismus und Sitt- 
lichkeit^' 1871 erschien, vorzuschreiten. 

Aber die Kirche war lange nicht die schlimmste Gegnerin des 
Darwinismus in Deutschland, wir sahen sogar eine liberale Theologie 
der Forschung sich vollständig beugen, die nicht mehr zu leugnenden 
Thatsachen anerkennen und hervorheben, dass sie das religiöse 
Gefohl in keiner Weise zu beeinträchtigen imstande seien. Sie fand 
schliesslich die Abstammung vom Tiere anständiger, als aus Schlamm, 
das Emporsteigen ehrwürdiger, als das Herabsinken, eine Entwick- 
lung nach natürlichen Gesetzen dem höchsten Ideal würdiger, als 
das plötzliche Erschaffen aus dem Nichts, was immer ein wenig 
an Zauberei erinnert. Einen schlimmeren Hemmschuh bildeten 
auch hier jene alt gewordenen Naturforscher, welche kraft einer 
in ihren Jüngern Jahren erworbenen Autorität zu sagen lieben: 
„Lo Science c'est tnoil^^ oder: „Wir haben den Syllabus festzustellen!" 
und nichts gelten lassen wollen, was nicht um ihr specielles Placet 
und Fiat gebettelt bat. Solche Schein-Autoritäten hat es in allen 
Epochen gegeben, und Karl Vogt (der früher mitunter bessere 
Sachen geschrieben hat, als seine Microcephalen- Theorie (1866), 
die dem Darwinismus zum grössten Kreuz gereichte) hat sie in 
«einem „Ocean und Mittelmeer"*) wundervoU abgemalt und ge- 
«&gt, sie wären „äne wahre Plage und ein fressender Krebs für 
die Wissenschaft eines ganzen Landes". Solche Leute lassen sich 



*) Frankfurt a. Main 1848. Band I. Seite lU-1^. 



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— 172 — 

auf keine eingehende Widerlegung oder auf einen Disput ein^ 
denn dazu fehlen ihnen die nötigen Yorkenntnisse, aber sie benützen 
alle die Gelegenheiten, welche ihnen die Präsidentschaft; wissen- 
schaftlicher Vereine, der Besuch der naturwissenschaftlichen Wan- 
derversammlungen u. s. w. bietet, um den ihrer Obhut entschlüpften 
Neuerem einige Bosheiten zu sagen, welche die Meute untergeord- 
neter Skribenten, die sie zu ihrer Verfügung haben, dann weiter 
bellt. Den bekannten französischen und amerikanischen Päpsten, 
de Quatrefages und Agassiz reihte sich darin unser ebenso 
allwissender als unfehlbarer Yirchow auf das Würdigste an. 

Aber es ist ihm darin nicht besser ergangen, als Agassiz; er 
hat den Niedergang seiner Autorität nar mit seiner kritiklosen 
Opposition beschleunigt, und zwar nicht bloss auf naturwissenschaft- 
lichem, sondern auch auf medizinischem Gebiete, wo er von Neuer- 
ungen ebensowenig etwas wissen wollte und der neuen Ansteckongs- 
lehre Steine in den Weg warf, so lange es nur möglich war. Von 
der schmerzlichen Resignation des alten Agassiz hat uns Tjndall 
erzählt, der kurz vor seinem 1873 erfolgten Tode in einem Natur- 
forscherzirkel mit ihm zusammengetroffen war. Es war ein herr- 
licher Tag und man war in der heitersten Stimmung, welche der 
Blick auf die farbenprächtige, mit den Gluttinten des amerikanischen 
Ahorns leuchtende Herbstlandschaft erhöhte, als das Gespräch 
auf den beispiellosen Erfolg der Darwinschen Theorie kam. Plötz- 
lich wandte sich Agassiz mit einer tiefen Bewegung um und 
s£^e, der sinkenden Sonne nachschauend, mit melancholischem 
Ausdruck: ,Jch gestehe, dass ich nicht erwartet hätte, diese Theorie 
von den besten Geistern unserer Zeit so aufgenommen zu sehen, 
wie sie es ist. Ihr Erfolg übersteigt alles, was ich mir je einzu- 
bilden imstande gewesen wäre^^ 

Bei der besonderen Yerehrung, die Darwin for die deutsche 
Wissenschaft und das deutsche TJniversitätswesen hegte, erschien 
ihm der Angriff, welchen Virchow auf der Münchener Naturforscher- 
Yersammlung (1878) gegen die Freiheit der Lehre erhob, im 
höchsten Grade beklagenswert. Ich habe zwei Briefe Darwins an 
Haeckel aus dem Anfang des Jahres 1879 vor mir liegen, in denen 
er sich mit einer ihm ganz fremden Herbigkeit über den Mann 
ausspricht, „dem er früher eine besondere Yerehrung gewidmet 
habe". So oft er auch sonst Haeckel gebeten hatte, in seinen 



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— 173 -- 

Streitschriften die müdesten Worte zu wählen, diesmal fand er 
dessen scharfe Erwiderung*), nachdem er sie genau durchgelesen, 
Töllig am Platze und erklärte: ,Jch stimme mit allem überein, was 
darin steht'^ Personliche Angriffe konnte er in jeder beliebigen 
Höhe ertragen, aber dass ein Mann von solcher Autorität sich hin- 
stellen und die freiwillige Unterdrückung von Überzeugungen ver- 
langen konnte, zu denen Jemand durch die freie Forschung geführt 
wird, das brachte ihn in Erregung, und er hoffte, „dass Virchow 
eines Tages selbst Scham über das, was er gethan, empfinden 
werde". 

Trotz der grossen Mühe, die das Lesen deutscher Bücher und 
das Verfolgen deutscher Zeitschriften Darwin verursachte, wird man 
beim Durchblättern jedes seiner Werke veranlasst, sich zu wundem, 
bis zu welchem Grade er über den augenblicklichen Stand der 
deutschen Forschung hinsichtlich jeder Frage, die er in Angriff 
nahm, unterrichtet war. In dieser Beziehung gingen ihm aber ohne 
Zweifel mehrere seiner Kinder, denen die deutsche Sprache völlig 
geläufig ist, zur Hand. Darwin begrüsste es mit lebhafter Freude, 
als er im Jahre 1876 die Nachricht erhielt, dass in Deutschland eine 
neue Zeitschrift, der „Kosmos" begründet worden sei, welche sich 
gänzlich der Ausbildung seiner Lehre widmen wollte. Er gab bereit- 
willig seine Einwilligung, dass sein Name — „wenn er der Sache 
nützen könne" — mit auf den Titel kam, obwohl er fSrchtete, 
dass ein in seinem Gebiete so eng begrenztes Journal kaum würde 
bestehen können, wozu in England sicherlich keine Aussicht sei. 
Als Herausgeber hatte ich das Glück, dadurch in nähere Be- 
ziehungen zu dem grossen Manne zu kommen, manche Ratschläge 
zu erhalten und viele herzgewinnende Seiten seines seltenen Cha- 
rakters näher kennen zu lernen, wovon in einem späteren Kapitel 
einiges zu erzählen sein wird. Nichts konnte ihn mehr freuen, 
als wenn er in jener Zeitschrift einmal herzhaft angegriffen wurde, 
„wobei immer etwas zu lernen wäre", und dann schrieb er mit 
besondrer Anerkennung. Auch davon soll später ein Beispiel ge- 
geben werden und ebenso von den Huldigungen, die ihm aus 
deutschen Naturforscherkreisen dargebracht und mit lebhafter Freude 
aufgenommen wurden. 



*) Freie Wissenschaft und freie Lehre. Stuttgart 1878. 



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— 174 — 



X. Darwins letzte Lebensjahre und Arbeiten. 

Genau wie er es nach Beendigung seines Hauptwerkes gethan, 
so zog sich Darwin auch, nachdem er sein Buch über ,ydie Ab- 
stammung des Menschen'* und die dazu gehörige Arbeit über den 
„Ausdruck der Gemütsbewegungen^' veröffentlicht hatte und den- 
selben einige kleinere Abhandlungen über den „Ursprung gewisser In- 
stinkte''*) und über ^^rudimentäre Bildungen'"*'*) hatte folgen lassen, 
wieder auf die Beobachtung der Pflanzen zurück. Im Soixuner 1860 
war ihm bei dem Besuche eines Heidemoors in Sussex aufgefallen, 
eine wie grosse Menge von Insekten der rundblättrige Sonnenthau 
(Drosera rotundifolia) auf seinen oberseits mit zahlreichen Drüsen- 
haaren oder Tentakeln versehenen Blättern eingefangen hatte. Diese 
Tentakeln endigen in braune Eölbchen, welche klare Schleimtropf- 
chen absondern, so dass diese SumpQ[>flanze auch noch in der Mit- 
tagssonne wie bethaut erscheint. Von ihren Schleimtröpfchen werden 
Insekten angelockt und festgehalten, und zwar nicht bloss .ganz 
kleine, sondern, wie Darwin und andre Beobachter festgestellt 
haben, selbst Schmetterlinge und Libellen. Darwin wusste damals 
nicht, dass dieser Insektenfang schon die Aufmerksamkeit zahl- 
reicher Botaniker erregt und dass namentlich der deutsche Bo- 
taniker Roth die Art und Weise des Einfangens schon vor 
achtzig Jahren ziemlich eingehend studiert hatte, wobei ihm anch 
aufgefallen war, dass die Drüsenhaare einigermassen reizbar sind 
und sich auf das Beutetier zusammenneigen. Er wusste ebenso- 
wenig, dass der Botaniker Ellis im vorigen Jahrhundert an einem 
zu derselben Pflanzenfamilie gehörigen amerikanischen Sumpf- 
gewächs, der Yenusfliegenfalle (Dionaea muscipula), analoge 
Beobachtungen gemacht hatte, und dass Diderot diese Pflanze, 
deren vorderer Blattteil reizbar ist und sich plötzlich zusammen- 
klappt, wenn ein Insekt sich darauf setzt, eine „beinah fleisch- 
fressende" genannt hatte, während Darwins Grossvater diese Em- 



*) Nature No, 179, (3. April 1873.) 
♦♦) Nature No. 207. (September 1873.) 



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— If 6 — 

p&KdHehkeit it^ Droseiaceeablätter nur ffir ein Mittel angetfi^n 
h&Me, fach der l^nbfressenden Insekte(& 2U ertrehren. 

Darwin interessierte sich fär diese ErBcheinnng, begann 
^anere Beobachtungen anzustdlen nnd überzeugte sich bald, d«8s 
es sich dabei um ein wirkliches Verdauen der Tierleiehen d«rch 
den ausgesonderten Saft handele, wobei das sich krfinäinende Blatt 
eine Art Magenhöhle bildet. Er veranlasste nun seine -botanisdien 
Frennde, namentlich Hooker nnd Asa Gray, analoge Beoba<$h- 
tungen über Pflanzen zu sammeln, die in besonders (geformteli 
Bllättem Schleim absondern und Insekten fangen und bdgann eine 
systematische Yersuchsrdhe über die Verdaiuungsvorggnge bei den- 
jeii^n Pflanzen, die er in seinem Garten od^ Gewftcbshause be- 
obachten konnte. Vor altem frappierend waren natürlich dierjenigdü 
Versuche, welche darthaten, dass die Vdrdatiung der sticksltoffhal- 
t^en Körper innerhalb dieser blatt£5ifaügen Magen in sehr vielen 
fünzelnheiten mit der Verdanung im Tierinagen übereinstimint. 
Sobald ein Bissen, mag er nun in einem Insekt, einem feinen 
Stückchen rohen Bindfleisches oder gekoehisen Eiweisses bestehen, 
auf das Sonnenthaüblatt gelegt wird, so beugen sich die Wimper- 
'Icölbchen von allen Seiten auf dasselbe, wobei sich das Blatt 
lärümmt, und beginnen reichlich Flüssigkeit auszusondern, wie 
die Magendrüsen es thun, wenn ein Tier eine Mahlzeit zu sich 
genommen. In beiden Fallen ist diese Flüssigkeit stail: sauer, was 
beim Sonnenthau um so au£S.lliger ist, als die auf den Drüsen 
stehenden Tröpfchen vorher nur fade schleimig oder doch nur sehr 
schwach säuerlich schmecken. Darwin hat den berühmten Che- 
iniker Frankland veranlasst, den Saft zu untersuchen, wobei 
ütöben der Säure, die Wahrscheinlich Propionsäure ist, die Gegien- 
wart eines dem Pepsin, dem verdauenden Principe des tierisdien 
Magensaftes, ähnlichen Köi*pers festgestellt wurde. Ohne in Fäül- 
nis überzugehen, wurden Fleisch- und Eiweissbissen nach Ablauf 
Weniger Tage bis zum völligen Verschwinden in dem Safte aufge- 
löst ; von den Insekten bleibt natürlich die homartige Körperbe- 
deckung stets unaufgelöst zurück. Waren den Blättern allzugrosse 
Fleischstückchen gereicht worden, dann gingen sie nicht selten an 
einer Indigestion zu Grunde. 

Von diesen Untersuchungen Darwins erhielt, das grössere 
Publikum zuerst durch einen Vortrag Kenntnis, den Dr. Burdon- 



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— 176 — 

Sanderson im Sammer 1874 vor dei LonioneT, ^Royal Insiitution^\ 
einer Anstalt für freie wissenschalFtliche Vortrage hielt.*) Er hatte 
an den reizbaren Blättern der Yenns-Fhegenfalle ähnliche elek- 
trische Ströme, wie Dn Bois-Reymond an den gereizten tierischen 
Muskeln nachgewiesen, nnd erwähnte dabei der weitem yon Dar- 
win entdeckten Analogieen zwischen Tier und Pflanze. Letzterer 
hatte inzwischen seine Versuche auf eine Reihe anderer, teils eben- 
falls zu den Droseraceen, teils zu andern Familien gehörigen 
Pflanzen ausgedehnt, um sich zu überzeugen, dass diese Ernährungs- 
weise im Pflanzenreiche nicht so ganz vereinzelt dasteht. Am merk- 
würd^sten erwiesen sich in dieser Beziehung einige Pflanzen aus 
der Familie der Lentibularieen. Darunter sind die im quelligen 
Moorboden wachsenden Fettkraut- (P»n^wtcw/a-) Arten besonders 
dadurch ausgezeichnet, dass sie neben der Fleischkost auch ein 
wenig Gremüse nicht verschmähen und die auf ihre breiten Blätter 
gefallenen Eüefemadeln ebenso in den schleimabsondemden Blatt- 
rand einrollen und aussaugen wie die Insektenleichen. Bei den 
meist im Wasser wachsenden Helmkraut-(C7ifncw/ano-)Arten 
tragen die untergetauchten, haaiformig zerschlitzten Blätter in den 
Blattwinkeln kleine Bläschen, die ganz wie gewisse Mäusefallen 
mit Elappthüren versehen sind, um kleine, zarte Flohkrebse und 
Wasserkäfer, ja selbst eben ausgeschlüpfte winzige Fische (wie 
neuerlich beobachtet wurde) hineinzulassen und gefangen zu halten, 
die dann darin verwesen und mit ihren Zersetzungsprodukten die 
Pflanzen düngen. 

Bei den in unsem Gewächshäusern ihrer absonderlichen For- 
men wegen gezogenen Kannenpflanzen, die zu mehreren ver- 
schiedenen Familien gehören, haben sich die Blätter in eigentüm- 
liche, oft sehr zierlich gestaltete Schläuche von Eannenform, zum 
Teil mit beweglichen Deckeln gewandelt, in denen die Pflanze eme 
reichliche Flüssigkeit aussondert, deren Menge oft auf mehrere Lot 
steigt. Gewöhnlich ist die Ausgussöfl&iung des Schlauches mit 
purpurnen Zeichnungen verziert, die Insekten anlocken, welche dann 
durch einen Streifen schleimiger Absonderungen in das Innere der 
Kanne geführt werden, wo sie in der ausgesonderten Flüssigkeit 



*) Dieser Vortrag ist abgedruckt in der Zeitschrift „iVa/ttre" vom 14. 
JuQi 1874. 



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— 177 — 

ertrinlMii , imd ihre stiokstofBialtigen Bestandtsfle aufgelöst uted 
zum Nutzen der Pflanze verwendet werden. Die Uatersocbinig 
dteaeir Pflanzen hatte D. Hooker aaf den Wimech Darwina 
übenumunen und berichtete Aber die Ergebnisse derselben aaf ä&t 
Tersammlnng der englisohen Naturforscher zu Belfast (Sonuoner 
1874). 

Darwin veröfFentlichte sein Buch über die ,,insekten*- 
fressenden Pflanzen^''*'), welches wiederum das grosste Auf- 
aßen auch in weiteren Kreisen erregte, erst Ende 1875. Er hatte 
an dem rundblfittrigen Sonnenthau eine Menge physiologiseher Ex- 
perimente angestellt^ die eine B«ihe sehr merkwürdiger Ergebnisse 
lieferten^ Sie betrafen zunächst das UnterscheidungsTermögen der 
Blattorgane für stickstoffireiohe, nahrhafte Substanz, im Gegensatze 
zu stii^toffireien Stoffen, sowie den Grad der Beizbarkeib Brachte 
er ein Sandkorn oder irgttid ^e andere unlösliche mineraUsdie 
Snbstsoiz auf die kürzeren Wimpern der BHattfliche, so neigten sich 
dk Kölbchen der Nachbarfaden anfangs zwar auch gegen den 
fretiiden Körper, aber sie scdiienen jedesmal sehr schnell zu mer« 
ken, wenn kein NahrungsstofF vorhanden war, und kehrten bald 
wieder in ihre natürliche Lage zurück. Die Empfindlichkeit er- 
wies sich hierbei so weitgehend, dass ein kaum sichtbares Ab- 
schnitzel eines Menschenhaares, weldies auf deli empfindlichsten 
Wagen des Physikers kaum einen Ausschli^ hervorgerufen hatte, 
aaf die mittleren Kölbchen gelegt, dennoch die ganze Nachbarschaft 
Teranlasste, ihre Köpfe zusammenzustecken und das Ding gleich- 
sam zu beschnüffeln. Noch merkwürdiger erschien die Empfind- 
lichkeit für die Wahrnehmung aufgelöster stickstoffhaltiger Ver- 
bindungen. Beines, auf ein Blättchen gespritztes Wasser, z. B. ein 
Begenschauer, spült zwar nach und nach die Schleimtröpfchen 
von den Tentakeln, aber es veranlasst dieselben — trotz der Heftig- 
keit seines Aufschlags — zu keiner Bewegung; sie scheinen recht 
gut zu wissen^ was Begen und Wind ist, denn sie kümmern sich 
gar nicht darum. Nun versuchte es aber Darwin mit Wasser, 
in welchem eine Spur stickstoffhaltiger Verbindungen (Anmioniak- 
salzen) aufgelöst war, um sofort. die auffallendsten Wirkungen zu 



♦) Insectivoroua Plauts, London 1875, — Übersetzt von J. V. Carus int 
B. Bande der „Gesammdten Werke'* 412 Seiten mit 90 Holzschnitten. 

KrA«0e, Oh. Darwin. 12 



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— 178 — 

^riialten. Wahtliaft läoherliek Ueine Sporen Ton kohlensaiiremt 
aalpetcmiiiem oder phosiriborsanraii Ammoniiik ▼eianlasrten als- 
bald die Umgebung des mit d^ Anflösung betupften Wimper» 
knöpfe siA zu n&liern, um womöglich «neb etwas abzubekommen. 
Wurde das ganze Blatt iä eine derartige sobwaohe Auflosung hineiii- 
getaucht, so schlössen sich dessen Fühlfiden alsbald krampfhaft« wie 
zu einer geballten Tirifingerigen Fanst 

Diese mit andern Salzen, Säuren, organisehen und uBorgani- 
sehen Stoffen bis ins Unendlidie fortgesetzten Versuche, bei denen 
Darwin toh mehreren seiner Söhne, namentlich von Francis untere 
statzt wurde, liessen die ungemeine Aufsangungsfahigkeit dar 
Kölbchen und die Schnelligkeit, mit welcher sich der Beiz von 
denselben durch das Haar bis zum Blattgrunde und in diesem bis 
zu den nächsten Wimpern fortpflanzt, deutlich erkennen. Die mi- 
kroskopische Yerfolgnng der innem Vorgänge ergab zugleich, dass 
jede Auihahme atickstoffhattiger Substanzen alsbald sichtbar das 
Aussäen des Zellinhalts der Wimper und der Biattoberfläche an 
ihrem Fasse veränderte; die vorher klare, grflne oder rötlidie Zell- 
flfissig^eit zog sich s<tfort zu einem trüben Elfimpchen von der- 
selben Farbe zusammen. 

Darwin mochte sich aber nicht damit begnügen, nachgewiesen 
zu haben, dass Pflanzen, welche im nahrungsarmen Moorgrunde oder 
Sumpfe leben und mit ihren dünnen Wurzeln nur spärliche Stiek- 
stoffinengen erlangen können, Blätter erhalten haben, die sich auf 
das edle Weidwerk legen und auf allerlei Weisen Insekten fkngen, 
um den Körper ibit Stickstofihahrung zu kräftigen; denn wir 
finden das fünfzehnte Kapitel des Werkes zu seinem grössten 
Teile der Untersuchung gewidmet, wie jene so merkwürdig zweck- 
mässig fBr den Insektenfang geeigneten Einrichtungen der Blätter 
wohl auf dem natürlichen Wege der fortschreitenden Anpassung 
entstanden sein könnten? Da hat sich nun Darwin eine in Por- 
tugal vorkommende und zu den Sonnenthau-Gewächsen ge- 
hörige Pflanze, das Thaublatt (Drosophyllum) zu verschaffen ge- 
wusst und festgestellt, dass sie, gleich unserer Pechnelke und ähn- 
lichen Pflanzen, zahlreiche Insekten einfach als lebendige Leimrute 
einfangt. Die schmalen, länglichen Blätter derselben sind näm- 
lich auf beiden Seiten mit zahlreichen Drasenhaaren bedeckt, die 
in reichlicher Menge sauren Schleim absondern, im übrigen aber 



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— 179 — 

aitfit leizbar und nnbeweglieh sind. Dass es ab^ aueh in dieisem 
HaUeanfAnssangimg des Faages abgesehen ist, gdit daiaiie ber- 
Tor, das« der Sehleim nach geschehenem Eang reichlicher fliesst and 
nmtih Anfldstng der stiokstc^altigen Bestandteile zeitireise so 
selinell wieder eingesogen wird, dass* das Blatt dann fSr kurze 
Seit Töllig trecken erscheint. Zwei andere, am Kap der guten Hoff- 
mmg mid in Australien vorkommende Droseraceen {Roridula und By^ 
Wl) scheinen sieh ganz ähnlich zu verhalten. Darwin meint nun, 
daas, nachdem bei einzeln« Droseraceen ein Anfang gemacht war, 
die Smihnmg der Pflanzen durch Insektenfang zu unterstfitzen, 
natözli^eZftchtung leicht das Weitere bewirkt haben müsste. Die 
Beizbarkeit der Organe ist, wie wir schon oben (Seite 114) sahen^ 
80 nrerbieitet bei den Pflanzen, dass wir uns nicht wunden dürfen, 
wnm Ae siAliesslich auch in den Dienst d^ Ernährung gestellt 
wurde. Da dieg^gen Abarten, deren Drflsenfaden (Tentakeln) und 
Blatter Beizbarkeit erlangten, sich besser ernähren mussten, so ist 
Idcht einzusehen, wie sie durch Ausbildung dieses Vermögens die 
stumpferen Genossen aus dem Felde schlagen konnten. Noch 
unter den echten Sonnenthau - Arten finden sich solche ndt 
achmalen, beiderseits drüsentragenden Bl&ttem, wie sie DrosophyU 
lum, Roridula und Byblis besitzen, bei den meisten aber ist 
nur noch die obere Blattfläche bis zum Rande mit Fangdrüsen 
besetzt 

Wälurend aber bei all* den zahlreichen, in der Blattform ausser- 
ordentlich wechselnden Sonnenthau-Arten die Drüsenhaare stets 
zugleich fangende, aussondernde und einsaugende Organe vor- 
stellen, tritt bei ehiigen ihrer Verwandten eine weitere Arbeits- 
teilung ein. Bei der schon oben erwähnten Fliegenfalle (Dio- 
naea muscipula) aus Nordamerika sind die auf der vordem Blatt- 
fläehe stehenden Wimpern gewöhnlich bis auf sechs (drei auf jeder 
Blatthälfte) verringert, während der Blattrand, den Augenwimpern 
ähnlieh, mit einer dichten Reihe ziemlich starker Borsten besetzt 
ist. Diese Wimpern fungieren hier aber nicht mehr als Schleim 
aussondernde und einsaugende Organe, sondern die ersteren nur 
als Tastorgane, welche die Schliessung des Blattes bewirken, so- 
bald ein Insekt sie berührt, die letzteren als Fangorgane, indem 
sie sich wie die Finger eines Betenden verschränken, wenn der 
vordere bewegliche Blattteil sich längst der Mittelrippe zusammen- 

12* 



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- IM - 

geUappt hftt Als YertaiiiiigBftassigbeit aastonderndt md ein» 
«äugende Organe dienea hm völlig der Blaittflaeke eingeeeaktia 
Diasm. Eine ähnliche BeidNurkeit der Blitter besitzt die AUtr^^ 
vanda vefdeuloMa^ eine Ins naidi Sohlesien verbreitete Wasserpflaaae 
der wanneren Lander ans derselben Pfianzenfamilie (Droieraeeeny 

Jedenfalls haben wir hi«r eine lehrreidie Entwicklungsr«ilM 
▼on Pflanzen, die stiekstoflhaltige Nahrstofe mittdst Uebendar 
Stoffe fangen, zn solchen, deren Blitter mit Beizbarkeit Terselieii 
sind und sich langsam zu kleinen Hagenhöhlen nrnfermen, vmd 
endlich solchen, deren Blitter, fast wie die Rachen räies Bsabtiefa 
nach Beute schnappen. Hehrere Botaniker des Festlandes, me 
p. DecandoUe, Gramer, Duchartre, DnTal-Jeuye^ Faivv^ 
Göppert, &. Horren, Hunk, Naudin, W. Pfeffer, Sehank, 
bemSngelten indessen die Darwinsche Schlnssfolge, darnach ilumi 
Yersndien die Sonnenihaa-Arten und mehrere ihrer Verwandten, 
wenn man durch Qlaskasten allen Insekten den Zutritt Terwehrt, 
recht gut ohne Insektenfang gedeihen. Francis Darwin begann 
deshalb im Juni 1877 eine ausgedehnte Yersudisreihe^ bei weMier 
ungeffihr zweihundert Pflänzdien des rnndblättiigen Sonnenthana, 
sämtlich unter dünnen, jede Insekten -Aanfiherung yerhindemden 
Gazeschleiern gezogen und teils zum Fasten verurteilt, teils in 
bestimmten Zwischear&umen mit dflnnen Fleisohschnitaeldien ge- 
füttert wurden. Es ergab sich, dass die gefütterten Pflanzen nieht 
nur üpiNiger wuchsen, sondern drei bis viermal sovisl Samen brach- 
ten, wie die fastenden, so dass der Nutzen ihrer Einrichtungen 
klar zu Tage tritt und wahrscheinlich bei einer Fortsetzung der 
Yersuche dmrch mehrere Generationen noch auffallender geworden 
sein wttrde.''') 

Man darf nicht vergessen, dass zwischen die Publikationen der 
neueren Arbeiten Darwins immerfort neue Auflagen der älteren 
Werke fielen und Fortsetzungen andrer Beobachtungsreihen Unter- 
brechungen verursachten, während andrerseits die schnelle Aufein- 
anderfolge verschiedener Werke in Darwins letzten Lebenegahren daraof 
beruht, dass er, auf ein langes Leben nicht rechnend, sich beeQte, 
wenigstens einzelne der zahlreichen, von langer Hand vorbereiteten 
Untersuchungen ihrem vorläufigen Abschlüsse entgegenzufuhren. 



•) Vergl. „Kosmos," Band II, Seite 666. (1877.) 



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— 181 — 

go nafani am gldck naeh der Ydlendnng der „msebtenfressendeii 
Pflanzen"^, die Niedersehiift der Ergebnisee seiner langjährigen Yer- 
snohe über den NutMi der »^enzbefinushtimg bei den Pflanzen*' in 
Anepraeh. Wir haben über dieses wichtige und wiedenun eine 
grosse Arbeitssomme einschliessende Werk bereits oben (S. 109) im 
Znsammenhange mit den verwandten Arbeiten gesprochen nnd 
wollen hier nnr emige Zeilen ans dem Schlüsse eines Briefes an 
fiaeekel mitteilen, der vom 13. Noyember 1875 datiert ist, und in 
welchem anofa Ton der Fertigstellnng dieses Buches die Bede ist: 

,, Ich habe wenig ttber mich selbst zu sagen. Meine 

Gesundheit ist Bicherlich besser als sie war, aber ich verliere noch 
immer, infolge täglichen Übelbefindens, 'viele Zeit; doch ist alles vergessen, 
sobald ich bei der Arbeit bin. Ich bin jetzt damit beschäftigt, einen 
Bericht der zehiyahrigen Versuche Aber das Wachstum nnd die Frucht- 
barkeit von Pflanzen, die von gekreuzten und selbstbefinchteten Pflanzen 
entsprungen sind, aufzuzeichnen. Es ist wirklich wundervoll, welch' 
eine Wirkung Blumenstaub von einem andern Pflanzensämling, der 
abweichenden Lebensbedingungen aasgesetzt gewesen ist, im Vergleich 
BU Blumenstaub von derselben Blume oder von einem verschiede- 
nen Individuum, welches aber lange denselben Bedingungen aus- 
gesetzt gewesen ist, auf den Nachkommen hat. Der Gegenstand leitet 
auf das wahre Princip des Lebens, welches Wechsel in den Bedin- 
gungen beinahe zu fordern scheint. Ich hatte auch eine neue und 
revidierte Ausgabe meiner „Variation unter Domestikation^ vorzubereiten 
nnd habe versucht, das Kapitel aber Paugenesis zu verbessern. Was 
ich in Znkunft thun werde, weiss der Himmel allein: ich sollte viel- 
leicht allgemeine und grosse Gegenstände als zu schwierig fQr mich, 
mit meinen zunehmenden Jahren und meinem, wie ich annehme^ ge- 
schwächten Denkoigan vermeiden "' 

Damit hatte es nun keine Not, und kaum war das in Rede 
stehende Buch (November 1876) erschienen, so veröffentlichte er 
einen kleinen Artikel über „die geschlechtliche Zuchtwahl in Be- 
zug auf die Affen",*) welchen die Leser im zweiten Teile dieses 
Buches finden werden. Das Erscheinen eines Berichtes des französi- 
schen Philosophen H. A. Taine über die Entwicklung der 
Sprache und Ideenwelt eines kleinen Mädchens gab ihm wenige 
Monate später Veranlassung, ein Tagebuch zu veröffentlichen, wel- 
ches er vor siebenunddreissig Jahren über die Entwicklung eines 



♦) Nature Nr. 366. (November 1876.) 



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- 182 — 

sfliner Kinder gefBhrt hatte'*') und welches der Leser im vmmtM 
TeQe dieses Baches eben&Us wieder abgedruckt findet 

Darwins »«biographische Skizze eines kleinen Kindes'^ hatte den 
Erfolg» die Blicke vieler Personen auf ein bis dahin nahezu unhe* 
achtet gebliebenes, unzahligen Menschen naheliegendes Fdmchongs- 
gebiet zu lenken. Zwar waren in Deutsehland bereits einige Unter- 
suchungen in dieser Bichtung angestellt worden. B. Sigismund 
hatte schon 1851 seine Schrift ^Kind und Weif' und Prof. Kuss- 
maul 1859 sein „Seelenleben des neugebomen Menschen'' vet^ 
ö£Fentlicht» aber erst seit dem Erscheinen der Darwinschen Aufzeich- 
nungen machte sich eine grössere Regsamkeit auf diesem Gebiete 
bemerklich. Vor allem sind hier die schon vorher begonnenen Ar- 
beiten dieser Bichtung von W. Freyer in Jena zu erwähnen, von 
denen mehrere 1878 im ,^osmos" erschienen, worauf derselbe in 
semem Buche : „Die Seele des Kindes'' der Wissenschaft von dem 
Erwachen der Psyche (Psjchogenesis) eine ausgezeichnete Grundlage 
gab, auf welcher seitdem zahlreiche Forscher weiter gebaut haben. 
Unter andern hat sich Frau Emilie Tal bot in Boston, Sekretärin 
der Abteilung für Erziehung bei der „Amerikanischen Gesellschaft 
fär Social-Wissenschaften" dieser Frage angenommen und Dar- 
win gebeten, ihr ein Yerzeichnis solcher Fragen zu senden, die 
durch eine statistische Organisation beantwortet werden könnten, 
oder sonst von besonderem Interesse nach dieser Bichtung waren. 
Darwin gab ihr folgende Punkte an, deren Feststellung ihm von 
Wert erschien und in denen einige merkwürdige Probleme ange- 
deutet werden: 

„. . . . Beeioflasst die Erziehungsstufe der Eltern zum Beispiel 
die geistigen Kräfte ihrer Kinder in irgend einem Alter, and zwar in 
einem sehr frühen oder in etwas vorgerftckterem Stadium? Dies 
könnte yielleicfat darch Lehrer oder Erzieherinnen ermittelt werden, 
wenn eine Anzahl Yon Kindern zaei*st nach ihrem Alter und ihren 
geistigen F&higkeiten und dann im Zusammenhang mit der Erziehung 
ihrer Eltern, so weit diese festgestellt werden kann, klassifiziert würde. 
Da Beobachtungsgabe eine der bei jungen Kindern am frühesten entwickelte 
Fähigkeiten ist, nnd da dieses Vermögen wahrscheinlich in einem glei- 
chen Grade von den Kindern erzogener und unerzogener Personen ans- 



•) Mind 1887. No, 7, pag. 285^294. 

**) Berlin 1882. 2. Aufl. 1884. — Vgl. auch Schultze, Prof. Dr. Fritz, 
Sprache des Kindes. 1881. Leipzig, Ernst Günthers Verlag. 



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— 188 — 

fgfiOht idid, 80 8cheiQt es nicht anmai^ch, dait iffgmd eine TOi det 
Urziehimg übermittelte Wirkiing nur in einem etwas fortgeschritteneii 
Alter entfaltet wird. Es wttrde wünschenswert sein, in einer ähnlichen 
Weise statistisch die Wahrheit der oft wiederholten Behauptung festzu- 
stellen, dass Kinder von Farbigen zuerst ebenso leicht lernen, wie KiAder 
^on Weissen, aber nachher im Fortschritt zurückbleiben. Wenn bewiesen 
w^Nlen könnte, dass Erziehung nicht aliein in dem Individuum, sondern 
durch erbliche Übertragung in der Rasse wirksam ist, so würde dies 
eine grosse Ermutigung für alle Thätigkeit au diesem höchst wichtigen 
Gegenstande sein. Es ist wohlbekannt, dass Kinder manchmal in einem 
sehr frühen Alter besondre heftige Geschmacksrichtungen (tastes) dar- 
bieten, für welche keine Ursache anglichen werden kann, obwohl sie 
gelegentlieh durch Rückfall auf den Geschmack oder die Beschäftigung 
ii^end eines Vorfahren begründet werden; und es würde interessant 
sein zu erfahren, wie weit solche frühen Geschmacksentwicklungen 
dauernd sind und die künftige Laufbahn des Individuums beeinflussen« 
In einigen Fällen schwinden solche Geschmacksrichtungen dahin, 
ohne anscheinend eine Nachwirkung zurückzulassen; aber es wttrde 
wünschenswert sein zu wissen, wie weit dies gewöhnlich der Fall ist, 
da wir dann erfahren würden, ob es von Wichtigkeit ist, die frühen 
Geschmacksrichtungen unserer Kinder, soweit dies möglich ist, zu leiten. 
Es mag wohlthätiger sein, dass ein Kind irgend einem Streben, sei es 
selbst von spielender Natur, folgen darf und so Beharrlichkeit erwerbe, 
als dass es davon, weil es von keinem zukünftigen Vorteil für das- 
selbe ist^ abgelenkt wird. Ich will in betreff sehr junger Kinder einen 
andern kleinen Untersuch ungs-Punkt erwähnen, der sich möglicherweise 
in Bezug auf den Ursprung der Sprache als wichtig erweisen mag, aber 
nur durch Personen, die ein genaues musikalisches Gehör besitzen, 
untersucht werden kann: Kinder drücken, sogar schon bevor sie arti- 
kulieren können, manche ihrer Gefühle durch Stimmgeräusche aus, die 
sie in verschiedenen Tonarten ausstossen. Sie machen z. B. ein fragen- 
des Geräusch und andere von zustimmendem oder widerstrebendem 
Charakter in verschiedenen Tonarten, und es würde, glaube ich, der 
Mühe wert sein, Gewissheit zu erlangen, ob es dabei unter verschie- 
denen Kindern irgend eine Gleichförmigkeit in der Ursache ihrer 
Stimmen bei verschiedenen Gemütszuständen giebt.*^*) 

Darwin näherte sich nunmehr den Siebzigern und er hätte 
sich somit wohl Buhe gönnen können, aber er konnte durchaus 
nicht unthätig sein und gab 1877 eine neue, stark überarbeitete und 
um mehrere wertvolle Kapitel vermehrte Ausgabe seiner 1862 



♦)Der hier mitgeteilte Brief Darwins wurde auf einer Versammlung der 
Gesellschaft in Saratoga vorgelesen uud in der englischen Zeitschrift „iVa^wre** 
vom 23. Oktober 1881 abgedruckt 



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- 184 - 

lis 1868 endueiien«!! AibeUen über „die Tencdiiedeiiea BMtair 
fmnen bei Pflanzen derselben Arf' (VergL S. 112) heraus und 
hatte aach bereits eine andere Beobachtongsreihe in Angriff ge- 
nommen« 

Im Jahre 1879 fand er sich za einer kleineren Arbeit Ter- 
anlasst, die ihn nach den anstrengenden Arbeiten der letzten Jahre 
wie eine Erholung d&iken mochte. Der »^osmos'^ hatte zu seinem 
70. Geburtstage (12. Februar 1879) ein Gratolationsheft *) Teranstal- 
tet, zu welchem A. Fitger, Preyer.Haeckel, Gustav Jäger, Fritz 
und Hermann Hüller Beitrage geliefert hatten, und welches mit 
einem Aufiuitz beschlossen wurde, in welchem der Schreiber dieser 
Zeilen den Nachweis führte, dass bereits der Grossvater Darwins 
zwanzig Jahre vor Lamarck ein konsequentes System der Descen- 
denztbeorie aufgestellt habe. Der darüber erfreute JubQar achrieb 
bald darauf, zugleich im Namen seines Bruder Erasmus, dass sie, 
wenn ich nichts dagegen hatte, eine englische Übersetzung des 
Essays veranstalten wollten, und dass er vielleicht eine biographische 
Einleitung dazu schreiben würde, wozu sich mancherlei Materialien 
in seinen Händen befanden. Selbstverständlich stimmte ich dieser 
Absicht mit grösster Freude zu und bemühte mich, den Aufisati 
durch einige Zusätze zu verbessern. 

In letzter Instanz war es offenbar Pietät gegen das Andenken 
des Grossvaters, welches den in so viel wichtigeren Arbeiten ver- 
strickten Enkel veranlasste, die FamUien-Archive noch einmal durch- 
zusehen, seine eigene und der älteren Familienglieder Erinnerung 
zu befragen, um diesem Gtemütsbedürfiiisse zu genügen. Eine dem 
Grossvater im Leben befreundet gewesene, heute völlig vergessene 
Schriftstellerin, Miss Anna Seward, hatte nach seinem Tode Ge- 
legenheit genommen, in einer ausführlichen Biographie den Charakter 
des Mannes, dessen Wirken so vielfach rein humanitären Be- 
strebungen gewidmet gewesen and dessen hervortretendster Cha- 
rakterzug, nach der Ansicht aller übrigen Personen, die ihm nahe 
gestanden hatten, Herzensgüte gewesen, nach mehreren Richtungen 
zu verdächtigen und ihm verschiedene Schwächen und Mängel anzu- 
dichten. Allerdings war sie gleich nach dem Erscheinen Ihres 
Buches (1804) genötigt worden, ihre Angaben als missverstandlich 



*) „KoimoB,«' Band IV, ptg. 327-424. 



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— 186 — 

UBd tmbegrflndet an widennfen^ aber m solcher in einer Zeit- 
schrift yersteckter Widermf yerhaUt^ während ihr Buch mit den 
unbogrOndeten AnUsgm in Tielen Bibliotheken zn finden ist. 

Es war nun ein herzgewinnender Zng, dass Darwin die ihm 
dordi meinen Essay gegebene Gelegenheit sogleich ergriff, nm 
die yöllige Grundlosigkeit jener Verleumdungen nachzuweisen. Er 
zagte in seiner eingehenden Darstellung, dass es wahrscheinlich 
verschmähte Liebe gewesen ist, welche der Biographin so bittere 
Worte, deroa yei:offentlichung sie später selbst bereuete, eingegeben 
hatte. Das Buch erschien Ende 1879*), und die in der englischen 
Ausgabe 127 Druckseiten umfassende Einleitung Darwins über* 
raschte die Leser, welche bis dahin nur ernste und wissenschaftliche 
Werke aus dieser Feder gelesen hatten, durch den guten Humor 
und die eingehende Schilderung mancher Einzelheiten aus dem 
englischen Famili^eben im vorigen Jahrhundert Leider war bei 
der Herausgabe ein Versehen begangen worden, welches, obwohl 
äusserst geringfügig, doch Veranlassung zu gehässigen Angriffen 
gegen Darwin wurde. Er hatte vergessen, in der Vorrede zu be« 
merken, dass mein Aufsatz vor der Übersetzung revidiert und mit 
einigen Zusätzen versehen worden war. Zu diesen Zusätzen ge« 
hörte auch das Schlusswort, welches lautet: „Erasmus Dar- 
wins System war eine in sich bedeutungsvolle Vorstufe des Er- 
kenntnisweges, den uns sein Enkel eröffiiet hat, aber es in unsem 
Tagen neu beleben zu wollen, — wie es ja in allem Ernste ver* 
sucht worden ist, — das zeugt von einer Denkschwäche und 
einem geistigen Anachronismus, um den man niemanden beneiden 
kann.'^ Diese Worte bezogen sich auf einen englischen Schrift* 
steller, Mr. Samuel Butler, der drei Monate nach dem ersten 
Erscheinen meines Aufsatzes ein Buch {Evolution Old and New^ 
London 4S79) veröffentlicht hatte, in welchem er unter andern 
schönen Dingen zu zeigen suchte, die Evolutions-Theorie des Gros»* 
vaters sei riel sinnreicher und der Wahrheit näherkommend ge* 
wesen, als die des Enkels. 



*) EroimuB Darwin, hy Ernst Krause, translated from the Oerman by W, 
F. DaUa». With a preliminary natice hy Charles Darwin, Portrait and Wood' 
ctitM London 1879. — Die mit yielen weiteren ZuBätsen ?enehene deaUche 
Amgabe des Boches erschien, wie eingangs erw&hnt, 1880. (Leipzig, £nist 
Günthers Verlag.) 



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— 186 — 

Als nun die englische Übeisetzung meines Essajs mit Ihuv 
wins länleitong erschienen war, erhob jener, in seinen Mtteln sidli be- 
kannt SU machen, nicht sehr wählerische Schriftsteller in Aea rer- 
schiedensten englischen Jonmalen die Anklage, Darwin habe den- 
selben nur übersetzen lassen, um sein ebengenanntes, bei Beginn der 
Übersetzung noch nicht einmal erschienenes Buch im voraus zu dis- 
kreditieren und zu dieser ünthat habe er die Fälschung gefugt, 
durch absichtliche Yerschweigung meiner Beyision die englische Aus- 
gabe fär die genaue Übersetzung meines Aufsatzes im ursprungUohen 
Zustande auszugeben. Vergebens erkannte Darwin in einem Briefe 
an den Kläger sein „schweres Versehen^' an und versprach die 
Sache bei einer folgenden Ausgabe zu verbessern: Samuel Butler 
schleuderte unbarmherzig ein umfangreiches Buch (üncomcious Me- 
mory^ London 4880) gegen den „Fälscher'^ Die Sache war äusserst 
komisch, denn hätte hier eine Absichtlichkeit vorgelegen, so hätte 
dieselbe nur einem Menschen auf dieser Welt Nutzen bringen 
können, nämlich dem Ankläger, Herrn Samuel Butler, sofern sie 
den Glauben erwecken konnte, der Essay, sei genau wie er vorlag, drei 
oder vier Monate vor Butlers Buch geschrieben, und der Autor 
hätte mit den „denkschwachen^^ Leuten am wenigsten auf Herrn 
Butler anspielen können. Eine Schrift, die von Karl dem Grossen 
handelt, kann doch nicht vor Christi Geburt geschrieben sein, und 
ein Fälscher, der einen vorchristlichen Codex abfasst, wird darin 
nicht einmal andeutungsweise von Karl dem Grossen sprechen. 

Die Angelegenheit verdiente - nur aus zwei Gründen eine Er- 
wähnung, einmal weil mancher Leser von der Sache gehört haben 
könnte, ohne den klaren Zusammenhang durchschauen zu können, 
und dann, weil sie deutlich zeigte, dass in England unter der 
Decke der äussern Höflichkeit immer noch ein tiefer Hass gegen den 
Störer des Quietismus glomm, denn mehrere der angesehensten 
Zeitungenund Revuen Englands entblödeten sich damals nicht, von 
diesen ebenso frivolen als absurden Anklagen in einer Weise Notiz zu 
nehmen, dass daraus deutlich ihre wahre Gesinnung hervorleuchtete. 
Keinem der Herren Redakteure fiel es, bevor sie eine so hässliche 
Anklage aufnahmen', ein, sich zu fragen, wieso denn Mr. Butler 
dazu komme, sich mit so schweren Vorwürfen über einen einfachen 
Akt der Yergesslichkeit, der niemandem Schaden, ihm selbst aber 
augenscheinlichen Vorteil brachte, zu beklagen? 



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— 187 — 

Aiw0xmi^ivc^m Ueineu Notuaot die Darw in m jener Zeit ver- 
äOfeutUcbte, z.. B» „über die Fruchtbarkeit von Bastarden zwischen 
dsr gemeinen and der ohinesisohen Gans'' und über ,,die geschlecht«' 
liehen Färbungen gewisser Schmetterlinge'S beschäftigte ihn damals 
seit längerer Z^it die Beobaditung gewisser Bewegungen der wach- 
senden Pflanze untw dem Einflüsse der äussern Agentien. Fast 
seheint es^ als ob eine lange, zurücldiegende Beobachtung von 
Bosa Müller, der geistig ausserordentlich gewecktbn, aber leider 
fräh verstorbenen ältesten Tochter Fritz Müllers, den ersten An* 
stoss zu diesen Beobachtungen gegeben habe. F. Müller schrieb an 
Darwin, bald nachdem dieser seüie Untersuchungen über windende 
Pflanzen abgeschlossen hatte, dass auch an den Stengeln nicht win- 
dender Pflanzen eigentümUche Kreisbewegungen der Stengelspitze 
Torkämen, und dass seine (damals einährige) Tochter solche Be- 
wegungen an der gemeinen Leinpflanze wahrgenommen habe. 
Darwin antwortete ihm damals (9. Dezember 1865): 

„Das ist eine merkwürdige Beobachtung Ihrer Tochter, über die 
Bewegung der Stengelspitze Ton Lmum^ und sie würde, wie ich glaube, 
wert sein, weiter verfolgt zu werden; ich yermute, yiele Pflanzen be- 
wegen sich, der Sonne folgend, ein wenig, aber alle thun dies nicht, 
denn ich habe einige hübsch sorgfältig überwacht'S 

Fritz Müller veröffentlichte seine Beobachtungen über die 
Stengelspitze des Flachses im fünften Bande der Jenaischen Zeit- 
Schrift für Naturwissenschaften, aber Darwin behielt den Gegen- 
stand im Auge und stellte eine grosse Beihe von zum Teil sehr 
subtilen Versuchen über die Bewegungen der Pflanzen an, bei 
denen er durch seine Söhne Francis und Georg unterstützt 
wurde. Mittelst eines sinnreichen graphischen Verfahrens wurden 
die ermittelten Bewegungen auf Tafeln eingetragen, und durch 
die Beobachtung zahlreicher Pflanzen aus den verschiedensten 
Familien die Überzeugung geschöpft, dass die meisten, wenn nicht 
alle noch im Wachstum begriffenen Pflanzenteile ununterbrochen 
ähnliche Kreisbewegungen (Gircumnutationen) in beschränktem 
Massstabe ausfuhren, wie die Stengel der windenden Pflanzen es im 
weiteren Umkreise thun. Eine Pflanze ist also keineswegs das 
bewegungslos im Boden haftende Wesen, für welches wir es leicht 
zu halten geneigt sind, vielmehr sind alle äussersten Verzweigungen, 



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— 188 — 

Zweigspitotn, Kttter und Wmwdsirftien m unanflidilielHni käsen 
Bewegiiiig8& begriffen, ans denen Darwin aof eine krriMtttf^ 
Grandbewegung fiohliessenzadflrfen glaubte, ans d«r dieBewe^ 
gongen der windenden und rankenden Pflanzen, die heliotapqpieelieii 
Bewegungen, Schlaf bewegungen der Blätter u. s. w. als nfttalielie 
Abänderungen und lärweiterungen abgeleitet werden Unnten. 

Insbesondere interessierten ihn die Bewegungen der Wurzel^ 
spitze, die auf geneigten, berussten Glastafeln gesohlängelte Wadis- 
tumsspuren zurfioUiess und von dieser Bewegung den Vorteil 
haben musste, den bequemsten Weg zum leichten Bindringen in 
den Boden zu finden, um nun zu sehen, wie die Wurzelspitze sich 
verhalten ¥rflrde, wenn sie gegen ein Hindemis träfe, z. B. gegen 
einen Stein im Boden, der einen Reiz hervorrufen müsste, reizte er 
die eine Seite der Wurzelspitze von keimenden Samen, die am 
Korke weithalsiger, teilweise mit Wasser gefällter Maschen unter- 
wärts angespiesst waren, durch Höllensteinätzungen oder dureh 
kleine angeklebte Papierstackchen, und jedesmal wandte sich die 
Spitze von der BeizsteUe ab, so dass sie sich schliesslich, weil der 
Beiz fortdauerte, spiralförmig krämmte. Wurde die Spitze zwischen 
hartem und weichem Papier eingezwängt, so zeigte sie eine Art 
XJnterscheidungsvermögen und wandte sich nach der Seite des 
weicheren Papieres. Es ist dies die von Wie sn er nach ihrem Ent- 
decker sogenannte darwinsche Bewegung. 

Man begreift leicht, wie vorteilhaft diese Feinfühligkeit der 
Wurzelspitze werden muss, um sie. sogleich von einem auf ihrem 
Wege angetroffenen Stein oder sonstigen Hindemis abzulenken, 
und diese nützliche Eigenschaft wird noch durch ein ganz entgegen- 
gesetztes Verhalten des über der Spitze liegenden Wurzelteils 
unterstutzt Kommt nämlich dieser höher belegene Teil der 
Wurzel mit einem harten Körper in Berührung, so biegt er sich 
umgekehrt nach dem berührenden Gegenstande hin, und zwar gant 
schroff und nicht in einem Bogen, wie die in Folge einseitiger Bä- 
zung sich abwendende Wurzelspitze. Diese Eigenschaft bewirkt, 
dass das Würzelchen, sobald es die Kante eines auf seinem Wege 
liegenden Steines oder sonstigen Hindernisses mit seiner Abwärtsp- 
krümmung erreicht hat» sich sofort um die Kante herumbiegty und 
indem es um das Hindemis im Bogen henimwächst» auf kürzestem 



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— 18» — 

W#ge wMbnr «aine gm4e BiühtuBg mm Ezdmitte^iiidGte erlMgir, 
die mw seit lange kennt und als nGeotrojrismm^^ bezaelmet hai 

^Ein Würzelchen^, sagt Darwin, ^^nn mit einem grabenden 
Tiere, wie beispiebweise einem Manlwnrfe rerglichen werden, welches 
•tii^t, senkrecht in den Boden hinabsndrhigett. Dnrcli bestandig» Be- 
wegung sdnes Kopfes von der einen Seite zvr andern, oder doreh 
Gircamnntieren wird es jeden Stein oder jedes andre Hindernis im 
Boden, ebenso wie jede Verschiedenheit in der Härte des Bodens f&hlen 
und wird sich von dieser Seite wegwenden. Wenn die Erde auf einer 
Seite feuchter ist, als anf der andern, wird es sich dahin als nach 
einess bessern Jagdgnmde wenden. Trotzdem wird es nach jeder 
Untersnchnng durch das (Teffthl der Schwerkraft imstande, sein, seinem 
Lauf abwärts wieder aufzunehmen und sich in eine grössere Tiefe ein- 
zugraben.^ 

Die Bekrachtongeii reu Haberlandt und andern deutsdien 
Natnrforscheni venroUstindigend, hatte Darwin namentlidi aneh 
die Vorginge beim Keimen yerachiedener Samen zum Gegen- 
Stande seiner Beobachtungen gemacht Br zeigte, wie der Keim« 
ittig des meisten Diketyledonen in einem steilen, rflckwarts ge- 
hrammten Bogen (q) die Erde durohbohrt, weil er so am besten 
die an seiner Spitze befindüofae Knospe schfttzt und sich dann erst 
gerade streckt, und wie sich am Keimling mancher hartschaligen 
Samen, nammtlioh aus der Familie der Gnrkengewächse, dicht 
unter dem aas der Erde emporgewachsenen Samra ein Keil ent- 
wiekdt, der behn Geradestreoken des bis dahin gebogenen Keim- 
lings die harten Samenschalen auseinander bricht, wie ein eigens 
dsBrn gesidiafienes Instrument. 

Von besonderem Interesse waren femer die Beobachtungen 
Oarwins über die sogenannten „Schlafbewegungen" der Keim« 
und Laabbütter vaeler Pflanzen, namentlich ans den Familien mit 
zusammengesetaBten' Blättern. Er suchte zu zeigen, dass diese Be- 
w^ffutgen aus der Cirenmnutatioa aller letzten Verzweigungen der 
Pflanzen abzuleiten seien; aber wahrend diese, wie wir oben (S. 113) 
erfahren haben, aus der ungleichen Ausdehnung der Zellen wach- 
sender Teile hervorgehen, handelt es sich bei den periodisch wieder- 
kehrenden Schlaf bewegungen der Blätter um die periodische An- 
schwellung nicht Yöllig ausgewachsener Zellen, die in kleinen 
Polstern an der Basis der Blattstiele liegen. Zugleich stellte 
Darwin den Nutzen der Schlafbewegnngen der Blätter, fest, den 



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— 190 — 

et itt der aeitvreiseii Vomiindeniiig der Obeifliehe A^ Blstfes iMA 
der dadoroh yermi&derten Oefohr, in kalten NieMen dnreh ffie 
st&rkere Ausstrahlung za erfrieren oder im starken Hittagssonnen- 
schein zu yerdorren, fand. Yersnehe ergaben in der That, da» 
zwangsweise in aasgebreiteter Lage eriialtene Blitter in ei^er kdUen 
Nacht erfroren waren, w&hrend daneben befindliche Blätter der- 
selben Pflanze, die sich ungehindert hatten zusammenlegen können, 
den Frost ohne Schaden überstanden hatten. Darum ist es auch 
ganz gleich, ob sich die Blittchen nach oben oder unten zusammen^ 
legra; die Individuen zweier näelist yerwaadten Arten verfolgen 
deshalb hierin häufig den entgegengesetzten Weg. 

Darwins mit zahlreichen Beispielen und Abbildungen aus- 
gestattetes Buch Aber das Bewegungsvermögen der Pflan- 
zen'*') erschien Ende 1880, und fiberrasehte seine Verehrer durch 
die Fälle der darin niedeigelegten sorgf&Uigen und zum Teil sehr 
subtilen Untersu<diungen, bei denen ihn aber sein Sohn Francis 
eihebhch unterstatzt hatte. AU^dings erfuhr fieses Buch einen 
sehr ernsthaften Angriff durch den ausgezeichneten Pflanzenphysi^ 
logen JuL Wiesner.**) Derselbe glaubte nachweisen zu können, dass 
keineswegs alle Pflanzen die von Darwin angenommene Oitmd* 
bewegung (Gircumnutation) zeigen, und dass sie auch bei denen, 
wo sie vorkommt, nicht die regelmässige Kreisbewegung iBsige, 
welche Darwin durch alle TJnregehnSssi^iten, die das Wadistmii, 
lieht- und Schwereeinflüsse hervorbringen, zu erblicken geglaubt 
hatte. Vor allem wendet sich Wiesner g^en einen Sehluss, den 
ich bis jetzt absichtlich noch nicht erwähnt habe. Darwin glaubte, 
wie schon vor ihm Gisielsky, beobachtet zu haben, dass nur 
eine kleine Stolle, dicht unter der Spitze der Endsprossen, sowohl 
der oberirdischen wie der unterirdischen Triebe mit Empfindlichk^t 
gegen die richtenden Einflüsse der Schwerkraft, des Lichtes, der 
Feuchtigkeit u. s. w. begabt sei, und dass deshalb enthauptete 
Würzelchen beispielsweise, nicht wie gesunde Würzelchen, sieh der 



*) T%e Power of Movement in Plant$ hy Charles Darwin aseitted by Francis 
Darwin. London 1880. Die deatsche AoBgabe in den „Geiammeltea Werken*' 
Band XIII. umfasst 506 Seiten mit 196 Figuren. 

**) Julius Wiesner, „das Bewegungsvermögen der Pflanzen'^ eine kri- 
tische Studie über das gleichnamige Werk von Charles Darwin. Wien 1881. 
2111 Seiten mit 3 Holzschnitten. 



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— 191 — 

&rde znkrömmeB kdimten^ wem «e wageracht gelegt wOrden. 
Wie SU er leitete diese Störangen einfach Ton dem gesamten 
Waefaetmn der Spitze ab und wollte andi die „Darwin*8che Be- 
w^mig'' (SL 188) nur von einem durch den einseitigen Druck ge» 
hemmten Waohstom ableiten. Er erkaaBte die Experimente Dar« 
wins als Tcdlkommen richtig beobachtet an nnd bemängelte nnr 
die Sehltese; doch haben Wiesners Schlösse ihrerseits wiederum 
Kritiken erfahren, so dass die Akten über dieses jedenlUls eine 
reidie Fülle neuer Beobachtungen einmdiliessende Werk keinenfalls 
als bereits abgeschlossen zu betrachten sind. 

Obwohl Darwin sieh nach zurückgelegtem siebenzigsten 
Jahre im allgemeinen fast «nes bessern Befindmis erfreute, als in 
mittleren Lebensjahren, dringte es ihn, noch eine Reihe von langer 
Hand vorbereitete Beobachtungen in Soherheit zu biingen, und so 
überraschte er kaum ein Jahr später (Kovember 1881) dto Welt 
mit einem neuen Werke über „die Bildung der Ackererde 
durch die Thätigkeit der Regenwürmer nebst Beobach- 
tungen über ihre Gewohnheiten."'*') Wir haben S. 89 ge- 
sehen, dass eine seiner ersten Veröffentlichungen demselben Gegen- 
stande gegolten hatte, aber da man seine Schlüsse über die Wich- 
t^keit dieser kleinen Machte im Brdleben b^weifelt hatte, so 
widmete er denselben mehr als ein Menschenalter hindurch eine 
HebeToUe Aufinerksamkeit, um über ihre Rolle in der Natur ins 
Elaire zu kommen. Des Studiums ihrer Gewohnheiten und geistigen 
Fähigkeiten halber wurden sie zu Hausgenossen gemacht, in Bta^ 
mentöpfen gezüchtet, und wenn alles rings umher still und dunkel 
war, Torsichtig mit Blendlaternen in ihrer Thätigk^t beobachtet 
Es zeigte sich, dass sie Licht empfinden, aber gegen matteres 
ücht und gegen strahlende Wärme nur wenig empfindlich sind. 
Geschrei, Musik, selbst schrille Pfeif entöne störten sie gar nidit 
in ihren Arbeiten, wenn damit keine Erschütterung des Topfes rer- 
bunden war, so dass sie taub zu sein scheinen; im Geschmaeke 
erschienen sie indessen wählerisch, indem sie manche Sorten 



*) The formation of vegetable mould tkrough the Mtion of worms with obser- 
vations on their kabits. London 1881. Deutsch von J. V. Carus, Stattgart 
1882. 184 Seiten mit 15 Holzschnitten. 



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— 192 - 

9mi Blattom nicht sit ihier N«hz«iig wiUteii, wifarand sie andero 
mit Vorliebe TenBelirteit. 

Dass ikr am Monde lokalisierter Tastsimi besonders enfemkelt 
sein mnse^ leigt ihre Behandlung d» wdken BUtter^ die sie in 
wailnen Hieilmt- nnd FrUdtttgsnaditen in ilire Löcher fameinäehen^ 
ua sie dort an venehren. Sie brauchen den M«id dabei entweder 
ab Oreiforgan, indem sie ihn in eme Ober- nnd üntertii^ tdlen, 
um die Blatter am Bande zu ergreüsn, oder als Sangorgan, indem 
sie dieselben mitten auf der Fladie aasaiBgen. In den meisten 
Fallen ziehen sie dieselben, wie Darwin durch zahlrnche Yexsacfae 
festgestellt hat, mit dem schmaleren Ende y(«an in die Löcher und 
mussea sich deshalb eine dimUe Vorstellung v<m der Gestalt der 
Blatter yerschaffen können, bei dmen bald das Scheitelmde, bald das 
Stielende schmaler ist Die Fohrennadeln, deren mmier wenigstens 
twei zusammenhii^n^ wurden ausnahmslos an dem Scheidcimide 
erfosst, wahrscheinlich w&l sie sich sonst leicht yor der O&ung 
spreizen. Die Blatter w^en teils innen verzdirt, nadidem sie 
mit einer alkalischen Müssigkeit benetzt worden sind, die ihre 
Zersetzung beschleunigt, teils werden ae zum Ausfüttern und Ver- 
stiq^fen der (Mnge gegen die Kalte yerwendet, doch werden zu 
beiden Zweckm häufig auch kleine Steinchen mit dem- Bussel her- 



fehlt es den Würmern an Blattern zur Nahrung, so lassen sie 
wohl auch die ndt organischen Steffidn getränkte, fette Erde durch 
ütfen Körper gehen, und dasselbe geschieht auch, wenn sie sich neue 
Locher wädm, wobei die Erde, die ihren Leib passiert, mittelst 
kleiner, im Muskelkropf befindlidier Steine feiner gemahlen und 
sogleich mit organischen Ausscheidungen getrankt, in Form ge» 
WmuL^er fadenförmiger Exkremente in kleinen Häufchen über den 
€hmgniundui^en angehäuft wird. Bei einige am Mittelmeer und 
in wänneren Ländern lebenden Erdwürmem warden die Exkremente 
in Form Tcm Türmchen, die mehrere Zoll Höhe erreichen, über den 
öfhungen emporgetrieben. Auf diese Weise sorgen die Erdwurmer 
beständig far die EmporschaSnng neuer Er<ie aus der Tiefe an die 
Oberfläche, und Darwin hat durch Versuche und Rechnungen 
festgestellt, dass in yielen Teilen Englands jährlich auf jedem Acre 
Landes ein Gewicht von zehn Tonnen (10 516 Kilogramm) Erde 
durch den Körper der darin lebenden Würmer geht, und in einer 



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- 193 — 

Dieke von 0,2 Zoll über dieOberflfiehe gebreitet wird, so dasd alle 
daselbst beflndlicben Gegenstände allmählich bedeckt werden, anch 
Mftnzen, Waffen und andere verlorene Gegenstände, die dadurch 
fnr spätere Auffindung in cten sichern Erdenschoss gebettet werden. 
Auch sonst haben sie den Archäologen Dienste geleistet, indem sie 
die schönen Fussböden mancher römischen Ansiedlungen allmäh- 
lich mit einer dicken Schicht Erde bedeckten, da ihnen die Fugen 
der Mosaiksteine erlaubten, Erdmassen dazwischen emporzuschaffen, 
so dass der Fussböden allmählich und zwar gewöhnlich in der 
Mitte am stärksten sank. Darwin selbst, wie namentlich seine 
Söhne und manche andere von ihm angeregte Personen, haben an 
vielen alten Ruinen Englands aus der Römerzeit, wie aus späteren 
Zeiten, die Thätigkeit der Erdwürmer an denselben studiert, 
und die davon handelnden Kapitel des Buches sind besonders an- 
ziehend. Sogar grosse Steine, seien es megalithische Monumente, 
oder umgestürzte Säulen, wurden auf diesem Wege immer tiefer 
eingesenkt, und kein Bauwerk ist in dieser Beziehung sicher, wenn 
seine Fundamente nicht wenigstens sechs bis sieben Fuss unter 
die Oberfläche hinabgehen, denn so tief unterminieren die Wär- 
mer den Boden und veranlassen sein allmähliches Nachsinken. 

Indem sie eine Menge organischer Stoffe in die Erde hinein- 
ziehen, an der Oberfläche befindliche oi^anische Reste, Knochen, 
Ihsektenieichen , Blätter u. s. w. begraben und zugleich Msche 
Mineralstoffe aus der Tiefe emporschaffen, befordern sie die Frucht- 
barkeit der Oberflächenschicht ausserordentlich und sind die eigent- 
lichen Bildner der lockern Ackerkrume, wie dies Darwin schon 
1838 behauptet hatte. Der deutsche Zoologe V. Hensen hat dies 
im Jahre 1877 durch den Versuch bewiesen, indem er zwei Würmer 
in einen Kessel mit feuchtem Sande setzte, dessen Oberfläche er mit 
abgefallenen Blättern bestreute. Nach ungefähr sechs Wochen war 
eine fast gleichförmige Oberflächensehicht des Sandes von einem 
Gentimeter Dicke dadurch, dass sie durch den Yerdauungskanal 
dieser beiden Würmer gegangen war, in Humus verwandelt. Ihre 
Löcher halten den Boden für Wasser durchlässig und deren mit 
organischen Stoffen getränkte Wandungen bieten später Pflanzen- 
wurzeln die denkbar günstigste Gelegenheit zum Eindringen und. 
Oedeihen. 

Ein Punkt, der Darwin bei der Beobachtung der Erdwürmer 

Krause, Ch. Darwin. 13 



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— 194 — 

ganz besonders interessierte, war ihre geologisehe Wirksnm- 
keit, der Antäl, den sie an der YmindMning der Erdobeiftieäe 
ndunen and seit Urzeiten g^iommen haben. Nach der Unter- 
snobnng ibier Thätigkeit im alten Gemäuer konnte es niclit mehr 
zweifelhaft sein, dass sie auch losen Felsboden angreifen (der mir 
leicht mit fiülfe der ans den Terrotteten Blattern gebildeten Bxt- 
Brassaoren schneller zersetzt wird), ihn mit Hülfe der Steinehen 
in ihren Kröpfen zermahlen und an die Erdoberfläche schaflFm. Sie 
erhalten dadui^h selbst auf mit Basen bedeckten Mächen einen 
nicht unwesenüichen Teil der Oberfläche in bestandiger Bewegung 
und machen ihn in seinem fein zerteilten Zustande, nach dem 
Trocknen^ sowohl geeignet, den Windra zum Spiel zu dienen und 
w^ter gewebt, wie auch auf allen geneigten Flächen vom Beg^oi 
herabgeschwemmt zu werden und die Sedimente der Flusse in 
einer Weise zu Termehren, die in geologischen Zeiträumen zu be- 
träohthohen Wirkungen steigen musste. 

„Wenn wir ein weites, rasenbedecktes Gefilde betrachten,^^ sagt 
Darwin am Schiasse seines Werkes, „sollten wir uns erinnern, dass 
seine weichen Formen, von denen so viel von seiner Schönheit ab- 
hängt, haoptsäcblich dadurch hervorgebracht worden sind, dass alle 
Unebenheiten langsam durch Wflrmer geglättet wurden. £9 ist eine 
wunderbare Vorstellung, dass der gesamte Oberflächenhumus, wel- 
cher ein solches Gefilde bedeckt, durch die Körper der Würmer ge- 
wandert ist und sie immer wieder, innerhalb weniger Jahre, durch- 
wandern muss. Der Pflug ist eine der ältesten und wertvollsten Er- 
findungen des Menschen; aber lange bevor er existierte, wurde das 
Land thatsächlich regelmässig gepflügt, und die Bepflügung durch £rd- 
wtürmer dauert noch immer fort. £s mag bezweifelt werden, ob es 
noch viele andere Tiere giebt, welche in der Geschichte der Welt 
^ne so wichtige Rolle gespielt haben, wie diese niedrig organisierten 
Kreaturen. Einige andere Tiere indessen, die noch niedriger organi- 
siert sind, nämlich die Korallen, haben eine viel mehr in die Augen 
fallende Arbeit verrichtet, indem sie unzählbare Riffe und Inseln im 
grossen Ocean errichtet haben-, aber diese sind fast gänzUch auf tro- 
pische Zonen begrenzt.^^ 

Diese Worte zeigen fast am Ende der Darwinschen Laufbahn 
nochmals, welchen grossen Einfluss Henslows Geist, „dem nichts 
so viel Freude zu bereiten schien, als wenn er aus winzigen Be- 
obachtungen Schlüsse ziehen konnte," auf seinen Lieblingsschtiler 
gehabt hat. Das Buch war im Manuskript bereits im Frähjahr 



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— 196 — 

wUendet und der Dniok im Sommer naheBu fertig, obwohl es naeh 
«H^her Qewohnlieit erst im Norember ausgegeben wurde, so 
4iB8 Darwins Geist und Hände wieder frei waren fQr neue Ar- 
beit Obwohl er das Herannahen des Alters empfand, konnte et 
aiekt ohne Arbeit leben, und begann seine Notizen über mehrere 
noch unerledigte Beobachtungsreihen rorzunehmen. Drei Probleme 
beschäftigten ihn in diesen letzten Zeiten besonders, nämlich der 
Nutzen verschiedenartig ausgebildeter Staubgef&sse in derselbm 
Blume, was sebon vor zwanzig Jahren seme Aufinerksamkeit erregt 
hatte, die Bedeutung der Bewegungen bei den sogenannten Sinn- 
pflanzen, und die e^entömliohe Wirkung, welche sehr verdünnte Auf- 
Iteungen yon kohlensaurem Ammoniak auf die Wurzelzdlen rex^ 
sohiedener Pflanzen ausüben, worüber er bereits in den ,Jnsektenr 
fressmden Pflanzen'**) berichtet hatte. Nur die letztere Beobaeh- 
tongs* und Versuchsreihe hat er zu I^de geführt; die Abhandlung 
wurde ca. Tier Wochen vor srinem Tode, am 16. März 1882, in der 
Linnfechen Gesellschaft gelesen. 

Über die Bedeutung der Staubgef&sse mit verschiedener An- 
äiereii- imd Pollenbildung in derselben Blume hat Hermann 
Müller bald nach Darwins Tode die Beobachtungen seines Bru- 
ders Fritz und seine eigenen veröffentlicht, woraus hervorgeht, dass 
es sich augenscheinlich um eine Art Arbeitsteilung unter den Staub- 
gefössen handelt, sofern sich die auffallenderen und zuweilen 
blumenblattartig ausgebildeten Staubgefösse den Insekten, welche den 
Pollen der anderen unscheinbaren Staubgefösse verbreiten, zur 
Nahrung bieten.'*'*) Ein grosser Verlust für die Wissenschaft ist 
es jedenfalls, dass es Darwin nicht mehr vergönnt gewesen ist, 
sein Buch über die „Sinnpflanzen^^ zu veröffentlichen, über die er 
ganze Stösse von Noten und Notizen gesammelt, und deren 
Rätsel er von einem höchst unerwarteten, aber wahrscheiolich 
richtigen Standpunkte aus in Angriff genommen hatte. Niemand 
hatte darüber bisher ins Klare kommen können, was den Sinn- 
pflanzen ihre Empfindlichkeit gegen äussere Berührungen und das 
Zusammenschliessen ihrer Blätter nützen könne, und selbst Wal- 
lace, mit seiner, wie Darwin einmal sagte, „natürlichen 



*) Gesammelte Werke, Band VIII. Stuttgart 1876 Seite 56. 
**) „Kosmos" Band XIII. Seite 241-269 (1883). 

18* 



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— 198 — 

Gabe, schwierige Probleme aufisnldsen'S wusste hierüber nur die 
offenbar nngenügende Yermutang zu äussern, dass sie ndieiAt 
durch das Zusammenschliessen ihrer Blätter im Augenblicke der 
Gefahr dem Yerschlungenwerden entschlüpfen.*) Ein anderer 
Grübler, den ich hier nicht namhaft machen will, hatte die nicht 
viel wahrscheinlichere Ansicht ausgesprochen, dass die Sinnpflanzen 
Tielleicht durch ihre hastigen Bewegungen die Tiere, welche Aeh 
ihnen nähern, um sie abzuweiden, in Schrecken setzen und ver- 
scheuchen möchten. Alle diese Vermutungen hatten sicher amdi 
das Nachdenken Darwins bereits gekreuzt, aber sie hatten seinen 
eigenen Einwendungen nicht standhalten können und er verfolgte 
eine andre, mehr verheissende Gedankenreihe, über die er in der 
letzten Zeit mit Fritz Müller verhandelte, da dieser Gelegaihett 
hatte, die Mimosen und andere Sinnpflanzen in der Natur zu studie- 
ren. Da er mit dem ebengenannten Naturforscher wie gewöhnlich 
auch über seine zuletzt in Angriff genommenen Arbeiten eifrig ver- 
handelte, so wird es alle seine Verehrer erfreuen, aus einigen 
an denselben gerichteten Briefen wenigstens einige Andeutungen 
über seine letzten Arbeiten zu erhalten. Am 20. März 1881 schrieb 
er unter anderm: 

„. . . naumehr, da ich mich sehr alt fühle, bedarf ich des Reizes 
irgend einer Neuigkeit, um mich zur Arbeit zu veranlassen. Diesen Sti- 
mulus haben Sie mir im weiten Massstabe in Ihrer schätzenswerten An- 
sicht über die Bedeutung der verschiedenfarbigen Staubgefässe in vielen 
Blumen gegeben. 

12. April 1881: „Ich schrieb nach Eew, um Pflanzen mit ver- 
schiedengeförbten Antheren zu erhalten, aber ich erlangte nur sehr 
geringe Auskunft, da Systematiker, welche getrocknete Pflanzen be- 
schreiben, wenig auf solche Punkte achten Im Laufe des 

nächsten Herbstes oder Winters denke ich meine Notizen über den 
Nutzen oder die Bedeutung des ,,Beifs^' oder der wachsartigen Aus- 
scheidung, welche manche Blätter blaugrttn macht (falls sie der Yer- 
öffentlichung wert erscheinen) zusammenzustellen. Ich glaube Ihnen 
schon mitgeteilt zu haben, dass mich meine Experimente zu der Ver- 
mutung gefuhrt haben, die Bewegung der Blätter von Mimosa^ Desnuh 
cUtm und Cctaaia beim Erschüttern oder Bespritzen geschehe, um die 
Wassertropfen abzuschütteln. Wenn Sie einmal im schweren Begen 
gefangen sitzen, würde ich Ihnen höchlichst verbunden sein, wenn Sie 
diese Bemerkung in Ihrem Gedächtnis bewahren und auf die Stellang 
solcher Blätter acht geben wollten . . . ." 



♦) A. R. Wallace, Die Tropenwelt. Braunschweig 1879, Seite 67. 



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— 197 — 

Sehr bald konnte Fritz Müller an yerschiedenen in seinem 
Garten gezogenen Sinnpflanzen die gewünschten Beobachtungen 
machen, nnd auf seine Mitteilungen darüber antwortete Darwin, 
der damals eine kleine Erholungsreise gemacht hatte, am 4. Juli 
1881: 

„Ihre Freandlichkeit ist ohne Grenzen und ich kann Ihnen nicht 
sagen, wie sehr Ihr letzter Brief vom 31. Mai mich interessiert hat. Ich 
habe Stösse von Noten über die Wirkungen des anf Blättern bleiben- 
den Wassers und ihrer Bewegungen, um (wie ich annehme) die Tropfen 
abzuschätteln. Aber ich habe seit langer Zeit diese Notizen nicht durch- 
gesehen und war dazu gelangt, zu denken, dass meine Bemerkung viel- 
leicht nur auf Einbildung beruhe, aber ich hatte mir vorgenommen, 
mit Experimenten anzufangen, sobald ich in mein Heim zurückgekehrt 
sein würde. Nunmehr aber mit Ihrem unschätzbaren Briefe über 
die Stellung verschiedener Pflanzen während des Regens (ich habe 
einen entsprechenden Fall von einer Acada aus Süd- Afrika) werde ich 
den Antrieb haben, im Ernst zu arbeiten 

13. November 1881: .. . „Ich habe Ihnen wenig oder nichts über 
mich selbst zu erzählen. Seit ein paar Monaten bin ich beschäftigt 
gewesen, die Wirkungen des kohlensauren Ammoniaks auf Chlorophyll 
und auf die Wurzeln verschiedener Pflanzen zu beobachten; aber der 
Gegenstand ist zu schwierig ftlr mich und ich kann die Bedeutung 
einiger Thatsachen, die ich beobachtet habe, nicht verstehen. Das 
blosse Niederschreiben von neuen Thatsachen ist aber eine langweilige 
Arbeit {duü work). — ...." 

Der nächste Brief Darwins bezieht sich grösstenteils wieder 
auf den Schutz der Blätter gegen Feuchtigkeit. Fritz Müller 
hatte ihm mehrere Beispiele niedrig wachsender Pflanzen mitgeteilt, 
deren Blätter auf der Unterseite mit einer Wachsschicht bedeckt 
smd, und dabei die Frage aufgeworfen, ob dies ein Schutzmittel 
gegen das Bespritzen mit Feuchtigkeit und Schlamm von unten 
her sein könne? Darwin antwortete auf die von Proben derartiger 
Blätter begleitete Mitteilung unter dem 19. Dezember 1881: 

„ Vielen Dank ftLr die Thatsachen betreflis der Wirkungen 

von Regen und Schlamm in Bezug auf . die Wachsausscheidung. Ich habe 
viele Fälle, bei denen die Unterseite besser als die Oberseite beschtltzt 
war, so viel ich glaube, bei Sträuchern und Bäumen beobachtet, so 
dass der Vorteil bei niedrigwachsenden Pflanzen wahrscheinlich nur ein 
zufälliger ist. Da ich diesen Brief entfernt von meinem Hause schreibe, 
so war ich nicht geneigt, mehr als ein Blatt der Passiflora zu pro- 
bieren, und dies kam auf der Unterseite ganz trocken und auf der 



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— 198 — 

OberMite ganz nass am dam Wasser. — Ich habe noch nidit ange- 
üingen, meine Notizen über diesen Gegenstand zusammenzustellen, vad 
weiss im ganzen noch nicht, ob ich imstande sein werde, viel daraus 
zu machen. Die wunderlichste kleine Thatsache, welche ich beobachtet 
habe, ist, dass bei TrifoUum resupinatum eine Hälfte des Blattes (ich 
denke die der rechten Seite, wenn das Blatt vom Scheitel betrachtet 
wird) durch Wachsausscheidung beschützt ist und die andere Hälfte 
nicht, so dass, wenn das Blatt ins Wasser getaucht wird, genau eine 
Hälfte des Blattes trocken und die andre Hälfte nass herauskommt. 
Was die Bedeutung davon sein kann, vermag ich nicht einmal zu ver- 
muten. 

„Ich las in der letzten Nacht Ihren sehr interessanten Artikel über 
die Blätter der Crotalaria im Kosmos *) und war mithin sehr froh, die 
von ihnen gesandten trocknen Blätter zu sehen: es scheint mir ein 
sehr merkwürdiger Fall. Ich zweifle einigermassen, ob er sich auf 
Lupinus anwenden lassen wird, denn wenn mein Gedächtnis mich nicht 
täuscht, verhalten sich alle Blätter derselben Pflanze manchmal in der- 
selben Weise. Aber ich will versuchen, einige Samen derselben Lu- 
pinen-Art zu erlangen, um sie im Frühjahr auszusäen. Das Alter in- 
dessen meldet sich bei mir und es verwirrt mich, zur Zeit mehr als 
einen Gegenstand in der Hand zu haben. — Der Kosmos scheint mir 
ein sehr interessantes Journal, und ich sehe, da ist ein Artikel über 
geschlechtliche Zuchtwahl (in demselben Hefte), den ich lesen muss, da 
er alle meine Schlüsse umzustossen scheint ....." 

Der „Kosmos" folgte den Grundsätzen Darwins darin, dass er 
auch die Gegner der von ihm vertretenen Ansichten zu Worte 
kommen liess, wenn sie ihre Aufstellungen mit wissenschaftlichen 
Gründen verfochten, und er hat z. B. viele Aufsätze von Moritz 
Wagner gebracht, die sich direkt gegen die Grundpfeiler der 
Darwinschen Theorie wandten. Darwin hatte die einem wissen- 
schaftlichen Reformator selten beschiedene Freude, den fast voU- 
gtändigen Sieg seiner Ansichten und eine üppige, aus seinen. Kei- 
men aufgeschossene Ernte noch zu erleben. Er sah mit Genug- 
thuungdienie geträumte Ausdehnung, welche Haeckel, Fritz und 
Hermann Müller, Kerner, Haberlandt,Weismann, O.Schmidt 
und so viele andere Forscher in Deutschland seiner Theorie gaben. 



*) Fritz Müller hatte bei einem Schmetterlingsblütler Crotalaria ca- 
janaefolia beobachtet, dass einige Blattiiederu sich regelmässig nach der 
Stelle wendeten, wo die Sonne untergegangen war, und hatte vermutet, 
dass dasselbe bei einer früher von Darwin beobachteten Lupinenart statt- 
ünden möchte. (Kosmos^ Band X., Seite 212 ff.) 



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— IM — 

Auch in England zeigte sich anter den Forschem der jAngem 
Schale, von denen viele ihre Studien in Deatschland gemacht hatten, 
«in gewaltiger Aufschwang für das Studium der Biologie und Ent- 
wicklungsgeschichte, der Darwin mit grossen Hoffnungen erfüllte. 
An Huxley, Hooker, F. Galton, Lubbock schlössen sich als 
hoffiiungsvoUe jüngere Phalanx G. Bomanes, Bay-Lankester, 
Francis Balfour, mehrere seiner eigenen Söhne*) und viele 
andere an, deren Arbeiten ihn mit Freude und Hoffiiung erfüllen durf- 
ten, und drüben über dem Ocean arbeiteten die Paläontologen 
Leidj, Cope und Marsh so erfolgreich in seinem Sinne, dass 
sie fast jeden Monat eine der alten Lücken der psdäontologischen 
Beihenfelge schlössen. Die Vollendung des „Handbuchs der ver- 
gleichenden Embryologie*' von Francis Balfour, und die endliche 
Fertigstellung der Übersetzung von Hermann Müllers „Befruch- 
tung der Pflanzen", ÄU der er noch am G.Februar 1882 eine warm- 
empfundene Vorrede schrieb, gehörten zu den letzten Freuden 
Darwins in dieser Bichtung. Er konnte glücklicherweise nicht 
ahnen, wie bald ihm gerade diese beiden Forscher, auf deren Ar- 
beiten er mit besonderer Hoffiiung blickte, im Tode folgen würden. 
Über das Buch des ersteren schrieb er am 4. Januar 1882 an 
Fritz Müller: 

„Ich mass einige wenige Zeilen schreiben, am Ihnen für Ihren 
Brief vom 2. Dezember za danken, obwol ich nichts Besonderes zu 



*) Von den Söhnen Darwins hat Francis seinen Vater hei seinen 
letzten Arbeiten beständig nnterstützt und auch selbstständig zahlreiche 
pflanzenphysiologische Arbeiten, z. B. über die Thätigkeit und Bedeutung 
gewisser drttsenartiger Organe, — über insektenfressende Pflanzen, — Ober 
das Vermögen der Pflanzen, ihre Blätter senkrecht znm einfallenden Lichte 
tu stellen, — über die Theorie des Wachstums von Pflanzen-Abschnitten u. s. w. 
n. 8. w. angestellt und veröffentlicht. — George H. Darwin, welcher Pro- 
fessor in Cambridge und Mitglied der Londoner Royal- Society ist, hat sehr 
wichtige Untersuchungen über den Einfluss des Mondes auf Gestalt und Ver- 
änderung der Erde in den geologischen Zeiten und über den Einfluss des 
Mondes auf die bestehenden Gravi tationsverhältnisse an der Erdoberfläche 
u. s. w. angestellt. Auch Horace Darwin hat sich mit Problemen der ma- 
thematischen Physik und Mechanik beschäftigt und unter andern eine Be- 
obachtungsreihe über die beständigen Bewegungen der Erdoberfläche ange- 
stellt. William Darwin hat die Untersuchung mehrerer der römischen. 
Ruinen ausgeführt, deren Zustand in dem Begenwürmer-Buche beschrieben 
ist. Der fünfte Sohn, Bernard, ist Offizier im Ingenieurcorps. 



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— 200 — 

sagen habe. Ihre Anerkennang des BaUourschen Baches hat mich 
ausserordentlich erfreut, denn obgleich ich eigentlich nicht d«-nber 
urteilen kann, schien es mir doch eines der wertvollsten Bücher unter 
denen, die seit beträchtlicher Zeit yeröffentlicht worden sind Balfour 
ist ein ganz junger Mann, und wenn er seine Gesundheit behält*), 
wird er glänzende Arbeiten leisten. Er ist der jüngere Bruder eines 
Schotten, des immens reichen Parlaments-Mitgliedes A. Balfour und 
Neffe eines sehr bedeutenden Edelmanns, des Marquis von Salisbury» 
Er selbst besitzt ein schönes Vermögen, so dass er seine ganze Zeit 
der Biologie widmen kann. Er ist sehr bescheiden und sehr ange- 
nehm, besucht uns hier oft und wir lieben ihn sehr "' 

Fritz Müller hatte damals den interessanten Fall einer schö- 
nen, zu den Pontederiaceen gehörigen Wasserpflanze, der trimorphea 
Eichhornia crassipes beobachtet, die sich, obwohl nur in einem 
Exemplar der mittelgriffligen Form eingeführt, im Itajahy-Moss 
bald dennassen verbreitete, dass sie, unter Yerdrängung der vor- 
handenen £i'cMornta- Arten, prachtvoll blühende, schimmernde 
Wiesen längs der Ufer bildete. Ihre Samen werden von den sich 
niederbiegenden Frnchtkapseln in den Schlamm gesät, keimen 
aber, wie es scheint, nicht eher, als bis sie einmal trocken gewesea 
sind, was wahrscheinhch die Yerbreitong der Samen durch Sumpf- 
vögel erleichtert.*'*') Auf diese Darwin mitgeteilten Einzelheiten 
bezieht sich die Fortsetzung des obigen Briefes: 

„Ihr Pontederiaceen-Fall ist sehr merkwürdig: Was für ein schönes 
Beispiel von Verdrängung einer Art durch die andere (selbst unter dem 
anscheinenden Nachteil, dass bloss die mittelgrifHige Form eingeführt 
war) würde das für mich gewesen sein, als ich den „Ursprung der 
Arten^^ schrieb Ich habe über die Wirkungen des Am- 
moniumkarbonats auf die Wurzeln weiter gearbeitet; das Hauptergeb- 
nis war, dass bei gewissen Pflanzen die Wurzelzellen, obgleich sie in 
frischen, dünnen Schnitten dem Anschein nach durchaus nicht von einander 
verschieden sind, sich dennoch in der Natur ihres Inhalts bedeutend 
verschieden erweisen, wenn sie für einige Stunden in eine schwache 
Auflösung von Ammonium-Karbonat getaucht werden^. (Am Rande des 
Briefes:) „Wie ich mich erinnere, riet ich Ihnen einst, ein „Journal 
eines Naturforschers in Brasilien^ oder ein Werk unter einem der- 



*) Der zu so grossen Hoffnongen berechtigende junge Naturforscher ver- 
unglückte leider schon am 19. Juli desselben Jahres bei dem Versuche, einen 
Gipfel der Montblanc-Kette zu ersteigen. £ine seinen Namen tragende Stif- 
tung wirkt über seinen Tod hinaus in seinem Sinne weiter. 

**) Vergl. Frite Müller im „Kosmos«« Band XII., Seite 297 (1883). 



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^ 201 - 

artigen Titel zu schreiben und in demselben eine Zosammenstellang 
Ihrer zahllosen nnd höchst interessanten Beobachtungen zu geben; ich 
wtUischte, dass meine Anregung Frucht tragen möchte/' 

Es wäre in der That höchlichst za wünschen, dass Fritz 
Müller diese letzten Worte, welche Darwin an ihn gerichtet, 
beherzigen möchte, denn seine Beobachtungen sind derartig in 
deutschen, englischen und portugiesischen Journalen zerstreut und 
vielfach sogar nur in Briefen niedergelegt worden, dass nur wenige 
Menschen eine Ahnung davon haben, wie unendlich viele und wich-» 
tige Beobachtungen dieser „deutsche Naturforscher der Brasiliani- 
schen Kegierung" auf den verschiedensten Gebieten der Natur- 
wissenschaft zu Tage gefördert hat. D arwin legte seine letzterwähn- 
ten Beobachtungen der Linne'schen Gesellschaft in London vor, wo- 
selbst sie am 16. März 1 882 gelesen wurden, und veröffentlichte dann 
noch in der Nummer der „iVaiwre*^ vom 6. April eine kleine Notiz 
über die Verbreitung von Süsswassermuscheln, und dies waren die 
beiden letzten Arbeiten, die wir seiner rastlosen Arbeitslust verdanken. 

Schon seit mehreren Monaten hatten seine Kräfte damals sehr 
abgenommen, und er arbeitete nur noch mit Anstrengung. Ins- 
besondere machte sich eine Schwäche des Herzens bemerkbar, so 
dass ihm die Ärzte das Treppensteigen untersagen mussten, doch 
konnte er bis etwa vierzehn Tage vor seinem Tode noch in der 
Umgebung seiner Wohnung umhergehen und selbst kleine Be- 
obachtungen anstellen. Dann wurde ihm das Gehen schwerer, er 
musste einen Lehnsessel benützen und lag häufiger als sonst auf 
seinem Sopha ausgestreckt. Häufige Ohnmachts-Anfälle und ein 
öfter wiederkehrender, nicht heftiger, aber beängstigender Schmerz 
in der Brust Hessen Gefahr befürchten, indessen konnte er selbst noch 
am Tage vor seinem Tode seine botanischen Beobachtungen fort- 
setzen. In der Nacht zum 19. April erwachte er mit starken 
Brustschmerzen und verlor für einige Zeit das Bewusstsein, jedoch 
kehrte dies, nachdem der Arzt einige belebende Mittel angewendet, 
wieder, und er blieb, trotz der äussersten Schwäche, die ihn* be- 
fallen hatte, bei vollem Bewusstsein bis etwa eine Viertelstunde 
vor seinem Tode. Gegen vier Uhr nachmittags am Mittwoch, den 
19. April 1882, hatte das Herz des grossen Forschers zu schlagen 
aufgehört. Seine Gattin, seine beiden Töchter und sein Sohn Francis, 
der ihn seit Jahren in seinen Arbeiten unterstützt hatte, befanden 
sich an seinem Sterbebette. 



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— 202 — 



XL PerBönllches. 

Am Schlüsse unserer fast ausschliesslich den wissenschaftlichen 
Leistungen und ihrer Aufoahme seitens der Zeitgenossen gewid- 
meten Darstellung bleibt uns die Pflicht, einiges über Darwins 
Persönlichkeit, Charakter, Lebensweise, Häuslichkeit und Grewohn- 
heiten hinzuzufügen. Seine hohe, breitschultrige Gestalt, die selbst 
in vorgerückteren Jahren noch wenig gebeugt war, liess kaum ahnen, 
dass er eigentlich seit der Rückkehr von seiner grossen Eeise ein 
kranker Mann gewesen, der nur durch eine höchst vorsichtige 
Lebensweise zu den Jahren gelangen konnte, die er zum Segen 
für die Wissenschaft erreicht hat. Seinem Antlitz gab die mächtig 
vorspringende, breite Denkerstirn, die im Alter von schneeweissem 
Haar umrahmt wurde, und der lange volle weisse Bart etwas von 
dem Typus der altgriechischen Philosophen, wie er in zahlreichen 
antiken Büsten erhalten ist 

In den nach Photographien hergestellten Porträts, von denen 
diesem Buche zwei beigegeben sind — eines aus dem Alter, in 
welchem er die Entstehung der Arten schrieb, das andere nach 
der letzten Aufiiahme — erscheint der Gesichtsausdruck, wegen der 
unter den starken Brauen im tiefen Schatten liegenden Augen, im 
allgemeinen etwas zu düster. Alle, die das Glück gehabt haben, 
ihn persönlich kennen zu lernen, waren, wenn sie bloss derartige 
Bilder gesehen hatten, überrascht von dem ungemein wohlwollen- 
den Ausdruck der freundlichen, fast in jugendlichem Feuer strah- 
lenden hellblauen Augen, welche den Ernst der übrigen Züge mit 
einem Schimmer von Güte und Milde überstrahlten, der den ihm 
fremd gegenübertretenden Personen sofort alle Befangenheit nahm. 
Die einfache Herzlichkeit seines Entgegenkommens und seine be- 
hagliche, oft launige Unterhaltung gewannen ihm alsbald alle 
Herzen, weshalb auch die Kinder aus der Ortschaft, denen er auf 
seinen Spaziergängen begegnete, ein grosses Zutrauen zu ihm hatten. 
Wenn er sprach, belebten sich die Züge ungemein, aber wenn er 
zuhörte, kehrte ein Zug des Leidens in das Antlitz zurück, der in 



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— 203 — 

seinen spätem Jahren die imponierende Ehrwfirdigkeit seines An- 
blicks noch steigerte. Ein schönes Bild von J. Collier ans seinen 
späteren Lebensjahren, nach welchem der belgische Stecher Leopold 
Fl am eng eine gnte Badiemng geliefert hat, wird als das beste 
Ton ihm existierende Bildnis gerahmt. 

Das Wohnhans mit seinen mannigfachen Anbauten, von 
schönen Bäumen und grünen Basenplätzen umgeben, macht, wie 
es sich in unserem Bilde darstellt, den Eindruck eines behaglichen 
englischen Landhauses und bot nicht selten den Charakter eines 
besetzten Hotels dar, weil die Hausfrau die Pflichten der Gast- 
freundschaft im ausgedehntesten Masse übte, und die Gelegenheit, 
einige Stunden oder Tage in der Nähe des grossen Mannes zu 
verbringen, nicht bloss von seinen wissenschaftlichen Freunden in 
England, sondern auch von seiuen Yerehrem aus der gesamten 
übrigen Welt, sobald sie nach London kamen, ausgiebig benutzt 
wurde, wobei dann die Besucher der Entfernung wegen häufig über 
Nacht blieben. Das Fuhrwerk des Hauses war sehr viel unterwegs, 
um die erwarteten Gäste von der nächsten Bahnstation abzuholen 
und wieder hinzubringen, denn «©arwin und seine Gattin waren 
unermüdlich in Einladungen, die Besuche zu wiederholen. 

In dem Gastzimmer erinnerte ein schöner Erardscher Flügel 
daran, dass in diesem Hause die Musik seit jeher eine eifrige 
Pflege gefunden, und wer die Noten umblätterte, konnte bemerken, 
dass die deutsche Musik hier besonders bevorzugt wurde. Es ver- 
steht sich von selbst, dass auch das grosse, im Erdgeschosse be- 
findliche Bibliothekszimmer, in welchem Darwin zu arbeiten pflegte, 
einen grossen Reichtum deutscher Werke in seinen Bücherreihen 
enthielt. Aus dem Speisezimmer tritt man durch eine offene 
Veranda in den Garten, der allmählich in einen Wildpark und Wald 
übergeht, mit Wiesen, die sich einen sanften Abhang herunter- 
ziehen. In dem Garten befindet sich ein geräumiges Glashaus, in 
welchem Darwin unzählige Beobachtungen gemacht hat. Alphonse 
De Candolle, welcher Darwin 1879 besuchte, und ihn damals 
wohler aussehend fand, als vierzig Jahre vorher, war sehr erstaunt, 
dieses Glashaus bis auf eine einzige Weinrebe leer zu finden; es 
war, nach Beendigung der Arbeiten über die insektenfressenden 
Pflanzen und die Kreuzbefruchtung, Baum für neue Versuchs- 
objekte geschaffen, und der berühmte Botaniker fand, dass nicht 



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— 204 — 

jeder Naturforscher Paläste mit grossartigen Laboratorien und allen 
,3ilf8mitteln der Neuzeit« nötig hat, um unvergängliche Arbeiten 
zu leisten. *) 

Hinsichtlich der grossen Einfachheit seiner Lebensweise wird 
erzählt, dass er sich des Morgens gegen sechs Uhr zu erheben 
pflegte, ein kaltes Bad nahm und einen Spaziergang in seinem 
Garten oder über die Felder machte, bevor er gegen acht XJhr sein 
frugales Frühstück einnahm. Dann kamen zunächst die Briefe 
an die Reihe, welche mit bewunderungswürdiger Pünktlichkeit be- 
antwortet wurden. Den übrigen Teil des Tages fällten seine Be- 
obachtungen, Versuche und Niederschriften. Des Abends kam er 
ins Gesellschaftszimmer und nahm an der Unterhaltung teil oder 
las, um den Geist zu entlasten, belletristische Werke, worauf er 
sich sehr früh zurückzog. Nur höchst selten verliess er das Haus, 
um an einer Gesellschaft teilzunehmen oder in London eine 
wissenschaftliche Versammlung zu besuchen, und nur auf ent^ 
schiedenen Wunsch des Hausarztes konnte er sich entschliessen, 
in der schönen Jahreszeit far längere Zeit sein Landhaus zu ver- 
lassen und einen längeren Aufenthalt an der Küste oder in den 
gebirgigen Teilen Englands zu nehmen. 

Auch in geistiger Beziehung sah sich Darwin zu einer sehr 
vorsichtigen Diät und Enthaltsamkeit genötigt, und sein körperliches 
Befinden zwang ihn zeitweise, mit fortwährenden Unterbrechungen, 
m ganz kleinen Absätzen, zu arbeiten. Nur die gewissenhafteste 
Ausnutzung aller guten Stunden konnte ihn trotz alledem in den 
Stand setzen, jene imposante Beihe von Werken zu schafiTen, die, 
ganz abgesehen von den darin aufgestellten kühnen Hypothesen 
und weltbewegenden Ideen, bloss auf die darin niedergelegte Arbeit 
hin betrachtet, einem kerngesunden Forscher Ehre machen würden. 
Denn man braucht nur eines dieser Werke aufzuschlagen, um zu 
erkennen, dass zu ihrer Abfassung noch eine ganz andere Arbeit 
gehörte, als die blosse, besonnene Niederschrift: eine wahre Un- 
endlichkeit von Studien, Beobachtungen, Erkundigungen, Abwäg- 
ungen widersprechender Thatsachen u. s. w. drängt sich in ihnen 
auf kleinstem Baum zusammen. Die Beherrschung des Thatsachen- 



*) Alphonse De CandoUe, Darwin considere au point de vue des causes de 
ton »uccea et de Pimportance de ses travaux, Oeneve 1882. pag, 30. 



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— 206 — 

Beichtoms, von der alle Schrifen Darwins Zeugnis ablegen, konnte 
nur durch eine dementeprechende Arbeitsmethode erreicht werdeiu 
Alle einen besondem Gegenstand betreffenden Beobachtungen, No- 
tizen, Aufsitze, Nachweisnngen q. s. w. worden auf besondere 
Blätter geschrieben nnd mit den einschlaglichen Korrespondenzen 
vereinigt, so dass das wachsende Material stets beisammen war. 

• Eine grosse Anzahl unserer wissenschaftlichen Arbeiter wtbrden, 
glaube ich, schon vor der ungeheuren^ mit den Jahren immer 
zunehmenden Korrespondenz allein zurückschrecken, welche Dar- 
win mit der erstaunlichsten Sorgfalt und Pünktlichkeit fahrte. Er 
besass, wie Alexander von Humboldt, jene Höflichkeit des Herzens, 
keinen Brief, aus dem noch ein Funken von besserem Sinn hervor- 
leuchtete und der nicht etwa bloss Schmähungen enthielt, unbe- 
antwortet in den Papierkorb zu werfen und erteilte mit uner- 
schöpflicher Geduld und Nachsicht selbst lästigen Briefschreibem, 
die oft nur aus persönlicher Eitelkeit an ihn schrieben, um nach- 
her mit seinen Briefen zu prahlen und sie zu veröfientlichen, auf 
ihre — ach wie oft! — überflussigen Anfragen Auskunft. Wir 
haben Beispiele,, dass er auf briefliches Ansuchen selbst solche 
Fn^n beantwortet hat: „Ob die Menschheit nicht im Wege 
weiterer Anpassung durch die Zuchtwahl (!) ünsterbUchkeit erringen 
könne?" „Wie weit sein Glaube an die Ofienbarung gehe?' 
„Ob er nicht den genauen Zeitpunkt angeben wolle, wann die 
Descendenz -Theorie zuerst in seinem Geiste aufgetaucht sei?" — 
als ob solche seit langen Jahrzehnten aufgeworfene Fragen mit 
einem Male in einem Geiste, der das Für und Wider sorgfaltig 
erwägt, entschieden bejaht würden und ausreiften! 

Welch ein Schauspiel für die Welt, die sich so gern in Nichts- 
thun und Wohlleben wiegt, diesen mit Glücksgütem reichlich ge- 
segneten Forscher zu betrachten, der seinem kränklichen Körper 
gleichwohl keine Buhe gönnte, sondern seine Bürde auf sich nahm, 
Tag fOr Tag angestrengt arbeitete, Beobachtungen anstellte, Notizen 
niederschrieb und einen unendlichen Briefwechsel unterhielt, nicht 
allein um selbst Auskunft zu erhalten, sondern aach Mitstrebende 
mit Material zu versehen und sie zu Beobachtungen in ihrer 
Sphäre anzuregen. So zum Beispiel beforderte er, um einen Fall 
aus eigner Erfahrung anzuführen, im Sommer 1877 meine Wider- 
legung der in Deutschland durch Geiger und Magnus ausge- 



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— 206 — 

banken Theime von der sogenannten histoiuiehen „BntwieUoi^ des 
Fariiensinns'* beim Menschen gleich neuA ihrer YerofifoBtüchniig 
im ,»Eosmo8''*) an den intdlektnellen Urheber derselben, den 
Minister Gladstone, mir dagegen sandte er, obw(riil er meine 
Anflösnng der Schwierigkeit für dnrchans zutreffend hielt, einige 
scheinbar dagegen sprech^ide Beobachtungen ans seiner eigenen 
Erfahrung, damit, so weit es an ihm lag, ja beide Teile, Freund 
und Oegner der Theorie, ans der Diskossion zum Vorteile der 
Eidlichen Ermittelung des Sachbestandes den möglichsten Yorteil 
ziehen könnten« Überhaupt war er stets ber^t, fremde Forscher, 
die ihm auf gutem Wege zu sein schienen, unaufgefordert zu f&r- 
dem, und mancher, der aus Furcht, ihn in seinen Arbeiten m 
stören, sich niemals an ihn gewendet hatte, wurde durch einen 
unerwarteten, aus der lebhaftesten Anteilnahme an fremde Arbeiten 
hervorgerufenen Brief Darwins gelegentlich überrascht. 

Nächst dieser nie ermattenden Lust an der Arbeit, wie wir 
sie- nur bei den erwähltesten Geistern antreffen, war jedenfalls die 
Au s d au e r , mit welcher Darwin einmal in Angriff genommene Prol^ 
leme verfolgte, eine der hervorragendsten Eigentümlichkeiten seines 
Charakters. Sie hing zusanmien mit jener andern ausserordentüdien 
l^enschaftderwissenschaftlichen Vorsicht, die uns kaum in 
der Wirksamkeit emes andern, auf dem Gebiete der Hjrpothesen ar- 
beitenden Forschers so vollentwickelt entgegengetreten ist, wie bei 
ihm. Dadurch vor all^n hat er seine neura Aufstellungen so 
siegreich und unüberwindlich gemacht, dass er sie meist lange 
Jahre im Geiste umhertrug, nach allen Richtungen hin und h^ 
wendete, sich selbst im voraus alle die Einwürfe machte, die ilnai 
andere machen konnten, und sie entweder entkräftete oder 
selbst gebührend hervorhob. In unserem nervösen Zeitalter, wo 
jeder Beobachter zu fürchten scheint, ein anderer könne ihm noch 
zuvorkommen, wo man fast in allen Fächern besondere Journale 
für „vorläufige Mitteilungen^^ begründet hat, durch die man, frisch 
vom Backofen aus, schon das halbfertige Gebäck sofort in die 
Welt sendet, erschien diese Zurückhaltung wahrhaft phänomenal; 
wir haben an mehr als einem Beispiel gesehen, dass er dieses 
Aufschieben der Veröffentlichung mitunter fast übertrieb und k^e 



•) Bd. I. (1877) S. 264—275. 



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— 207 — 

XJiirah^ aeigte, wenn d«r Verleger das fertig gedmckte Werk nodi 
eia Yiertaljahr liegen liess, weil der Zätpunkt der Yeroffent- 
lichung nicht günstig schien. Hatte er aber das Material wohlüberlegt 
und trefflich dorchdaebt beisammen, so bradtte er es in grosser 
Schnelligkeit zu Papier und merzte die von der Flüchtigkeit der 
Niederschrift herrührenden Stilmängel erst bei der Wiederdurchsicht 
oder in den Druckbogen ans. Selbst das jetzt in den Händen von 
G. J. Bomanes befindliche Manuskriptder JBntstehnng der Arten'* 
ist ebenso flüchtig wie seine Briefe hingeworfen. 

Andererseits hielt er niemals die Akten für geschlossen, wenn 
sein Buch erschienen war, sondern beachtete aUe Einwürfe und 
Kritiken, die ihm berechtigt erschienen, stellte nnermüdlich neue 
Beobachtungen an und sammelte Thatsachen, die geeignet waren, 
licht auf die streitigen Punkte zu werfen. Wir haben dies oben 
namentlich hinsichtlich seiner Arbeiten über die Thätigkeit der 
Begenwürmer bewundem könne», und ebenso betraf seine letzte, 
der Öffentlichkeit übergebene Notiz eine Frage, welche er bereits 
in der ersten Ausgabe seiner „Entstehung der Arten*^ ganz in 
demselben Sinne behandelt hatte, nämlich die weite YerbreituDg 
der Süsswasser - Mollusken durch Sumpfv^ögel und andere im 
seichten Wasser lebende Tiere. Neben seiner seltenen Beobach- 
tungsgabe, seinem Scharfsinn und seiner Vorsicht hat diese Un- 
ermüdUcbkeit im Sammeln von Thatsachen, im Vergleichen und 
Kombinieren derselben wohl das meiste zum soliden Aufbau seines 
gvossen Werkes beigetragen. 

Zur Annahme desselben, zur Entwaffnung seiner unzähligen 
Gegner halfen dann andere, ebenso bewunderungswürdige Eigen- 
schaften seines Charakters , von denen wir zunächst seine auseef- 
ordientliche Einfachheit, Offenheit und Bescheidenheit hervorheben 
müssen. Die ungemeine Einfachheit seiner Formen ist wohl allen 
aufgefallen, die schriftlich oder mündlich mit ihm verkehrt oder 
ihn auch nur aus seinen Schriften kennen gelernt haben. Diese 
natürliche, durchaus ungesuchte Einfachheit ging so weit, dass er 
in seiner Sprache, wie in seinen Briefen alle „Kunst" vermied, 
und jeder, der mit ihm länger korrespondiert hat, wird sich gewisser 
einfacher Wendungen erinnern, die er unbekümmert wegen ihrer 
Einförmigkeit immer wieder gebrauchte, weil er eben jeden über 
die allgemeineren Höflichkeitswendungen hinausgehenden Schmuck 



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— 208 — 

seiner Worte verschmähte. Ebenso wird man in seinen sämtlicli^i 
Werken vergeblich nach dem Pmnk hochtönender Bedensarten 
nnd schön klingender Phrasen suchen. 

Seine Bescheidenheit den eigenen Leistungen gegenüber ging 
so weit, dass sie übertrieben erscheinen würde, wenn sie nicht in 
vollster Harmonie mit seinen sonstigen Gharaktereigentümlichkeiten 
stünde. So fest er seinen durch langes Nachdenken gewonnenen 
Überzeugungen anhing, so hat er doch niemals einem andern 
gegenüber zugegeben, dass sein epochemachendes Werk eine 
aussergewöhnliche Leistung sei. Seinen Korrespondenten gegen- 
über, die sich naturgemäss häufig, zum Beispiel bei Ersehenen 
eines neuen Werkes, gedrungen fühlten, ihm ihre Bewunderung 
auszusprechen, konnte er nicht müde werden zu versichern, dass 
sie sein Werk weit überschätzten. Die Bedaktionen naturwissen- 
schaftlicher Journale, welche selbstverständlich sehr begierig waren, 
gelegentlich von ihm einen kleinen Beitrag zu erhalten, bat er bei 
Mitteilung eines ihm der Veröffentlichung wert erscheinenden 
Einzelfalles stets, vorher zu prüfen, ob die Notiz auch wohl der 
Aufuahme würdig und nicht zu unbedeutend sei, wie ihm fast 
erscheinen wolle. 

Mit dieser Bescheidenheit hinsichtlich der eigenen Leistui^en 
paarte sich bei Darwin die neidloseste Bewunderung derjenigen 
anderer Personen. So hat er sich mehrmals in seinen Schriften voll 
der höchsten Anerkennung über den Scharfsinn seines speziellen 
Mitbewerbers Wallace und dessen hervorragende Beföhigung, 
Naturrätsel aufzulösen, ausgesprochen, und wir haben gesehen, 
dass er diesem sogar die Ehre der ersten Veröffentlichung der von 
ihm schon seit langen Jahren gemachten Erkenntnis von der 
Bedeutung der Naturauslese überlassen wollte. Dabei darf nicht 
übersehen werden, dass Wallace gelegentlich die darwinschen 
Aufstellungen, z. B. in Betreff der geschlechtlichen Zuchtwahl, 
ziemlich scharf angriff und in gereiztem Tone kritisierte. Im be- 
sondem zollte er den Arbeiten deutscher Forscher die höchste 
Anerkennung und da diese Bewunderung voll erwidert wurde, so 
hat ihn seit frühen Jahren ein sympathisches Band mit dem deut- 
schen Geisteslebtti verbunden. Nichts hat Darwin häufiger und 
schmerzlicher beklagt, als dass es ihm so schwer wurde, deutsche 
Werke zu lesen, immer wieder schrieb er im Tone des auMch- 



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— 209 — 

tigsten Bodauems: „I am a very poor German scholar^^ und ar- 
beitete sich dennoch, y,at a snails pace'^, durch umfangreiche 
Werke hindurch, wenn sie ihn interessierten. Für die wissenschaft- 
lichen Leistungen Deutschlands war er stets des wärmsten Lobes 
voll. Wer erinnert sich hierbei nicht jener charakteristischen 
Worte über Haeckels Schöpfungsgeschichte, die er in der Ein- 
leitung seines Buches über die „Abstammung des Menschen'^ 
schrieb: „Wäre dieses Buch erschienen, ehe meine Arbeit nieder- 
geschrieben war, würde ich sie wahrscheinlich nie zu Ende geführt 
haben; fast alle die Folgerungen, zu denen ich gekommen bin, 
finde ich durch diesen Forscher bestätigt, dessen Kenntnisse in 
vielen Punkten viel reicher sind als meine." Aber es ist über- 
flüssig, solche Fälle besonders aufeuführen, denn man braucht 
nur Darwins Werke zu durchblättern, um seine freudige Aner- 
kennung jedes fremden Verdienstes und seine Wertschätzung der 
deutschen naturwissenschaftlichen Litteratur an zahllosen Orten 
ausgedrückt zu finden. 

So angestrengt Darwin sein ganzes Leben lang gearbeitet 
hat, ohne von einem anderen Antrieb, als dem der Erkenntnis- 
begierde, dazu angestachelt zu werden, so verriet er doch stets 
eine ausgesprochene Neigung, die Arbeiten anderer Naturforscher 
für viel mühevoller und ausgedehnter zu halten« als die seinigen 
und letztere zu ermahnen, ihre Kräfte zu schonen und Mass zu 
halten. So schrieb er am 20. Januar 1873 an Haeckel, als ihm 
dieser sein mit vielen sorgsam ausgeführten Tafeln ausgestattetes 
Werk über die „Kalkschwämme" gesandt hatte: 

„Mein lieber Haeckel! Ich empfing vor ungefähr zehn Tagen 
Ihr prachtvolles Werk und bin anMchtig erstaunt über die Snmme 
der Arbeit, die es Ihnen gekostet haben ronss. Die schönen Illustra- 
tionen müssen, wie ich mir denke, allein Monate auf Monate harter 
Arbeit erfordert haben. Ich habe mit grossem Interesse die Teile, 
welche Sie angestrichen haben, wie auch einige andere durchgelesen. 
Alles was ich gelesen habe, ist äusserst reich an philosophischen Dis- 
kussionen über viele Punkte. Ich wünsche Ihnen zu der Vollendung 
dieses grossen Unternehmens herzlich Glück und zweifle nicht, dass es 
bei denjenigen (ach! in diesem Lande an Zahl wenigen) Naturforschem, 
die imstande sind, es zu schätzen, Beachtung finden wird. Sie sind 
ein wunderbarer Mann, aber nun erweisen Sie sich auch als ein 
weiser Mann, indem Sie sich einige Kühe gönnen! Ihr bewundernder 
Freund Charles Darwin." 

Kraus«, Gb. Darwin. 14 



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— 210 — 

Sechs Jahre später, als Haeekel mit der Bearbeitung der auf 
der Challenger-Expedition gefangenen Badiolarien ein ungehenres 
Arbeitsmaterial abemonunen hatte, schrieb Darwin: ,,Um8 
Himmelswillen überbürden Sie Ihr Gehirn nicht, nnd denken Sie 
stets daran, was für ein zartes Organ es ist^* 

Neben dieser warmen Teilnahme nnd herzlichen Freude an 
den Erfolgen der Mitstrebenden, deren Arbeiten er, wo er nur 
irgend wusste und konnte, zu fordern suchte, stand seine ruhige, 
leidenschaftslose, ofk von innigster Hochachtung getragene Wür- 
digung des Gregners, und diese seltenste aller Charaktervollkommen- 
heiten hat sicherlich mehr als irgend ein anderer Umstand dazu 
beigetragen, die heftige Opposition, welche sich gegen ihn erhob, 
zum Schweigen zu bringen. Wenige Männer der Wissenschaft sind 
wohl in ihrem Leben so heftig, auch persönlich, angegriffen worden, 
wie Darwin, aber mit der Zeit hat er alle seine mit unsachlichen 
Gründen kämpfenden Gegner entwafifnet. Seine höchst nachahmens- 
werte Praxis bestand darin, Schmähschriften, die ihm als solche 
angekündigt waren, gar nicht zu öffiien, den Gründen mit That- 
sachen und logischen Argumenten kämpfender Gegner desto auf- 
merksamer zuzuhören, sie in seinen Werken mit grösster Auszeich- 
nung zu nennen und ihnen seine Gründe entgegen zu halten. Be- 
nahm sich aber jemand seinen Schriften gegenüber anmassend, so 
war er wohl imstande, ihn mit feiner Ironie ad absurdum zu fah- 
ren, wie dies z. B. Wyville Thomson gegenüber geschah, als der- 
selbe in dem grossen Werke über die Ghallenger - Expedition eine 
unberechtigte Kritik der Darwinschen Theorie vorbrachte. 

,Jch bin betrübt, zu finden^S schrieb Darwin am 5. November 
1880 an den Herausgeber der .Naturen, „dass Sir Wyville Thomson 
das Princip der Natnranslese, wie es dnrch Herrn Wallace und mich 
43elbst dargelegt ist, nicht begreift. Wenn er es verstanden hätte, 
würde er das nachfolgende Urteil in der Einleitung znr Challenger- 
Heise nicht haben niederschreiben können: ,Der Charakter der Tief- 
see-Fauna weigert sich, der Theorie, welche die Entwicklung der Arten 
allein dem dnrch natürliche Auslese geleiteten änssersten Variations- 
vermögen zuschreibt, die geringste Stütze zu leihen/ Dies ist ein 
von Theologen oder Metaphysikern, wenn sie über wissenschaftliche 
Gegenstände schreiben, nicht selten erreichtes Masterstück von Kritik, 
aber für einen Naturforscher ist es einigermassen neu. Prof. Huxlej 
hat schon in der letzten Nummer der ^Nature*' Anstoss daran ge- 
nommen, aber er ist nicht auf den Ausdruck ,äuss erste Variation^ 




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- 211 — 

imd anf den ,der allein dorch Natnranslese geleiteten Evolntion^ 
eingegangen. Kann Sir Wyyille Thomson jemand namhaft machen, 
der gesagt hat, dass die Entwicklung der Arten nur von der natür- 
lichen Auslese abhänge? So weit es mich angeht, glaube ich, dass 
niemand so zahlreiche Beobachtungen über die Wirkungen des öe- 
branchs und Nichtgebrauchs der Teile ans Licht gebracht hat, wie ich 
es in meinem Buche über das ,yariieren der Tiere und Pflanzen im 
Zustande der Domestikation^ gethan habe; und diese Beobachtungen 
wurden für diesen speciellen Gegenstand angestellt. Ich habe gleich- 
falls dort einen beträchtlichen Thatsachenbestand zusammengetragen, 
der die direkte Einwirkung äusserer Bedingungen zeigt, obwohl ohne 
Zweifel seit dem Erscheinen meiner Bücher viel in dieser Richtung 
gelernt worden ist. Wenn Sir Wyville Thomson dem Hofe eines 
Züchters einen Besuch machte und all sein Rindvieh oder seine Schafe 
absolut echt (true) d. h. nahezu gleichartig sähe, würde er ausrufen: 
,Herr, ich sehe hier keine extreme Variation, noch vermag ich irgend 
eine Stütze ftir den Glauben zu finden, dass Sie in der Zucht Ihrer 
Tiere dem Princip der Auslese gefolgt sind.^ Von dem was ich früher 
Ton Züchtern sah, zweifle ich nicht daran, dass der so getadelte Mann 
gelächelt und nicht ein Wort gesagt haben würde. Wenn er die Ge- 
schichte später andern Züchtern erzählt hätte, so fürchte ich sehr stark, 
dass sie eine nachdrückliche, aber unehrerbietige Sprache über Natur- 
forscher gebraucht haben würden.^' Gh. Darwin. 

Diese ironische Ejritik ist aber eine Art Unikum, denn solchen 
Personen gegenüber, die sie verdienten, pflegte er meistens wie die 
von ihm erwähnten Züchter zu verfahren. Als Butlers oben- 
erwähnter, masslos heftiger Angriff erschienen war, teilte er dem 
Schreiber dieser Zeilen mit, dass er das betreffende Buch nicht 
lesen wolle, und als diese höchst frivolen Angriffe in den englischen 
Zeitschriften mit einer Beharrlichkeit, die einer bessern Sache 
würdig gewesen wäre, fortgesetzt wurden, fuhr er fort, in den zahl- 
reichen Briefen, die er über diese Angelegenheit an mich ge- 
schrieben hat, über den Mann zu scherzen; nicht ein einziges Mal 
brauchte er ein geringschätzendes Wort, und das Höchste war, 
dass er ihn unskrupulös nannte und mir mitteilte, eine Dame, die 
ihn persönlich kenne, habe ihm gesagt, es sei wohl nur ein äusserster 
Grad von Eitelkeit bei ihm, er wolle sich eben um jeden Preis einen 
Namen machen! 

Während er in dieser Weise seinen Gegnern die ihnen ge- 
bührende Achtung zollte, widmete er seinen wissenschaftlichen 
Freunden, trotz ihrer grossen Zahl, eine Hingebung, wie sie in ähn- 

14* 



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— 212 — 

liehen Yerhältiiissen sicher nicht häufig yorkommt. Ich denke kmt 
Indiskretion zu begehen, wenn ich hier ein paar solcher Falle an- 
deute, die sich auf deutsche Forscher beziehen und die nur da- 
durch zu meiner Kenntnis gekommen sind, weil dieselben mich zum 
Teil mitbetrafen. Ich habe unter andern ein paar Briefe Dar- 
wins im Originale gelesen, die er an einen auf Grund heftiger, 
(von ultramontaner Seite ins Leben gesetzter) Verleumdungen 
in seiner amtlichen Stellung geißhrdeten Mitforscher in Deutsch- 
land richtete. Der eine derselben ist auf das erste, dunkle, 
zu ihm gedrungene Gerücht hin abgesandt und beschwört den 
vor dem ganzen Lande auf das heftigste Angegriffenen, ihm 
etwas Näheres zu schreiben, sobald er nur einen Augenblick Zeit 
dazu ^finden könne, da er über das Vernommene in tiefster Be- 
sorgnis sei. Hierbei ist ein besonderer Umstand in der Unter- 
schrift charakteristisch. Darwin pflegte sonst seine Briefe 
an wissenschaftliche Freunde ^,yours very sincerely^' oder „trtUy^^ 
oder jfaithfully Giarles Darwin'^ zu unterzeichnen, diesmal abet 
unterzeichnete er ausnahmsweise ,,your friend and admirer^^ als 
wollte er damit sagen, „sollte die Sache wirklich so schlinmi 
ausfallen, wie sie aussieht, so wissen Sie, wo Ihnen ein aufrich- 
tiger Freund lebf *. Auf die beruhigende Auskunft hin antwortet 
er sofort: „/ write only to thank you much for relieving me from 
my anxiety,^ 

Dass solche Äusserungen aber nicht blosse Phrasen waren, 
sondern dass er wirklich im gegebenen Falle sofort zur Hand war, 
um seinen Freunden beizustehen, zeigt ein anderes Beispiel, welches 
zugleich eine Probe von seinem äussersten Zartsinn ablegt und 
deshalb mitgeteilt zu werden verdient. Gegen Ende des September 
1880 war die deutsche Kolonie Blumenau in Brasilien, wie schon 
früher einmal, von einer heftigen Überschwemmung des Itajahy 
heimgesucht worden, und auch der seit längeren Jahren daselbst 
lebende Freund Darwins, Dr. Fritz Müller, hatte nur mit 
knapper Not sich und die Seinigen aus der plötzlich hereinbrechen- 
den Flut retten können. Da ich von der unglücklichen Katastrophe 
eine frühe Mitteilung erhielt und wusste, wie sehr Darwin den 
Genannten schätzte, so beeilte ich mich, ihn sogleich von der glück- 
lichen Errettung desselben und seiner Familie in Kenntnis zu setzen, 
damit er von den Kachrichten, die soeben durch aUe Zeitungen 




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~ 213 — 

gingen, nicht in nnnütze Sorge über das Schicksal seines Freundes 
▼ersetzt werden sollte. Die Antwort auf diese Mitteilung war ein 
am Morgen des Empfangtages an Dr. Hermann Muller in Lipp- 
stadt gerichteter Brief, aus welchem ich das Folgende wörtlich 
mitteile: 

„ . . . . Wt derselben Post erhielt ich auch einen Brief Yon Dr. 
Ernst*), welcher mir von der schrecklichen Gefahr bei einer Über- 
sehwemmnng erzählt, ans der Ihr bewnnderangswürdiger Bruder Fritz 
knapp sein Leben rettete. Ich freue mich, dass niemand aus seiner 
Familie verloren ging. Hat er viel von seinen Büchern, Mikroskopen, 
Instrumenten und anderem Eigentum verloren? Sollte er in dieser 
Beziehung gelitten haben, so könnte mir nichts grössere Freude be- 
reiten, als die Erlaubnis, ihm fünfzig oder hundert £ senden zu dürfen. 
Glauben Sie, dass er mir gestatten würde, dies zu thun? Die Summe 
würde einzig im Interesse der Wissenschaft gesandt werden, damit die 
Wissenschaft niclit unter seinem Eigentumsverlust zu leiden hätte. Ich 
bitte, haben Sie die grosse Freundlichkeit, mir bald zu raten. Nichts 
würde mir schmerzlicher sein, als Ihren Bmder zu beleidigen, und 
nichts würde mich mehr befriedigen, als imstande zu sein, ihm nach 
irgend einer Richtung in leichter Weise {sUghtly) beizustehen. Bitte 
lassen Sie mich baldig wissen.^' ^ 

Glucklicherweise war der Verlust des deutschen Naturforschers 
an beweglicher und unbeweglicher Habe nicht so bedeutend, um 
die in so zartfählender Form angebotene Beihülfe in Anspruch zu 
nehmen, sonst würde Fritz Müller, die mehrfach wiederholte und 
dringende Bitte, ihm helfen zu dürfen, sicherlich ohne Anstand ge- 
währt haben. Als Darwin erfuhr, dass Haeckel sich vergeblich 
bemüht hatte, für seine wissenschaftliche Reise nach Indien und 
Ceylon (1881—82) die Mittel der für solche Zwecke begründeten 
Humboldt-Stiftung zu erlangen — die ihm schmachvoller Weise 
verweigert wurden! — bat Darwin „im Interesse der Wissen- 
schaft" eine ähnliche beträchtliche Summe zeichnen zu dürfen, 
was freilich auch in diesem Falle nicht angenommen wurde. 
Auch sonst hielt Darwin für humane und wissenschaftliche 
Zwecke stets offene Easse und noch kurz vor seinem Tode steUte 
er der Verwaltung der königl. botanischen Gärten in Eew die Mittel 



*) Hier i«t also nicht Dr. Ernst in Caracas, sondern der Schreiber 
dieser Zeilen gemeint, wie ein gleichzeitig in derselben Angelegenheit und in 
demselben Sinne an ihn gerichtetes Schreiben Darwins erkennen lässt. 



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— 214 — 

zur Yerffigang, um die auf sechs Jahre berechneten Yorarbeiten 
for eine neue Auflage von Steudels Nomenciator botanicus Tol- 
lenden zu können. Es handelt sich hier um ein Werk deutschen 
Meisses, dessen Unentbehrlichkeit Darwin bei seinen botanischen 
Arbeiten oft erprobt hatte, welches aber, vor mehr als drei De- 
cennien zuletzt aufgelegt, den jetzigen Anforderungen nicht mehr 
entspricht. 

Obwohl Darwin namentlich in seinen jängem Jahren in einer 
grösseren Zurückgezogenheit lebte, als yielleicht irgend ein anderer 
berühmter Naturforscher, weshalb die nicht so ganz unberechtigte 
Redensart von dem „Einsiedler zu Down^^ aufkam, so blieben ihm 
doch keineswegs die anderweiten Interessen der Menschheit fremd, 
und ebenso wie er die Gerichtsbarkeit auf seinem Dorfe übte, so 
schloss er sich gern allen gemeinnützigen Bestrebungen an. So 
war er unter andern Mitglied des Komitees for die Yereinfachoi^ 
der englischen Bechtschreibung, die bekanntlich so im argen liegt, 
dass absolut keine ßegeln dafor aufzustellen sind. De Gandolle 
erzählt uns, dass er 1881 bei seinem Besuche mit ihm darüber 
eine Unterhaltung gehabt und auf seine Andeutung, dass das Pu^ 
blikum gemässigten Änderungen die beste Aufnahme bereiten 
würde, die lachende Antwort erhalten habe: „Was mich anbetrifft, 
80 bin ich natürlicher Weise (und das versteht sich von selbst) 
für die radikalsten Änderungen."*) 

Ebenso wandte er den Bestrebungen zum Schutze der Tier- 
welt seine wärmsten Sympathien zu. Darwin war seit je ein grosser 
Tierfreund, und als in England Klagen laut wurden, dass die Phy- 
siologen sich bei ihren Yersuchen an lebenden Tieren Quälereien, 
derselben zu schulden kommen Hessen, nahm er keinen Anstand, 
sich denjenigen anzuschliessen, die von derBegierungein Gesetz zur 
Yerhütung des Missbrauchs in diesen Dingen verlangten. Dieser 
Schritt wurde von den Anti-Yivisektionisten dahin ausgebeutet, dass 
sie Darwin unter denjenigen Männern der Wissenschaft auf- 
führten, welche den Yersuch am lebenden Tiere überhaupt, und 
um so mehr, wenn er blutige Eingriffe verlangt, verdammen. Es 
ist wahr, dass Darwin von einem Yivisektor, der einen Hund 
weiter zerlegte, obwohl ihm dieser dabei die Hand leckte, gesagt 



♦) A. a. 0. pag. 



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— 215 — 

hskty „derselbe müsse ein Herz von Stein gehabt haben/' und jeden- 
falls verurteilte er das rücksichtslose Vorgehen in dieser Richtung 
von ganzem Herzen. Aber seine Auffassung war weit entfernt von 
derjenigen jener reaktionäxen Parteien, die unter dem Deckmantel 
der Bannherzigkeit, der physiologischen und medizinischen Forschung 
die Hauptader unterbinden möchten, und als ihn Professor Holm- 
gren in Upsala brieflich ersuchte, durch ein offenes Wort den 
Missbrauch seines Namens in dieser Sichtung zu verhindern, ant- 
wortete er demselben unumwunden am 14. April 1880 das Folgende : 

„Werter Herr! In Beantwortung Ihres freundlichen Briefes vom 
4. April bin ich nicht abgeneigt, meine Meinung hinsichtlich des Rechts, 
mit welchem Versuche am lebenden Tier angestellt werden, zu äussern. 
Ich gebrauche diesen letzteren Ausdruck, weil er korrekter und um- 
fassender ist, als derjenige der Vivisektion. Sie haben die Freiheit, 
jeden beliebigen Gebrauch, welcher Ihnen geeignet dünken mag, von 
diesem Briefe zu machen, aber wenn er veröffentlicht wird, würde ich 
wünschen, dass er vollständig erscheint. Ich bin mein ganzes Leben 
hindurch ein entschiedener Anwalt der Menschlichkeit den Tieren 
gegenüber gewesen und habe in meinen Schriften, was ich konnte, 
gethan, diese Pflicht zu beweisen. Als vor einigen Jahren die Agi- 
tation gegen die Physiologen in England begann, wurde versichert, dass 
unmenschlich verfahren und den Tieren nutzloses Leid verursacht werde, 
und ich sah mich veranlasst, zu denken, dass es rätlich sein möchte, 
einen Parlaments-Beschluss über den Gegenstand zu haben. Ich nahm 
deshalb einen thätigen Anteil an dem Versuch, ein Gesetz durchgebracht 
zu erhalten, von der Art, dass es alle gerechte Ursache zur Klage be- 
seitigt und den Physiologen Freiheit zur Verfolgung ihrer Untersuchung 
gegeben hätte, — eine Bill, sehr verschieden von dem Beschluss, welcher 
inzwischen durchgebracht worden ist. Es'jst gerecht hinzuzufügen, dass 
die Untersuchung des Gegenstandes durch eine königliche Kommission 
bewies, dass die gegen unsere englischen Physiologen erhobenen An- 
klagen falsch waren. Nach allem, was ich gehört habe, fürchte ich 
indessen, dass in einigen Teilen Europas den Leiden der Tiere wenig 
Rücksicht geschenkt wird, und wenn dies der Fall ist, würde ich froh 
sein, wenn die Gesetzgebung gegen Unmenschlichkeit in einem solchen 
Lande vorginge. Auf der andern Seite weiss ich, dass die Physiologie 
möglicherweise nicht vorwärts schreiten kann, ausgenommen mit Hülfe 
von Experimenten an lebenden Tieren, und ich empfinde die tiefste 
Oberzeugung, dass derjenige, welcher den Fortschritt der Physiologie 
verzögert, ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht. Wer irgend 
sich des Standes dieser Wissenschaft vor einem halben Jahrhundert 
erinnert, wie ich es kann, muss zugeben, dass sie ungeheure Fort- 
schritte gemacht hat, und jetzt in einem immer zunehmenden Masse 
Yoranschreitet 



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— 216 ^ 

^Welche Verbesserungen in der medizinischen Praxis dirdLt der 
physiologischen Untersuchung zuzuschreiben sind, das ist eine Frage^ 
welche in gehöriger Weise einzig durch solche Physiologen und ärzt- 
liehe Praktiker erörtert werden kann, welche die Geschichte ihrer 
Grundbegriffe (subjects) studiert haben; aber so viel ich yerstehen kann^ 
sind die Wohlthaten bereits gross. Mag sich dies indessen verhalten^ 
wie es will, niemand, der nicht gröblich unwissend hinsichtlich dessen 
ist, was die Wissenschaft fttr das menschliche Geschlecht geleistet hat, 
kann irgend einen Zweifel an den unberechenbaren Wohlthaten, die 
Ton der Physiologie in Zukunft nicht allein far den Menschen, son- 
dern auch ffüT die niedriger stehenden Tiere ausgehen werden, auf- 
recht erhalten. Betrachten wir zum Beispiel die Ergebnisse Paste urs 
in der Modifikation der Keime der bösartigsten Krankheiten, von 
denen, wenn es glückt, die Tiere an erster Stelle mehr Er- 
leichterung, als der Mensch empfangen werden. Es mag daran erinnert 
werden, wie viele Leben und welch eine furchtbare Summe von Leiden 
durch die mittelst der Experimente Yirchows und anderer an lebenden 
Tieren gewonnene Kenntnis parasitischer Wtlrmer erspart worden sind. 
In der Zukunft wird jeder über die diesen Wohlthätem der Mensch- 
heit, wenigstens in England, bezeigte Undankbarkeit erstaunt sein. 
Was mich selbst anbetrifft, so erlauben Sie mir zu versichern, dass ich 
jeden, der die edle Wissenschaft der Physiologie befördert, ehre und 
immer in Ehren halten werde. Werter Herr, treulich der Ihrige 

Charles Darwin." 

Der Brief erschien unter andern in der ,yTimes^^ vom 18. April 
1881 und rief dort mehrere heftige Entgegnungen seitens der eng- 
lischen Antivivisektionisten hervor, namentlich einen Brief von Miss 
Cobbe, dereü Behauptungen Darwin in einem kurzen sachlichen 
Schreiben vom 21. April an den Herausgeber der „Tmes" als 
falsch zurückwies. Mit einem gewissen Widerstreben gehe ich daran, 
hier eine Frage zu berühren, die man sonst mit Becht als das 
Heiligtum des Individuums betrachtet, die Frage nach den über 
die wissenschaftliche Forschung hinausgehenden religiösen Über- 
zeugungen Darwins. Ich hätte es gern vermieden, darüber zu 
sprechen, aber nach reiflichster Überlegung habe ich gefanden, dass 
der vorliegende Fall von demjenigen vieler* andern Personen im 
höchsten Grade verschieden ist, und dass ein Mann wie Darwin 
nicht allein dem Andenken seiner FamiUe angehört, (wenn diese durch 
eine solche Besprechung sich etwa verletzt fühlen könnte), sondern der 
Welt, der er sich als das Haupt und die Personifikation derjenigen 
wissenschaftlichen Sichtung darstellt, welche gewisse höchst kurz- 



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- 217 — 

sichtige Leute för den Gegensatz alles religiösen FuMens und Denkens 
ansehen. Es erscheint uns daher geradezu als Verpflichtung, üher 
diese Frage nicht stillschweigend hinwegzugehen, zumal Darwin 
9elbst keinen Anstand genommen hat, sich darüber wiederholt und 
Zfx ganz fremden Menschen offen auszusprechen, und da sein Yer-* 
halten dem Glauben gegenüber sicherUch seinem Andenken nur zur 
höchsten Ehre gereichen kann. 

D arwin war kein vorwiegend philosophisch angelegter Denker 
Yon jener Art, die nur durch ein vollständig durchgeführtes Ideen- 
gebäude, durch ein abgeschlossenes System befriedigt werden, er 
neigte vielmehr der empirischen Schule Herbert Spencers zu, 
jener Philosophie des gesunden Menschenverstandes, die sich dandt 
begnügt,, nur die nächsten, wahrscheinlichsten und sozusagen un- 
vermeidlichen Schlüsse aus den Thatsachen zu ziehen, ohne je- 
mals weit über den Kapitalbestand der Erfahrung hinauszugehen 
und Anleiben im Beiche der Phantasie zu machen. Wir brauchen 
hier nicht zu wiederholen, wie Gewaltiges er gerade durch diese 
Beschränkung auf das Nächstliegende geleistet hat, denn indem er 
die kleinen Veränderungen der Lebewesen konstatierte und die in 
ihnen gegebene Möglichkeit einer immer vollständigeren Anpassung 
an bestimmte Lebensbedingungen nachwies, ging er in der That 
nur äusserst wenig über das experimentell Beweisbare hinaus, und 
er würde es niemals gewagt haben, daraus weitergehende Schlüsse 
auf die Entwicklung der Lebewesen aus niedern Formen zu ziehen, 
wenn ihm nicht die allgemeine Übereinstimmung der Thatsachen 
der Paläontologie, vergleichenden Anatomie und Entwicklungs- 
geschichte als genügendes empirisches, wenn auch nicht lücken- 
loses Beweismaterial erschienen wäre. Aber auch darin verfuhr 
er nicht konstruktiv, sondern beugte sich sozusagen der Wucht 
der Thatsachen. 

Dabei blieb er sich indessen jeden Augenbück bewusst, dass 
wir die ersten, innem Ursachen des Lebensprozesses und seines 
Ursprungs, wie seiner Veränderungsfähigkeit nicht kennen, und 
dass es zu den Selbsttäuschungen gehört, wenn wir uns darüber 
mit philosophischen Konstruktionen hinweghelfen. Er billigte solche 
Versuche als Hypothesen, ohne die man in der Wissenschaft nicht 
vorwärts kommen kann, aber er gestand niemals zu, dass bezügüch 
der letzten Ursachen eine befriedigende philosophische Erklärung 



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— 218 — 

gegeben sei. Darum blieb er sein Lebenlang dem Glauben an eine 
im Dunklen verborgene XJrkraft oder Gottheit getreu, von der er 
mit Herbert Spencer vermutete, dass sie dem menschlichen (reiste 
vielleicht für immer unbegreiflich und unerforschbar bleiben möchte, 
deren Dasein ihm aber nicht bloss ein Postulat des Gemütes, 
sondern auch des Verstandes war, sofern ihm namentlich der Ur- 
sprung des Lebens ohne eine solche Voraussetzung ein unlösbares 
Batsei zu sein schien. Bald nach seinem Tode kam in vielen 
Zeitungen ein Brief zum Abdruck, in welchem er auf die an ihn 
gerichtete Frage, ob er ein Theist sei, Antwort giebt. In diesem 
Briefe, der alle Kennzeichen der Echtheit trägt, obwohl ich nicht 
sagen kann, zu welcher Zeit er geschrieben ist und an wen er 
gerichtet war, kommt eine Stelle vor, in welcher es heisst: 

„ Was meine Anschauungen betrifft, so ist dies eine Frage, 

die nur fUr mich selbst Wichtigkeit besitzt Da Sie mich jedoch fragen, 
so erwidere ich, dass mein Urteil oft wechselt. Ob ein Mann den 
Namen eines Theisten verdient, hängt überdies von der Definition ab, 
die man dem Ausdrucke zu teil werden lässt. Selbst zur Zeit meiner 
grössten Schwankungen war ich aber nie ein Atheist in dem Sinne, 
dass ich das Dasein eines Gottes geleugnet hätte. Ich denke zumeist 
(und öfter und öfter, je älter ich werde), aber nicht immer, dass die 
Bezeichnung eines Agnostikers die richtige für den Zustand meines 
Gemüts wäre." 

Diejenige Vorstellung von der Gottheit, welcher wir an meh- 
reren Stellen seiner Schriften und namentlich in der oben (S. 87) 
citierten Stelle aus dem Schlusskapitel des „Ursprungs der Arten'^ 
begegnen, konmit derjenigen seines Grossvaters nahe und trägt 
den Stempel einer Erhabenheit, die wir vergeblich in den ver- 
schiedenen geschichtlichen Beligionssystemen suchen. Dieses 
Ideal ist eine Gottheit, die eine von Anbeginn so vollkommene 
Welt erschuf, dass dieselbe mit allen ihren Lebensformen sich 
nach den ihr von Anfang an einwohnenden Kräften und Gesetzen, 
und ohne jede spätere Nachhülfe zu der bewunderungswürdigen 
Mannigfaltigkeit und den Vollkommenheiten, die sie darbietet und 
imter denen der Mensch die grösste ist, entwickeln konnte. In 
dieser Weltanschauung giebt es, wie David Strauss ganz richtig 
hervorgehoben hat, keinen Platz für den in Permanenz erklärten 
Wunderglauben, der in allen Beligionsschriften eine so breite und 
nirgends segensreiche Bolle spielt. Darum konnte Darwin nie- 



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— 219 — 

mals ein Buohstabenglaubiger und kein Christ in dem vulgaren 
Sinne des Wortes sein. Aber in einem viel hohem Sinne fand er 
sich mit den geläuterten Bekennern dieser Beligion zusammen, da sein 
Ideal der reinsten Menschlichkeit und hingehendsten Menschenliebe 
sicher von dem ihrigen nicht sehr verschieden war. Von Be- 
kehmngseifer oder Abneigung gegen irgend welche aufrichtige reli- 
giöse Überzeugung war in ihm nicht eine Spur vorhanden und 
daher erklärt sich leicht die einigen Besuchern aufgefallene That- 
sache, dass seine Wohnung reichlich mit religiösen Gemälden, 
namentlich aus der Leidensgeschichte Christi, geschmückt war. 

Wie schon aus dem vorhin mitgeteilten Briefe hervorgeht 
und aus der Sachlage folgt, war das über jene oben skizzierten 
Grundanschauungen hinausgehende Mass seiner positiven Über- 
zeugungen auf dem Gebiete des Unerforschlichen gering. Dies 
hat er selbst in einem Briefe bekräftigt, den Haeckel auf der 
Naturforscher -Versammlung in Eisenach zur Kenntnis weiterer 
Kreise gebracht hat. Derselbe ist vom 5. Juni 1879 datiert und 
an einen Studenten gerichtet, der, in seinem Buchstabenglauben 
irre geworden, ihn dringend und wiederholt gebeten hatte, zu sagen, 
wie weit sein Glaube an Christentum, Offenbarung und Unsterb- 
lichkeit gehe. Darwin antwortete darauf: 

„Werter Herr! Ich bin sehr beschäftigt, ein alter Mann und von 
schlechter Gesundheit, ich kann nicht Zeit gewinnen, Ihre Frage voll- 
ständig zu beantworten, vorausgesetzt, dass sie beantwortet werden 
kann. Die Wissenschaft hat mit Christus nichts zu thon, ausgenom- 
men insofern, als die Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen 
Mann vorsichtig macht. Beweise anzuerkennen. Was mich selbst be- 
trifft, so glaube ich nicht, dass jemals irgend eine Offenbarung statt- 
gefunden hat. In Betreff eines zukünftigen Lebens muss jedermann 
fdr sich selbst die Entscheidung zwischen widersprechenden unbestimmten 
Wahrscheinlichkeiten treffen. Ihr Wohlergehen wünschend u. s. w.^^ 

Einen guten Einblick in seine Auffassung der religiösen Ver- 
hältnisse giebt ein Gespräch, welches Darwin am 28. September 
1881 mit Ludwig Büchner und E. B. Aveling hatte und 
von welchem der letztere in einer Nummer des „National Befor- 
mers^' (Herbst 1882) einen Bericht gegeben hat. Büchner war 
zu dem am 26. und 27. September 1881 in London abgehaltenen 
Freidenker-Kongress nach England gereist, und bei dieser Gelegen- 
heit hatte sich sein Wunsch, Darwin zu sehen, verwirklichen 



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— 220 — 

lassen. Nach dem Fröhstacke hatten sich die genannten bmden 
Herren in Gesellschaft von Darwin nnd dessen Sohn Francis 
nach dem Studierzimmer begeben, um eine Cigarre zu rauchen. 

^Hier^S erzählt Dr. Aveling, „umringt von seinen Büchern, 
Pflanzen und sonstigem wissenschaftlichen Handwerksgerät, brachte 
Darwin das Gespräch auf Religion. Ich glaube nicht bloss in meinem,, 
sondern auch in Professor Btlchners Sinn zu sprechen, wenn ich sage, 
dass keiner von uns die Absicht hatte, dieses heikle Thema zu berühren. 
Wir wussten, dass wir die Wahl des Gesprächstoffes keinen bessern 
Händen tiberlassen konnten, als denen un»ers Gastgebers, und diese 
Wahl ging nicht von uns, sondern von ihm aus. Kaum hatten ¥rir es 
uns innerhalb der Wände seines Heiligtums bequem gemacht, während 
er selbst in möglichst ungezwungener Art in seinem grossen Sessel 
Platz genommen hatte, als er zuerst die Frage an uns richtete: 
,Warum nennt Ihr Euch selbst Atheisten?^ Und hier muss ich an 
eine Thatsache erinnern, welche denjenigen fremd erscheinen wird, die 
zwei Dinge vergessen. Das eine ist die weite Verbreitung des popu- 
lären Missverständnisses tlber die Bedeutung dieses Namens. Das 
andere ist, dass, soviel mir bekannt, Charles Darwin dem grossen 
hin- und herwogenden Kampf zwischen Religion und Wissenschaft 
wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Das Letztere zeigte sich sehr 
deutlich in mehreren während dieser merkwürdigen Unterredung ge- 
machten Bemerkungen. Selbst er hielt die weitverbreitete Meinung 
, fest, dass ein Atheist ein Gottesleugner sei und bewies damit die Richtig- 
keit meiner zweiten Behauptung. 

„Sehr bescheiden wagte ich zu entgegnen, dass wir Atheisten seien^ 
weil kein Beweis für die Gottheit vorliege; weil die Erfindung eines 
Namens keine Erklärung für Erscheinungen sei; weil die gesamte 
menschliche Erkenntnis nur eine natürliche Ordnung vorfinde und 
das Übernatürliche nur dort anrufe, wo ihr Unkenntnis oder Unwissen- 
heit den Pfad versperre. Ich betonte, dass das griechische a nur eine 
ausschliessende, keine verneinende Bedeutung habe, dass wir, während 
wir auf der einen Seite nicht so weit gingen, Gott zu verneinen, auf 
der anderen Seite ebenso sorgfältig vermieden, Gott zu bejahen; und 
dass wir, da Gott nicht bewiesen sei, insofern ohne Gott seien und 
demgemäss unsre ganze Hoffnung auf diese Welt richteten. Während 
dieses Gesprächs zeigte mir der Ausdruck seines so offen auf uns ge- 
richteten Auges, dass dieses offne Geständnis eine neue Gedankenreihe 
in ihm erweckt hatte. Er gab einen Punkt nach dem andern zu 
und sagte schliesslich : ,Ich stimme Ihrem Gedankengang zu, aber ich 
würde alsdann vorziehen, wenn das Wort Atheist durch das Wort 
Agnostiker ersetzt würde/ 

Ich machte den Einwand, dass dieses nur eine Wortverstellung 
mit mehr respektablem Anschein sei, und dass man damit nur dem 
Gerberus der Gesellschaft ein Opfer bringen würde. Darauf lächelte 



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— 221 — 

er and sagte: ,Wanim seid Ihr so angrilhlastig (aggressive)^ Wird 
irgend etwas dabei gewonnen, wenn Ihr die Massen für diese neuen 
Ideen gewinnt? Dies ist alles sehr gut fOr gnterzogene, gebildete 
Menschen, aber sind die Massen reif dafdr?^ 

„Wir hielten ihm nun vor, ob nicht dieselben Fragen, welche er 
Jetzt an uns richte, seinerzeit auch an ihn selbst gerichtet worden 
seien, als er zuerst sein unsterbliches Werk über den Ursprung der 
Arten veröffentlichte? Gar viele hätten damals gemeint, es wäre 
besser gewesen, wenn diese revolutionären Wahrheiten nur wenigen 
Urteilsfähigen mitgeteilt worden wären. Neue Ideen würden immer 
gefürchtet und als gefährlich für die Öffentlichkeit angesehen. Aber 
er selbst hätte glücklicherweise diese Furcht nicht geteilt und die 
Massen reif für die Auftiahme seiner Ideen gefunden. Hätte er ge- 
echwiegen, so würde der grosse Fortschritt des menschlichen Denkens 
in den letzten einundzwanzig Jahren viel von seinen grossen Ver- 
hältnissen verloren haben oder vielleicht gar nicht gemacht worden 
sein. So aber wäre sein eignes grosses Beispiel eine Ermutigung 
für jeden Denker, dai^enige was er fOr wahr halte, der Welt bekannt 
zu geben.*) 

„Damach kam das Gespräch auf das Christentum, wobei Darwin 
die bemerkenswerten Worte fallen liess: 4<^h gab das Christentum 
erst auf, als ich vierzig Jahre alt war.^ . . . Ich fragte ihn mit 
aller Bescheidenheit nach der Ursache dieses langen Verzugs. Mit 
liebenswürdiger Offenheit antwortete er, dass er keine Zeit gehabt 
habe, darüber nachzudenken. Seine Zeit sei so durch wissenschaft- 
liche Untersuchungen in Anspruch genommen gewesen, dass er keine 
Müsse für das Studium theologischer Fragen gehabt habe. Aber in 
weiteren Jahren habe er die Ansprüche des Christentums geprüft 
Auf die Frage, warum er dasselbe aufgegeben habe, gab er die ein- 
fache und vollständig genügende Antwort: ,£s wird nicht durch Beweise 
unterstützt' Diejenigen, welche seine grosse Gewissenhaftigkeit in Be- 
zug auf wissenschaftliche Beweise kennen und wissen, wie sorgfältig er 
immer die beiden Seiten einer Frage abwägt und die entgegengesetzten 
Meinungen prüft, werden die grosse Bedeutung dieser Antwort zu wtlr- 
digen wissen. 

„Alsdann erlaubten wir uns seine Aufmerksamkeit auf jene be- 
kannte Stelle in seinem „Ursprung der Arten" zu richten, worin er be- 

*) Wie mir scheinen will, liegt doch ein beträchtlicher Unterschied 
zwischen der Veröffentlichung neuer Forschungsergebmsse und der Propa- 
ganda für die uralten, in so vielen philosophischen Systemen erörterten 
Zweifel an der Beweisbarkeit des göttlichen Daseins, die nur zu leicht in 
unwissenschaftliche Negation aasarten und weder die Wissenschaft fördern, 
noch irgend jemand glücklich machen, wohl aber vielen Personen die Buhe 
des Gemüts rauben. E. K. 



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— 222 - 

merkt, d«« der ScMpfer einer einzigeii oder einin^ «nfibuglicheii Lebens- 
formen das Leben eingeblasen babe, — eine Stelle, welche bekanntlicb Ton 
so vielen Frommen, obgleich sie die Darwinsche Lehre in allen andern 
Punkten Terwerfen, mit seltsamer Inkonsequenz in ihrem Sinne ver- 
wertet wird: Sie wollen nichts you ihm wissen, so lange er von 
natürlicher Zuchtwahl, Entwicklung, Ursprung des Menschen u. s. w. 
spricht, und yerwerfen seine ganze Lehre, soweit sie auf Beobachtung 
beruht, während sie dieselbe nur in dem einen Punkte, wo sie nicht 
auf Beobachtung beruht, annehmen. Es wurde die Frage aufgeworfen, 
ob er mit dieser Äusserung nicht weit Aber die Grenzen der wissen- 
schaftlichen Erkenntnis hinausgegangen sei und ob er nicht die streng 
logische Methode, welche er in allen andern Dingen anwende, in diesem 
Punkte verlassen habe? Er habe so vieles ohne die Hypothese einer 
flbematflrlichen Dazwiscbenkunft erklärt, — warum nicht auch dieses? 
Auf diese in bescheidenster Weise vorgebrachten Fragen wurde er 
still und nachdenklich fftr eine kurze Zeit. Ein wenig später jedoch 
gab er zu, dass eine enorme Kraftverschwendung stattfände in Bezug 
auf das Übematflrliche im allgemeinen und die Gottidee im besondem. 
Der Mensch habe ja viel Zeit und Kraft zu seiner Disposition. So 
lange aber so viel zu thun sei ftlr irdisches Glflck, fOr die Mensch- 
heit, so lange die Natur noch so viele Geheimnisse in ihrem Schoss 
berge, selbst fftr die in diesem Schosse lebenden Kinder, so lange 
mttsse alle Zeit, alles Geld, alle Kraft, welche für andre Zwecke als 
natttrliche verwendet würden, als verloren angesehen werden. 

„Francis Darwin, welcher während dieses Gesprächs still am 
Fenster sass, warf nur eine Bemerkung dazwischen, welche aber zeigte, 
wie aufmerksam er dem Faden der Unterhaltung gefolgt war. Sie 
bezog sich auf die Unmöglichkeit, einen persönlichen Gott zu beweisen 
und die bessere Verwendbarkeit der in dem fruchtlosen Suchen nach 
Gott verlorenen Anstrengungen.^^ 

Man ersieht aus diesem lehrreichen Berichte, dass die Herren 
Freidenker den grossen Wahrheitssucher mit ihrer Kritik nicht 
geschont haben, während er die Pflichten der Gastfreundschaft 
soweit trieb, dieselbe ohne Widerspruch über sich ergehen zu 
lassen. Denn sonst hätte er ihnen wohl ermdem können, dass 
der Glaube an die bisher nnerwiesene Möglichkeit einer Urzeugung 
oder an die Ewigkeit des Lebens ihm vor der Hand nicht ge- < 
sicherter oder besser erscheine, als der an die anfangliche Er- 
schaffung des Lebens. Aber so fest D arwin in seinen wissen- 
schaftlichen Überzeugungen war, auf dem Gebiete des Glaubens 
Hess er jedem seine Meinung und gestand, wie wir oben (S. 218) 
gesehen haben, bereitwillig zu, dass über diese Fragen seine Mei- 
nung schwankend gewesen sei. Dass ihm die Idee der Urzeugung 



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— 223 — 

— far den Fall, dass ihre Möglichkeit bewiesen werden könnte^ 

— in keiner Weise unsympathisch war, beweist ein Brief an 
Haeckel vom 2. September 1872, in welchem er mit Bezognahme 
auf das damals erschienene Buch von Chariten Bastian „The 
beginnings of life^\ London 4872 sagt: 

^ . . . Unser englischer Dr. Bastian hat kürzlich ein Buch 
Aber sogenannte ,frei willige Entstehung^ yeröffentiicht, welches mich 
recht sehr in Yerwirrong gesetzt hat. £r hat die Beobachtungen ge- 
sammelt, die Yon verschiedenen Naturforschem, von denen einige gute 
Beobachter waren, über das in lebende Organismen verwandelte Pro- 
toplasma aus den Zellen absterbender Pflanzen und Tiere gemacht 
worden sind. £r hat auch viele Experimente mit abgekochten Auf- 
güssen in verschlossenen Flaschen angestellt, aber ich glaube, er ist 
kein sehr sorgfUtiger Beobachter. Nichtsdestoweniger scheint mir 
das Haupt-Argument zu Gunsten der jetzt unter günstigen Umständen 
hervorgebrachten lebenden Wesen gewichtig (strong) zu sein; aber 
ich kann keinen endgültigen Schluss fiEissen. . . .^^ 

So bewährt sich auch bis in diese streitigen Gebiete hinein, 
dass Darwin die Wahrheit und nur die Wahrheit suchte, und er 
äusserte zu Decandolle, dass ein Mann der Wissenschaft sich 
bis zum vorgerücktesten Alter für die neuen Ideen interessieren 
und sie annehmen müsse, wenn er sie begründet fände.*) Als 
jener Wahrheitssucher, der die Erkenntnis der Wahrheit über alles 
stellt und dem für sie kein Opfer zu schwer ist, hat er sich zu 
allen Zeiten bewährt, vor allem in der schweren Frage über die 
Abstammung des Menschen, über die er die goldenen Worte schrieb: 
„Wir haben es aber hier nicht mit Hoffnungen oder 
Befürchtungen zu thun, sondern nur mit der Wahrheit, 
soweit es unserm Verstände gestattet ist, sie zu ent- 
decken."**) 



*) A. a. 0. pag. 29. 
**) Gesammelte Werke Bd. VI. S. 380. 



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— 224 — 



Xn. Amter, Würden und Ehrenbezeugiingen. 

Man wird lange suchen müssen, um in der Geschichte de? 
neueren Naturforschung einen Mann von ähnlichem Bange zu 
finden, der so wenig nach äussern Ehren gestrebt hat, wie Darwin. 
Doch ist das Register der ihm erteilten Ehren nicht so uninteres- 
sant, wie bei Personen, welche an Universitäten und Akademien 
wirken, gelehrte Versammlungen besuchen, überall Reden halten 
und den Ehrenbezeugungen gleichsam nachjagen; denn Darwin 
ist ihnen, wo er wusste und konnte, aus dem Wege gegangen; 
er hat sein Lebenlang den ihm von Lyell gegebenen Rat befolgt, 
keine Ehrenämter, Präsidentschafken wissenschaftlicher Vereine 
und Versammlungen anzunehmen, und nicht durch lebendigen 
Vortrag und Verkehr waren die Schüler an ihn gekettet, die ihm 
später ihre Huldigungen entgegenbrachten. Die ersten grösseren 
Auszeichnungen von Akademien und gelehrten Gesellschaften 
wurden ihm sozusagen widerwillig erteilt, denn diese Körperschaften 
betten sich seinem Geiste zum Teil nur, weil sie den spontanen 
Huldigungen der Überzahl gegenüber zuletzt durchaus nicht mehr 
anders konnten. In den späteren Lebensjahren häuften sich diese 
Auszeichnungen, denn als seine Theorie durchgedrungen war, rissen 
iBich die gelehrten Gesellschaften und Akademien um seine Mit- 
gliedschaft, aber es ist nicht wahrscheinlich, dass er jemals viel 
auf diese „ausserordentlichen und ganz unverdienten" Ehrenbe- 
zeugungen, wie er sie in seinen Dankschreiben zu nennen pflegte, 
gegeben hat. Davon sind aber einige nicht aus gelehrten Körper- 
schaften hervorgegangene Huldigungen auszunehmen, die ihm herz- 
liche Freude bereitet haben. 

Ich benütze diese Gelegenheit, jam hier die früher vergessene 
Angabe nachzuholen, dass Darwin 1831, als er noch dem Chrisfs 
College in Cambridge angehörte, den ersten akademischen Grad 
erwarb; er wurde nach englischer Bezeichnungsweise 5. A. (Bache- 
lor of Arts), später (1837) nach seiner Rückkehr von der Reise 
um die Welt M. A, (Magister of Arts), was ungefähr unserm 



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--- 225 -^ 

deutschen Doktor der Philosophie entspricht. Es wurde erwähnt, 
dass er bald nach seiner Rückkehr zum Ehren-Sekretär der Lon- 
doner geologischen Gesellschaft erwählt wurde. Später, nachdem 
seine Arbeiten über die Reise erschienen waren, folgten allmählich 
die Ernennungen zum Mitgliede der Londoner geologischen (Ge- 
sellschaft (F. G. S. d. h. Fellow of Geological Society), der Linn6- 
schen Gesellschaft in London (F. L, Ä), der königlichen Gesell- 
schaft in London (F. R, S.) und Edinburg (F. R, S. E.), sowie vieler 
auswärtiger Akademieen. 

Im Jahre 1853 verlieh ihm die königliche Gesellschaft in 
London die „Königliche Medaüle", worauf nach langer Pause — 
denn inzwischen war der „Ursprung der Arten" erschienen — die 
Copley-Medaille, welche dieselbe höchste wissenschaftliche Körper- 
schaft in England zu verteilen hat, 1864 folgte, und ebenso die 
Wollaston-Medaille von der Londoner geologischen Gesellschaft. 
Über die Schwierigkeiten, denen die Zuerkennung der Copley- 
Medaille begegnete, hat Lyell, der wohl der Urheber des G^ 
dankens gewesen sein mag und auch die Festrede an dem 
Jahrestage der „königlichen Gesellschaft" hielt, folgendes be- 
richtet: 

„Mein lieber Darwin!^' schrieb er am 4. November 1864, „ich 
war entzückt, gestern im Athenäum zu hören, dass der Rat entschie- 
den hat, dass Sie die Copley-Medaille erhalten sollen, denn als sie Ihnen 
letztes Jahr nicht zugesprochen wurde, empfand ich, dass ihr Wert 
nm vieles verringert war, und sympathisierte in meinem Unwillen ttber 
den Mangel an Mut, der in dem Zögern lag, mit einem Freunde, der 
lange dafür gehalten hat, dass diese Medaillen mehr Übles als Gutes 
thun, was ich indessen stets abgeneigt gewesen bin, zu glauben. 

,Jn dem jetzigen Augenblick ist es von mehr als gewöhnlicher 
Wichtigkeit, nicht von einem rein wissenschaftlichen Oesichtspankte, 
denn Ihr Ansehen kann dadurch nicht im geringsten in den Gesin- 
nungen derer gesteigert werden, deren Meinungen Ihnen wert sind, 
oder welche fähig sind, aus sich selbst über die Verdienste solch 
eines Baches wie der „Ursprung^^ zu urteilen, sondern weil eine 
öffentlich durch eine alte privilegierte Institution verliehene Ehre auf 
die Aussenstehenden wirkt und jenen Bestand von moralischem Mut 
vermehren hilft, welcher noch so klein ist, obwohl er merklich in den 
paar letzten Jahren zugenommen hat. Huxley setzte mich in Alarm, 
indem er mir vor wenigen Tagen erzählte, dass einige der altem Mit- 
glieder des Bats furchtsam seien , etwas so Unorthodoxes wie den ,Ur- 

Krattie, Ch. Darwin. 15 



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— 226 — 

sprang' zu kröneiL Aber wenn sie so waren, hatten s^ den ^.ten 
Gedanken, ihre Homer einzuziehen/^*) 

Im Jahre 1867 wurde Darwin zum Bitter des preussiscben 
Ordens pour le nUrite ernannt, nnd im folgenden Jahre verlieh 
ihm die Universität Bonn bei Gelegenheit ihrer fünfzigjährigen 
Stiftungsfeier den Ehrendoktor der Medizin und Chirurgie. Im 
Jahre 1870 war Darwin zufolge einer von ihm selbst för Professor 
W. Frey er gemachten Au&eichnung Mitglied der Akademieen von 
London, Edinburg und Dublin, Berlin, Petersburg, Stockholm, 
üpsala, Philadelphia, der Leopoldina Carolina in Dresden und „ich 
glaube noch einiger anderer, aber sie fallen mir nicht ein.'* Die 
noch fehlenden Akademieen beeilten sich nunmehr nachzukommen 
und es mag als ein charakteristisches Merkmal dafor, wie lang- 
sam der Darwinismus in Frankreich Boden fand, erwähnt werdesw 
dass Darwin erst im Sommer 1878 zum korrespondierenden Mit- 
gliede der Pariser Akademie ernannt wurde. Von vierzig Mitgliedern 
der zoologischen Abteilung, welche die Wahl beantragt hatte, er- 
hielt er 26 Stimmen, und das war viel, denn bei einem nicht 
lange vorher gemachten Versuche, die Pariser Akademie dem 
grossen britischen Forscher gegenüber in die Beihe der andern 
Akademien zu bringen, hatte er nur fünf Stimmen erhalten! 

Und wer weiss, ob diese Ernennung damals schon erfolgt 
wäre, wenn Darwin nicht im Jahre vorher (1877) der Gegen- 
stand zahlreicher Ovationen in Deutschland, Holland und England 
geworden wäre, die ihrem Charakter gemäss ein besondres Aufsehen 
erregen mussten. In der Begel ist es der siebenzigste Geburts- 
tag, der von den Bewunderern eines berühmten Forschers, der als 
Privatmann keine Amtsjubiläen begehen kann, benützt wird, ihm 
privatim und korporativ ihre Verehrung darzubringen. Aber bei 
der bekannten Kränklichkeit Darwins fanden zahlreiche deutsche 
Verehrer es sehr angemessen, den siebenzigsten Geburtstag nicht 
abzuwarten, sondern dem Vorschlage des Bendan ten der zoolo- 
gischen Sektion des westfälischen Provinzial- Vereins, Bechnungs- 
rat Emil Bade**) in Münster, Folge zu leisten und demselben 



•) Life of Lyell Vol. II. pag. 383. 

**) Vergleiche dessen Schrift: „Charles Darwio und seine deatscfa^n 
Anhänger iin Jahre 1876." Strassbürg i./E. 1877. 



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- 227 — 

ihre Porträts und Beiträge zur HerdteÜüing eines prächtigen Albums 
zu senden, welches Darwin bereits im Februar 1877 überreicht 
werden konnte. Der genannte Urheber der Idee, welcher in 
Haeckel einen eifrigen Verbündeten fand, hat sich grosse Ver- 
dienste um die würdige Verkörperung derselben erworben und 
das in dunkelblauem Sammt mit reichem und kunstvollem Gold- 
und Silberbeschlage gebundene Album machte der deutschen 
Kunstindustrie keine Schande. 

Einen herrlichen Schmuck empfing dieses Album, welches die 
Porträts von hunderlundvierundfünfzig, meist dem Gelehrtenstande 
angehörigen Verehrern und ein Gruppenbild Haeckels inmitten 
seiner Jenaer Zuhörer enthielt, durch das von dem Maler und 
Dichter Arthur Fitger in Bremen gestiftete Titelblatt und ein 
Widmungsgedicht desselben, in den verschiedensten Eunstformen 
bewährten Verehrers. Das Titelblatt stellt einen hohen goldenen 
Bogen dar, auf dem zwei Jünglinge gelagert sind, mit Stäben, von 
denen je ein Schild und Bänder herabhängen, auf denen die Haupt- 
grundlagen der Darwinschen Theorie: Anpassung, Vererbung, 
Zuchtwahl, Kampf ums Dasein u. s. w. verzeichnet sind. In der 
Höhe desBogens liest man mit kunstvoll verzierten Buchstaben : „Dem 
Reformator der Naturgeschichte Charles Darwin." Darunter auf 
einem Steinblock mit der Inschrift: ^jRerum cognoscere causas^^ sitzt 
eine schöne weibliche Gestalt als Personifikation der Forschung mit 
einem aufgeschlagenen Buch auf den Knieen, neben ihr der Genius 
der Wissenschaft, ein aufrechtstehender nackter Knabe mit weithin 
leuchtender Fackel. Zu beiden Seiten ausserhalb des Bogens zwei 
finstre weibliche Figuren mit Fledermausflügeln und gefesselt: die 
Personifikationen der überwundenen Standpunkte von Mythos und 
Dogma, die allein in düstem Farben grau und braun gemalt sind, 
während die übrige Malerei in Gold und lichten Farben glänzt. 
Über ihnen erscheinen in goldenen Medaillons die Porträts der 
grossen Vorgänger Kant und Göthe, unter der Mittelgestalt im 
Fundament des Bogens die unter den vielen Sprüngen kaum noch 
erkennbare Erschaffung Adams von Michel Angelo. Das Wid- 
mungsblatt an Charles Darwin lautet: 



lö* 



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— 228 — 

Witt lag im kindlichen Entzücken 
Der Mensch im Arme der Natnr! 
Sie liebend nah ans Herz zu drücken 
Füllt er mit Göttern Berg und Flar: 
Die Dryas in des Haines Sausen, 
Die Nymphe grüsst aus Born und Bach, 
Und ernstes Yaterwort im Brausen 
Des Donners der Eronide sprach. 

Da ging in heilig grossen Schlägen 

Ein ein'ger Puls durch alle Welt, 

Und Schmerz und Lust, und Fluch und Segen 

Hielt alle Wesen eng gesellt 

Wohl wob der Mythus seine Hülle 

Um des Gesetzes dunkle Norm, 

Doch des Lebendigen dunkle Fülle 

War eines Geistes klare Form. 

Wie längst verscherzt! Wie längst verloren! 

Das brüderliche Band zerriss. 

Zum Frevler ward der Mensch, zum Thoren, 

Verstössen aus dem Paradies. 

Er, den zu seinem Ebenbilde 

Ein Gott erschuf in ewger Huld, 

Ein Sünder irrt er im Gefilde 

Des Jammers und der Todesschuld. 

Und rings entgeistert starrt und blöde, 
Getroffen von des Dogmas Fluch 
Natur in schauervoller Öde, 
Ein Saitenspiel, das man zerschlug. 
Vom Messer der Systeme grimmig 
Zerfleischt und mumienhaft verdorrt. 
Die lebenglühend, tausendstimmig 
Emporgejauchzt als Ein Accord. 

Da kämest Du — und im Getrennten 
Die Einheit fand Dein Forscherblick; 
Den tief entzweiten Elementen 
Gabst Du die Harmonie zurück. 
Du sahst im ewigen Verwandeln 
Der Dinge weitverknüpftes Netz. 
Und in dem rätselvollen Handeln 
Des Weltalls sahst Du das Gesetz. 

Nicht mehr vom Paradies vertrieben 
Schweift nun des Menschen banger Lauf; 




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~ 229 - 

Er geht im Hassen wie im Lieben 
In der Getebwister Reigen anf 
Und tobt mit angehenrem Wüten 
Endlos am6 Dasein Krieg auf Elrieg: 
Die Scbmerzen wird ein Gott vergüten, 
Denn sieh! — den Besten krönt der Sieg. 

Die Muse scheut vor Weihrauchsspanden, 
Vor breiten Lobgesanges Prunk; 
Doch zu den Bildern, die wir senden, 
Fügt sie die schlichte Huldigung. 
Empfang* in ihnen wen'ge Zeugen <— 
Der Tausendc so wen'ge nur — 
Die Deinem Genius sich beugen, 
Erkenner Du der All-Natur! 

„Mein Herrl^' erwiderte Darwin dem Veranstalter der Ovation, 
„Ihr prachtvolles Album ist soeben angelangt, und ich kann nicht 
Worte finden, meine Gefühle tiefer Dankbarkeit für diese ausserordent- 
liche Ehre auszudrücken. Ich hoffe, dass Sie die hundert vier und 
fünfzig Männer der Wissenschafk, unter denen sich mehrere der am 
meisten verehrten Namen der Welt befinden, in Kenntnis setzen werden, 
wie dankbar ich für ihre Güte und edelmütige Sympathie, mir ihre 
Photographien zu meinem Geburtstage gesendet zu haben, bin. Erlauben 
Sie mir, Ihnen femer auf das wärmste für die beigeschlossenen Briefe 
und Gedichte, die mich alle so hoch beglücken, zu danken. Die Ehre, 
welche Sie auf mich geleitet haben, ist gänzlich über meine Ver- 
dienste, denn ich weiss wohl, dass beinahe mein ganzes Werk auf Ma- 
terialien basiert ist, die von vielen ausgezeichneten Beobachtern ge- 
sammelt wurden. 

Dieses für alle Zeit denkwtlrdige Zeugnis wird mich, so lange ich 
zu irgend einer Arbeit fähig bin, zu emeueten Anstrengungen reizen 
und bei meinem Tode wird es meinen Kindern ein höchst kostbares 
Erbe sein. 

Ich habe meine Gefühle ganz unangemessen ausgedrückt und werde 
stets bleiben 

mein Herr 

Ihr verbundener und dankbarer Diener 
Charles B. Darwin. 

In der That hatte Darwin eine ausserordentliche Freude 
an diesem Album und zeigte es mit Stolz noch nach Jahren 
seinen Besuchern. Allem Anscheine nach von dem Gedanken des 
Herrn Bade angeregt, sandten ihm seine holländischen Verehrer 



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- 230 — 

zu demselben Tage ein ahnliches Album und in dem Dankschreiben 
Darwins an den Präsidenten der zoologischen Gesellschaft der 
Niederlande, Professor A. v. Bemme len, der sich an die Spitze 
dieser Ovation gestellt hatte, kommen die schönen Worte vor: 

y, Ich vermute, dass jeder Arbeiter auf wissenschaftlichem 

Gebiete sich gelegentlich niedergedrückt fühlt und daran zweifelt, ob 
dasjenige, was er veröffentlicht hat, der Arbeit wert war, die sie ihm 
gekostet hat. Aber für die noch übrigen Jahre meines Lebens werde 
ich, wenn immer ich der Aufmnntemng bedarf, auf die Porträts meiner 
ausgezeichneten Mitarbeiter auf dem Gebiete der Wissenschaft blicken 
und mich ihrer edelmütigen Sympathie erinnern " 

Nnn regte es sich auch in England. Am Bonnabend den 17. 
November 1877 wurde Darwin von der Universität Cambridge, an 
welcher er seine Studien gemacht, eingeladen, um in feierlicher 
Sitzung die Würde eines Doktors der Rechte (LL. D, d. h. Legum 
Doctor) zu empfangen. Obwohl er niemals viel auf die klassischen 
Studien gegeben hat, hörte er doch die im klassischen Latein ge- 
haltene Rede, mit der die Ceremonie eingeleitet wurde, geduldig 
an, musste sich aber versagen, dem darauf folgenden Festschmause 
beizuwohnen. Huxley, der hierbei den Toast auf den neuen 
Doktor ausbrachte und ihn, einen Vorgänger ausgenommen, als 
den grössten Naturforscher seit Aristoteles feierte, lobte dabei 
sarkastisch die Universität, die mit ihrer höchsten Ehre vorsichtig 
so lange gewartet habe, bis alle andern Auszeichnungen auf das 
Haupt Darwins gehäuft seien, damit ihr Doktorhut obenauf stünde 
und nicht durch weitere Ruhmeskränze bedeckt werden könne. Ich 
glaube aber, die Oxforder Universität war noch vorsichtiger gewesen, 
und natürlich kamen noch manche andere Ehrenbezeugungen nach. 

Da die Cambridger Universität sich als die Geburtsstatte der Dar- 
winschen Genius betrachten durfte, so versammelten sich im Christs- 
CoUege daselbst wenige Tage nach jenem feierlichen Akte einige 
Verehrer, um über die geeigneten Mittel zu beraten, in Cambridge ein 
dauerndes Andenken an den grossen Schüler zu stiften. Man überliess 
es dem Ertrage der zu diesem Zwecke aufgelegten Liste, ob die 
Auszeichnung in einem Lehrstuhl für aUgemeiHe Biologie, in einer 
Büste oder in einem Ölgemälde bestehen solle, und entschied sich, 
nachdem die Sammlungen auf 400 jf gestiegen waren, für ein 
Porträt, mit dessen Ausführung W. M. Richm on d beauftragt wurde. 



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^ 231 — 

Der siebenzigste Geburtstag Darwins (12. Februar 1879), den 
man bei einem deutschen Gelehrten von ähnlichem Range zu gross- 
artigen Demonstrationen benuzt haben würde, ging in England 
ganz still vorüber, wenigstens ist mir nichts von besondem Ver- 
anstaltungen bekannt geworden. Nur der „Kosmos" erwies ihm 
die, wie er in seinem Dankschreiben sagte, „noch nicht dagewesene 
Ehre", ein besonderes Gratulationsheft mit Beitragen von Arthur 
Fitger, W. Preyer, E. Haeckel, Fritz und Hermann Müller 
G. Jäger und dem Herausgeber zu veranstalten. Ich denke, es 
wird dem Leser dieses Buches Freude machen, das schwungvolle 
Widmungsgedicht A. Fitgers ebenfalls hier abgedruckt zu finden. 
Es lautet: 

Fausts Schatten 

an 

Charles Darwin 

(12. Februar 1879.) 

„GeheimniBYoll am lichten Tag 

LäsBt sich Natur des Schleiers nicht berauben, 

Und was sie Deinem Geist nicht offenbaren mag, 

Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben ** 

Wen hat durchbebt wie mich das Wort, 
Das hoffnungslose, da den Hort 
Der Weisheit und der Wissenschaft zu heben, 
Ich hingeopfert Glttck und Ruh und Leben! 
Vor meiner Seele glomm ein Dämmerschein 
Geahnter Wahriieit, blass wie Nebelstreifen; 
Doch frommte nicht Erystall, noch Totenbein, 
Noch Bücherwust, das Traumbild zu ergreifen. 
In Herzensqualen, tief um Mitternacht, 
Bannt' ich herauf den Geist der Erde, 
Den Geist des ew'gen Stirb und Werde; 
Doch in den Staub sank ich vor seiner Macht. 
Geblendet yon der unermessnen Fülle 
Der Kreaturen stürzt^ ich hin; 
Je mehr ich sucht', je dichter ward die Hülle, 
Je mehr ich gab, je karger der Gewinn. 
So ist dem Wanderer, dem der Wüstensand 
Betrüglich spiegelt das ersehnte Land: 



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- 232 - 

Die Koppel strahlt, die Zinne silberhell, 
Die Palme schwankt, ins Becken springt der Quell; 
£r schaut und schaut, bis sich sein Blick umnachtet, 
Bis einsam durstend er im Sand verschmachtet. 
Da hab' ich mir, da hab' ich Gott geflucht; 
Und hab' den Bund der Finsternis gesucht; 
Im frevelhaften Taumel des Genusses 
Hab^ ich mein brennend Herz berauscht 
Und, schwelgend an dem Hom des Überflusses, 
FOr Geistesqual mir Sinnenlust ertauscht. 
frage keiner, welches Leid ich litt, 
Wohin ich floh, trug ich die Sehnsucht mit! 
Umsonst Gelag und Jagd und Spiel und Wein, 
Treu wie mein Schatten folgte mir die Pein; 
Umsonst der Schwanerzeugten Liebesarm, 
Treu wie mein Schatten folgte mir der Harm. 
Geendet hab' ich längst Die Seele floss 
Hinab zur Wiese voll Asphodelos, / 

Wo unbeseligt, aber schmerzensleer 
Ich branden seh' des Erdenlebens Meer. 
Dort sah' ich ihn, der Ruh' der Sonn', und Flucht 
Der Erde gab, und ihn, der im Getriebe 
Der Welten, wie im Fall der reifen Frucht 
Die allanziehende erkannt, die Liebe, 
Und ihn, den Jud' und Christ verstiess, den Denker 
Der Gott Natur, und ihn, den Geisteslenker, 
Den Führer, der das Banner der Vernunft 
Zum Sieg getragen ob der dunklen Zunft. 
Ich sah den Dichter, der mit Feuerzungen 
Und Engelsstimmen mein Geschick besungen, 
Der, wie einst ich gerungen, giahond rang 
Und rein'ren Geists den Höllengeist bezwang; 
Propheten all, des ewig Einen Lichts, 
Ziehn sie dahin verklärten Angesichts. 



Nun schau ich Dich! von allen, die ich sah, 
Erhabner Greis, o, fühl' ich Dir mich nah! 
Was ich geahnt^ Dir ward es klar; 
Was ich geträumt, Dir ivard es wahr. 
Du hast gleich mir des Erdgeists Licht gesehn; 
Ich brach zusammen, aber Du bliebst stehn, 
Und fest im Sturm der wechselnden Erscheinung 
Sahst das Gesetz Du, sahst Du die Yereinung. 
wärst Du, da des Lebens warmer Zug 
Die Brust mir hob, da heisi der Puls noch schlug, 



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— 233 — 

0, m&rst Du damals tröstend mir genaht, 

Nicht in Verzweiflung führte mich mein Pfad 

Dem Abgrund zu, nicht in das Garn des Bösen. 

„Wie wirr sich auch der Knoten schlingt, 

Der Rätselknoten ist zu lösen, 

Der Riegel filllt, die Pforte springt. 

Und wenn der Geist in engen Erdeuschranken 

Des eignen Ichs Geheimnis nimmer fasst, 

walz' ab unmutigen Grübelns Last, 

Hinaus ins Leben richte die Gedanken! 

Da ringt die Kreatur auf tausend Wegen 

Yollkommnerem, Vollkommenstem entgegen. 

Da ringe mit! Ob dunklem Ziele zu. 

Ob sonder Ziel — ob ew'ge That, ob Ruh 

Das Los ist des Lebendigen — genug! 

Die Welt hat Raum auch fQr den höchsten Flug!'' 

Hell aus des Orkus ödem Schattenthal 
Schwingt sich mein Gruss hinauf zum Sonnenstrahl: 
Heil Dir, erhabner Greis; auf neuer Bahn, 
Zu neuen Höh'n führst Du die Menschheit an; 
Du darfst zum Augenblicke sagen: 
Verweile doch. Du bist so schön! 
Es kann die Spur von Deinen Erdentagen 
Nicht in Äonen untergehn. 

Um dem Buche eine Probe von Darwins Handschrift bei- 
fagen zu können, ist, weil kein aDderer gleich kurzer, selbst- 
geschriebener Brief zur Verfügung stand, das Dankschreiben, wel- 
ches Darwin an seinem siebenzigsten Geburtstage nach Empfang 
des Oratulationsheftes an den Verfasser dieses Buches gerichtet 
hat, durch Lichtdruck wiedergegeben worden, und folgt deshalb, da 
die EntziflFerung einzelner Worte manchem Leser Schwierigkeiten 
hereiten könnte, der Wortlaut hier zur Vergleichung: 

Feb. 12. 1879, 
Dear Sir! 

I mu8t write a Ime to thank you for your extremety kind letter, The 
Editors of Kosmos have dorn me a quite unprecedented honour by the pu- 
bUcation of the last nvmber, > — muck of which^ I can see, wül interest me 
greathj. 

Witk cordial thanks % 

Yours faühfulhj 

Charks Darwin. 



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— 234 — 

Schon bald nach seiner grossen Reise sind Yerschiedene von 
Darwin entdeckte Tiere and Pflanzen ihm zn Ehren getauft wor- 
den. Ausser dem schon früher (S. 40) erwähnten patagonischen 
Stranss gehört hierher eine kleine chilenische Eröte aus der Nach- 
barschaft der merkwürdigen Gruppe der Phrynisciden, welche Gay 
in seiner Fauna von Chile Rhinoderma Darwinii getauft hat Es ist ein 
Tier von sehr groteskem Aussehen und merkwürdigen Gewohnheiten, 
denn das Mannchen, welches eine glockenhelle Stmime besitzt, be- 
nutzt seinen ungemein ausgedehnten Schallsack, um darin die 
junge Brut bis zur Reife auszutragen, wobei es selbst vollständig 
verhungert und abmagert. — Um den Begründer der neuen Theorie 
über die Entstehung der Korallen -Inseln zu ehren, gab W. Dy- 
bowski 1870 einer silurischen Eorallengattung aus der Familie 
der Rugosen den Namen Darwinia*), während Fritz Müller 
eine Gattung lebender Süsswasserschwämme — wenn mich mein 
Gedächtnis nicht täuscht — Darwinella getauft hat. In der 
Folge sind dann sehr zahlreiche Pflanzen- und Tierarten, bei denen 
irgend eine für die Descendenz -Theorie lehrreiche Eigenschaft be- 
merkt wurde, zu Ehren Darwins benannt worden. Haeckel allein 
hat wohl einem Dutzend verschiedener, von ihm zuerst beschriebener 
Arten von Radiolarien, Ealkschwämmen, Eorallen, Medusen und 
Wirbeltieren Darwins Namen beigelegt, unter denen Lepus Darwinii^ 
der bekannte fruchtbare Bastard von Hasen und Eaninchen, sowie 
Monoxenia Darwinii, eine Eoralle des roten Meeres mit sehr „un- 
verfiüschter** Entwicklungsgeschichte, besonders hervorzuheben sini 

Auch die letzten Lebensjahre Darwins waren noch reich an 
Ehrenbezeugungen mannigfaltiger Art. So überreichte ihm das 
königliche EoUegium der Ärzte Londons im Mai 1879 die Baly- 
Medaille, und am 3. November 1880 erschien eine Deputation der 
Naturforscher- Gesellschaft von Torkshire in seiner Wohnung, um 
ihm eine im August beschlossene Adresse zu überreichen, in wel- 
cher ihm die Naturforscher der Grafschaft York ihre Bewunderung 
für sein unermüdhches Weiterarbeiten auf dem Gebiete der Natur- 



*) Ob die neuhoUändiscbe Pflanzeagattung Darwinia aus der Gruppe 
der Ghamaelauciaceen, einer Abteilang der Myrtaceen, zu Ehren des Gross- 
vaters oder des Enkels benannt ist, kann ich augenblicklich nicht feststellen. 
Ich glaube aber, dass diese Ehre Dr. Erasmus Darwin gegolten hat. 



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— 235 — 

forschung, trotzdem er so viel Grosses vollendet habe, aussprachen. 
Bald darauf traf eine vom 1. Oktober 1880 datierte Adresse des 
Otago -Instituts von Neu-Seeland ein, in welcher es sehr treffend 
heisst: 

„Wir sind froh zu denken, dass Sie imstande gewesen sind, bei 
Lebzeiten die fast allgemeine Annahme der grossen Lehre, deren Anf- 
stellung das Werk Ihres Lebens gewesen ist, za sehen. Es ist schwerlich 
eine Übertreibang, za sagen, dass jede wichtige botanische oder zoolo- 
gische Entdeckung der letzten einnndzwauzig Jahre, besonders in den 
Abteilungen der Embryologie und Paläontologie, darauf hinausgelaufen 
ist, irgend eine Lttcke in den ursprünglich von Ihnen gesammelten Be- 
weisen auszufallen und zu bewirken, dass die Entwicklung nicht länger 
eine Theorie, sondern eine festgegründete Lehre der Wissenschaft sei/^ 

So gross die Ehrenbezeugungen waren, welche Darwin in 
seinen letzten Lebensjahren auch von seinen Landsleuten erfuhr, 
und von denen im Vorstehenden nur die wichtigsten kurz angefahrt 
worden sind, wurden dieselben doch weit übertroflFen von denen, die 
man ihm nach seinem Tode widmete. Es war, als ob England erst 
jetzt und mit einem Male, erst seit es ihn verloren, die ganze Grösse 
dieses Mannes erkannt habe, und selbst die hohe Geistlichkeit der 
englischen Kirche, die ihm früher so schrofi gegenüber gestanden, 
beeilte sich, ihm ihre Hochachtung zu bezeugen. In den Unterschriften 
des Komitees, welches sich bald nach seinem Hinscheiden bildete, 
um sein Andenken durch ein Standbild und einen Fond zur Er- 
mutigung biologischer Forschungen zu ehren, liest man nicht ohne 
einiges Erstaunen an der Spitze jener stolzen Namen der Aristo- 
kratie und Wissenschaft, der Herzöge von Argyll, Devonshire und 
Northumberland, der Grafen von Derby, Ducie, Granville, des Mar- 
quis von Salisburj und des gelehrten Englands, die Namen der Erz- 
bischöfe von Canterbury und York^ des Bischofs von Exeter, der 
Dekane von Westminster, Sankt-Paul und der Christuskirche! An 
den Tagen vor und nach dem Begräbnis wurde von den Kanzeln 
der Paulskirche und Westminster-Abtei Darwins Ruhm verkündet! 
In solchem Masse hatten seine grossen Charaktervorzüge die Herzen 
versöhnt, dass aller wissenschaftliche Streit, aller Zwiespalt der 
Meinungen an seinem offenen Grabe ruheten. 

D arwin gedachte in einem Erbbegräbnisse zu ruhen, welches 
er wenige Jahre vor seinem Tode zu Down für seine Familie er- 



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— 286 — 

baut hatte, aber da sieb die allgemeine Stimme in der Presse mit 
Nachdruck for seine Beisetzung in der nationalen Buhmeshalle, der 
ehrwürdigen Westminstet-Abtei erhob, glanbte die Familie diesem 
mit seltener Einstimmigkeit ausgesprochenen Verlangen nicht wider- 
streben zu dürfen und gab ihre Einwilligung. Die Beisetzung fand 
am Mittag des 26. April 1882 unter grosser Feierlichkeit statt 
Der Körper ruht in einem zinnernen Sarge, der von einem un- 
polierten Eichensarge mit einfacher Aufschrift auf einer Metall- 
platte umschlossen wird. Die Herzöge von Devonshire und Ar- 
gyll, der amerikanische Gesandte Lowell, der Kanonikus Farrar, 
die Naturforscher Spottiswood, damals Präsident der Roycd-Society^ 
Hooker, Wallace, Huxley und Lubbock, meist Personen, die 
dem Verstorbenen im Leben nahe gestanden hatten, trugen die 
Zipfel des Leichentuches. Im Trauergefolge befanden sich, ausser 
der Familie und den Verwandten die Spitzen der Regierung und 
der Stadt London, die Botschafter Deutschlands, Frankreichs und 
Italiens, die Koryphäen ^er Wissenschaft und Vertreter fast sämt- 
licher gelehrten Gesellschaften Englands. Die Beisetzung erfolgte 
neben der Gruft Herschels und in der Nähe der Grabstätte 
Newtons. 

So war sein Begräbnis ein Triumphzug, und als ein Trium- 
phator, ein Held des Geistes, der eine Welt von Vorurteilen über- 
wunden hat, um dem Forschen und Fühlen der Menschheit einen 
neuen Aufschwung zu geben, als das erhabene Vorbild eines 
Mannes, der mit aller Kraft seines Geistes die Wahrheit gesucht 
hat, wird er in unserm Andenken und unsem Herzen inmierdar 
weiter leben! 



Druck Ton Fr. Aug. Eupel in Sondernhausen. 



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^. /2. ^S-T^ 



DOW Nr 
BECKENHAM.KENT. 
STATION 
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